Öl ist erst der Anfang: Wie der Iran-Krieg die Weltwirtschaft noch schocken wird
Ökonominnen und Experten geben gerade eine Warnung nach der anderen aus: Der Iran-Krieg könnte die grösste globale Wirtschaftskrise seit Jahren auslösen.
Dabei fällt der Blick meist zuerst auf den Ölpreis und auf die Finanzmärkte. Doch gerade letztere scheinen die gesamten Risiken noch überhaupt nicht eingepreist, also berücksichtigt, zu haben: In der Hoffnung auf eine rasche Erholung sprangen die Börsenkurse vor Kurzem nach oben, nachdem US-Präsident Trump Hoffnungen auf ein Ende des Iran-Kriegs geschürt hatte.
Derweil ist für die allermeisten Experten klar: Selbst wenn im Nahen Osten bald alle Waffen schweigen sollten – die Krise in der Weltwirtschaft wird uns nachhaltig beschäftigen.
So sagte es auch Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB): Sie bezeichnete Prognosen einer raschen Rückkehr zur Normalität als «zu optimistisch». Sie argumentierte, dass Expertinnen angesichts des Ausmasses der Schäden an der Energieinfrastruktur keine rasche Rückkehr zur Normalität erwarteten. «Die meisten sprechen tatsächlich von Jahren», betonte sie.
Auch Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung «Energie, Verkehr, Umwelt» am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, sagte kürzlich: «Wir sind in einer fundamentalen fossilen Energiekrise. Diese Krise hat dramatische Auswirkungen.» Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen seien «ungeahnt». Und:
In dieselbe Kerbe schlägt schliesslich auch Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA. Er befürchtet eine schlimmere Energiekrise als in den 1970ern und fügt an: «Nicht nur Öl und Gas, sondern auch einige der wichtigsten Lebensadern der Weltwirtschaft, wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel und Helium, sind von den Einschränkungen betroffen, was schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft haben wird.»
Auch Birol warnt:
Doch wie genau schleichen sich diese Effekte in die Weltwirtschaft? Wer wird was wann spüren? Und: Wen betrifft es am stärksten?
Die direkten Effekte: Öl, Gas, Benzin
Energie-Ökonomin Claudia Kemfert erklärte kürzlich bei Markus Lanz: «Wir haben einen zweifachen Öl-Schock und einen Gas-Schock.» Das heisst, sowohl die Strasse von Hormus (Transporte) als auch die Produktion und der Transport in den Ländern selbst (in den Golf-Staaten, aber auch im Iran) sind betroffen – sowohl beim Öl als auch beim Gas.
Noch immer ist die Strasse von Hormus quasi blockiert, und der Ölpreis stagniert über der kritischen Schwelle von 100 US-Dollar pro Barrel.
Der Iran-Krieg hat durch die anhaltend hohen Öl- und Gaspreise sowie die gestiegenen Transportkosten das Potenzial, jeden Hersteller und jedes Transportunternehmen weltweit zu betreffen. Das hat eine riesige Sprengkraft, die sich vermutlich aber erst jetzt – wir befinden uns in der fünften Kriegswoche – so richtig zu zeigen beginnt.
Je ärmer, desto stärker ist ein Land betroffen
In Asien, wo der grösste Teil der Öl-Exporte, welche die Strasse von Hormus passieren, hingeht, haben sich die durchschnittlichen Kosten für raffinierte Erdölprodukte wie Benzin, Diesel, Flugbenzin und Heizöl laut Daten von S&P Global Energy mehr als verdoppelt.
Die Folgen sind schwerwiegend. So hat Indien begonnen, seine Industrieproduktion zu drosseln. Bangladesch rationiert seinen Kraftstoff, und um Energie zu sparen, schliesst Pakistan seine Schulen.
Dabei gilt: Je weniger zahlungskräftig ein Land, aber auch je energieintensiver dessen Produktionssektor, desto stärker betroffen ist es. Gerade afrikanische Länder ächzen unter den gestiegenen Preisen: In Kenia, Äthiopien und Mauritius werden Benzinengpässe gemeldet. Und sogar Nigeria, das selbst viel Öl exportiert, erfuhr bereits eine Benzinpreissteigerung von über 50 Prozent.
Im Gegensatz zu den Industrieländern wirken sich Preissteigerungen in weniger wohlhabenden Ländern sofort aus: Sie haben eine geringere Kaufkraft, wodurch sich die gestiegenen Energiepreise unmittelbar in starke Inflationsraten übersetzen.
Betroffen ist aber gerade auch die Region im Nahen Osten: Für viele Menschen in den arabischen Ländern sind die Aussichten besonders düster. Einem neuen Bericht der Vereinten Nationen zufolge könnte der Krieg in diesen Ländern weitere vier Millionen Menschen in die Armut treiben – und das Wirtschaftsvolumen der Region um weit über 100 Milliarden Dollar verringern. Demnach könnten die Folgen des Krieges die Volkswirtschaften der Region zwischen 3,7 und 6,0 Prozent ihres gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) kosten.
