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Wegen künstlicher Intelligenz sind Millionen von Bürojobs in Gefahr

Diese zwei neuen Entwicklungen stellen Millionen Bürojobs infrage

Künstliche Intelligenz verbessert längst nicht mehr nur unsere Arbeit – sie verbessert sich selbst. Das beschleunigt die Entwicklungsgeschwindigkeit radikal und könnte zu einer Intelligenzexplosin führen.
22.02.2026, 22:2422.02.2026, 22:24
Raffael Schuppisser / ch media

Seit ChatGPT im November 2022 auf den Markt kam, hat sich die künstliche Intelligenz (KI) ins kollektive Bewusstsein katapultiert und sich im Alltag vieler Büroarbeiter etabliert. E-Mails beantworten, Berichte schreiben, Illustrationen und Tabellen erstellen – für all das und noch viel mehr werden Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Claude genutzt. Für die einen ist es noch immer bloss Spielerei, für andere ein echter Effizienzgewinn und für Dritte gar nicht mehr wegzudenken.

Wenn die künstliche Intelligenz zum Musterschüler am Arbeitsplatz wird.
Wenn die künstliche Intelligenz zum Musterschüler am Arbeitsplatz wird.bild: getty images

Dennoch: Zu einer echten Revolution in der Arbeitswelt und darüber hinaus hat die künstliche Intelligenz bisher nicht geführt. Es gab zwar in einigen Branchen durchaus Entlassungen, die direkt auf die Entwicklung der künstlichen Intelligenz zurückzuführen sind. Doch Jobmassaker blieben aus, ganze Branchen sind nicht eingegangen – wie so oft prophezeit wurde.

Ist die KI also gar nicht so revolutionär? Noch immer wird gerne über Kuriositäten gelacht, die ChatGPT von sich gibt, wenn das auf Hunderttausenden Chips verdrahtete «Gehirn» zu halluzinieren beginnt. Und manch einer blickt gespannt zur Wall Street, um zu sehen, ob die KI-Blase an der Börse platzt.

Alles also vor allem ein Hype? Zwei Entwicklungen, die sich jüngst ereigneten, sprechen dafür, dass dem nicht so ist. Wir sollten uns womöglich der maschinellen Intelligenz gegenüber nicht zu sicher fühlen. Denn es könnte schneller gehen, als wir denken.

Der KI-Entwickler Matt Shumar verglich kürzlich in einem Essay, der auf X auf grosses Interesse stiess, die Situation mit der Zeit kurz vor der Covid-Pandemie Anfang 2020: Virologen warnten, dass etwas Grosses auf uns zukommen werde, doch kaum jemand hörte auf sie und konnte sich vorstellen, dass sich in den nächsten Monaten unser Leben komplett verändern würde.

Was also sind diese beiden erwähnten Entwicklungen?

Erstens: KI-Agenten können viel mehr als Chatbots

Während die meisten Menschen bloss mit ChatGPT chatten und dabei oft Gratisversionen nutzen und damit noch mehr oder weniger auf dem Stand von November 2022 sind, übersehen sie, dass die künstliche Intelligenz schon viel mehr kann. Sie ist nicht mehr auf das kleine Eingabe-Chatfeld beschränkt, sondern kann selbstständig Handlungen auf dem eigenen Computer oder im Internet ausführen, also etwa Fotos oder Dateien neu ordnen.

Der Agent «sieht» den Bildschirm, bewegt eine virtuelle Maus, klickt sich durch Menüs, öffnet eine Tabellenkalkulation, kopiert Daten aus E-Mails und trägt sie in ein Formular ein. Oder er bucht im Internet eigenständig Hotels. Wer ihm Zugriff auf seine Kreditkarte oder seine Bitcoin-Wallet gewährt, kann ihm auch das Bezahlen oder Traden überlassen. So gut wie alles, was auf einem Bildschirm ausgeführt wird, kann die KI übernehmen.

Dass die Unternehmen darüber eher zaghaft informieren und dementsprechend KI-Agenten bisher vor allem von Techies genutzt werden, liegt daran, dass diese Fehler machen können und dies fatal enden kann, wenn man ihnen Zugang zu allen Dateien oder sogar zur Kreditkarte gibt. Natürlich hindert das die Unternehmen nicht daran, die Technologie weiterzuentwickeln und sicherer zu machen.

