Wirtschaft
Künstliche Intelligenz

Warum die Börsen nicht mehr wissen, was sie von KI halten sollen

Warum die Börsen nicht mehr wissen, was sie von KI halten sollen

Der Beziehungsstatus zwischen künstlicher Intelligenz und den Börsen lautet derzeit: «Es ist kompliziert.» Zwar treibt KI die Aktienindizes auf immer neue Höhen – gleichzeitig ist sie aber auch deren grösste Angst. Dafür gibt es gute Gründe.
28.02.2026, 20:2628.02.2026, 20:26

An den Börsen wird die Unsicherheit immer grösser: Was bringt die künstliche Intelligenz? Wie stark wird sie sämtliche Branchen durchrütteln? Und was macht das mit den Aktien?

Symptomatisch für die Unsicherheit steht die Aktie von Nvidia, dem weltgrössten Chiphersteller. Am Donnerstagmorgen präsentierte das Unternehmen bombastische Quartalszahlen: Im vergangenen Quartal stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 73 Prozent auf unfassbare 68,1 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Normal für ein wachsendes Unternehmen in dieser Grösse wäre eine Umsatzsteigerung im einstelligen Prozentbereich.

Doch was passierte mit der Nvidia-Aktie? Sie sank zunächst, bevor sie sich etwa auf dem gleichen Niveau wieder stabilisierte – und das, obwohl die präsentierten Zahlen sogar die Erwartungen übertrafen.

Dazu passt, dass sich viele IT- und KI-Grössen an der Börse zuletzt sehr volatil zeigten. An der Wall Street geht die Angst um – und ihre Ursachen sind vielfältig. Sie reicht «von kosteneffizienterem Wettbewerb in China bis hin zur Wahrscheinlichkeit einer drohenden KI-Blase», schreibt Bloomberg, und bilanziert im Titel: «Die Wall Street weiss nicht mehr, was sie von KI halten soll.»

Wir fassen die drei wichtigsten Sorgen an der Börse zusammen:

Enorme Erwartungen an «Magnificent Seven»

Die Magnificent Seven: Meta, Amazon, Apple, Alphabet, Nvidia, Tesla, Microsoft
Die «Magnificent Seven» auf einen Blick.Bild: Shutterstock

Es ist quasi die komplizierte Ausgangslage: Ein Drittel des gesamten S&P 500 – also des Aktienindexes, der die Aktien von 500 führenden börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst – besteht aus den sogenannten «Magnificent Seven». Mit Ausnahme von Tesla sind sie alle Firmen aus dem IT- und Kommunikationssektor: Nvidia, Alphabet, Meta, Microsoft, Apple, Amazon.

Diese Marktkonzentration ist ein Risiko: Wenn eine dieser Aktien steigt oder fällt, kann sie den gesamten Markt mitreissen. Die Konzentration in den beiden Sektoren IT und Kommunikation war zuletzt während der Ära rund um die Dotcom-Blase so hoch. Damals crashte die Börse kurz nach der Jahrtausendwende, viele Firmen verschwanden für immer, weil sie pleitegingen. Auslöser waren unter anderem übertriebene – und vor allem zu kurzfristige – Erwartungen in Bezug auf die neue Internet-Technologie.

Die schiere Marktmacht der «Magnificent Seven» erhöht den Druck auf jedes dieser Unternehmen: «Etwas wie ein negativer Ergebnisbericht, oder sogar ein positiver, der aber nicht positiv genug ist, kann die Aktie von einer dieser Firmen einbrechen lassen – und damit auch den gesamten Markt», erklärt Wall-Street-Journal-Journalistin Erin Lang in einem Video.

Das wurde auch bei Nvidia so beobachtet: Mit jedem Quartal wächst der Druck auf das Unternehmen, das mit einem Marktwert von fast fünf Billionen US-Dollar (!) das weltweit grösste börsennotierte Unternehmen ist. Daniel Newman, CEO der Futurum Group, die High-Tech-Analysen und -forschung betreibt, sagte gegenüber dem WSJ: «Es reicht für Nvidia nicht mehr aus, gute Quartalsergebnisse zu erzielen. Sie müssen perfekte Quartalsergebnisse erzielen.»

Riesige Investitionsmengen

Seit Monaten befürchten Investorinnen und Investoren an den Märkten, dass die Zukunftstechnologie der künstlichen Intelligenz nicht lukrativ genug sein wird, um die gigantischen Entwicklungs- und Investitionskosten wieder hereinzuholen.

Schliesslich kommen die Erwartungen an die grossen Player, aber auch an KI-Zugpferde wie OpenAI oder Anthropic, nicht von ungefähr: Sie stecken gerade überwältigende Mengen Geld in das Projekt KI. Tech-Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Google und Meta planen, im laufenden Jahr schätzungsweise unglaubliche 650 Milliarden Dollar für KI auszugeben. Das ist weit mehr als im Jahr zuvor (etwa 410 Milliarden). An der Wall Street scheint man sich deshalb langsam zu fragen, ob Investitionen in dieser Grössenordnung überhaupt sinnvoll sind.

Eine Umfrage der Bank of America unter grossen Fondsmanagern im Februar zeigt, dass die riesigen Investitionsmengen Sorge bereiten. 35 Prozent sind der Meinung, dass Unternehmen zu viel Geld für KI-Projekte ausgeben. Nur 20 Prozent befürworten die hohen Investitionen.

Jeder Vierte sieht derweil eine «KI-Blase» als das heute grösste Risiko für die Märkte – noch vor Inflation oder weltpolitischen Ereignissen. In Zeiten von trumpscher Aussenpolitik scheint das doch beachtlich. Und: Fast ein Drittel befürchtet, dass dies eine sogenannte Kreditkrise auslösen könnte.