Düngemittel: Die drohende Lebensmittelkrise
Industrieländer spüren die Effekte des Krieges im Portemonnaie und dabei natürlich auch besonders an der Zapfsäule. Doch für andere, ärmere Länder geht es um Leben oder Tod – oder: um Essen oder keines.
Viel Aufmerksamkeit erhält in den vergangenen Tagen und Wochen die Knappheit von Düngemitteln. Der Grossteil des Düngers wird unter Verwendung von Erdgas hergestellt und ist daher besonders von den steigenden Gaspreisen betroffen. Schätzungsweise ein Drittel der weltweiten Düngemittel wird durch die Strasse von Hormus verschifft.
Die Zeitschrift «Agroreview» erklärt:
Die Düngemittelknappheit, die entsteht, nimmt ein immer grösseres Ausmass an: In Indien, Algerien und der Slowakei haben Düngemittelwerke aufgrund steigender Erdgaspreise den Betrieb eingestellt oder ihre Produktion gedrosselt. China hat seine Düngemittelexporte eingeschränkt. Australische Weizenbauern säen weniger aus, und Mais- und Sojabohnenbauern in den Vereinigten Staaten flehen bei Präsidenten Trump um Hilfe, wie die New York Times berichtet.
Der Mangel an Düngemitteln kommt zur Unzeit: Auf der nördlichen Hemisphäre beginnt vielerorts die Anpflanzung. Die Knappheit übersetzt sich daher über kurz oder lang in die nächste Katastrophe: Nahrungsmittelknappheiten – oder zumindest starke Preissteigerungen.
In einem Beitrag des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird gezeigt, wie einkommensschwache Länder angesichts der gestiegenen Preise für Lebensmittel und Düngemittel besonders von Ernährungsunsicherheit bedroht sind. Sie benötigten möglicherweise mehr Unterstützung von aussen – zu einer Zeit, in der viele Industrieländer ihre internationale Hilfe aber gerade zurückfahren.
Inflationszahlen im zweistelligen Bereich?
Das Ausmass der drohenden Nahrungsmittelkrise ist noch schwer abzuschätzen. Es hängt davon ab, ob sich der Krieg und die daraus resultierenden Störungen über mehrere Jahreszeiten erstrecken – und von einer möglichen Reaktion der Regierungen. Die Financial Times wirft ein:
Erstreckt sich der Krieg jedoch über den Sommer und darüber hinaus, drohen extreme Konsequenzen. Karl Skau, stellvertretender Direktor des Welternährungsprogramms, glaubt, dass eine Verschlechterung der Lage in der nächsten Saison zu Ertragseinbussen oder sogar zu Ernteausfällen führen könnte. Im besten Fall steigen die Lebensmittelpreise nur bis im nächsten Jahr.
In den USA gehen Experten laut «Financial Times» von einer Steigerung der Nahrungsmittelinflation von zwei auf vier Prozent aus – falls der Krieg innerhalb der kommenden Wochen beendet wird. Falls nicht, könne es gar eine zweistellige Prozentzahl werden.
Doch auch hier trifft es Menschen in ärmeren Regionen am stärksten: Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten bis Juni weitere rund 45 Millionen Menschen in ärmeren Ländern von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein – zusätzlich zu den 318 Millionen, die bereits jetzt darunter leiden.
«Jedes Land wird in erster Linie an das Wohl seiner eigenen Bürger denken», so ein Sprecher der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN. «Aber wenn alle egoistisch sind …, werden die Reichen mehr kaufen und die Armen gehen leer aus.»
Gesundheitswesen: Drohender Medikamentenengpass und steigende Preise
Gegen Ende März wurden zudem Stimmen lauter, die vor einem möglichen Engpass auch bei Medikamenten warnen. Während es einen solchen noch nicht gibt, gilt auch hier: Dauert der Krieg noch weitere Wochen, könnten die Störungen in den Lieferketten tatsächlich zu einem Mangel führen.
Und viele Probleme sind bereits da. In Indien beispielsweise werden etwa 60 Prozent aller Generika-Medikamente hergestellt, bevor sie weltweit verfrachtet werden. Doch die teils komplexen Lieferketten, die auch über den Nahen Osten führen, sind gestört: Wichtige Luftfracht-Drehkreuze wie Dubai, Abu Dhabi und Doha sind durch Angriffe teilweise ausgefallen.
Pharmaunternehmen versuchen gemäss der Nachrichtenagentur Reuters zwar, die Lieferungen über alternative Routen wie Saudi-Arabien, Oman oder Istanbul umzuleiten. Diese Umwege führen jedoch zu längeren Transportzeiten und höheren Kosten. Besonders problematisch ist, dass viele dieser Medikamente nur eine kurze Haltbarkeit haben und strenge Kühlung benötigen.
