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Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten. Die heutige Geschichte hat sich User Gzuz187ers gewünscht, weil im letzten Quizz den Huber danach gefragt wurde.

Papst Stephan VI. hatte ein Problem. Nun haben das alle Menschen zu allen Zeiten, doch im Jahr 896 – also vor 1122 Jahren – zweifelte man die Rechtmässigkeit seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an. Und wenn ein Mann, der es schon so weit gebracht hat, in seiner Stellung bedroht wird, dann empfindet er die Gefahr natürlich als höchst existentiell. Was sie im Übrigen auch tatsächlich war in einer Welt, wo Päpste, Könige und Kaiser einander ständig bekriegten und nach dem Leben trachteten. 

Nun gab es im damaligen Kirchenrecht ein Gesetz, das einem Bischof verbot, seine Diözese (Amtsgebiet) zu wechseln. Stephan VI. war bereits Bischof von Anagni, als er zum Papst gewählt worden war. Als höchster Amtsträger der Kirche aber wurde er damit auch automatisch zum Bischof von Rom ernannt und sah sich deshalb gezwungen, seinen früheren Posten aufzugeben. Besagtes Gesetz jedoch verbot eben diese Versetzung – zur Drosselung des klerikalen Ehrgeizes. Denn vor Stephan VI. kamen die Päpste in der Regel aus den niedrigeren Reihen der Priester. Nur sein Vorgänger, Papst Formosus, hatte zuvor auch schon ein Bischofsamt inne. 

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Als ahnte er, was ihm nach dem Tode alles blüht: Papst Formosus (816 – 896). bild: wikimedia

Formosus war es auch, der Stephan VI. überhaupt erst zum Bischof ernannt hatte. Diesem Schuft hatte er das Dilemma also zu verdanken. Und er sollte ihm da auch wieder heraushelfen.

Um seine Haut zu retten, tut der Mensch bekanntlich vieles: Stephan VI. seinerseits holte den bereits verwesenden Formosus aus seiner Gruft, liess ihn in päpstliche Gewänder kleiden – und setzte ihn auf den Thron. 

Drei Tage lang dauerte der Prozess, in dem die Leiche förmlich angeklagt wurde. Drei Tage lang starrte Stephan VI. in die leeren Augenhöhlen seines Vorgängers. Am Ende wurde der tote Formosus für abgesetzt erklärt, womit auch gleich all seine zu Lebzeiten getätigten Amtshandlungen ihre Gültigkeit verloren. 

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Der seit neun Monaten tote Papst Formosus und sein Kläger Stephan VI. Historisierende Phantasiedarstellung der Leichensynode in einem Gemälde von Jean-Paul Laurens, 1870. bild: wikimedia

Wie praktisch für Stephan VI, dessen Ernennung zum Bischof von Anagni nun gar nie stattgefunden hatte. Sein Problem war gelöst. Fortan sollte niemand mehr sagen dürfen, er trage den Titel des Pontifex Maximus nicht mit Recht. 

Der vor sich hin rottende Formosus allerdings sah der Spiegelstrafe entgegen. All seine Vergehen sollten sichtbar, ja geradezu unmöglich gemacht werden. Man hackte ihm die zwei Schwurfinger ab, auf dass er nie wieder einen Eid breche. Man schlug ihm den Kopf ab, auf dass er nie wieder das Haupt der Kirche verkörpere. Des päpstlichen Ornats entledigt, nunmehr in gemeine Volkskleidung gehüllt, riss man den Toten vom Thron, schleifte ihn über die Schwelle des Petersdoms und verscharrte ihn auf dem Fremdenfriedhof – auf dass er für immer heimat- und schutzlos bleibe.

Das schien Stephan VI. aber noch nicht zu genügen. Kurze Zeit darauf liess er den geschundenen Leichnam Formosus' abermals exhumieren, um ihn dann im Tiber zu versenken. Diese würdelose Entledigung der Papstleiche hiess nicht Geringeres als die damnatio memoriae, die restlose Tilgung des Toten aus der Erinnerung der Lebenden.

