Wissen
Leben

Wie das Coronavirus die Lunge zerstört

Wie das Coronavirus die Lunge zerstört

Was passiert eigentlich genau mit der Lunge, wenn man am Coronavirus erkrankt ist? Kann sich die Lunge von den Schäden wieder erholen? Ein deutsches Forscherteam liefert Antworten.
05.12.2021, 08:09
Mehr «Wissen»

Eine schwere Covid-19-Erkrankung geht oft mit einer starken Vernarbung des Lungengewebes einher. Möglicherweise bringt Sars-CoV-2 die Fresszellen des Immunsystems dazu, Vernarbungsprozesse zu befeuern.

Das berichtet ein deutsches Forscherteam um Leif-Erik Sander von der Berliner Charité im Fachmagazin «Cell». Das habe letztlich zur Folge, dass die Covid-19-Patienten aussergewöhnlich lange unterstützend mit Sauerstoff versorgt oder sogar über eine künstliche Lunge – die ECMO – beatmet werden müssten.

A ventilator monitor displays the oxygen entering the lungs of a COVID-19 in an intensive care unit of the National Hospital in Itaugua, Paraguay, Wednesday, March 17, 2021, amid the new coronavirus p ...
Der Monitor eines Beatmungsgeräts in einer Intensivstation in Paraguay.Bild: keystone

Vernarbt und verdickt

Bei einem schweren Verlauf von Covid-19 entwickelt sich bei vielen Patienten ein akutes Lungenversagen, kurz ARDS genannt (Acute Respiratory Distress Syndrome). Die Forschenden um Sander gingen in ihrer Studie der Vermutung nach, dass dabei das Lungengewebe der Patienten vernarbt, verdickt und unelastisch wird. Ganz ähnliche Vorgänge laufen bei einer bisher unheilbaren Form der Lungenvernarbung ab, der idiopathischen Lungenfibrose.

Die Wissenschaftler untersuchten zunächst das Lungengewebe verstorbener Patienten unter dem Mikroskop und fanden charakteristische Merkmale einer schweren Fibrose.

Prof. Dr. Iftahar Koksal shows an image of lungs of a patient, infected with COVID-19 at Acibadem Hospital in Istanbul, Monday, Dec. 21, 2020. Turkey has ordered 50 million doses of the CoronaVac vacc ...
Die Lunge eines Covid-Patienten.Bild: keystone

«Bei fast allen Betroffenen haben wir enorme Schäden entdeckt: Die Lungenbläschen waren weitgehend zerstört, die Wände deutlich verdickt. Ausserdem fanden wir ausgeprägte Ablagerungen von Kollagen, welches ein Hauptbestandteil von Narbengewebe ist», sagte Peter Boor vom Institut für Pathologie an der RWTH Aachen.

Typischerweise entwickele sich das Lungenversagen erst zwei bis drei Wochen nach Auftreten der ersten Symptome, erläuterte Sander. «Das weist darauf hin, dass nicht die unkontrollierte Virusvermehrung zum Versagen der Lunge führt, sondern nachgeschaltete Reaktionen, beispielsweise des Immunsystems, eine Rolle spielen.» Das Team untersuchte deshalb im nächsten Schritt die Immunzellen in Lungenspülungen und Lungengewebe von schwer erkrankten oder verstorbenen Covid-19-Patienten.

Die Rolle der Makrophagen

Sie fanden, dass sich vor allem Makrophagen in der Lunge betroffener Patienten ansammeln. Diese Fresszellen beseitigen normalerweise Erreger oder Zellabfälle, sind aber auch an der Wundheilung beteiligt.

Bei einer schweren Covid-19-Erkrankung scheinen sie mit bestimmten Zellen des Bindegewebes in Kontakt zu treten. Diese vermehren sich daraufhin stark und bilden grosse Mengen Kollagen. Nachfolgende Untersuchungen in Zellkulturen legten nahe, dass Sars-CoV-2 die fehlgeleitete Reaktion der Fresszellen anstösst. Grippeviren konnten dies hingegen nicht.

«Unsere Daten zeigen also eindeutig Parallelen zwischen Covid-19 und der chronischen Lungenfibrose auf», erklärte Antoine-Emmanuel Saliba vom Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung in Würzburg. «Das erklärt vielleicht, warum einige Risikofaktoren für Covid-19 auch Risikofaktoren für die idiopathische Lungenfibrose sind – zum Beispiel Grunderkrankungen, Rauchen, ein männliches Geschlecht und ein Alter über 60 Jahre.»

Vernarbungen sind reparabel

Anders als bei der idiopathischen Lungenfibrose, deren Ursache unbekannt ist, sind die Vernarbungen bei Covid-19-Patienten reparabel, wie die Forschenden weiter berichten.

Im Verlauf der Genesung lösen sich bei ihnen die Verdickungen und Vernarbungen zumindest zum Teil wieder auf. Eine genauere Untersuchung der Rückbildungsprozesse soll nun dazu beitragen, mögliche Behandlungsmöglichkeiten für beide Erkrankungen zu entwickeln beziehungsweise die Vernarbungen von vornherein zu verhindern. (saw/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Plötzlich stinkt alles – TikTokerin erzählt von ihrem Long-Covid-Symptom
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
31 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Suchlicht
05.12.2021 10:08registriert August 2015
Ein sehr interessanter und neutral formulierter Bericht zum aktuellen Thema. Danke für die Veröffentlichung, auch wenn es „nur“ eine Agenturmeldung ist, es zeigt aber, dass es. icht immer „das musst Du wissen“ oder Alarmstimmung sein muss, wenn denn der Inhalt auch tatsächlich Substanz enthält.
1012
Melden
Zum Kommentar
avatar
maylander
05.12.2021 09:54registriert September 2018
Kann man da noch ein Vergleichsbild einer normalen Lunge haben?
663
Melden
Zum Kommentar
avatar
Unbequeme Wahrheiten
05.12.2021 11:17registriert September 2021
Das sind Erkenntnisse von Forschern und nicht auf Telegram publiziert. Somit wird es die Schwurbler kaum interessieren.
518
Melden
Zum Kommentar
31
Warum der Weltuntergang droht, wenn der Personal Trainer nur 13 Liegestütze schafft
Heute wollen wir mal ein bisschen über Muskeln reden. Und wozu sie gut sind – oder auch nicht.

Er stand neben mir im Zug, wegen der vielen Leute gerade so nah, dass ich ihn gut betrachten konnte. Dass ich sah, wie enorm sein Bizeps war, und wie nah dran dieser war, den Ärmelbund seines T-Shirts zu sprengen.

Zur Story