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Bild: dorothee piroelle/shutterstock.com/watson

Früher war sie Homöopathin – heute kämpft Natalie Grams gegen den Mythos der Globuli

19.03.2019, 13:4720.03.2019, 11:38
Felix Huesmann / watson.de

Die Wissenschaft sagt: Da ist nichts drin. Und trotzdem glauben viele an die Kräfte der Globuli. Die Ärztin Natalie Grams hat Jahre lang als Homöopathin gearbeitet. Eine Privatpraxis und einen festen Glauben an die Vorzüge der vermeintlich «sanften Medizin» inklusive. Heute ist sie eine laute Kritikerin der Homöopathie und legt sich öffentlich mit ihren alten Kollegen an.

Wir haben mit ihr über die Wirksamkeit der Homöopathie, Naturheilkunde und Berliner-Mauer-Globuli gesprochen.

Frau Grams, Sie sind Ärztin und waren Homöopathin. Heute sind Sie eine der lautesten Homöopathie-Kritikerinnen des Landes. Warum dieser Sinneswandel?
Natalie Grams: Ich wollte eigentlich ein Buch schreiben, das die Homöopathie verteidigt. Ich wurde vorher selbst für ein kritisches Buch über Homöopathie interviewt und habe das deshalb gelesen. Das hat mich zum ersten Mal wirklich mit Homöopathiekritik konfrontiert. Dieses Buch hat mich so wütend gemacht, dass ich mich erstmal in eine Rezensions-Schlacht auf Amazon gestürzt habe. Dann wurde ich noch wütender und dachte mir: jetzt reicht’s aber, ich muss den ganzen fiesen Skeptikern mal sagen, was an der Homöopathie so toll ist. Dadurch habe ich zum ersten Mal wirklich über die Homöopathie nachgedacht. Vorher habe ich das alles gelernt, akzeptiert und gut gefunden, aber nie kritisch hinterfragt. Am Ende kam dann ein homöopathiekritisches Buch dabei heraus und nicht die geplante Verteidigung.

Natalie Grams ist heute Autorin und Homöopathie-Kritikerin. Sie arbeitet unter anderem für die «Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften» und leitet das «Informationsnetzwerk Homöopathie».
Natalie Grams ist heute Autorin und Homöopathie-Kritikerin. Sie arbeitet unter anderem für die «Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften» und leitet das «Informationsnetzwerk Homöopathie».Bild: dorothee piroelle

Viele Homöopathen sagen: «Unseren Patienten hilft es, und wer heilt, hat recht.» Wo ist also das Problem?
Homöopathie hilft nachweislich nicht besser als Placebo. Placebo ist nicht nichts, aber eben etwas anderes als die spezifisch heilende Arzneitherapie, als die die Homöopathie versucht Recht zu bekommen. Es wird häufig behauptet, dass es auch positive Studien über die Wirksamkeit gibt. Das sind jedoch sehr wenige. Und je grösser und je methodisch einwandfreier Studien sind, desto weniger zeigen sie einen Effekt über den Placebo-Effekt hinaus.

In Globuli ist also nichts, das wirkt. Aber macht sie das gefährlich?
Ja. Es ist zwar im Gegensatz zu richtigen Medikamenten kein Wirkstoff drin, also auch nichts, das schaden könnte. Es kommt aber vor, dass durch Homöopathie eine wirklich wirksame Therapie unterlassen oder verzögert wird. Und das kann zu grossen Problemen führen. Vielfach lassen Leute sich auch nicht impfen, weil sie an die Wirkung von Homöopathie allein glauben. Das führt zu Gefahren für die ganze Gesellschaft.

«Die Homöopathie ist nicht nur eine Arzneilehre, sondern ein ganzes ideologisches Gerüst.»

Man begibt sich da in ein alternatives, esoterisches Denk-Gebäude. Das konnte man kürzlich bei einer Europawahl-Kandidatin der Grünen sehen, die schrieb, wir hätten alle ein «Energiefeld» und eine «Aura». So ein Glauben kann dazu führen, dass Menschen auch an anderen Stellen irrational handeln.

