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Interview

Franken-Euro-Parität: «In Krisenzeiten sucht man Sicherheit»

Interview

Die Schweiz ist ein beliebter Standort für russische Banken. Was passiert jetzt?

In den letzten 24 Stunden wertete sich der Franken deutlich auf - Parität zum Euro. Andréa Maechler ist eines von drei Mitgliedern des Nationalbank-Direktoriums. Im Interview spricht sie über den Währungseffekt des Kriegs, russische Anlagen – und über das Szenario einer Grossbankenfusion von UBS und Credit Suisse.
05.03.2022, 10:11
Patrik Müller / ch media
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Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der SNB, im Nationalbankgebäude an der Zürcher Bahnhofstrasse: «Wir spüren die grössten Effekte des Ukraine-Krieges indirekt.»
Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der SNB, im Nationalbankgebäude an der Zürcher Bahnhofstrasse: «Wir spüren die grössten Effekte des Ukraine-Krieges indirekt.»Bild: Valentin Hehli / «Schweiz am Wochenende»

In der Öffentlichkeit war es bislang ruhig um die Nationalbank, aber seit Kriegsbeginn wird im SNB-Gebäude Tag und Nacht gearbeitet: Die Finanz- und Währungsmärkte schwanken stark, der Franken sollte sich nicht weiter aufwerten – und es gilt, die Sanktionen gegen Russland konsequent umzusetzen. Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» äussert sich nun ein Direktoriumsmitglied dazu.

Welche Geschäftsbeziehungen unterhält die Nationalbank mit Russland?
Andréa Maechler: Keine mit der russischen Zentralbank – und auch keine mit Personen in Russland, da die SNB generell keine Geschäftsbeziehungen mit Privatpersonen unterhält. Trotzdem betreffen dieser Krieg und seine Folgen natürlich auch uns.

Wie viele russische Aktien und Anleihen besitzt die SNB?
Vergleichsweise wenige. Nicht einmal 0.05 Prozent unsere Devisenreserven haben einen Russland-Bezug. Wir prüfen derzeit, was wir unter Einhaltung der Sanktionen jetzt mit diesen Anlagen machen.

Die russischen Aktien und Anleihen sind viel weniger wert, weil deren Kurse und auch der Rubel eingebrochen sind. Wie viel Geld steht für die SNB auf dem Spiel?
Es geht um einen tieferen dreistelligen Millionenbetrag in unserem Portfolio. Wir halten keine Aktien russischer Unternehmen und keine in Rubel denominierten Anleihen.

«Geldpolitisch spürt die SNB die grössten Effekte des Ukraine-Krieges indirekt»

Russische Firmen sind nicht nur in Moskau kotiert, sondern teilweise auch in der Schweiz. Haben Sie auch solche Anlagen?
Schweizer Aktien halten wir keine, also auch keine von hier ansässigen Rohstofffirmen. Aber indirekt ist die Nationalbank sicher betroffen von den Veränderungen an den globalen Rohstoff- und Energiemärkten. Geldpolitisch spürt die SNB die grössten Effekte des Ukraine-Krieges indirekt, via Finanzmärkte und dann über die daran gekoppelten wirtschaftlichen Effekte.

Was ist mit dem Zahlungsverkehr mit Russland?
Das Schweizer Zahlungssystem SIC für Zahlungen in Franken wird im Auftrag der Nationalbank betrieben. Es sind jedoch vor allem die Geschäftsbanken, die die Sanktionen im Zahlungsverkehr sicherstellen müssen. Sie filtern die Transaktionen mit russischen Firmen und Personen. Es ist wichtig, dass diese Banken ihre Systeme aufdatieren und entsprechende Zahlungen filtern.

Die Schweiz ist ein beliebter Standort für russische Banken. Was passiert jetzt mit diesen?
Rechtlich gesehen handelt es sich um Schweizer Banken in russischem Besitz, also um Tochtergesellschaften von russischen Instituten. Keine der hier domizilierten Banken ist systemrelevant für die Schweiz, sie sind alle relativ klein. Für ihre Aufsicht ist die Finanzmarktaufsicht (Finma) zuständig.

Sieben russische Banken werden von der EU vom internationalen Banken-Kommunikationssystem Swift ausgeschlossen. Welche Rolle spielt die Nationalbank?
Swift ist ein elektronisches Kommunikationssystem zwischen Finanzinstituten vor allem für grenzüberschreitende Transaktionen. Beschlossene Sanktionen werden von Swift sowie den am Swift-System teilnehmenden Instituten umgesetzt. Die Nationalbank steht dabei nicht im Zentrum.

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Sie erwähnten, dass vor allem die Auswirkungen an den Finanzmärkten die SNB betreffen. Meinen Sie den Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken?
Es herrscht an den Märkten eine stark negative Risikostimmung. In solchen Phasen rückt der Franken als sicherer Hafen in den Fokus. In Krisenzeiten sucht man Sicherheit. Gefragt ist aber nicht nur der Franken. Auch der Yen und der Dollar sowie Gold und sichere Anlagen wie Staatsanleihen erfahren eine höhere Nachfrage.

