«Auf sicheren Wegen um den Krieg herum»: Raketen können die Reiselust nicht bremsen
«Über den Wolken», sang Reinhard Mey 1974, «muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.» Das war sie vielleicht, aber nur für eine Minderheit. Denn Fliegen war damals ein Luxus mit viel Beinfreiheit, gutem Service und einem Hauch von Glamour. Und Fliegen war teuer, viel teurer als heute.
Ein Flug Zürich-New York kostete vor gut 50 Jahren 940 Franken, wie die NZZ weiss. Das entsprach über einem Drittel des Monatslohns eines Maurers. Heute geht für denselben Flug noch etwa ein Zehntel eines Monatslohns drauf. Der Preiszerfall widerspiegelt sich in den Passagierzahlen. Der Flughafen Zürich zählte im besagten Jahr 1974 insgesamt 6,2 Millionen Passagiere, 2025 waren es rund 32,6 Millionen – und damit über fünfmal mehr.
Die Zahl der Flugbewegungen und jene der Destinationen hat sich in diesen gut 50 Jahren hingegen «nur» verdoppelt. Das liegt vor allem daran, dass die Flugzeuge heute erstens grösser sind und zweitens besser gefüllt werden. Fliegen ist ein Massengeschäft. Der Preis ist erschwinglich, der Glamour ist weg, die Beinfreiheit sowieso.
Und auch die Freiheit über den Wolken ist eingeschränkt. Das mussten Anfang März die Hunderttausenden von Reisenden erfahren – als sie in Australien, Thailand oder im Oman feststeckten, weil der Luftraum über der Golfregion plötzlich unpassierbar war. «Was bis anhin selbstverständlich war, ist es nicht mehr», sagt Hans-Peter Nehmer, Kommunikationschef des Schweizer Ablegers der Allianz-Versicherung, der bei Kriegsausbruch in Dubai einen Freund besuchte. «Plötzlich wird einem bewusst, wie fragil alles ist.»
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Zuerst nahm er es gelassen. Doch nach ein paar Tagen wollte auch er wieder nach Hause – spätestens dann, als die Fensterscheiben wegen der allzu nahen Abfangaktionen von Drohnen und Raketen zu zittern begannen. Und als der Chef des Logistikprofis Kühne + Nagel darüber sprach, dass Dubai in zehn Tagen die frischen Lebensmittel ausgehen könnten.
Das Umfliegen Russlands kostet zwei Stunden
Früher zog der im Kalten Krieg hochgezogene eiserne Vorhang die Grenze, heute gibt es aufgrund tatsächlicher Kriege viele verbotene Zonen. Die Welt über den Wolken ist vielleicht nicht viel kleiner geworden, aber komplizierter.
Seit dem von Wladimir Putin angeordneten Angriff auf die Ukraine im März 2022 und dem in der Folge verhängten Sanktionsregime gegen Russland umfliegen westliche Airlines beide Länder. Mit Folgen für Reisende nach Asien: Ihr Flug wurde bis zu zwei Stunden länger, ein Zwischenstopp wahrscheinlicher. Mit Vorliebe in Dubai.
Das Drehkreuz in den Vereinigten Arabischen Emiraten zählte im vergangenen Jahr 95,2 Millionen Passagiere, heuer wollten die Betreiber eigentlich die 100-Millionen-Marke erreichen. Das dürfte ihnen aber kaum gelingen. Raketen und Drohnen füllen den Himmel, wo früher Menschen und Fracht durchflogen.
Die Europäische Luftfahrtbehörde jedenfalls rät den Airlines weiterhin von Flügen in die Golfregion ab. Konkret sollen sie Flüge unterlassen, die von und nach Bahrain, Iran, Irak, Israel, Jordanien, Kuwait, Libanon, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten führen oder diese Länder überfliegen. Saudi-Arabien und Oman sollen nicht angeflogen werden, können aber in gewisser Höhe wieder überquert werden.
Die meisten halten sich daran. Die Golfairlines, allen voran Emirates und Etihad, versuchen ein Restangebot aufrechtzuerhalten – auch aus der Schweiz heraus. Teils sind die Maschinen fast leer, teils kommen sie gar nicht ans Ziel. So wie jener Emirates-Flug von Zürich, der nach mehreren Stunden Flug über Saudi-Arabien wieder umdrehen und zurück zu seinem Ausgangspunkt fliegen musste.
Ferien im Trump-Land: Nein danke!