Es ist wohl wie bei der Lancierung von ChatGPT: Während der etablierte Tech-Riese Google noch zögerte, seinen KI-Chatbot zu lancieren, preschte der Neuling Open AI vor. Bestimmt wird bald ein Unternehmen seine KI-Agenten auf das Gros der Internetnutzer loslassen.

In der Softwareentwicklung, also bei den Experten, sind KI-Agenten schon jetzt nicht mehr wegzudenken. Das führt zur zweiten Entwicklung, die den Fortschritt der KI massiv beschleunigen wird.

Zweitens: Die KI programmiert sich selbst

Als Open AI das erste Modell von ChatGPT entwickelte, dauerte es über ein Jahr, bis eine neue Version eines Sprachmodells bereitstand.

2025 erschienen mehrere Neuerungen pro Jahr – mittlerweile werden sie fast im Monatsrhythmus entwickelt. So stellten kürzlich sowohl OpenAI mit GPT-5.3-Codex als auch Anthropic mit Claude Opus 4.6 fast zeitgleich neue potente Modelle vor. Die Beschleunigung in der Intelligenzentwicklung kommt dadurch zustande, dass die Programmierer die KI dazu nutzen, eine noch bessere KI zu entwickeln.

Dario Amodei, der CEO von Anthropic, sagt, dass KI inzwischen «einen Grossteil des Codes» in seinem Unternehmen selbst schreibe. Auch das neue Modell von ChatGPT ist gemäss dem Unternehmen das erste, das massgeblich an seiner eigenen Entwicklung beteiligt gewesen sei. Die nun erschienene Version 5.3 wird genutzt, um eine noch bessere Version 5.4 zu entwickeln – und so weiter.

Dario Amodei, CEO & Co-Founder of Anthropic, attends the Annual Meeting of World Economic Forum in Davos, Switzerland, Thursday, Jan. 23, 2025. (AP Photo/Markus Schreiber)
Dario Amodei, Geschäftsführer und Mitgründer von Anthropic.Bild: AP

So erfolgen die Fähigkeitssprünge nicht nur schneller, sie werden auch grösser. Das führt zu einer Explosion an Intelligenz. Amodei ist überzeugt, dass wir «nur noch ein bis zwei Jahre davon entfernt sind, dass die aktuelle Generation von KI autonom die nächste entwickelt».

Das führt nicht zwangsläufig schon zu einer Superintelligenz und ebenso wenig zu einem Bewusstsein in Maschinen – obwohl Amodei das nicht ausschliesst. Aber es hat erhebliche Konsequenzen für uns.

Amodei verdeutlicht das mit einem Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, es ist 2027. Über Nacht taucht ein neues Land mit 50 Millionen Bürgern auf, und jeder Einzelne ist klüger als jeder Nobelpreisträger, der je gelebt hat.

Mit einem solchen Staat will man es sich nicht verscherzen, sondern mit ihm kooperieren. Für die weltpolitische Bühne bedeutete das, dass es zentral ist, dass das «neue Volk» zu den «Guten» gehört, sprich, dass nicht autoritäre Regime wie China das KI-Wettrennen gewinnen. Und für uns alle im Arbeitsalltag?

Die Prognose des Anthropic-Chefs: Die KI wird innerhalb von ein bis fünf Jahren 50 Prozent der Einstiegsjobs im Büro eliminieren. Aber wie der Blick auf sein eigenes Unternehmen zeigt, sind auch hochqualifizierte Jobs in der Informatikbranche nicht sicher.

Wir sollten deshalb daran interessiert sein, mit diesen KI-Nobelpreisträgern zusammenzuarbeiten, sie in unserem Team zu haben und dieses anzuführen.

Der Rat von Matt Shumar, der die Situation mit der falschen Entspanntheit vor Corona vergleicht, lautete deshalb, sich so schnell und so gut wie möglich anzupassen. Die meisten Jobs werden nicht einfach von einer KI ersetzt, sondern von einem Menschen, der weiss, wie man die KI am besten nutzt.

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