Ölpreis auf neuem Hoch: Die Erinnerung, dass die meisten die Krise weiterhin unterschätzen
So hoch war der Ölpreis seit Ausbruch des russischen Angriffskriegs in der Ukraine nicht mehr: Am Donnerstag überstieg das Barrel der Referenzsorte Brent zeitweise 126 US-Dollar. Im Verlauf des Donnerstags hat er sich zwar bereits wieder etwas erholt. Dieser Höhepunkt dürfte trotzdem nicht der letzte gewesen sein.
Aber zunächst: Was war der Auslöser?
Der Anstieg folgte auf mehrere Ereignisse in den vergangenen Tagen, durch die immer klarer wurde: Trotz des offiziellen Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran ist keine Entspannung in Sicht – im Gegenteil. Am Mittwoch erklärte Präsident Trump gegenüber dem US-Portal Axios, er werde die Seeblockade gegen den Iran so lange aufrechterhalten, bis das Regime einem Abkommen zustimme, das «den Bedenken der USA hinsichtlich seines Atomprogramms» Rechnung trage. US-Militärkommandeure hätten demnach den Präsidenten auch über einen Plan für eine «kurze und schlagkräftige» Angriffswelle gegen den Iran informiert, um Teheran zu zwingen, die Friedensgespräche zu beschleunigen.
Gegenüber «Axios» liess der US-Präsident verlauten: «Die Blockade ist etwas wirksamer als die Bombardierung. Sie ersticken wie ein gestopftes Schwein [Original: ‹like a stuffed pig›]. Und es wird noch schlimmer für sie werden.»
Zurzeit ist die Strasse von Hormus quasi doppelt blockiert: von der iranischen Regierung, aber auch von der US-amerikanischen, die daran festhält, den Schiffsverkehr zu und von den iranischen Häfen zu unterbinden.
Gemäss «Financial Times» hatten sich Trump und seine Berater zudem kürzlich mit Führungskräften von Ölkonzernen getroffen, um die Auswirkungen der seit Monaten andauernden Blockade zu erörtern.
Das alles versetzte die Ölmärkte in den letzten Tagen in Aufruhr – die Eskalationsangst überwiegt wieder.
Öl-Märkte noch immer im «La La Land»
Dabei gab es kürzlich für den Ölpreis zumindest kurzfristig etwas Hoffnung: Am Dienstag gaben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bekannt, aus den Ölvereinigungen ölexportierender Länder OPEC und OPEC+ auszusteigen. Laut ersten Einschätzungen von Experten könnte das mittel- bis langfristig zu grösseren Umbrüchen im Ölmarkt führen: Da die VAE von nun an ihre Produktion selbständig hochfahren könnten, wird erwartet, dass das Angebot in Zukunft eher zunehmen und die Preise dadurch eher unter Druck geraten könnten.
Doch die Märkte interessierten diese Information, zumindest kurzfristig, herzlich wenig. Zu gross ist die Lücke auf dem Öl- und Gasmarkt, seit praktisch keine Schiffe mehr die Strasse von Hormus passieren können. Zur Erinnerung: Etwa ein Fünftel des globalen Angebots von Öl und sogar noch mehr im Falle von Erdgas gehen durch die wichtige Meerenge.
IEA-Chef: Grösste Energiekrise der Geschichte bestätigt
Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, sieht seine Befürchtung der weltweit grössten Energiekrise der Geschichte angesichts des Iran-Kriegs bestätigt. Die aktuellen Ereignisse gäben der IEA leider recht, sagte Birol in Paris.
«Die Öl- und Gasmärkte befinden sich in grossen Schwierigkeiten. Die Ölpreise lagen, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, bei über 120 Dollar, was viele Länder stark unter Druck setzt.» Neben Öl und Gas seien auch Düngemittel, die für Entwicklungsländer sehr wichtig sind, sowie Petrochemikalien von Lieferengpässen betroffen.
«Unsere Welt steht also vor einer grossen energie- und wirtschaftspolitischen Herausforderung», erklärte Birol. Eine der Fragen sei, wie sich diese Energiekrise auf die Energiewirtschaft und darüber hinaus auf Umweltfragen auswirken werde. Die Krise führe zu umfassenden Reaktionen der Länder, was die Wahl der Partner, Technologien und Kraftstoffe betrifft, und es werde sich zeigen, wie sich diese Reaktionen auf die weltweiten Emissionen auswirkten. Birol äusserte sich auf einer Konferenz zur nächsten Weltklimakonferenz COP31 im November im türkischen Antalya. (awp/sda/dpa)
Bald beginnt die zehnte Woche des Iran-Kriegs – Donald Trump behauptete zu Beginn, das Ganze werde höchstens vier bis sechs Wochen dauern. Dass die Preise nun, mit der schwindenden Hoffnung auf eine rasche Lösung zwischen den Kriegsparteien, auf über 120 Dollar steigen, bezeichnen einige als «Aufwachen der Märkte»: Der Ölmarkt habe sich von «übertriebenem Optimismus hin zur Realität der Versorgungsengpässe entwickelt, die wir derzeit im Golf erleben», schrieben Analysten des Finanzdienstleisters ING gemäss Financial Times an ihre Kunden. Eine andere Energie-Analystin meinte, die Märkte würden langsam anfangen, den wahren Preis anzuzeigen.
