Wissen
Leben

Meine Kassetten und ich

Die Tonbandkassette wurde 1963 von Lou Otten erfunden.
Die Tonbandkassette wurde 1963 von Lou Ottens erfunden.Bild: Museum für Kommunikation

Meine Kassetten und ich

Fast 20 Jahre meines Lebens schlage ich mich mit Lou Ottens' Erfindung von 1963 rum: der Tonbandkassette. Statt der bescheidenen Qualität des Musikerlebnisses ist aber ganz anderes in Erinnerung geblieben. Eine kleine Ode an mein Begleitmedium der 1980er- und 1990er-Jahre.
12.10.2024, 21:29
Nico Gurtner / Museum für Kommunikation
Mehr «Wissen»

Mein erstes Kassettengerät – die kleine Wunderkiste in meinem Kinderzimmer! Ein flacher Lautsprecher, eine Vertiefung, um die Kassette einzulegen, fünf grosse Tasten und eine kleine mit der Beschriftung Eject – alles hintereinander angeordnet. Die rote Record-Taste gilt als grosser Spielverderber. Sie frisst ärgerliche Lücken in meine geliebten Kasperli-Kassetten. Meistens erwische ich aber den richtigen Knopf und lasse das Tonband über die Tonköpfe gleiten. Gebannt lausche ich den Geschichten, die mir die Wunderkiste erzählt.

Hier bloggt das Museum für Kommunikation
Regelmässige Einblicke in die abenteuerliche Welt der Kommunikation: Von historischen Entwicklungen, über unseren Umgang mit den Tools der Kommunikation in der Gegenwart bis zur Zukunftsperspektive.
www.mfk.ch/austauschen/blog

Selbstbestimmt werde ich zum DJ meines Kinderzimmers, lasse die Häx Nörgeligäx auch mal auf Highspeed laufen. Natürlich habe ich schnell rausgefunden, dass man das Tape dreimal so schnell laufen lassen kann, wenn man die Play-Taste nicht ganz bis zum Anschlag runterdrückt. Die hohen und schnellen Stimmen sind nicht risikofrei – nach kurzer Zeit folgt meistens ein knirschendes Geräusch und dann verstummt der Lautsprecher. Ich höre nur noch das Surren des blockierten Drehmotors. Mist! Vorsichtig hebe ich mit dem Eject-Knopf die Kassette raus und ziehe das entgleiste Band der Kassette zwischen den Tonköpfen heraus. Zum Glück ist das Ding zäh – es lässt sich fast immer rausfummeln, auch wenn es danach dramatisch zur Handorgel verknittert ist.

Nun beginnt die mühsame Handarbeit: Knoten auflösen, das Band möglichst glattstrecken und dann mit dem Bleistift wieder ins Gehäuse zurückkurbeln, ohne dass es verdreht ist. Eine gefühlte Ewigkeit dauert das. Doch vermutlich sind es genau diese Momente, in denen ich meine Bindung zum Tape aufbaue – ein Medium, das mich jahrelang begleitet. Und das ich heute noch ein bisschen vermisse, wenn ich ehrlich bin.

Ganz so edel wie dieses Gerät aus der Museumssammlung sah mein Kassettengerät nicht aus. Der Grundaufbau war aber derselbe.
Ganz so edel wie dieses Gerät aus der Museumssammlung sah mein Kassettengerät nicht aus. Der Grundaufbau war aber derselbe.Bild: Museum für Kommunikation, Tonbandgerät ITT Schaub-Lorenz SL 55 automatic, 9808_817_017_1

Vom Holzstück zum Massenmedium

Zu diesem Zeitpunkt liegt die Erfindung der Kompaktkassette bereits gut 20 Jahre zurück. Entwickelt hat sie der Niederländer Lou Ottens zusammen mit seinem Team bei Philips in Hasselt (Belgien). Tonbänder gibts bereits Ende der 1950er-Jahre, doch sie sind gross und unhandlich. Der Erfinder und Ingenieur Ottens ist der Meinung, dass das neue Medium in seine Jackentasche passen müsse. Der Legende nach lässt er sich ein Stück Holz von dieser Grösse zuschneiden. Das ist nun der Massstab, dem die neue Entwicklung genügen muss.

Am 28. oder 30. August 1963 (das Datum lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren) präsentiert Philips dann an der Internationalen Funkausstellung IFA in (West-)Berlin die brandneue Entwicklung: die Kompaktkassette. Die Resonanz ist erst mal überschaubar. Viel Lärm gibts vor allem intern, weil man nicht alle informiert hat. Ein anderes Team arbeitet nämlich in Wien zusammen mit Grundig an einem luxuriöseren Kassettenprojekt. Dort ist der Ärger gross - Grundig verlässt das Projekt wutentbrannt und bringt zwei Jahre später ein eigenes Kassettensystem auf den Markt. Ohne Erfolg.

Die Kompaktkassette hingegen wird zum Welthit. Schätzungen zufolge wird in den nächsten Jahrzehnten weltweit die unglaubliche Menge von bis zu 100 Milliarden Kassetten verkauft. Dazu trägt auch der Walkman bei (lanciert von Sony 1979), die Paradeanwendung für die Kassette. Lou Ottens steckt da bereits mitten in einem neuen Projekt. Er ist nämlich auch einer der massgeblichen Entwickler hinter der Compact Disc (CD), die 1981 vorgestellt wird.

