bedeckt, etwas Schnee
DE | FR
35
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wissen
International

Menstruation: Nur, weil sie ihre Tage haben

Mestuation / Periode
Mehr als nur Blut: In einigen Gesellschaften werden Frauen während ihrer Periode ausgegrenzt.Bild: shutterstock.com

Nur, weil sie ihre Tage haben

08.03.2020, 19:03

Während ihrer Periode hat Kamala Dhami immer Angst. In der kleinen fensterlosen Hütte, in der sich die 21-Jährige verstecken muss, könnte sie im Winter erfrieren, wenn sie auf dem Boden schläft, oder ersticken, wenn sie ein Feuer macht. Im Sommer könnten sie Schlangen beissen. Und dann sind da die betrunkenen Männer, die ab und zu kommen.

Dhami lebt im Dorf Jayaprithvi in Nepal. Dort müssen Mädchen und Frauen in eine Menstruationshütte, wenn sie ihre Tage haben. Dhami sagt: «Wenn Frauen bluten, sind sie schmutzig. Und unser Gott mag Blut und Dreck nicht.»

epa07308059 (FILE) - Pabitra Devi Jaisi (R), aged 29, and Sarada Jaisi (L), aged 30, share a tiny community 'Chapuadi' hut with their children at Mastamandali village in Acham disctrict, Nepal, 24 Sep ...
Blick in eine Menstruationshütte in Mastamandali, Nepal.Bild: EPA/EPA

Geschätzte 1,9 Milliarden Frauen – ein Viertel der Weltbevölkerung – bekommen ihre Tage. Eigentlich sollte das kein Tabu-Thema sein. Doch das ist es in den meisten Regionen der Welt, oft mit schlimmen Folgen. Ob Menstruationshütten in Nepal oder Sex für Binden in Kenia, das Tabu um die Menstruation «führt zu Stigma und Diskriminierung gegen Mädchen und Frauen», erklärt Agnes Makanyi vom Uno-Kinderhilfswerk.

Im zutiefst patriarchalen Nepal kann die Tradition der Menstruationshütte tödlich sein. Jedes Jahr sterben mehrere Frauen und Mädchen in den Hütten, etwa weil sie von Tieren gebissen werden oder zu viel Rauch einatmen.

Eigentlich ist der Brauch seit 2018 verboten. Einer Studie im Fachblatt «Sexual and Reproductive Health Matters» zufolge war dies auch mehr als der Hälfte der betroffenen Frauen bewusst, viele hielten trotzdem daran fest. Für Forscherin Jennifer Thomson ist klar: Hilfsorganisationen müssen mehr tun, um das Stigma rund um die Menstruation zu bekämpfen.

Stillschweigen und Schamgefühl

Auch im ostafrikanischen Kenia ist die monatliche Blutung noch immer in Mythen und Stillschweigen gehüllt. Dort ist die Armut – mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze – mit dem Schamgefühl rund um die Periode eng verknüpft.

«Es ist so ein Tabu, dass man verstecken muss, dass man seine Tage hat», erklärt Camilla Wirseen von der Organisation The Cup. «Das bedeutet, dass Mädchen extreme Massnahmen ergreifen, um an Binden zu kommen.»

epa07308061 (FILE) - Naru Saud, aged 21, sits in a 'Chaupadi' shed with her two-year-old son in Biraltoli village in Acham district, Nepal, 19 September 2017 (issued 22 January 2019). 'Chaupadi Pratha ...
Naru Saud sitzt mit ihren Kindern in einer Menstruationshürre in Biraltoli, Nepal. Bild: EPA/EPA

Eine Packung mit zehn Binden kostet in Kenia zwischen 50 und 120 Schillinge (45 Rappen bis 1 Franken). Bei dem Gedanken seufzt Melody Mmboga. Die 20-Jährige verdient 4000 Schillinge im Monat. Das muss für sie und ihre einjährige Tochter Praise reichen. Hilfe bekommt sie von keinem, ihre Eltern sind bereits gestorben.

«Manchmal ist das Leben so schwer, dann kann ich mir die 50 Schillinge für Binden nicht leisten. Dann benutze ich einfach Lumpen», sagt sie. Lumpen, Kuhmist, Stofffetzen, Zeitungspapier, Federn, Schwämme, Toilettenpapier - Frauen in Entwicklungsländern nutzen alles Mögliche als Binden-Ersatz.

Binden gegen Sex

Laut einer Studie von Penelope Phillips-Howard, einer britischen Expertin für öffentliche Gesundheit, benutzt ein Viertel der 3400 befragten Kenianerinnen statt Binden andere Materialien. Viele Mädchen verpassen aus Scham oder Angst, man könne Blutflecken sehen, während ihrer Tage auch oft den Unterricht.

Von den Kenianerinnen, die Binden nutzen, zahlen einige einen hohen Preis: Sex. Weil sie sich keine Binden leisten können, wenden sich manche an Männer, die ihnen gegen Geschlechtsverkehr Geld geben. Manchmal sind es kurze Begegnungen, manchmal längere Beziehungen, in die sich Frauen begeben.

