Wissen
Natur

Vogelgrippe: Fällen nehmen weltweit zu, Kanton Zürich mit Massnahmen

epaselect epa10760621 Officials collect dead birds at a river bank due to a major outbreak of bird flu in Vadso municipality in Finnmark, Norway, 21 July 2023. The Vadso municipality has collected 895 ...
Nach einem massiven Vogelgrippe-Ausbruch mussten im Juli 2023 in Norwegen tote Vögel beseitigt werden.Bild: keystone

«Umweltkatastrophe ersten Grades»: Vogelgrippe-Fälle nehmen bedrohlich zu

Menschen sind bislang nicht betroffen, doch immer mehr Säugetiere infizieren sich mit der Vogelgrippe. Expertinnen sind alarmiert.
05.01.2024, 19:5606.01.2024, 14:20
Mehr «Wissen»

Millionen Tiere sind bereits nach einer Infektion mit der Vogelgrippe gestorben oder mussten notgeschlachtet werden. Die Fälle treten weltweit auf und betreffen auch Tierarten, die bisher verschont blieben. Expertinnen und Experten sind alarmiert.

Der tote Schwan

Zum Jahreswechsel wurde in Kleinandelfingen ZH ein toter Höckerschwan gefunden. Er wurde als erster Wildvogel seit Mitte Oktober positiv auf eine hochpathogene Variante der Vogelgrippe (HPAI) getestet, weshalb der Kanton Zürich nun Massnahmen ergreift.

Das Veterinäramt des Kantons Zürich richtete darum in Absprache mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ein Kontroll- und Beobachtungsgebiet ein.

In einem Radius von drei Kilometern rund um den Fundort im Oerlingerried (Gemeinde Kleinandelfingen) müssen Geflügelhalter sicherstellen, dass es zu keinem Kontakt zwischen dem gehaltenen Geflügel und Wildvögeln kommt. Weiter braucht es eine Hygieneschleuse und die Anzahl Personen vor Ort muss auf das Notwendigste beschränkt werden. Die Tiere dürfen auch nicht an einen anderen Ort gebracht werden.

Wenn Nutztiere wie Hühner oder Truten erkranken, kann dies zu hohen Verlusten im Bestand führen – und zur weiteren Verbreitung des Virus beitragen.

Säugetier-Infektionen nehmen zu

Forschende wiesen im Norden Alaskas vor ein paar Tagen das erste Mal bei einem toten Eisbären das Vogelgrippe-Virus nach. Es bleibt weiter unklar, wie viele Bären sich mit dem tödlichen Virus infiziert haben. Alaskas Staatstierarzt, Bob Gerlach, sagte dazu:

«Die Zahl der gemeldeten Infektionen bei Säugetieren nimmt weiter zu.»
Bob Gerlach

Alleine in den USA seien Fälle bei Füchsen, einem Luchs, einem Stinktier, einem Waschbären und sogar bei Bären, Berglöwen, Robben und einem Delfin gefunden worden, wie CNN schreibt. Insgesamt wurden bekanntlich 17 Nicht-Vogelarten in den Staaten infiziert. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich all diese kranken Säugetiere mit dem Virus angesteckt haben, als sie infizierte Vögel gefressen oder anderweitig mit ihnen interagiert haben.

A sea lion lays beside another dead sea lion at an Atlantic Patagonian beach near Viedma, R
Verendete Seelöwen in Argentinien.Bild: keystone

Vogelgrippe bei Menschen

Bislang besteht keine Gefahr für Menschen, auch wenn es bereits einige Todesfälle gab. Seit 1997 haben sich knapp 900 Menschen nachweislich mit der Vogelgrippe H5N1 angesteckt. Fast die Hälfte dieser Menschen ist daran gestorben.

Bislang konnte man noch keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nachweisen; Personen, die sich mit H5N1 infizierten, taten dies über engen Kontakt zu Vögeln. Bei Infizierten treten in der Regel grippeartige Symptome wie Fieber, Husten, Hals- und Muskelschmerzen auf. Mitunter kommt es zu einer Bindehautentzündung. Manche Betroffene haben Atembeschwerden oder leiden an einer Lungenentzündung.

Die andere Variante der Vogelgrippe, die ebenfalls zu mehreren Ansteckungen im Menschen führte – H7N9 – wurde bislang in 1568 Fällen im Labor bestätigt, 616 davon endeten tödlich.

Unter den Säugetieren infizierten sich bislang vor allem Nerze und Seelöwen – diese haben andere Rezeptoren und ein anderes Immunsystem als wir Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns bei ihnen anstecken, ist eher gering.

Gefährlicher wäre es laut Expertinnen etwa, wenn sich Schweine untereinander anstecken könnten. Deren Immunsystem ist dem menschlichen deutlich ähnlicher.