Doch womöglich sind das immer noch zu optimistische Analysen. Zumindest sagt das der nicht für unbedachten Alarmismus bekannte Economist. Unter dem Titel «Die Ölmärkte befinden sich noch immer im La La Land» schreibt die britische Zeitung: «So schlimm die Lage auch ist, leider hält die Realitätsferne an.» Demnach würden die Preise auf dem Öl-Terminmarkt, auf dem Spekulanten auf die künftige Entwicklung des Ölpreises setzen, die Zukunft massiv falsch einschätzen. Konkret glauben sie, wenn man den Preisen für Öl in Zukunft folgt, dass diese für den Rest des Jahres jeden Monat fallen werden. Mit anderen Worten: Ab jetzt dürfte es langsam wieder besser werden.
Nur: Dafür gibt es überhaupt keinen Anhaltspunkt. Der «Economist» schreibt:
All dies sei jedoch «fraglich».
Ökonom: Folgen werden noch immer unterschätzt
Gemäss Experten würde es eine globale Rezession geben, sollte die Blockade der Strasse von Hormus bis in die zweite Jahreshälfte andauern. Auch dies ist jedoch möglicherweise eine optimistische Sicht der Dinge. Einige, wie zuletzt der bekannte Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman, warnen davor, dass die meisten Ökonomen die Effekte der Blockade auf die gesamte globale Wirtschaft als «zu optimistisch» einschätzen würden.
Was für Laien auf den ersten Blick logisch erscheint, wurde lange von Analysten als nicht die wahrscheinlichste Option angesehen: Die Nachfrage nach Öl wird drastisch sinken müssen, um mit dem fehlenden Angebot übereinzustimmen. Oder: damit ein Marktgleichgewicht hergestellt wird.
Dafür muss aber der Preis noch weiter steigen. Weshalb, erklärt der «Economist» so:
Die erste Möglichkeit ist alleine durch die Schliessung der Strasse von Hormus, aber auch durch die Zerstörung vieler Öl- und Gasanlagen nicht gegeben. Und andere Produzenten, zum Beispiel in den USA, könnten ihre Kapazitäten nicht schnell genug ausbauen.
Die zweite Möglichkeit, Lagerbestände zu nutzen, sei einerseits schwer einzuschätzen, andererseits geschehe das derzeit bereits, so der «Economist». So habe die Freigabe der gesetzlichen Reserven in diversen Ländern sicherlich geholfen, den Angebotsschock abzufedern. Doch die Reserven würden gemäss dem Economist keineswegs die gesamte Lücke schliessen können. Und:
Kommt hinzu, und das geht allzu oft vergessen: Es sind bei Weitem nicht nur Öl und Gas betroffen. Zahlreiche andere Rohstoffe wie Naphtha – ein Ölprodukt, das zu Kunststoffen verarbeitet wird und fast ausschliesslich aus der Golfregion stammt – oder Helium, das zur Produktion von Computerchips gebraucht wird, sind ebenfalls knapp – und dort gibt es keine Reserven.
Es bleibt also die letzte Möglichkeit: Die globale Nachfrage wird sinken müssen. Damit zurück zum Ökonomen Paul Krugman, der sich in einem Substack-Beitrag fragt: Wie kann die globale Nachfrage sinken? Auch er spricht von drei Szenarien:
- Erstens: Die Menschen könnten von Öl auf andere Energiequellen umsteigen. Doch: «Kurzfristig sind die Möglichkeiten dafür sehr begrenzt.»
- Zweitens: Die Menschen können auf wirtschaftliche Aktivitäten verzichten, die viel Öl verbrauchen – sie können beispielsweise den Bus nehmen, anstatt mit dem Auto zu fahren. «Für viele, vielleicht sogar die meisten Menschen, ist diese Option jedoch sehr begrenzt. So gibt es beispielsweise in amerikanischen Vororten keine Busse, und für den Antrieb von Lastwagen in Schwellenländern gibt es keinen Ersatz für Öl.» Das gilt nun weniger für Europa und schon gar nicht für die Schweiz, für viele Länder ist das allerdings ein Problem.
- Drittens: «Die Menschen können insgesamt einfach weniger tun – weniger konsumieren, weniger produzieren.»
Damit sagt Paul Krugman: Der Ölverbrauch kann – oder muss – durch einen weltweiten Konjunktureinbruch gesenkt werden.
Die Folgen sind bereits sichtbar
Es ist ein Umstand, der langsam, aber sicher deutlich sichtbar wird: Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa strich aufgrund des Kerosinmangels bereits 20'000 Flüge. In Asien haben einige Länder eine 4-Tage-Woche eingeführt, andere limitieren die Öffnungszeiten ihrer Läden und in weiten Teilen Ostafrikas sind die Kraftstoffvorräte bereits auf einem Tiefstand und kilometerlange Schlangen an Tankstellen an der Tagesordnung.
Ohne Gefahr zu laufen, überalarmistisch zu sein, kann also festgehalten werden: Der bisherige Höhepunkt des Ölpreises dürfte nicht der letzte gewesen sein. Die 120 Dollar pro Barrel liegen immer noch deutlich unter den 150 bis 200 Dollar, die viele Analysten im März prognostiziert hatten, falls die Strasse von Hormus über einen längeren Zeitraum blockiert bleiben sollte.
Paul Krugman hebt zwar hervor, dass die Welt heute glücklicherweise nicht mehr so abhängig von fossilen Energien ist wie bei vorherigen Ölschocks. Dies einberechnet, geht er aber trotzdem von einer Rezession aus: «Ich weiss nicht, wie hoch der Ölpreis steigen wird, wenn die Meerenge geschlossen bleibt, aber er wird – mehr oder weniger schon per Definition – so hoch steigen müssen, dass er ernsthafte Schäden verursacht.»
Oder, wie es der Economist in einem weiteren Artikel sagt:
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