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Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was hier eigentlich los ist inmitten dieses immensen Fleischhaufens, den Agnolo Bronzino 1569 gemalt hat.
Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was hier eigentlich los ist inmitten dieses immensen Fleischhaufens, den Agnolo Bronzino 1569 gemalt hat.
bild: wikimedia
RIP LOL

Warum dieser Märtyrer der Schutzpatron der Köche und Komödianten ist

14.02.2021, 18:2315.02.2021, 13:31

Man kann sterben, wenn man versucht, eine Taschenbibel zu schlucken. Oder wenn man sich das Pinkeln vor lauter Etikette verkneift. Auch nicht unbedingt empfehlenswert ist es, dem Tango zuliebe das Kinn stolz zu erheben und den Blick zur Decke zu richten, denn es kann sein, dass man sich im fünften Stock befindet und geradewegs aus dem offen stehenden, bodentiefen Fenster heraustänzelt.

Auf ganz vielen Ebenen ist Analsex mit einem Pferd verkehrt. Sei gewarnt, die Gartenschnecke, die man für eine Mutprobe heruntergewürgt hat, kann sich auch acht Jahre später noch rächen. Und selbst wenn deine Scheiben bruchsicher sind, solltest du es im 24. Stock eines Hochhauses nicht unbedingt darauf ankommen lassen. Denn sie mag zwar tatsächlich nicht zerbrechen, wenn du dich dagegen wirfst, stattdessen aber vollkommen unversehrt aus dem Rahmen springen.

Willkommen zur Artikel-Reihe RIP LOL – Tode, die nicht ganz so würdig, dafür umso sinnloser sind. Die Frauenquote, das sei schon mal vorausgeschickt, wird gleich null sein, was in diesem Fall doch ziemlich schmeichelhaft ist.

RIP LOL
Die Entstehung dieses Formats ist unserem ehemaligen «Enthüller»-Kollegen zu verdanken. Claudio Gagliardi ist aus Gründen, die er hier lieber nicht nennen möchte, auf eine Liste mit besonders kuriosen Todesfällen gestossen, aus der wir uns nun wacker bedienen, um euch in diesen nicht ganz einfachen Zeiten ein wenig zu erheitern. Manch einem mag dies entschieden zu morbide sein, dann bitte nehmt uns die Grenzübertretung nicht allzu übel, über Humor lässt sich bekanntlich streiten.

Den Anfang machen selbstredend die alten Römer, da wurde noch weitaus dramatischer gestorben. Besonders, wenn man Christ war im Jahr 258 unter Kaiser Valerian, der ob ihrer Ausbreitung so sehr zitterte, dass er sie unter Androhung der Todesstrafe zwang, den Göttern einen Treueeid zu schwören.

Doch die frühen Christen waren fest in ihrem Glauben, so fest, dass sie auch den Tod nicht fürchteten. Und so knickten sie auch nicht ein, als Valerian dazu überging, ihre Führungsspitze auszudünnen.

Cyprian, den Bischof von Karthago, enthauptete man, nachdem er dem römischen Statthalter gesagt hatte, dass er nur den einen und wahren Gott kenne, denjenigen nämlich, der Himmel und Erde, das Meer und alle Lebewesen darin geschaffen habe.

Daraufhin folgte Sixtus II.. Die Häscher zerrten den Bischof von Rom und die vier anwesenden Diakone aus ihrem Gottesdienst und richteten sie allesamt sofort hin.

Die «sixtinische Madonna» (1512) des italienischen Renaissancemeisters Raffael: Links sehen wir Sixtus II., den Bischof von Rom, nach dem das Bild auch benannt wurde.
Die «sixtinische Madonna» (1512) des italienischen Renaissancemeisters Raffael: Links sehen wir Sixtus II., den Bischof von Rom, nach dem das Bild auch benannt wurde.
bild: wikimedia

Nicht so sehr die Tatsache, dass Sixtus II., geköpft wurde, sondern dass er selbst diesen Märtyrertod nicht ebenso sterben durfte, liess nun Laurentius von Rom arg verzweifeln. Als Archidiakon war er doch die rechte Hand des Bischofs, der Verwalter des Kirchenschatzes, warum bloss verschonte man ihn?

«Gräme dich nicht!», tröstete ihn daraufhin der selige Bischof des Nachts im Traume, «in vier Tagen schon wirst du mir nachfolgen.»

Und tatsächlich, bereits am nächsten Morgen standen Valerians Männer vor seinem Tor und verlangten die Herausgabe der kirchlichen Reichtümer. Doch dieser gab sie auch unter den Peitschenhieben der Folterknechte nicht preis. Er erbat sich stattdessen drei Tage Bedenkzeit, die ihm der Kaiser gewährte. Zu bedenken hatte er allerdings wenig, denn er wusste ganz genau, was zu tun war.