Stephan VI. verhalf dies allerdings nicht zu einem langen, unbeschwerten Leben auf dem Papstthron. Im August 897 wurde er vom römischen Volk gestürzt. Denn, so glaubte es, der Zorn Gottes habe die Kuppel der Lateranbasilika zum Einsturz gebracht – als Rache für die schändliche Leichensynode. Man warf Stephan VI. ins Verlies, wo er bald darauf von zwei kräftigen Händen ins Jenseits gewürgt wurde.

Der faulige Formosus erschien indes einem Mönch im Traum, woraufhin dieser ihn sofort aus dem Tiber fischte. Theodor II., dem nur 20 Tage als Papst vergönnt waren, hob alle Beschlüsse der Leichensynode auf und liess die Leiche ehrenvoll bestatten. 

«Endlich!», ist man da gewillt auszurufen. Nur macht sich sieben Jahre später ein neuer Papst an seinem Grab zu schaffen. Sergius III. – ein Parteigänger Stephans VI. – reisst die Überreste des armen Formosus aus der geweihten Erde, lässt ihm die drei übrig gebliebenen Finger der Schwurhand auch noch abtrennen und schmeisst ihn dann wieder in den Tiber. 

Doch dieses Mal verheddert sich der Geschundene in einem Fischernetz.

Und wer weiss, vielleicht war es sogar Formosus selbst, der sich mit der Hand, die ihm noch blieb, am Netz festklammerte.

Schliesslich sollte auch er erfahren dürfen, was echte Totenruhe bedeutet. Aus seinem Grab in der Peterskirche hat ihn hernach niemand mehr ausgebuddelt. 

Ein weiterer Fall von posthumer Verurteilung findest du hier:

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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • achsoooooo 14.06.2018 18:32
    Highlight Highlight Im Vergleich dazu hat man es als Reliquie ja fast noch leicht gehabt...
  • Janis Joplin 14.06.2018 09:52
    Highlight Highlight Wow - der hatte auch eine 1A-Unverweslichkeit, selbst nach der gefühlt siebenundachtzigsten "Exhumierung" fand man noch all seine Siebensachen!
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 14.06.2018 06:46
    Highlight Highlight Wenn er gekonnt hätte, hätte er sich sicher im Grab umgedreht am der Leichenschänderei
  • Mia_san_mia 14.06.2018 05:43
    Highlight Highlight Wow super, der Artikel ist aber schnell gekommen 👍🏻
  • D(r)ummer 13.06.2018 23:40
    Highlight Highlight Da hatten einige Herren aber mächtig geistigen Tiefgang...

  • Der Tom 13.06.2018 23:26
    Highlight Highlight Vielleicht sollte man ihn wieder ausbuddeln. Er könnte es noch als Präsident versuchen.
  • dieLinde 13.06.2018 23:16
    Highlight Highlight ❤️
  • Knety 13.06.2018 23:12
    Highlight Highlight War doch erst gerade eine Frage im Huberquiz. Oder irre ich mich?
    PS: cooler Artikel thumbs up.
    • lilie 14.06.2018 07:02
      Highlight Highlight @Knety: Genau. Ein Leser bat darum, dass die Geschichte bald in einem Anektoteles ausgeführt würde, was Anna hiermit tat. 😊💖
    • Knety 14.06.2018 12:10
      Highlight Highlight Wirklich? Cool, dass ist noch Service!
      Das gibt es bei der NZZ nicht.
    • lilie 14.06.2018 13:52
      Highlight Highlight @Knety: Oh, du bist einer von den NZZ-Emigranten? Herzlich willkommen! 😊🤗

      Ja, ohne Witz, hier werden Leserkommentare wirklich von der Redaktion gelesen, ernst genommen, und man darf auch mal Vorschläge oder Korrekturen einbringen.

      Man darf sogar damit rechnen, dass man auch mal ein Antwort auf eine Frage oder Anmerkung bekommt.

      Es ist wirklich eine tolle Sache! 👌🤗

      Probiere es also ruhig mal aus! Garantien gibt es natürlich nicht - aber eine höfliche Frage bringt im Normalfall auch eine Antwort. 🙂

      Und hier noch Extraherzli an die Watsonredaktion! 💖😊
    Weitere Antworten anzeigen
  • Raudrhar 13.06.2018 21:29
    Highlight Highlight Sehr cooler Artikel! ^.^

    Vielen Dank, Ma'am. *An den Hut tipp*
  • Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal und so. 13.06.2018 21:29
    Highlight Highlight ölildkajvpöir7lijk
    • Anna Rothenfluh 13.06.2018 21:32
      Highlight Highlight AHHHHHHHHHHH
    • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 13.06.2018 23:59
      Highlight Highlight Hooooiiiii!
  • virus.exe 13.06.2018 21:01
    Highlight Highlight Interessanter Artikel!!! 👍🏻
  • Gzuz187ers 13.06.2018 20:56
    Highlight Highlight Meine Wünsche wurden erhört, danke viel mal Anna <3
    • Anna Rothenfluh 13.06.2018 20:57
      Highlight Highlight @Gzuz187ers: Immer gern! <3
    • Shin Kami 13.06.2018 21:35
      Highlight Highlight Dachte ich mir doch, dass das kommt. Die Geschichte kannte ich schon, aber es ist trotzdem sehr informativ.
    • Natascha Flokati 13.06.2018 21:45
      Highlight Highlight
      Benutzer Bild
  • Pana 13.06.2018 20:54
    Highlight Highlight Soviel zur Frage: "Was passiert mit uns nach dem Tod?"
    • Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal und so. 13.06.2018 21:30
      Highlight Highlight ölakdj!ç%/!!!
  • ubu 13.06.2018 20:43
    Highlight Highlight Kleine Frage: Ich hätte ja schwören können (hihi) dass man mit drei Fingern schwört. Auf Vater, Sohn und Heiligen Geist. Weshalb wurden dann zunächst nur zwei Finger abgetrennt? Nur ein Tippfehler oder gibt's da eine Erklärung?
    • Anna Rothenfluh 13.06.2018 20:50
      Highlight Highlight @ubu: Gute Frage, offenbar waren beide Formen gebräuchlich, also mit zwei und mit drei Fingern. Und tatsächlich ist manchmal von zwei, dann von drei Fingern die Rede. Ich bin also überfragt. Aber am Ende haben sie dem armen Kerl ja sowieso alle Finger der rechten Hand abgehackt ...
  • dä dingsbums 13.06.2018 20:35
    Highlight Highlight Wahnsinn!
  • lilie 13.06.2018 20:13
    Highlight Highlight Unglaubliche Geschichte! Klingt wie ein extrem billiger Horrormovie vom Schlag "Scream". 😂😂😂

    Der arme Papst hiess aber Formosus ("der Wohlgestaltete"), nicht Fromosus (gibts gar nicht). So geschändet, wie er wurde, verdient er es nicht, dass auch noch sein Name verhunzt wird!
    • Anna Rothenfluh 13.06.2018 20:30
      Highlight Highlight @lilie: Um Himmels Willen, du hast recht, lilie, ein grandios schäbiger Fehler meinerseits. Irgendwie hab ich seinen sonderbaren Namen stets falsch gelesen. Ist korrigiert, danke dir. Und jetzt wollen wir Formosus (ganz schön zynisch, dass er der Wohlgestaltete heisst) ruhen lassen.
    • lilie 13.06.2018 20:53
      Highlight Highlight @Anna: Hey, kein Ding, ich bin doch Mitglied deines A-Teams, da gehören solche kleinen Dienstleistungen dazu! 😉🤗
    • Anna Rothenfluh 13.06.2018 20:55
      Highlight Highlight @lilie: Hach, <3.
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In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

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Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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