«Es bleiben so viele offene Fragen: zum Kriegsverlauf, zu Umsetzung und den Folgen der Sanktionen …»

Der Franken-Euro-Kurs fiel am Freitag beinahe auf Parität, auf 1'002, den tiefsten Stand seit Januar 2015, als die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro aufgegeben hat.
Zu Beginn stellten wir fest, dass die Aufwertung – gemessen an den globalen Unsicherheiten – eher gering war. Das hat sich im Verlaufe der Woche nun verändert. Es bleiben so viele offene Fragen: zum Kriegsverlauf, zu Umsetzung und den Folgen der Sanktionen …

Ein so starker Franken ist für die Exportwirtschaft ein Problem.
Für die SNB ist die Währungssituation als Ganzes relevant, nicht der Euro-Franken-Kurs. Man darf den Kurs auch nicht isoliert betrachten. Wir haben in der Schweiz eine deutlich tiefere Inflation als in anderen Währungsräumen, und diese Differenz führt dazu, dass die Wirtschaft auch mit dem stärkeren nominalen Frankenkurs leben kann. Der reale Wechselkurs, das heisst inflationsbereinigt, hat sich nicht so stark verändert wie der nominale. Seit Beginn der Pandemie betrug die reale Aufwertung nur etwa 1 Prozent, die nominale 5 bis 6 Prozent.

Wie stark hat die Nationalbank in den vergangenen Tagen interveniert, um die Aufwertung abzumildern?
Dazu äussern wir uns grundsätzlich nie. Diese Information geben wir mit einem Quartal Verzögerung ab. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir die Lage am Devisenmarkt sehr genau verfolgen und jederzeit bereit sind, bei Bedarf zu intervenieren.

Der Rubel ist dramatisch abgestürzt, gegenüber dem Franken und allen anderen Währungen.
Der Rubel ist für die Schweiz und die Währungspolitik der SNB von geringer Bedeutung. Entscheidend sind die Auswirkungen der Turbulenzen auf das Währungssystem und die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt.

«Die russische Volkswirtschaft ist global gesehen nicht sehr gross»: Andréa Maechler beim Interview mit Patrik Müller.
«Die russische Volkswirtschaft ist global gesehen nicht sehr gross»: Andréa Maechler beim Interview mit Patrik Müller.Bild: Valentin Hehli

Warum sind eigentlich die Aktienmärkte nicht massiv gefallen?
Die russischen Aktien sind eingebrochen, aber sonst haben Sie recht. Die russische Volkswirtschaft ist global gesehen nicht sehr gross, deshalb sind die Auswirkungen auf die globalen Aktienmärkte begrenzt. Zudem erholt sich die Weltwirtschaft nach zwei Jahren Pandemie gerade sehr stark, das wird im Moment als wichtigerer Faktor betrachtet.

Explodiert ist der Ölpreis. Entsprechend stark schwanken die Aktien von Energiekonzernen, von denen die SNB immer noch viele im Portfolio hat – was regelmässige Kritik von Klimaschützern provoziert.
Seit 2010 ist der Anteil von Firmen, die im Geschäft mit fossilen Brennstoffen tätig sind, aufgrund der Transformation der Wirtschaft von 11 auf 3 Prozent unseres Aktienportfolios gesunken – also einen kleinen Anteil. Unsere Bilanz muss nachhaltig sein, deshalb adressieren wir alle Risiken, selbstverständlich auch die Risiken des Klimawandels. Zudem muss unsere Bilanz die Werte der Schweiz reflektieren. Seit Dezember 2020 schliessen wir auch Unternehmen, die Kohle zur Energiegewinnung abbauen, völlig aus unseren Anlagen aus.

Bis zum Kriegsausbruch sah die Finanzwelt so aus: Die Inflation stieg in ungewohnte Höhen, und bei den Zinsen schien die Wende nach oben ausgemachte Sache. Ist das jetzt alles wieder anders?
Global ist der Bedarf für eine geldpolitische Normalisierung nach wie vor gegeben. Die Inflation ist stark gestiegen – in den USA auf über 7 Prozent –, und einige Zentralbanken haben schon damit begonnen, ihre Leitzinsen anzuheben. Andere haben solche Schritte in Aussicht gestellt. Diese Entwicklung, widerspiegelte auch eine sich rasch erholende Weltwirtschaft. Inwiefern sich dieses Basisszenario nun geändert hat und wie stark müssen wir jetzt prüfen.