So machte sich Laurentius eilends daran, alles Gold und Silber, die Juwelen und Smaragde der Kirche an die Armen der Stadt zu verteilen, die darin einen überzeugenden Beweis für die Existenz und Richtigkeit des Christengottes sahen. Und als die Frist schliesslich abgelaufen war, präsentierte er dem Kaiser jene reichlich beschenkte Schar von Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen als den «wahren Schatz der Kirche».

Der heilige Laurentius verteilt die Schätze der Kirche an die Armen. Gemälde von Bernardo Strozzi.
Der heilige Laurentius verteilt die Schätze der Kirche an die Armen. Gemälde von Bernardo Strozzi.
bild: wikimedia

Diese unverhohlene Dreistigkeit erboste den Kaiser so sehr, dass er den Archidiakon mit Bleiklötzen schlagen und zwischen glühende Platten legen liess. Doch die grausamen Qualen befeuerten einzig Laurentius' Glaubenseifer, mitnichten würde er den Göttern der Heiden opfern, viel süsser schien ihm die Pein zu sein, die er im Namen seines Herrn nicht nur empfing, sondern in die er sich regelrecht hineinschmiegte, als wäre sie ein Mantel aus feinstem Samt.

Valerian ertrug diese für ihn so schmähliche Darbietung nicht länger. Und weil ihm und seinem ganzen Wesen die genüssliche Schmerz-Suhlerei seines Widersachers fremder nicht sein mochte, glaubte er noch immer daran, den Mann brechen zu können.

Am spektakulärsten würde ihm das mit einem riesigen Eisenrost gelingen, auf dem er Laurentius zu braten gedachte.

Der Henker schürte das Feuer und als es zur Zufriedenheit des Kaisers gierig zu züngeln begann, kettete man den Unerschütterlichen an die Eisenstäbe.

«Das Martyrium des heiligen Laurentius», gemalt vom italienischen Renaissancemeister Tizian, befindet sich in der Chiesa dei Gesuiti in Venedig.
«Das Martyrium des heiligen Laurentius», gemalt vom italienischen Renaissancemeister Tizian, befindet sich in der Chiesa dei Gesuiti in Venedig.
bild: wikimedia

Dieser nun legte sich lächelnd nieder auf sein glühendes Sterbebett und meinte nach einer geraumen Weile:

«Henker, man möge mich wenden, der Braten ist auf dieser Seite schon gar!»
Laurentius von Rom

Und mit diesem Witz verliess der Märtyrer die Welt, sein Name aber verbleibt ewig darin und wird nicht nur von gläubigen Christen verehrt, sondern ebenso von Köchen und Komödianten, zu deren Schutzpatron er durch sein bemerkenswertes Sterben auf offenem Feuer erhoben wurde.

Das Martyrium des heiligen Laurentius, wie es sich der frühbarocke Italiener Orazio Borgianni vorgestellt hat.
Das Martyrium des heiligen Laurentius, wie es sich der frühbarocke Italiener Orazio Borgianni vorgestellt hat.
bild: wikimedia
Wahrheitsbox
Natürlich wurden die Leidensgeschichten der christlichen Märtyrer vielfach ausgeschmückt, um deren Standhaftigkeit im Glauben noch ein wenig eindrücklicher zu gestalten. Im Fall von Laurentius von Rom ist es möglich, dass die ganze Sache mit dem Eisenrost auf einen Transkriptionsfehler zurückzuführen ist. So zumindest sieht es der Historiker Patrick J. Healy. Er glaubt, dass Laurentius ebenso wie Cyprian von Karthago und Sixtus II. von Rom gemäss dem kaiserlichen Edikt Valerians enthauptet wurde.
Denn in den christlichen Quellen werde der Märtyrertod üblicherweise mit der feierlichen Form «passus est» (er litt, d.h. er wurde gemartert) angekündigt. So wie im Liber Pontificalis (Buch der Päpste), wo der Begriff für Laurentius Tod und den vier Tage zuvor enthaupteten Sixtus gleichermassen Verwendung finde.
Ginge hier nun aber das «p» verloren und würde nur noch «assus est» (er wurde geröstet) gelesen, liesse sich die Erzähltradition mit dem zu Tode gebratenen Laurentius einfach erklären.
Doch selbst wenn die Geschichte von Laurentius' Martyrium nicht ganz der Wahrheit entsprechen sollte, so hat es doch unzählige Künstler inspiriert. El Escorial in Madrid beispielsweise wurde zu seinen Ehren in Form eines Gitters erbaut. Denn Philipp II. von Spanien hatte am 10. August 1557, also dem Tag des Laurentius-Festes, den französischen König Heinrich II. besiegt und gelobte darum, dem Heiligen ein Kloster zu bauen.
Die Palast- und Klosteranlage Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial, die in den Jahren 1563 bis 1584 auf Initiative des Königs Philipp II. entstand.
Die Palast- und Klosteranlage Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial, die in den Jahren 1563 bis 1584 auf Initiative des Königs Philipp II. entstand.
Bild: Shutterstock
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