Derzeit seien, so Reuters, vor allem temperaturempfindliche Medikamente wie Krebsbehandlungen gefährdet, denn sie verlangen nach schnellen, kontrollierten Transporten. Laut Branchenvertretern sei man bei solch wichtigen Medikamenten in der Regel zwar gut ausgestattet mit Vorräten für rund drei Monate. Doch gegenüber Reuters gibt ein Sprecher des Thinktanks Council on Foreign Relations zu bedenken: Einige Unternehmen in der Pharmabranche warnten, dass ihre Medikamente bereits in vier bis sechs Wochen knapp werden könnten.
In Grossbritannien wird bereits konkret gewarnt. Vor Kurzem berichtete der britische Guardian: Experten zufolge stehe das Land «nur noch wenige Wochen» vor einem Medikamentenmangel – sollte der Iran-Krieg weiter andauern. Dieser könnte von Schmerzmitteln bis hin zu Krebsmedikamenten reichen – zudem dürften die Arzneimittelpreise generell steigen.
Allerdings geht es nicht nur um Medikamente: Lieferengpässe könnten sich auch auf Produkte auswirken, die indirekte Risiken für die Arzneimittelversorgung darstellen, erklärt ein Experte des Daten- und Analyseunternehmens Moody’s gegenüber Reuters: «In manchen Fällen ist es der kleine Verschluss am Fläschchen, aus dem die Dosis entnommen wird.»
Industrie: Von Aluminium über Helium zu Polyester
Industrieunternehmen weltweit treffen die hohen Energiepreise bereits deutlich. Doch nun kommen Versorgungsengpässe bei anderen im Persischen Golf produzierten Rohstoffen hinzu – und diese werden so ziemlich überall gebraucht.
Helium
Die Golfregion ist ein bedeutender Exporteur von Helium. Das leichte Edelgas ist für die Herstellung von Mikrochips unverzichtbar. Helium wird wegen seiner sehr guten Wärmeleitfähigkeit eingesetzt, um Maschinen und sogenannte Wafer (Siliziumscheiben) effizient zu kühlen. Dieselbe Funktion hat es in der Medizin: Helium kühlt die leistungsstarken Elektromagnete in MRT-Scannern.
Schwefel
Doch die Golfregion ist auch der weltweit grösste Produzent von Schwefel, der zur Herstellung von Schwefelsäure verwendet wird – der am häufigsten produzierten Chemikalie der Welt. Schwefelsäure ist für die Herstellung von Düngemitteln, aber auch von Metallen und Halbleitern von entscheidender Bedeutung. Der Preis für Schwefel hat sich seit Ausbruch des Krieges je nach Region fast verdoppelt.
Naphtha
Naphtha, auch Rohbenzin genannt, wird derweil zur Kunststoffverarbeitung verwendet. Die Preissteigerungen von Naphtha beschäftigen vor allem Asien: Da die petrochemische Industrie der Region stark von Importen aus dem Nahen Osten abhängig ist, ist Naphtha für Asiens riesige Chemie- und Fertigungsindustrie von entscheidender Bedeutung. Dasselbe gilt für Polyester – auch ein Produkt aus Rohöl –, das bei der Herstellung von synthetischen Kleidern benötigt wird. Kurz: Es dürfte also auch Preissteigerungen in diesen Industrien geben.
Aluminium
Nicht zuletzt stiegen Ende März die Aluminiumpreise an einem Tag um mehr als fünf Prozent. Sie kletterten auf über 3450 US-Dollar pro Tonne und bewegten sich nahe ihrem höchsten Stand seit vier Jahren. Zuvor hatten iranische Raketen- und Drohnenangriffe wichtige Aluminiumproduktionsstätten am Golf getroffen. Aluminium ist eines der vielfältigsten Metalle überhaupt und wird in zahlreichen Industrien eingesetzt: von der Automobil- über die Luftbranche bis hin zur Bau- und Elektrobranche.
Was heisst das jetzt?
EZB-Chefin Christine Lagarde warnte nicht nur vor verfrühten Hoffnungen, sie wies auch darauf hin, dass die Folgen des Krieges erst nach und nach sichtbar würden. Es sei noch zu früh, um abzuschätzen, wie sich die Krise insgesamt entwickeln werde, so Lagarde.
Alle oben genannten Beispiele – und die Liste ist nicht abschliessend – führen am Ende zu stark steigenden Inflationsraten. Sämtliche Zentralbanken wiesen deshalb darauf hin, dass sie demnächst wohl ihre Zinsen wieder erhöhen dürften.
Das wiederum hält seine ganz eigenen Probleme bereit: Staaten und Private müssen auf ihren teils hohen Schuldenbergen höhere Zinsen zahlen, Investitionen werden teurer und am Ende wird das Wirtschaftswachstum verlangsamt.
Kurz: Es droht eine für die Wirtschaft besonders giftige Kombination aus steigenden Preisen und langsamerem Wachstum. Für Menschen in Europa und der Schweiz heisst das: schwierigere Zeiten. Auf Menschen in ärmeren Ländern kommt jedoch womöglich eine noch viel existenziellere Krise zu.
