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Swiss-Angestellte in Uniform: Strümpfe, Lippenstift und Röcke geben zu reden. Bild: swiss

«Geisha der Lüfte» – Swiss-Kabinenpersonal wittert Sexismus und will neue Uniform-Regeln

Fluggesellschaften müssen sich der Frage stellen: Wie sexistisch ist das Rollenbild der Flight Attendants? Auch die Swiss ist zurzeit mit der Forderung konfrontiert, ihre Uniform-Regeln zu überdenken.

Benjamin Weinmann / ch media



Es waren andere Zeiten. In den Anfängen der Passagierairlines gab es kaum einen prestigeträchtigeren Job als jenen bei einer Fluggesellschaft. Die Piloten waren die Herren der Lüfte. Die Flight Attendants – damals noch Stewardessen genannt – die gepuderten, Jupe tragenden, perfekt frisierten Empfangsdamen an Bord. Sie waren das willkommene Lächeln vor der glamourösen Reise in die weite Welt.

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Doch heute ist die Realität über den Wolken eine andere. Fliegen ist ein Massenmarkt, um die Passagiere tobt ein brutaler Preiskampf – mit Folgen auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der Crew. Der Lack ist ab. Doch gewisse Stereotype sind geblieben: Noch immer ist die Mehrheit der Piloten männlich, die Mehrheit des Kabinenpersonals weiblich – mit Folgen für das Rollenbild der Flight Attendants.

Der Swiss-Kabinenpersonalverband Kapers will das ändern. In seinem neusten Mitgliedsmagazin hat er einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel «Geisha der Lüfte – Uniform und Sexismus». Eine Uniform zu tragen, bedeutete, in eine Rolle zu schlüpfen, «diejenige nämlich, welche uns das Image verleiht, das die Firma ausstrahlen will». Und dieses Image sei praktisch bei allen grossen Airlines dasselbe: dasjenige der Frau als Objekt, der Geisha der Lüfte.

3000 Protest-Pins

Der Frauenstreik bewegt die Swiss-Crew. Die Arbeit niederlegen werden die Flight Attendants am 14. Juni nicht, da sie einem laufenden Gesamtarbeitsvertrag und somit einer Friedenspflicht unterstehen. Dennoch wolle man einen Beitrag leisten, sagt Denny Manimanakis, Präsident des Kabinenpersonalverbands Kapers. Schliesslich seien 70 Prozent der Flight Attendants Frauen. Im sogenannten Ops-Center der Swiss am Flughafen Zürich werde man Flyer verteilen. Zudem habe man rund 3000 Frauenstreik-Pins mit dem Kapers-Logo produzieren lassen, welche allen Verbandsmitgliedern abgegeben werden, mit dem Aufruf, sie während der Arbeit an Bord oder am Boden zu tragen. Der Swiss-Pilotenverband Aeropers hat hingegen keine Aktion am 14. Juni geplant. Im Cockpit der Lufthansa-Tochterairline sind nur 5 Prozent Frauen. (BWE)

Der Crew-Verband weist auf Situationen im Arbeitsalltag hin: «Fühlen wir uns wirklich wohl in unseren Jupes, wenn wir niederknien, mit dem Hintern nach oben, um einen Sitz zu reparieren (…)? Kriegen wir mitten im Sommer genügend Luft in einem seit 5 Minuten gekühlten Flugzeug, schweissgebadet in Uniformjacke und Strümpfen? Warum ist es Vorschrift, dass wir Lippenstift verwenden? Warum müssen wir geschminkt sein? Werden damit die Träume unserer Passagiere angeregt? Werden mit diesem Barbiepuppen-Image unsere extrem tiefen Saläre gerechtfertigt, indem man uns der Kaste ‹hübsches Ding, grad gut genug zum Lächeln› zuteilt?»

Swiss soll Kosten übernehmen

Angesichts des Zeitgeistes müssten die Uniform und ihre Bedeutung dringend überdacht werden, schreibt Kapers im Artikel. Deren Präsident, Denny Manimanakis, bestätigt, dass Sexismus-Themen derzeit mit der Firma diskutiert würden. So habe man nach einem langen Kampf erreicht, dass Frauen neuerdings Schnürschuhe tragen dürften, so wie die männlichen Kollegen. Die Airline habe sich anfänglich aus optischen Gründen gegen diese Forderung gewehrt, sagt Manimanakis. «Das ist natürlich ein sexistisches Argument.»

