Derzeit steht die Weltwirtschaft Kopf. Bis vor kurzem noch galt: USA gut, Europa und China schlecht. Die aktuelle Stimmung an den Finanzmärkten beschreibt Wei Li von der Bank BNP Paribas China in der «Financial Times» wie folgt: «Das gesamte Narrativ von einer angeblichen Ausnahme der USA ist im Begriff, sich zu verändern. In Europa steigen die Aktienkurse, in den USA fallen sie, und in China steigen sie ebenfalls.»
Dieses Phänomen ist tatsächlich ungewöhnlich. Normalerweise gilt an den Aktienmärkten: Hat die Wall Street einen Husten, dann haben die europäischen Börsen eine Lungenentzündung. Diesmal jedoch steigen die Kurse am DAX (Deutschland) und am CAC (Frankreich), obwohl die amerikanischen Aktienbörsen gerade die schlimmsten Tage seit langem verdauen müssen. Der Börsenindex S&P hat 8 Prozent, die Technobörse NASDAQ gar 13 Prozent verloren.
«Die Verluste der US-Aktien und ihre Unterleistung relativ zu anderen Ländern widerspiegeln eine Kehrtwendung der Investoren, was die wirtschaftliche Entwicklung von Amerika und Europa betrifft – und zu einem kleineren Ausmass diejenige von China», stellt Mohamed El-Erian in der «Financial Times» fest. Er gilt als einer der führenden Finanzanalysten der Gegenwart.
Die positive Entwicklung an den europäischen Börsen hat direkt mit Trumps Politik zu tun. Sein Verrat der Ukraine hat die Deutschen derart aufgeschreckt, dass sie endlich ihre Schuldenbremse-Neurose überwinden und im grossen Stil in Infrastruktur und Waffen investieren wollen. Damit holen sie nicht nur längst Versäumtes nach. Dank dieser Investitionen könnte die deutsche Wirtschaft auch ihre jahrelange Apathie überwinden.
Das Weisse Haus versucht derweil, den Mini-Crash an der Wall Street als vorübergehende Turbulenz zu verharmlosen. Oder man macht dafür Joe Biden verantwortlich, der die amerikanische Wirtschaft angeblich in einem miserablen Zustand hinterlassen habe. Damit stellt man sich gegen die Einschätzung aller führenden Ökonomen und Finanz-Zeitungen.
Tatsache ist, dass die Kurseinbrüche an der Wall Street nur einer verursacht hat, Donald Trump. Die Investoren haben sich in ihrer Einschätzung seiner Wirtschaftspolitik verzockt. Sie gingen von folgender Annahme aus: Wie in der ersten Amtszeit werde sich Trump zwar aufplustern und links und rechts Strafzölle androhen, diese jedoch sofort wieder zurücknehmen, sobald die Finanzmärkte negativ darauf reagieren.
In der Finanzgemeinde sprach man daher in Anlehnung an den legendären «Greenspan put» von einem «Trump put». Alan Greenspan, der ehemalige Präsident der US-Notenbank, pflegte jeweils bei gröberen Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten mit der Geldpolitik zu intervenieren und die Märkte zu beruhigen.
Doch diesmal gibt es keine Versicherung gegen Kurseinbrüche, weder vom Fed noch vom Weissen Haus. Trump will ganz offensichtlich seine Zollpolitik durchboxen, koste es, was es wolle. «Es gibt keinen Put», erklärt denn auch sein Finanzminister Scott Bessent in der «Financial Times». «Trump weist darauf hin, dass seine Politik grundsätzlich gut ist, und die Finanzmärkte sich wieder erholen werden.»
Daran bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Nicht zuletzt deshalb, weil der US-Präsident mit ungeschickten Äusserungen die Investoren zusätzlich verunsichert hat. Am Sonntag erwiderte er in einem Interview mit Fox News auf die Frage, ob er eine Rezession ausschliessen könne, ausweichend: «Wir befinden uns in einer Übergangsphase, denn was wir vorhaben, ist sehr gross. Ich will ein starkes Land bauen. Da kann ich keine Rücksicht auf die Aktienmärkte nehmen.»
Diese Bemerkung kam an der Wall Street gar nicht gut an und hat den Mini-Crash so richtig in Fahrt gebracht. Einen besonders schlechten Tag erwischte dabei Elon Musk. Die Tesla-Aktie brach um rund 15 Prozent ein und hat mittlerweile rund die Hälfte ihres Wertes verloren. Gleichzeitig explodierte in Florida eine Rakete von SpaceX kurz nach dem Start und die Plattform X wurde Opfer einer Cyberattacke.
Joe Biden hat Trump eine Wirtschaft übergeben, die der Neid der restlichen Welt war. Es scheint, dass der US-Präsident damit verfährt wie mit dem Erbe seines Vaters: Er verludert es. Bereits weist die US-Wirtschaft mehrere Krankheitssymptome auf. Die jüngsten Zahlen vom Arbeitsmarkt sind unter den Erwartungen geblieben, die Konsumentenstimmung ist eingebrochen und die Inflation ist nach wie vor nicht im Griff.
Mehr noch, bereits greift die Angst vor einer Rezession um sich. «Die Menschen haben all die guten Dinge gesehen, die ihnen Trump versprochen hat», stellt Dario Perkins, Ökonom bei Global Data TS Lombard in London, im «Wall Street Journal» fest. «Das hat sich mehr oder weniger in Luft aufgelöst. Jetzt machen wir uns wieder Rezessions-Sorgen.»
Diese Sorgen sind berechtigt. Wegen der «extremen US-Politik» schätzen die Ökonomen der Bank Goldman Sachs die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bereits zwischen 30 und 40 Prozent ein. Andere Ökonomen sprechen von einer möglichen Stagflation. Darunter versteht man das Phänomen, dass die Wirtschaft bei hoher Inflation stagniert.
Auch das Weisse Haus hat die Tonart gewechselt. Neuerdings spricht selbst Trump davon, dass seine Wirtschaftspolitik Schmerzen verursachen könne, zumindest vorübergehend. Vor Tisch, respektive vor den Wahlen, hörte sich das noch ganz anders an. An einem Rally im Oktober hatte Trump noch vollmundig verkündet: «Wir werden eine neue Ära mit hochfliegenden Einkommen begründen. Wir werden überwältigenden Wohlstand sehen und Millionen und Millionen neue Jobs und einen blühenden Mittelstand erleben. Wir werden boomen, wie wir noch nie geboomt haben.»
Da gibt es in Trumps Umfeld genügend Kandidaten, bei denen man die Transaktionen überwachen sollte.
Das ist natürlich einfacher, wenn man weiter unten anfängt. Lasst und erst die Kurse halbieren und dann dafür feiern, wenn sie 10 % steigen.