Laut der Studie von Phillips-Howard haben 1,3 Prozent der Befragten Sex, um an Geld für Binden zu kommen. Bei den 15-Jährigen seien es zehn Prozent.

Auch die 20-jährige Mmboga hatte angefangen, den Vater ihrer Tochter Praise zu treffen, weil sie finanzielle Probleme hatte. Sie blickt zu ihrer Einjährigen, die friedlich auf ihrem Schoss sitzt. Sie sei Jungfrau gewesen, als er sie eines Tages vergewaltigte, erinnert sich Mmboga. «Er gab mir danach Geld, also schwieg ich.» Nachdem sie ihm von der Schwangerschaft erzählt habe, sei er verschwunden.

Fehlende Toiletten

Auch in Indien hat das Menstruations-Stigma oft verheerende Nachteile für Mädchen. Etwa verpasst dort jedes vierte Mädchen nach Angaben der Behörden während ihrer Periode die Schule. Das liege vor allem an fehlenden Toiletten, sagt Aditi Gupta.

Sie und ihr Ehemann haben die Firma Menstrupedia gegründet und einen Comic kreiert, der Kinder über Menstruation aufklärt und inzwischen nach eigenen Angaben in mehr als 7500 Schulen genutzt wird. Denn aus Guptas Sicht hängt der Aberglaube rund um die Menstruation auch damit zusammen, dass viele Inder nicht wissen, warum Frauen jeden Monat bluten.

Der Mann und die Binden: «Padman»

Inzwischen wird das Tabu im konservativen Indien immer öfter gebrochen. 2018 kam der Bollywood-Film «Padman» («Binden-Mann») in die Kinos. Er erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines Mannes, der günstige Binden erfand, die sich auch arme Frauen auf dem Land leisten konnten. Denn in Indien nutzen laut einer Behörden-Umfrage rund die Hälfte aller Frauen und Mädchen Lumpen, um das Monatsblut aufzufangen.

In Kenia ist Wirseen von der Organisation The Cup überzeugt, dass die Menstruationstasse viele Probleme lösen könnte. Der kleine Plastikbehälter, der in die Scheide eingeführt wird, ist wiederverwendbar und hält, wenn man ihn regelmässig wäscht, mehrere Jahre.

Die Organisation hat bislang laut Wirseen 20'000 Mädchen erreicht. Eine davon ist die 17-jährige Nancy Akinyi Muga. «Meine Mutter kaufte früher die Binden für mich», sagt sie. Das sei eine grosse finanzielle Belastung gewesen. Doch nun habe sie mit der Menstruationstasse keinen Bedarf an Binden mehr, sagt sie begeistert und zeigt den kleinen rosafarbenen Behälter. «Es hat wirklich mein Leben verändert!» (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Zwei Teenagerinnen kämpfen mit dem Spiel «Tampon Run» gegen ein gesellschaftliches Tabu

1 / 9
Zwei Teenagerinnen kämpfen mit dem Spiel «Tampon Run» gegen ein gesellschaftliches Tabu
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Unsere Männer testen ein Schmerztherapiegerät für Frauen

Das könnte dich auch noch interessieren:

35 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Peedy
08.03.2020 19:52registriert Januar 2017
„Und dann sind da die betrunkenen Männer, die ab und zu kommen.
...
Dhami sagt: «Wenn Frauen bluten, sind sie schmutzig. Und unser Gott mag Blut und Dreck nicht.»“

Bitte was? Frauen sind schmutzig während ihrer Tage aber für Sex (bzw. Vergewaltigung) sind sie dann wieder gut genug? Manchmal würde ich gerne mehr kotzen als ich essen kann...
40129
Melden
Zum Kommentar
avatar
Utschli
08.03.2020 19:24registriert September 2016
Einfach nur widerlich! (Nicht die Menstruation, der Umgang damit) Aus allem was wir Menschen doch Probleme machen, dabei gibts ja genug reale Probleme...
27727
Melden
Zum Kommentar
avatar
Gähn on the rocks änd röll
08.03.2020 19:40registriert Februar 2016
und wieder ein brauch um frauen zu demütigen und klein zu halten.
wirklich widerlich.
25529
Melden
Zum Kommentar
35
Die Plastiksammel-Könige der Schweiz und in welchen Orten es nicht mal eine Sammlung gibt
Ein Verein will die Schweiz zur Plastik-Sammel-Nation machen. Das herrschende Mosaik von Anbietern soll durch eine schweizweite Lösung abgelöst werden – das stösst auch auf Widerstände. Doch die Entwicklung ist klar.

Tragetaschen, Gemüsesäckli, Folien, Früchteschalen, Guetzliverpackungen, Plastikbecher oder Nachfüllbeutel – alles besteht aus Plastik. Aufgrund der vielseitigen Anwendungen ist das Produkt weiterhin sehr beliebt. Das Problem ist nur: Es ist auch sehr langlebig. In den Weltmeeren liegen gemäss Schätzungen schon 150 Millionen Tonnen. Und es werden jährlich mehr. Eine Plastikflasche bleibt rund 450 Jahre am Meeresgrund.

Zur Story