Steigt die Teuerung jetzt nochmals an, wo der Ölpreis so hoch ist?
Die Inflation ist jetzt nochmals gestiegen. Die Rohstoff-, aber auch die Nahrungsmittelpreise steigen, und die Sanktionen führen zu erhöhten Kosten. Weltweit erwarten wir in der mittleren Frist aber nach wie vor eine Normalisierung der Inflation – also einen Rückgang der Teuerung.

In der Schweiz hofft man seit langem auf ein Ende der Negativzinsen. Zuletzt schien es, dass die SNB den Negativzins zumindest abschwächen würde. Ist das wegen des Krieges vom Tisch, weil der Franken sonst noch stärker würde?
Eine Wende beim Negativzins wird nicht aus dem Moment heraus beschlossen, das ist keine kurzfristige Sache. Wir haben immer gesagt, dass wir uns keine Negativzinsen wünschen. Die Dinge hatten sich in eine gute Richtung entwickelt. Wie stark sich das Gesamtbild jetzt ändert, wird sich erst zeigen.

«Die Grossbanken sind gut aufgestellt und haben auch für sehr schwierige Szenarien ausreichende Widerstandskraft»

Übersetzt heisst das: Wir dürfen weiterhin auf ein Ende der Negativzinsen hoffen?
Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eines ist klar: Sobald wir den Negativzins aufheben können, tun wir dies. Aber in der aktuellen Situation ist er nach wie vor notwendig für die Schweiz.

Was in den letzten Wochen bereits gestiegen ist, sind die Hypozinsen. Ist dieser Anstieg wegen des Ukraine-Kriegs nun gestoppt?
Generell haben wir seit Jahresanfang einen Anstieg bei den langfristigen Zinsen, weil die Finanzmärkte eine graduelle Normalisierung der Geldpolitik im Zuge der starken weltwirtschaftlichen Erholung und des erhöhten Inflationsdrucks erwarten. Dieser Anstieg hat sich vor dem Hintergrund der Ukraine Krise kürzlich abgebremst, besonders in Europa. Wie die langfristigen Zinsen sich weiterentwickeln werden, ist schwierig zu sagen. Es hängt unter anderem davon ab, wie sich die Ukraine-Krise auf die globale Konjunktur auswirken wird.

Der Schweizer Bankenplatz hat sich seit der Finanzkrise bemüht, sauberer zu werden. Nun haben ausländische Medien die «Suisse Secrets» enthüllt und gezeigt, dass bei der Credit Suisse viel schmutziges Geld liegt. Wie sehr schadet das der Reputation des ganzen Finanzplatzes?
Zu diesen Enthüllungen kann ich mich nicht äussern. Für die Nationalbank war immer klar: Die Schweizer Institute haben alle nationalen und internationalen Regulierungen zu befolgen und sicherzustellen, dazu gehören auch die Vorgaben bezüglich Steuerhinterziehung und Geldwäscherei.

Die Credit Suisse hat noch andere Probleme: Massive Verluste mit Archegos, Geldabflüsse… Wenn die Bank in Schieflage geraten würde: Wäre das ein Problem für die Stabilität des ganzen Finanzplatzes?
Die Grossbanken sind gut aufgestellt und haben auch für sehr schwierige Szenarien ausreichende Widerstandskraft. Generell kann man die Situation nicht mehr mit der Zeit bis zur Finanzkrise vergleichen. Dies dank der «Too big to fail»-Regulierung, die von den systemrelevanten Banken wie Credit Suisse unter anderem viel höhere Sicherheitspolster verlangt. Wir haben in der Coronakrise gerade wieder gesehen, dass es sehr hilfreich ist, hohe Kapitalpuffer zu haben.

Die CS ist mittlerweile so tief bewertet, dass sie zur Übernahmekandidatin werden könnte. Es gab auch schon Spekulationen über ein Zusammengehen von UBS und CS. Wäre es gefährlich für die Schweiz, wenn sie nur noch eine Grossbank hätte?
Beide Grossbanken sind systemrelevant. Gäbe es nur noch eine Grossbank, würden sich die Risiken in einem einzigen Institut konzentrieren. Das wäre aus übergeordneter Sicht nicht gut. In der Botschaft zur «Too big to fail»-Regulierung ist unter anderem festgehalten, dass es im Eigeninteresse der Banken sein soll, ihre Systemrelevanz zu beschränken. Beim Thema Fusion stünden in erster Linie die Finma und die Wettbewerbskommission in der Verantwortung.

Eine riesige Grossbank würde dann aber, weil sie ein Klumpenrisiko darstellen würde, schon auch die Nationalbank betreffen.
Uns ist wichtig: Jede Organisation, wie gross sie auch immer ist, muss über genügend Kapital und Liquidität verfügen und so organisiert sein, dass sie Schocks selbst absorbieren kann, ohne Gelder vom Staat zu beanspruchen. Das ist ein Konzept, ein Prinzip – nicht bloss eine Regulierung. (aargauerzeitung.ch)

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