Einen Einbruch bei den Passagierzahlen verzeichnen die Airlines auch auf den Flügen in die USA. Dort ist Reisen zwar nicht lebensbedrohend, aber wegen Donald Trump sonst abschreckend. Jedenfalls wollen viele Menschen ihre Ferien nicht mehr dort verbringen, Globetrotter-Chef André Lüthi spricht von einem «regelrechten Einbruch». In seinem Unternehmen sei der Umsatz mit USA-Reisen 2025 um gut 25 Prozent gesunken.
Eine Erholung ist 2026 nicht absehbar. Und das, obwohl Reisen in die USA selten so günstig waren wie jetzt. Die Airlines bieten Tickets zu Dumpingpreisen an, der Dollar ist im Keller.
Flüge wurden bis anhin nur selten gestrichen, auch wenn die Auslastung der Maschinen abgenommen hat. Denn der einigermassen konstante Geschäftsreiseverkehr, die bevorstehende Fussball-WM sowie die noch immer wachsende Zahl von Menschen aus den USA, die Europa bereisen, stabilisieren aus Airline-Sicht den Markt.
Gefahr im Osten, Ärger im Westen: Bleiben nun alle in der Schweiz, so wie während der Pandemie, oder wenigstens in Europa? Wohl kaum, davon geht jedenfalls André Lüthi aus und verweist auf all die unterschiedlichsten Ereignisse, die in den vergangenen 30 Jahren den Flugverkehr immer wieder kurzfristig haben einbrechen lassen: Es fing 1997 mit dem Attentat in Luxor an, es folgten der Terroranschlag aufs New Yorker World Trade Center, das Swissair-Grounding, die Sars-Krise, der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull oder die Covid-Pandemie.
Nach ein paar Wochen oder Monaten wurden wieder Reisen gebucht. «Der Mensch hat sich daran gewöhnt, dass alle paar Jahre etwas passiert und vergisst schnell.» Und er passt sich an. «Es gibt kaum eine Reisezurückhaltung – ausser natürlich in die direkt betroffenen Gebiete», sagt der Globetrotter-Chef. Auf dem Ticket steht neu vielleicht Bangkok statt Dubai. «Und die Reiserouten führen auf sicheren Wegen um den Krieg herum.»
Es gibt Verlierer und Gewinner
Es gibt Verlierer, wie die Golfdestinationen Dubai, Abu Dhabi oder Oman und die Fluggesellschaften Emirates, Etihad und Qatar Airways. Aber es gibt auch Gewinner. Thailand, Singapur und Istanbul, respektive ihre entsprechenden Airlines. Oder Addis Abeba.
Die Hauptstadt Äthiopiens hatte schon vor dem Kriegsausbruch im Iran Ambitionen, zu einem bedeutenden Luftfahrtdrehkreuz zu werden. Nun sind die Chancen gestiegen. Erst vor gut drei Jahren nahm Ethiopian Airlines eine Verbindung von Addis Abeba via Mailand nach Zürich auf. Zunächst wurde sie dreimal wöchentlich bedient, danach fünfmal, seit einigen Monaten sogar jeden Tag. Ein weiterer Ausbau ist nicht unwahrscheinlich.
Und auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr sieht Chancen. Während sich Swiss-Chef Jens Fehlinger vor zwei Wochen bei der Präsentation der Jahreszahlen zurückhielt und nicht von Opportunitäten sprechen wollte, zeigt sich sein Vorgesetzter in Frankfurt optimistischer. Gemäss Spohr liegen die Vorbuchungen für Direktflüge nach Asien 75 Prozent über dem Vorjahreswert. Und Direktflüge sind in der Regel teurer als Umsteigflüge über die arabischen Drehkreuze.
An der langfristigen Goldgräber-Stimmung in der Aviatik jedenfalls hat sich auch nach dem Kriegsausbruch im Iran wenig geändert. Diese Woche kommunizierte der internationale Airline-Verband Iata mit Sitz in Genf seine neue Wachstumsprognose: So soll sich bis 2050 die Nachfrage nach Flugreisen verdoppeln. Dies würden alle modellierten Szenarien vorhersagen. «Die Menschen wollen reisen», sagt Iata-Chef Willie Walsh. Das sei eine gute Nachricht.
Für Reisen in fremde Länder und Kulturen, für die persönlichen Erlebnisse legen die Menschen also auch ihre Vollkasko-Mentalität ab. Verzicht ist keine Option, zu gross der Hunger nach neuen Erfahrungen. Und nach grenzenloser Freiheit. (aargauerzeitung.ch)

