DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein russisches Chemiewaffen-Lager in Saratov im Jahr 2000 (Archivbild).
Ein russisches Chemiewaffen-Lager in Saratov im Jahr 2000 (Archivbild).
Bild: AP/AP

Nowitschok – was du über den russischen Killer wissen musst

Es ist eines der tödlichsten Nervengifte, verursacht einen grausamen Tod und stammt ursprünglich aus sowjetischen Labors: Nowitschok. Nun wurde Putin-Gegner Alexej Nawalny damit vergiftet.
03.09.2020, 11:06

Der russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist seit zwei Wochen im Koma. Er wurde zunächst im sibirischen Omsk behandelt, bevor er auf Drängen seiner Familie ins Berliner Universitätsspital Charité versetzt wurde.

Gestern Mittwoch gab nun die deutsche Bundesregierung bekannt, dass bei Nawalny «der zweifelsfreie Nachweis» eines chemischen Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe erbracht wurde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Mittwoch von einem «versuchten Giftmord» an einem der führenden Oppositionellen Russlands: «Er sollte zum Schweigen gebracht werden.» Gemeinsam mit den Partnern in der Nato und EU werde man nun beraten und über eine gemeinsame Reaktion entscheiden.

Aber was sind Nowitschok-Nervengifte überhaupt und wie wirken sie? Wir haben die wichtigsten Fragen dazu zusammengetragen.

Was ist Nowitschok?

Nowitschok bedeutet auf Russisch so viel wie Anfänger oder Neuling. Der Begriff steht für eine Gruppe stark wirksamer Nervengifte und -kampfstoffe. Es existieren hunderte chemische Varianten davon – alle sind um ein Vielfaches toxischer als zum Beispiel Sarin.

Das Nervengift kann entweder als Gas, Flüssigkeit oder feines Pulver eingesetzt werden. Das letzte Mal, als ausführlich über Nowitschok berichtet wurde, war im Jahr 2018, als in Grossbritannien der russische Ex-Agent Sergej Skripal und dessen Tochter damit vergiftet wurden.

Wie wirkt Nowitschok?

Die Nowitschok-Nervengifte blockieren die Produktion des Enzyms Cholinesterase. Dieses Enzym wird im Stoffwechsel benötigt, um den Abbau des Neurotransmitters Acetylcholin voranzutreiben. Wird dieser Botenstoff nicht mehr abgebaut, wird das Nervensystem ungehemmt mit Reizen bombardiert, die Signalwege werden völlig überlastet und spielen verrückt.

Körpergewebe, Muskeln und Organe werden mit Nerveninformationen überschüttet. Es kommt zu einem verstärkten Speichelfluss und zu Atemproblemen, weil der Vergiftete seine Atemmuskulatur nicht mehr kontrollieren kann. Die Hemmung der Atmung und Lähmung des Herzmuskels können zum Tod führen, wenn die Vergiftung nicht behandelt wird. Zu den typischen Symptomen werden auch Erbrechen und Schaum vor dem Mund gezählt.

Nowitschok zählt zu den stärksten Nervengiften überhaupt, die mittlere letale Dosis bei Hautkontakt liegt etwa bei einem bis zehn Milligramm, je nachdem welche Nowitschok-Verbindung vorliegt. Zum Vergleich: Bei Sarin sind dafür über 1000 Milligramm nötig.

Wie wird eine Vergiftung behandelt?

Zuerst muss sichergestellt werden, dass der Patient durch die Muskelverkrampfungen der Atemwege nicht erstickt. Deswegen wurde Nawalny sofort künstlich beatmet.

Sanitäter tragen die Spezialtrage, mit der Nawalny ins Charité eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen.
Sanitäter tragen die Spezialtrage, mit der Nawalny ins Charité eingeliefert wurde, zurück in den Krankenwagen.
Bild: keystone

Die eigentliche Vergiftung kann man relativ gut mit Gegengiften wie Atropin behandeln, sofern sie schnell genug entdeckt wurde, sagt etwa Toxikologe Martin Göttlicher, Leiter des Instituts für Toxikologie des Helmholtz Zentrums in München gegenüber «T-Online».

