Comeback der Abzocker: Alle blicken auf UBS-Chef Sergio Ermottis Lohn
Wie viel verdiente Sergio Ermotti? Die Antwort auf diese jährlich wiederkehrende Frage wird am Montag gelüftet. Das grosse Interesse der Öffentlichkeit an dieser Zahl ist nicht nur mit Voyeurismus und Neid zu erklären, wie das manche wirtschaftsliberale Beobachter noch immer wahrhaben möchten.
Managergehälter sind auch eine Art Fiebermesser für das Wirtschaftssystem. Je höher und schneller sie steigen, desto mehr muss das Herz pumpen, um eine Überhitzung des Systems zu verhindern.
2009 brachte der damalige Novartis-Chef Daniel Vasella das System zum Kollabieren. Die Veröffentlichung seines 42-Millionen-Franken-Lohns (dem später noch weitere Exzesse folgten) verhalf der Abzocker-Initiative des Unternehmers und späteren Schaffhauser Ständerats Thomas Minder endgültig zum Durchbruch.
Im März 2013 sagten 68 Prozent der Stimmenden Ja zur Stärkung der Aktionärsrechte und zum Kampf gegen überrissene Löhne in den Teppichetagen der börsenkotierten Schweizer Grossunternehmen. Das Plebiszit in der reichen Schweiz war eine internationale Sensation und ein Schock für die hiesige Wirtschaftselite.
Eine Zeit lang ging es seitwärts
Die Initiative verfehlte ihre Wirkung nicht. Während zehn Jahren bewegten sich die Chefgehälter auf hohem Niveau mehrheitlich nur noch seitwärts. Das zeigt die von CH Media jährlich durchgeführte Auswertung der Geschäftsberichte der 30 wertvollsten, im Swiss Leader Index (SLI) der Schweizer Börse enthaltenen Gesellschaften.
Gewiss, die Mässigung besorgte nicht die Initiative allein. Zuerst hallten die Erfahrungen aus der Finanzkrise nach, später mahnte die Pandemie die Wirtschaftsführer und ihre Aktionäre zur Vorsicht. Doch seit dem Ende der Corona-Krise weist die Kurve der CEO-Löhne wieder eine markante positive Steigung auf. «Wir befinden uns in einer Spirale kontinuierlich steigender Managergehälter, die von der wirtschaftlichen Realität der Stakeholder multinationaler Unternehmen losgelöst ist», sagt Vincent Kaufmann, Direktor der Anlagestiftung Ethos. Er hatte seinen Kunden, hauptsächlich Schweizer Pensionskassen, empfohlen, das 25-Millionen-Franken-Salär von Novartis-Chef Vasant Narasimhan abzulehnen. Die Novartis-Aktionäre winkten die Vergütungstraktanden mit dem Lohn des CEO dennoch mit überwältigender Mehrheit durch.
CEO-Löhne der wertvollsten Firmen an der Schweizer Börse
Abzocker-Initiant Minder, Inhaber in dritter Generation der Mundhygienespezialistin Trybol, sagt, die Abzocker-Initiative habe den Eigentümern die Instrumente in die Hand gegeben, gegen Lohnexzesse vorzugehen: «Unterlässt es ein Eigentümer, auf der Generalversammlung die Vergütung zu korrigieren, so ist das seine Entscheidung, die er für sein Geld und für sein Unternehmen trifft», sagt Minder.
Selbstredend weiss der Ex-Politiker aber, dass eine erdrückend grosse Zahl von Aktienstimmen in multinationalen Grossunternehmen nicht direkt von den Eigentümern, sondern von deren Stellvertretern, den Pensionskassenverwaltern, Fondsmanagern und nicht selten auch von spezialisierten Stimmrechtsberatern wahrgenommen werden. Auch Ethos macht Stimmrechtsberatung. Minder kennt die heimliche Macht des Stellvertreter-Kapitalismus und sagt: «Immerhin haben wir seit der Abzocker-Initiative keine Vorauszahlungen, Abgangsentschädigungen und auch keine Prämien bei Firmenkäufen und -verkäufen mehr, die per Verfassung und Gesetz verboten sind.»
Das Vorbild USA lockt
Vincent Kaufmann sagt, es sei «unangemessen, dass sich Novartis bei der Festlegung der Vergütung seiner Führungskräfte hauptsächlich mit nordamerikanischen Unternehmen vergleicht». Vasant Narasimhans Lohn liege mehr als 50 Prozent über dem Mittelwert der 10 wertvollsten Unternehmen an der Schweizer Börse. Im Vergleich zu den 15 grössten europäischen Unternehmen des Gesundheitssektors betrage die Differenz sogar 80 Prozent. «Das ist übertrieben und schwer zu rechtfertigen», findet Kaufmann. Aber die Statistik bewegt sich schnell in Richtung amerikanischer Verhältnisse.
Mercer, ein internationales Beratungsunternehmen, das unter anderem Vergütungsanalysen von Grossunternehmen durchführt, stellte im Oktober in einer Untersuchung von 150 europäischen Firmen fest: Wenn es um die Festlegung von CEO-Gehältern geht, stellen die Unternehmen zunehmend paneuropäische Vergleiche an. Eigentlich sollten sie diese mit den lokalen Verhältnissen abgleichen, findet Mercer. Aber mindestens in der Schweiz, wo Branchen wie Pharma mit starken US-Einflüssen viel Gewicht haben, scheint die Anpassung an lokale Begebenheiten eine immer geringere Rolle zu spielen. Galderma etwa, ein auf dermatologische Produkte spezialisiertes Unternehmen, das 2024 an die Schweizer Börse kam und 7600 Mitarbeitende zählt, bezahlte 2025 ein CEO-Gehalt von 17,6 Millionen Franken.
Das ist deutlich mehr als die 14,9 Millionen Franken, die UBS-Chef Ermotti 2024 verdient hatte. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die Bank bei der Vergütung ihrer Führungsspitze stark zurückgehalten hatte, um den Befürwortern einer scharfen Regulierung der Superbank nicht zusätzliche Argumente zu geben.
Aber wo der UBS-Verwaltungsrat den angemessenen Lohn des CEO tatsächlich sieht, liess die Bank bereits 2023 nach der Übernahme der Credit Suisse durchblicken. Ermotti kam im April 2023 als CEO zurück und verdiente 2023 für neun Monate 14,4 Millionen Franken. Hochgerechnet auf 12 Monate hätte sich ein Jahresgehalt von 19,2 Millionen Franken ergeben. Inzwischen hat Ermotti die anspruchsvolle Integration der Credit Suisse nach Fahrplan und ohne Pannen über die Bühne gebracht. Es wäre so gesehen keine Überraschung, wenn der Tessiner am Montag ebenfalls mit einem Gehalt in der Grössenordnung von 20 Millionen Franken auftrumpfen würde.
Schliesslich haben die CEOs der grossen Wall-Street-Banken gerade eben den Reibach gemacht: Goldman-Sachs-Chef David Solomon trug 2025 ganze 47 Millionen Dollar nach Hause (+21 Prozent), Morgan-Stanley-Chef Ted Pick kam auf 45 Millionen Dollar (+32 Prozent) und der langjährige Branchenprimus Jamie Dimon von JP Morgan musste sich mit 43 Millionen Dollar begnügen. (aargauerzeitung.ch)