Viele «Alternativmediziner» und Homöopathen betonen, mit natürlichen Methoden und Wirkstoffen zu arbeiten. Sie halten das für Quatsch …
Die Homöopathie ist keine Naturheilkunde und ich will ihr diesen Heiligenstatus nehmen. Denn selbst wenn natürliche Ursprungsstoffe verwendet werden, ist davon am Ende nichts mehr in dem Präparat enthalten. Und der Körper kann sowieso nicht unterscheiden, ob ein Wirkstoff natürlichen Ursprungs ist, oder nicht. Entweder er stösst physiologische Reaktionen in unserem Körper an, oder nicht. Im besten Fall sind das positive Reaktionen. Aber auch ganz natürliche Wirkstoffe können sehr negative Reaktionen anstossen. Tollkirschen etwa, oder Fliegenpilze.

«Natürlich ist nicht automatisch gut.»

Ausserdem sind längst nicht immer natürliche Stoffe das Ausgangsprodukt für Homöopathie. Es gibt auch homöopathische «Medizin» aus Plastik, Röntgenstrahlen oder Berliner Mauer.

Wie bitte? Wogegen wird denn Berliner Mauer eingesetzt?
Zum Beispiel gegen das Gefühl der Ausgrenzung, Einsamkeit oder Ungerechtigkeit. Da gibt es aber sehr unterschiedliche Strömungen. Klassische Homöopathen würden das nicht verabreichen, andere schwören darauf.

Und Plastik?
Manche Menschen sind ja sehr sensitiv, was Plastik oder Elektrosmog angeht – Letzteres gibt es auch als homöopathisches «Medikament». Und wenn man als Homöopath bei einem Patienten das Gefühl hat, dass er mit Mikroplastik oder Elektrosmog kontaminiert ist, dann kann man das geben, um die Stoffe aus dem Körper «auszuleiten».

Kurz erklärt: Das Prinzip der Homöopathie
Um homöopathische «Medizin» herzustellen, wird der Ausgangsstoff «potenziert», wie es im Sprachgebrauch der Homöopathie heisst. Das bedeutet: Der Stoff wird immer wieder verdünnt. Zwischen den Verdünnungsschritten wird die Flüssigkeit geschüttelt. Eine handelsübliche «C30»-Potenz ist um den Faktor 1:1060 verdünnt. Bei so einer starken Verdünnung ist kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr nachweisbar. Wirken soll das trotzdem, weil Wasser in der homöopathischen Denkweise ein Gedächtnis hat. Wissenschaftliche Studien sagen jedoch klar: Das einzige, das hier noch wirkt, ist der Placebo-Effekt.

OK, zurück zur Natur: Gegen natürliche Heilmittel ist aber nichts einzuwenden, oder? Heilkräuter, Ingwertee mit Honig gegen Halsschmerzen…
Nein, überhaupt nicht. Ich finde nur die Verwechslung der Naturheilkunde mit der Homöopathie schlimm, weil sie der Naturheilkunde Unrecht tut. Es gibt total potente Heilpflanzen, die physiologisch wirksam sind. Ingwer kann beispielsweise bei Übelkeit als Nebenwirkung einer Chemotherapie helfen, Johanniskraut bei leichten Depressionen, oder Lavendelöl bei Unruhezuständen. Da wirkt aber auch nicht «die Natur», sondern es wirken chemische Inhaltsstoffe dieser Pflanzen, genauso wie bei «nicht natürlichen» Medikamenten.

Der Gegenpol der Homöopathie ist also nicht, möglichst viele «chemische» Medikamente zu verschreiben.
Nein. Dazu habe ich neulich eine sehr lustige Beobachtung im Zug gemacht. Neben mir sass eine Dame, die alle zehn Minuten Globuli einwarf.

«Dieses andauernde Globuli-Nehmen gegen jedes Wehwehchen und Bagatellchen ist typisch Homöopathie.»

Auch in der Medizin verschreiben wir sicherlich manchmal zu viel. Zu viele Antibiotika, zu viele Antidepressiva. Aber das macht erstens die Homöopathie nicht wirksamer, und zweitens kenne ich wenige Stellen in der Homöopathie, an der gesagt wird: Ach, gib mal lieber nichts. Patienten haben das Gefühl, immer etwas nehmen zu können, nach einer kleinen Symptom-Recherche. Gerade auch bei Kindern erzeugt man so letztlich eine Medikamentenabhängigkeit – es muss immer etwas gegeben werden, statt zu lernen, auf die Selbstheilung des Körpers zu vertrauen.