Die Sorge bestehe aber, dass langfristige Schäden wie beispielsweise eine Muskelschwäche oder eine Gedächtnisstörung bleiben. Im Fall Nawalny ist der Ausgang noch offen, er befindet sich momentan im Koma. Eine vollständige Erholung kann aber dauern, Göttlicher spricht von etwa einem halben bis ganzen Jahr.

Was ist der Ursprung der Nervengifte?

Sowjetische Chemiker tüftelten seit Anfang der 70er Jahre an den Nowitschok-Verbindungen. Ziel war es, eine neue Generation von Kampfstoffen zu entwickeln, die nur schwer nachweisbar sein sollten. Resultat der Forschung ist eine ganze Reihe an Nervengiften, die unter dem Namen Nowitschok zusammengefasst werden. Allerdings waren viele dieser Gifte für den tatsächlichen Einsatz ungeeignet, unter anderem weil sie zu instabil waren.

Wladimir Uglew war der erste Chemiker, der die Nowitschok-Verbindung A-234 im Jahr 1975 synthetisierte.
Wladimir Uglew war der erste Chemiker, der die Nowitschok-Verbindung A-234 im Jahr 1975 synthetisierte.
Bild: AP/Vladimir Uglev

Gemeinsam haben alle, dass sie die Acetylcholinesterase hemmen und auf organischen Phosphorverbindungen basieren. Letzteres, weil die Produktion der Nervengifte so als ziviles Forschungsprogramm getarnt werden konnte und damit nicht von ausländischen Geheimdiensten oder forensischen Experten nachgewiesen werden konnte.

Die Existenz der Nervengifte wurde erst im Oktober 1991 durch die Enthüllungen des russischen Chemikers Wil Mirsajanow der Öffentlichkeit bekannt.

Kann man den Giftstoff in der Küche produzieren?

Nein, so einfach geht es nicht. Man braucht für die Herstellung ein gut ausgerüstetes chemisches Labor und fundiertes chemisches Wissen – ein Hochsicherheitslabor werde aber nicht benötigt, sagt Toxikologe Göttlicher. Vor allem aber brauche man jemanden, der bereit ist, viel Energie in die Herstellung zu investieren. Und weiter: «Das muss nicht unbedingt ein Staat sein. Aber es braucht eine gewisse Logistik dafür – und dass das langfristig unentdeckt bliebe, wäre wirklich schwer.»

Ralf Trapp, ehemaliger Berater bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), sieht es ähnlich: In einem Interview mit «Vice» sagt er, dass man zwar relativ einfach an die Grundstoffe kommt – vorausgesetzt, man hat Zugriff auf eine Chemieindustrie –, die grösste Schwierigkeit bestehe hingegen bei der richtigen Zusammensetzung des Giftstoffs. Man müsse sich gut auskennen und lange forschen, bevor es klappe. Er bilanziert: «Ich glaube, dass nicht allzu viele Labore so etwas können.»

Ob es der gleiche Stoff war, mit dem Skripal im Jahr 2018 vergiftet wurde, kann man noch nicht sagen. Göttlicher dazu: «Der Nachweis dürfte aber schwer sein. Nowitschoks sind eine Klasse von Substanzen. Die Analytiker haben sich darauf festgelegt, dass der Stoff in diese Klasse gehört. Ob das ganz genau derselbe Stoff ist, wissen wir derzeit noch nicht.»

Russland weist Anschuldigungen zurück
Die russische Staatsführung hat Anschuldigungen zu einer möglichen Verwicklung in den Fall des vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny zurückgewiesen. «Es gibt keinen Grund, dem russischen Staat etwas vorzuwerfen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Tass zufolge. Peskow sagte weiter, dass der Fall niemandem Vorteile bringe. «Ich glaube nicht, dass das für irgendjemanden nützlich ist – wenn man ganz nüchtern auf das Geschehene blickt.» Es gebe keinen Anlass für eine Erklärung des Staatschefs, zudem seien auch keine Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu geplant. (sda)
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wahlen in Russland: eine Bilderreise

1 / 14
Wahlen in Russland: eine Bilderreise
quelle: epa/epa / yuri kochetkov
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Russland veröffentlicht geheime Bilder der «Zar-Bombe»

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel