Seit einigen Tagen ist der Koffein-Kick bei Migrolino nachhaltiger – so lautet zumindest das Versprechen der Migros-Tochter. Denn ihre Kaffeebecher können neuerdings im Altpapier entsorgt werden, heisst es in einem Beitrag in der hauseigenen Zeitung. Auf dem Becher ist ein Blatt-Logo zu sehen mit dem Vermerk: «Compostable Paper Cup», also kompostierbarer Papierbecher.
Bisher dürfte so mancher Kunde beim Bestellen eines Take-away-Kaffees ein schlechtes Gewissen haben, spätestens beim Entsorgen im herkömmlichen Abfall, der verbrannt wird. Denn die üblicherweise verwendeten Becher haben eine Plastikschicht, die dafür sorgt, dass der Karton durch die Flüssigkeit nicht porös wird und seine Undurchlässigkeit behält.
Ein Logo einer sterbenden Schildkröte weist auf den Plastik-Bestandteil seit 2022 hin, damit der Becher nicht fälschlicherweise im Altpapier oder in der Kartonabfuhr landet (CH Media berichtete). Laut Branchenangaben beträgt der Plastik-Anteil 5 bis 10 Prozent. Der Deckel ist ganz aus Plastik. Die Umweltbelastung ist beträchtlich: Laut dem Non-Profit-Programm Foodprint werden jährlich etwa 16 Milliarden Einweg-Kaffeebecher verwendet.
Hat Migrolino also soeben die Kaffeebecher-Revolution gestartet? Mittels einer innovativen Technologie sei es nun möglich, neuartige Kaffeebecher aus chlorfreiem Papier herzustellen, sagt Migrolino-Sprecher Marco Fallico. Die Barrierefunktion werde mit einem wasserbasierten Lack erreicht. Hergestellt werden die Becher in der EU.
Und auch die Deckel sind neu. Er besteht nun zu 100 Prozent aus Bagasse, einem Recyclingmaterial aus Zuckerrohr. Die Deckel sind laut Fallico somit frei von so genannten per- und polyfluorierten Alkylverbindungen, also schwer abbaubaren Chemikalien, und entsprechend kompostierbar. Mit der Umstellung spare Migrolino 14,2 Tonnen Polyethylen pro Jahr.
Können die neuen Becher also im Haushalt dem Zeitungsabfall beigelegt oder an den öffentlichen Abfall-Stationen ins Fach «Papier» eingeworfen werden, auch wenn noch Kaffeerückstände drin sind? «Grundsätzlich können die Kaffeebecher im Altpapier entsorgt werden, sofern es wenig bis gar keine Kaffeerückstände mehr hat», sagt Fallico.
Wirklich? So ganz klar scheint der Fall nicht zu sein. Rahel Ostgen, Leiterin Kreislaufwirtschaft bei Swiss Recycle, dem Dachverband der Schweizer Recycling-Organisationen, sagt auf Anfrage, sie könne keine abschliessende Beurteilung zur Rezyklierbarkeit machen. Denn ihr sei die genaue Zusammensetzung des Migrolino-Bechers nicht bekannt.
Laut Ostgen werden heute die meisten Papier- und Kartonverpackungen, die in Direktkontakt mit Lebensmittel kommen, nicht mit dem Altpapier oder Altkarton gesammelt, sondern über den Hauskehricht den Kehrichtverbrennungsanlagen zur thermischen Verwertung zugeführt.
Auch Paul Fischer, Geschäftsleiter des Vereins Papier und Karton, der die effiziente Verwertung der beiden Rohstoffe fördert, gibt sich von der Migrolino-Offensive wenig beeindruckt. «Meines Wissens wurde dieser Becher, beziehungsweise das Material, bislang weder bei uns noch in den Schweizer Fabriken getestet.» So lange dies nicht der Fall sei, könne und werde man sich nicht dazu äussern. Und: «Angesichts der enormen Komplexität der Thematik müsste der Dialog zwischen Detailhändlern, Packmittelherstellern und der Recycling-Branche viel enger und intensiver sein, als es heute der Fall ist.»
Konfrontiert mit den Bedenken der Recyclingbranche hält Migrolino-Sprecher Fallico fest: «Die Becher können dem Kompost und dem Kartonabfall zugeführt werden.» Beide Varianten seien geprüft und zertifiziert. «Wir empfehlen jedoch, sie dem Kartonabfall zuzuführen, da es eine Ressource ist, die weiterverwendet werden kann und dem Kreislauf nicht entzogen werden sollte.»
Bei den Deckeln, die ebenfalls kompostierbar seien, empfehle Migrolino, «dass die Recyclingvorschriften für den jeweiligen Bioabfall-Container geprüft werden». Anerkenne die jeweilige Gemeinde Bagasse als kompostierbar, könne der Deckel im Bioabfall-Container entsorgt werden. Fragt sich allerdings, ob der durchschnittliche Pendler diesen Aufwand beim Unterwegskonsum auf sich nimmt.
Und was ist mit den Branchen-Bedenken, wonach Restflüssigkeiten eine Rezyklierbarkeit in der Regel verhindern? «Es ist korrekt, dass darauf geachtet werden muss, dass diese vorwiegend trocken und keine grösseren Rest-Flüssigkeiten beinhalten», sagt Fallico. «Verunreinigte Materialien können das Recycling beeinträchtigen.» Man habe aber Tests durchgeführt, die zeigten, dass 99,52 Prozent der Becher nach Gebrauch rezyklierbar sind.
Die anderen grossen Kaffee-Verkäufer im Land gehen derweil andere Wege. Sarina Künzli, Sprecherin der Snackautomaten-Firma Selecta sagt, man prüfe ständig umweltfreundlichere Optionen. Allerdings gebe es bei der Einführung solcher Lösungen einige Hürden, insbesondere die Tatsache, dass Becher ohne Kunststoffbeschichtung bei Kontakt mit Flüssigkeiten oft ihre Form und Stabilität verlieren. «Gerade bei Heissgetränken, die direkt am Becherrand konsumiert werden, kann dies problematisch sein, da die Becher weichen und sich unangenehm anfühlen.»
Allerdings: In anderen Märkten, in denen Selecta Kaffeeautomaten aufgestellt hat und wo entsprechende Nachhaltigkeitsgesetze existieren, scheint eine nachhaltigere Lösung durchaus machbar. «In den Niederlanden gibt es ein Verbot von Einweg-Papierbechern», sagt Künzli. «Dort haben wir bereits nachhaltige, wiederverwendbare Becher im Einsatz, die sich bestens bewähren.»
Der Detailhändler Coop und der Kiosk-Konzern Valora setzen ebenfalls nach wie vor auf die herkömmlichen Papier-Becher mit Plastik-Beschichtung. «Wir haben bereits verschiedene To-go-Becher geprüft, die auf die herkömmliche Kunststoffbeschichtung verzichten», sagt Valora-Sprecher Maximilian Schenner.
«Viele Hersteller nutzen aber auch bei rezyklierbaren oder kompostierbaren Bechern noch andere Beschichtungen, wie zum Beispiel Biokunststoff.» Dies stelle für Valora zum aktuellen Zeitpunkt noch keine nachhaltige Lösung dar, sagt Schenner. «Einen 100 Prozent plastikfreien Papierbecher ohne Biokunststoff oder Beschichtung mit potenziellen gesundheitlichen Bedenken hat Valora zum heutigen Zeitpunkt noch nicht gefunden.» (aargauerzeitung.ch)