Die wissenschaftliche Position zur Wirksamkeit von Homöopathie ist relativ klar. Warum hat die Homöopathie trotzdem so viele Fans?
Es gab zwar immer Kritiker der Homöopathie, das positive, Lobby-geprägte Bild hat aber überwogen: Das ist sanft, das ist natürlich und gut, das schadet euch nicht, es ist günstig und ihr könnt selbst entscheiden. Das sind total positive Attribute und ich verstehe, dass man dem gerne glauben möchte – gerade im linksalternativen und grünen Spektrum, wo es viel um Selbstbestimmung und natürliche Freiheit geht, positiv gemeint. Tatsächlich ist die Homöopathie aber sehr dogmatisch und schreibt strikt vor, was man tun darf und was nicht. Wir Kritiker schaffen es im Moment endlich immer mehr, diese unwissenschaftliche und dogmatische Seite der Homöopathie darzustellen und an dem weit verbreiteten Glauben zu kratzen. Die Homöopathie wurde noch nie so offen in Frage gestellt wie heute.

Homöopathie wird oft als «sanfte Medizin» bezeichnet. Viele Homöopathie-Anhänger sind im Umgang mit Kritikerinnen wie Ihnen jedoch alles andere als sanft. Was für Reaktionen erleben Sie, seitdem sie die Homöopathie kritisieren?
Ich bin damals sehr naiv darangegangen. Ich dachte, wenn ich das alles nicht wusste, dann wussten meine Kollegen das vielleicht auch nicht, sind aber genauso an den Fakten interessiert wie ich. Meine Vorstellung war: Wir denken jetzt alle gemeinsam neu über die Homöopathie nach. Das war leider ein sehr naiver Ansatz, das hat überhaupt nicht funktioniert.

«Mir wurde von Anfang an Verrat vorgeworfen.»

Die Leute wollten nicht mehr mit mir reden. Und im Grunde genommen ist es bis heute dabei geblieben. Es wird stets meine Person angegriffen, statt über die Sache zu sprechen. Da wird dann behauptet, ich sei nicht kompetent und hätte gar keine Ausbildung. Mir wird vorgeworfen, ich würde für meine Kritik bezahlt, oder sei damals einfach nicht erfolgreich gewesen. In diesen Diskussionen ist viel Spielraum nach unten, nach oben habe ich leider noch nicht viel Positives erlebt.

Das klingt ja fast wie ein Ausstieg aus Scientology…
Ja, wirklich. Ich meine ich kann das gut verstehen, wenn man wütend ist, weil der eigene Glauben angegriffen wird. Das ging mir ja auch so, aber ich habe das nicht an einem Menschen ausgelassen, sondern ich habe angefangen, mich ernsthaft mit der Materie auseinanderzusetzen.

Als positiver Aspekt wird häufig betont, dass sich Homöopathen und Naturheilkundler deutlich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen, als klassische Hausärzte. Die Patienten fühlen sich dort besser betreut. Was müsste sich in der Medizin verändern, um dieses Patientenvertrauen zurückzugewinnen?
Wir müssen es in der Medizin schaffen, wieder menschlicher zu werden und zu erkennen, wenn Patienten mehr Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Ein Arzt muss die Möglichkeit haben, einen Patienten für eine Extra-Sprechstunde einzubestellen, eine halbe Stunde Zeit mit ihm zu verbringen und das auch abrechnen zu können. Wenn das gegeben wäre, würden sich glaube ich viel weniger Menschen abwenden und nach wirkungslosen, aber irgendwie freundlicheren Alternativen suchen. Das würde aber auch bedeuten, dass wir ein anderes Finanzierungssystem für unsere Medizin brauchen. Wenn man eine halbe Stunde mit einem Patienten spricht und sich währenddessen die anderen Patienten im Wartezimmer stapeln, ist auch niemandem geholfen. Das ganze System müsste verändert werden, aber das ist nicht unmöglich.

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