Kreditkrise?

Der grösste Teil der von den Konzernen investierten 650 Milliarden Dollar dürfte in KI-Rechenzentren und Chips fliessen. Die Hardware dafür wird von Nvidia hergestellt. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie die «Sieben Grössten» untereinander verbandelt sind – und damit voneinander abhängen.

Nvidia founder and CEO Jensen Huang holds up a Vera CPU as he speaks during a Nvidia news conference ahead of the CES tech show Monday, Jan. 5, 2026, in Las Vegas. (AP Photo/John Locher)
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Nvidia-Chef Jensen Huang.Bild: keystone

Nvidia wiederum ist vor Kurzem eine grosse Partnerschaft mit Meta eingegangen. Zudem investiert der Chip-Hersteller gross in OpenAI, den Betreiber von ChatGPT. In den letzten Monaten wuchsen gemäss WSJ jedoch die Sorgen über die Finanzierungsmöglichkeiten von OpenAI und die zunehmende Konkurrenz durch andere Chip-Entwickler, darunter Google und Hersteller von Spezialchips.

Eine Sorge, die gerade kürzlich von Jamie Dimon, dem CEO der Investmentbank JP Morgan Chase, geäussert wurde, ist deshalb, dass es zu einem Unterbruch des sogenannten Kreditzyklus kommen könnte – ähnlich wie bei der Finanzkrise 2007/2008. Dabei bräuchte es unter Umständen nur einige wenige «Enttäuschungen» – zum Beispiel abnehmende Wachstumszahlen, «zu geringe» Profite durch KI, sinkende Aktienkurse oder ähnliches – und die derzeit noch gut geölte Maschinerie würde ins Stocken gelangen.

Hier muss aber gesagt werden: Einige Anzeichen dafür sind zwar da. Doch es gibt gerade im Vergleich mit der Dotcom-Krise einen grossen Unterschied: Die wichtigsten Firmen heute sind grosse, bekannte, langjährige und profitable Unternehmen – damals waren IT-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden schossen. In solche Firmen, oft mit kaum Umsatz und teils keinem fertigen Produkt, wurden Milliarden investiert.

Eine mögliche Parallele gibt es jedoch: Während der Dotcom-Blase glaubten viele, das Internet würde sofort die gesamte Wirtschaft verändern. Obwohl das am Ende sicher nicht falsch war, wurde die Geschwindigkeit drastisch überschätzt. Viele erinnern deshalb auch im heutigen KI-Rausch daran: Womöglich hat die Wall Street zwar am Ende Recht, wenn sie die IT-Unternehmen so hoch bewertet – aber ab wann wird sich das auch auszahlen?

Unsicherheit über die Auswirkungen von KI

Neben der Sorge, KI würde zu wenig oder zu spät profitabel genug werden, existiert schliesslich eine Sorge, die dem zu widersprechen scheint: dass KI zu schnell sein wird. Oder, mit anderen Worten: dass sie in den Firmen zu enormen Disruptionen (heisst: Erschütterungen, extreme Veränderungen) führt, und das schneller, als sich die Firmen dem anpassen können.

«Im Moment wächst die Sorge, dass KI so disruptiv sein wird, dass sie unzählige Softwareanbieter und Unternehmen aus dem Markt drängen wird», schreibt Financial Times.

Gerade Softwarefirmen werden an der Börse mit Argusaugen verfolgt. Viele glauben, dass sie durch KI besonders unter Druck geraten werden: Software könnte, so die Sorge, durch ChatGPT, Claude und Co. obsolet werden.

Die Szenarien gehen aber auch weit darüber hinaus: KI könnte, schneller als wir denken, sämtliche Branchen betreffen. Und dort für weitreichende Veränderungen sorgen. Besonders heikel ist die Sorge um den Arbeitsmarkt: Was passiert mit der Wirtschaft, wenn Menschen durch KI zuhauf ihre Jobs verlieren – nicht morgen, aber vielleicht schon in einem Jahr?

Bezeichnend für solche Ängste ist, wie schnell die Börsen derzeit auf kleinste Hinweise darauf reagieren. So sorgte vor einigen Tagen ein Blogartikel von Citrini Research mit dem Titel «The 2028 Global Intelligence Crisis» für kurzfristig einstürzende Aktientitel. Der Beitrag zeichnete ein Szenario, in dem extrem leistungsfähige KI-Agenten einen Grossteil der Bürojobs ersetzt haben werden. Die Folgen sind düster: einbrechende Konsumausgaben und die Weltwirtschaft in einer Deflationsspirale.

Der Blogpost wurde danach von Ökonomen kritisiert. Citrini Research betonte, es handelte sich dabei um ein Szenario, und nicht um eine Prognose. Andere jedoch sahen sich wohl bestätigt. Dario Amodei, CEO des KI-Unternehmens Anthropic, glaubt zum Beispiel, dass KI in den nächsten fünf Jahren die Hälfte aller Bürojobs vernichten wird. Und Microsoft-KI-Chef Mustafa Suleyman prognostizierte kürzlich gar, dass KI in den nächsten 12 bis 18 Monaten fähig sein wird, die meisten Bürojobs zu ersetzen. Andere, wie Sam Altman von OpenAI, äusserten sich optimistischer: Er glaubt, dass junge Menschen in zehn Jahren dank KI «neue, spannende und super-bezahlte» Jobs finden werden.

Wie es in ein, zwei oder zehn Jahren wirklich aussehen wird, weiss niemand. Und für die Börsen ist das bekanntlich ein Problem.

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Schlafstörungen kosten die Schweiz jährlich 15 Milliarden Franken
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