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Gibt es bald neue Uniformregeln: Swiss-Flugbegleiterinnen in Arbeitskleidung. Bild: swiss

Aktuell sei man mit der Swiss-Führung in weiteren Gesprächen. Denn heute müssten Flight Attendants Lippenstift auftragen und, falls sie einen Rock als Arbeitskleidung wählen, Strümpfe tragen. Das Problem aus Kapers-Sicht: Den Lippenstift und die Strümpfe müssen die Angestellten selber bezahlen. Wolle die Swiss an der Lippenstift- und Strumpf-Pflicht festhalten, so Manimanakis, so müsse die Airline die Kosten dafür künftig selber tragen oder diese Uniform-Bestandteile zur Verfügung stellen. Ein Airline-Sprecher bestätigt die Gespräche mit dem Verband, unter anderem in Bezug auf die Schminkpflicht. Er betont: «Als offener und zeitgemässer Arbeitgeber respektieren wir die Individualität unserer Arbeitnehmer.» Allerdings gebe es für Berufsgruppen mit direktem Kundenkontakt gewisse Vorgaben.

«Diese Themen zeigen, dass sexistische Rollenbilder auch bei der Swiss noch heute existieren.»

Denny Manimanakis, Präsident Kapers

«Diese Themen zeigen, dass sexistische Rollenbilder auch bei der Swiss noch heute existieren», sagt Manimanakis. US-Airlines seien hingegen weiter. «Dort sind die Regeln zum Erscheinungsbild deutlich lockerer, da dürfen zum Beispiel die Haare auch mal rückenlang oder die Arme mit Tattoos voll sein.» Immerhin sei das Swiss-Reglement jenem von Airlines im arabischen und asiatischen Raum meilenweit voraus. Tatsächlich gehören die Vorschriften bei den Golf-Airlines zu den strengsten der Branche. Zuweilen müssen die Angestellten sogar auf die Waage.

Nur ein Ohrring für Männer

Eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» bei Schweizer Airlines zeigte kürzlich, welche Richtlinien hierzulande herrschen. Bei der Swiss-Schwesterairline Edelweiss werden Lidschatten und die Wimperntusche vorgeschrieben, genauso wie der Lippenstift, dessen Rot jenem der Uniformjacke entsprechen muss. Die Make-up-Vorschrift gilt auch im Cockpit. Bei Helvetic Airways sind Lippenstift und Mascara zwingend, wobei die Frauen zwischen zwei Lippenstiftfarben wählen können, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

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Hinzu kommen laut der Umfrage weitere Einschränkungen: So dürfen männliche Swiss-Angestellte höchstens einen diskreten Ohrring tragen. Die Frauen können zwei tragen, sie müssen aber in der unteren Ohrhälfte stecken und dürfen nicht grösser als zwei Zentimeter sein. Ragen die Haare der weiblichen Kabinenangestellten über den Kragen hinaus, gehören sie zusammengebunden. Ragt der Pferdeschwanz bis zur Rückenmitte, muss er nochmals unterteilt werden. Bei den Schuhen gilt, dass die Absätze zwischen 1.5 und 8 Zentimeter gross sein dürfen, deren Durchmesser müssen mindestens 1 Zentimeter betragen. Bei der Arbeit an Bord dürfen sogenannte Service-Schuhe angezogen werden mit einer maximalen Absatzhöhe von vier Zentimetern.

Vietjet Air setzt auf Bikinis

Bei Helvetic sind kahl rasierte Köpfe, Rastas und sogenannte Cornrows – eine aus Afrika stammende Flechtfrisur – nicht erlaubt. Männliche Flight Attendants dürfen einen Bart tragen, er muss aber 5 bis 10 Millimeter lang und gut geschnitten sein. Zudem beschränken die befragten Schweizer Airlines die Anzahl Ringe: pro Hand zwei, aber keinen am Daumen.

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Video: YouTube/watson

In Europa sorgte kürzlich die britische Virgin Atlantic Airways für Aufsehen. Sie hob die Schminkpflicht für die weiblichen Flugbegleiter auf. Bis dahin war es für sie Pflicht, sich mit Mascara, Rouge und Lippenstift zu stylen. Damenhosen sind nun ebenfalls integraler Bestandteil der Uniform, anstatt nur enge Röcke. Zuvor mussten Angestellte ausdrücklich nach Hosen fragen. Die irische Aer Lingus tat es Virgin Atlantic wenige Tage später gleich.

Ganz anders die vietnamesische Vietjet Air: Die Firma publiziert jährlich einen Kalender mit Bikini-Models als Flight Attendants, Piloten und Bodenangestellten, so wie dies auch die irische Ryanair bis 2015 tat. Vor einigen Jahren erhielt Vietjet Air – Spitzname «Bikini Airline» – eine Busse von den lokalen Behörden aufgebrummt, nachdem fünf leicht bekleidete Flight Attendants ohne offizielle Erlaubnis während des Fluges einen Tanz aufführen mussten. Mit Lippenstift, ohne Strumpfhose.

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