Der aktuelle Ausbruch

Seit 2006 gab es vier grosse Ausbrüche des Erregers der Virengruppe H5. Der letzte dauert noch an und wird von einer Variante des Vogelgrippe-Subtyps H5N1 verursacht. Neben zahlreichen Seevögeln starben auch Säugetiere daran. Darunter sind nicht nur Wildtiere, sondern auch Zoo- und Nutztiere: in Nordamerika und Europa, im Süden Afrikas, im Atlantik, im Pazifik und in Südamerika.

An der südamerikanischen Pazifikküste etwa wurden seit Ende 2023 Tausende tote Tiere gefunden, darunter Pelikane und Pinguine, aber auch Meeresotter, Robben und andere Meeressäuger. Zunächst gab es Fälle in Peru, später auch in Chile.

Dramatisch ist die Situation in der Antarktis. Ralf Sonntag, ein Meeresbiologe der Umweltschutzorganisation Pro Wildlife, findet deutliche Worte:

«Die Vogelgrippe könnte in der Antarktis eine Umweltkatastrophe ersten Grades auslösen.»
Ralf Sonntag
A dead penguin lays on the beach at Punta Bermeja, on the Atlantic coast of the Patagonian province of R�o Negro, near Viedma, Argentina, Monday, Aug. 28, 2023. Government sanitary experts suspect tha ...
In Argentinien fallen auch Pinguine dem Virus zum Opfer.Bild: keystone

Mögliches Massensterben bei Pinguinen

Diana Bell, emeritierte Professorin für Naturschutzbiologie an der Universität von East Anglia (England), nannte die Vogelgrippe-Situation gegenüber dem Guardian «entsetzlich». Weiter sagt sie:

Ich bin nicht überrascht – in den letzten paar Jahren ist die Liste der getöteten Säugetiere enorm geworden. Die Seuche hat inzwischen so viele Raub- und Aasfresser getötet, dass es sich nicht nur um eine Geflügelkrankheit handelt.

Schon seit längerem warnen Forschende davor, dass das Virus ein Massensterben bei Pinguinkolonien auslösen könnte. Es wird gar von einer der grössten ökologischen Katastrophen der Neuzeit gewarnt.

Mit Material von watson.de und den Nachrichtenagenturen SDA und DPA

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Uraltes Virus aus dem sibirischen Permafrostboden
1 / 10
Uraltes Virus aus dem sibirischen Permafrostboden
Permafrostboden in Sibirien – hier unter anderem nahmen die Wissenschaftler Proben, die uralte Viren enthielten.
quelle: jean-michel claverie/igs/cnrs-am
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Diese Situationen kennen wir alle, seit Maskenpflicht herrscht
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
51 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Das Internet
05.01.2024 22:03registriert August 2020
So wird die Natur das Problem der Massentierhaltung lösen. Jede Hühnerfarm und jede Legebatterie weltweit ist zugleich eine Virenzucht, in der nach Herzenslust mutiert wird. Wenn dann eine Mutation auf eine ander Tierart überspringen kann, sind auch irgenwann die Schweine- und Rindermasten dran. Die präventiv verabreichten Antibiotika nützen bei Viren halt nichts. Schade, sind auch Wildvögel hier leidtragend. Ich höre schon den Bauernverband, der verlangt, dass man die bösen und gefährlichen Wildvögel doch bitte abschiessen dürfen sol,l in einem Minimalradius von 50km um jede Hühnerfarm...
10427
Melden
Zum Kommentar
avatar
Dave1974
05.01.2024 22:47registriert April 2020
Alles gut.
Und Menschen sind noch nicht betroffen. Am aktuellen Stamm - ist nur einer von drei gemeldeten 2023 (WHO) gestorben, daher kann man tatsächlich pervers im Singular haushalten.
Erwähnt doch mal die 20 Katzen in Polen oder die eine in Frankreich.
277
Melden
Zum Kommentar
51
Klimawissenschaftler redet Klartext: «Mit der Weltrettung überzeugen wir die Leute nicht»
Wir schauen gerne auf unseren kurzfristigen eigenen Nutzen. Daran ändern auch Unwetter nichts. Klimawissenschafter Reto Knutti ist überzeugt: Man müsse die Leute mit guten Lösungen überzeugen. Diese wären griffbereit – eigentlich.

Einzelereignisse sind kein Beweis für die Klimaerwärmung. Aber bei den kürzlichen Starkregen im Wallis und im Tessin haben viele daran gedacht. Sie auch? Reto Knutti: Es ist offensichtlich, dass der Klimawandel einer der Treiber dessen ist, was wir jetzt sehen: Starkregen, Hagel, Hitzeperioden, Gletscherschmelze. Wenn der Regen kommt, kommt er fast sintflutartig. Das ist physikalisch verstanden seit mehr als hundert Jahren: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, das ist das Prinzip des Tumblers. Schon heute haben in solchen Wetterlagen 19 Prozent mehr Feuchtigkeit in der Luft. Und irgendwo kommt das wieder runter.

Zur Story