Einige meiner Kassetten und selbstgeschusterten Kassettenhüllen haben die Zeit überstanden.
Einige meiner Kassetten und selbstgeschusterten Kassettenhüllen haben die Zeit überstanden.Bild: Nico Gurtner/Museum für Kommunikation

Raus aus dem Kinderzimmer

In meinem Kinderzimmer spriessen langsam die ersten Pickel, die Bravo-Poster an den Wänden wechseln, und der Inhalt der Kassetten wandelt sich: über Emil zu Otto Waalkes, weiter zu Pink Floyd, Grunge, Doom Metal und mit einem Twist zum Rap. Der Kassette bleibe ich treu. Sehr sogar. Liebevoll gestalte ich die Cover meiner Kassetten mit kleinen Collagen, Zeichnungen und Bastelarbeiten.

Längst ist eigentlich die CD das Trägermedium für Musik geworden, aber die Preise sind hoch. 30 Franken für ein Album. Das passt nicht in mein bescheidenes Budget. Also kaufe ich mir lieber ein paar Maxell Typ II, 90 Minuten. Darauf überspiele ich dann die CDs von Freunden, nehme vom Radio auf und erstelle erste Mixtapes.

Noch bis in die späten 1990er sind diese Kassetten und mein Walkman meine täglichen Begleiter, mein Sound immer mit dabei.

Bis heute kann ich mich nicht von einigen Kassetten – meist Mixtapes von Freunden – lösen. Obschon ich seit Jahren kein Abspielgerät mehr dazu habe. Zu jeder dieser Playlists gehört in meinem Kopf ein Bildreigen, der automatisch mit den Songs startet und mich in die Vergangenheit entführt.

Lustigerweise hat einer der Freunde meines Sohnes kürzlich Otto Waalkes wiederentdeckt. Jetzt hören die 9-Jährigen «Hilfe, Otto kommt!» mit den Hänsel-und-Gretel-Variationen, wie ich vor fast 40 Jahren. Ich sehe noch die rot-gelben OTTO-Buchstaben und das schwarz-weisse Bild vor mir, die auf meinem Kassettencover prangten. Ich habe sie damals aus Illustrierten ausgeschnitten, um das Cover würdevoll zu gestalten.

Der Inhalt ist der Gleiche, die Mediennutzung hat sich allerdings deutlich verändert. Mein Sohn streamt das alles von einer Plattform, die 100 Millionen Songs anbietet. Wie wird wohl seine Erinnerung daran einmal aussehen?

>>> Weitere historische Artikel auf: www.mfk.ch/austauschen/blog
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Museums für Kommunikation. Der Beitrag «Meine Kassetten und ich» erschien am 23. September.
mfk.ch/austauschen/blog/meine-kassetten-und-ich

Generationenclash: Wie gut kennt die Gen Z die Relikte der Boomer?

Video: watson/emanuella kälin
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Der Kassetentisch – nicht nur für Nostalgiker
1 / 10
Der Kassetentisch – nicht nur für Nostalgiker
Für die Jüngeren: Das ist eine sogenannte Kassette, die Musik speichert. Die ist eigentlich viel, viel kleiner, aber für nostalgische Alte hat eine Firma aus ihrer Form einen schmucken Tisch gezaubert. Der spielt zwar keine Musik ab, ist aber hervorragend geeignet, um darauf Sache zu platzieren!
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Dieses Kind sieht zum ersten Mal eine Kassette – ihre Reaktion geht viral
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Hast du technische Probleme?
Wir sind nur eine E-Mail entfernt. Schreib uns dein Problem einfach auf support@watson.ch und wir melden uns schnellstmöglich bei dir.
52 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Düsenschleicher
12.10.2024 22:42registriert Februar 2022
Und am Sonntag Nachmittag die Hitparade auf DRS3 gespannt mithören, damit die richtigen Hits aufs Band gebannt werden können. Blöd nur, wenn der Moderator im falschen Moment reinquatscht.
632
Melden
Zum Kommentar
avatar
KoTaMo
12.10.2024 21:59registriert Mai 2020
Lieber Nico. Du verschweigst uns etwas!

„Sie frisst ärgerliche Lücken in meine geliebten Kasperli-Kassetten.“

Das ist nur möglich, wenn man mit Chläbi das Loch an der Unterkante überklebt hat! Na? (Hab ich bei inhaltlich minderwertigen Kassettli oft gemacht, um sie überspielen zu können)

Oh ja… gegen die Magie (und das gelegentlich in das Räderwerk verfangene Bändli) eines Kassettengeräts kommt kein Handy an! Niemals! …Supertramp auf dem surrenden Walkman auf der Autofahrt nach Italien als Teenager… das war was!
481
Melden
Zum Kommentar
avatar
Butschina
12.10.2024 22:53registriert August 2015
Ich erinnere mich auch noch gut daran. Der Bleistift lag immer neben dem Kassettengerät. Meine Schwester und ich haben mal eine Kassette für unsere Eltern zu Weihnachten aufgenommen. Sie spielte Querflöte, ich Klavier und Keyboard. Bei einigen Songs sangen wir noch zur Keyboardbegleitung. Zum Glück waren die Kassetten recht robust und man konnte x-mal neu aufnehmen. Bei einigen Songs brauchten wir ziemlich viele Anläufe bis er zu Ende aufgenommen war ohne, dass wir einen Lachanfall hatten oder das Telefon im dümmsten Moment klingelte... Unsere Eltern hatten mega Freude an dem Geschenk.
441
Melden
Zum Kommentar
52
Vorstellung vs. Realität – so wurde die Zukunft wirklich ...

Früher wie heute hatte die Menschheit immer klare Vorstellungen, wie die Zukunft eines Tages aussehen wird. Aber wie das so oft ist, gehen Vorstellung und Realität manchmal komplett auseinander.

Zur Story