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Mikrogummi aus Reifenabrieb ist schlimmer als Mikroplastik

Alte Auto-Reifen, alte Pneus (Symbolbild)
Reifenabrieb ist für rund 97 Prozent aller Mikrogummi-Partikel in der Umwelt verantwortlich.Bild: Shutterstock

Mikroplastik? Nichts im Vergleich zu Mikrogummi aus Reifenabrieb

Kilometer für Kilometer schwindet ein bisschen Profil vom Pneu. Das abgeriebene Gummi landet als Mikropartikel in der Umwelt. Laut Empa-Forschern sind dies erhebliche Mengen.
14.11.2019, 20:49
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In der Schweiz landeten zwischen 1988 bis 2018 rund 200'000 Tonnen Mikrogummi in der Umwelt. Zu diesem eindrücklichen Ergebnis kommen Forscher um Bernd Nowack von der Forschungsanstalt Empa. Der grösste Teil davon (97 Prozent) stammt vom Abrieb von Reifen.

Mikrogummi steht weniger im öffentlichen Fokus als Mikroplastik, das auch im menschlichen Körper bereits nachgewiesen wurde. Allerdings zeigen die Berechnungen der Empa-Forscher, dass die winzigen Gummipartikel aus Reifenabrieb und – zu einem geringen Anteil – aus Kunstrasen zumindest mengenmässig ein viel grösseres Problem darstellen.

Reifenabriebspartikel
Partikel aus Reifenabrieb. Bild: Kreider et al.
Mikrogummi
Reifenabrieb entsteht durch Reibung des Reifens mit der Strasse. Ein PKW-Reifen wiegt daher am Ende seiner Lebensdauer – nach durchschnittlich vierjährigem Gebrauch – 1 bis 1,5 kg weniger. Reifenabrieb kommt nicht in Reinform vor, sondern immer in Kombination mit Anteilen des Strassenbelages und weiteren freien Partikeln von der Strassenoberfläche. Die Partikel sind etwa 5 – 350 µm gross (im Mittel 100 µm) mit einer Dichte von 1,8 g/cm3 bei Reifen- und Strassenabrieb; bei reinem Gummiabrieb beträgt die Dichte ca. 1,2 g/cm3. Sie sind so schwer, dass sie nicht über längere Zeit in der Luft schweben, sondern sich ablagern.
Reifenabrieb enthält verschiedene kritische Stoffe: Zink, aber auch Blei, Cadmium und Weichmacher. Die Abriebpartikel reichern sich permanent in der Natur an und können von Organismen aufgenommen und kaum abgebaut werden.

Von allen in die Umwelt freigesetzten, polymer-basierten Mikropartikeln bestehen nur sieben Prozent aus Plastik, 93 Prozent aus Reifenabrieb. «Die Menge von Mikrogummi in der Umwelt ist riesig und somit höchst relevant», liess sich Nowack in einer Mitteilung der Empa vom Donnerstag zitieren.

Randstreifen aus Mikrogummi

Das abgeriebene Gummi wirbelt zunächst durch die Luft und landet auf den Streifen rechts und links der Fahrbahn. Etwa drei Viertel der Gesamtmenge der Gummipartikel bleiben auf einem fünf Meter breiten Streifen abseits der Strasse, wie die Empa schrieb. Rund vier Prozent gelangen in die restlichen Böden, 22 Prozent landen in Gewässern.

Wo landen Gummipartikel aus Reifenabrieb?
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0269749119333998?via%3Dihub#undfig1
Bild: Sciencedirect
«Der Anteil von Reifenabrieb am eingeatmeten Feinstaub liegt auch an verkehrsnahen Standorten im tiefen einstelligen Prozentbereich.»
Christoph Hüglin, Empa

Zumindest aus den Strassenabwässern wird der Reifenabrieb mittlerweile besser entfernt, so dass deutlich weniger Mikrogummi in Gewässern landen dürfte. Seit dem Jahr 2000 bestehen schärfere Regeln zur Wiederaufbereitung von Wasser und zur Verhinderung der Verschmutzung von Böden.

Gefahr für den Menschen gering

Trotz der eindrücklichen Menge an Mikrogummi schätzt Christoph Hüglin von der Empa das Risiko für den Menschen als gering ein. «Der Anteil von Reifenabrieb am eingeatmeten Feinstaub liegt auch an verkehrsnahen Standorten im tiefen einstelligen Prozentbereich», zitiert Hüglin die Ergebnisse einer Studie aus dem Jahr 2009.

Forschung
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Nowack betont zudem, dass zwischen Mikrogummi und Mikroplastik ein erheblicher Unterschied bestehe, so dass sich die Partikel kaum vergleichen liessen.

Das Forschungsteam nutzte für seine Berechnungen Daten zum Import und Export von Reifen. Auf dieser Basis modellierten die Wissenschaftler dann das Verhalten von Gummi auf Strassen und in Strassenabwasser. Von den Ergebnissen berichteten sie im Fachblatt «Environmental Pollution». (dhr/sda)

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27 Kommentare
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Arutha
14.11.2019 21:06registriert Januar 2016
"Nowack betont zudem, dass zwischen Mikrogummi und Mikroplastik ein erheblicher Unterschied bestehe, so dass sich die Partikel kaum vergleichen liessen."

Was ist denn der Unterschied? Und worin liegt jetzt das Problem von Mikrogummi?
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Posersalami
14.11.2019 21:59registriert September 2016
"Gefahr für den Menschen gering"

Dann reichert sich dieses Mikroplastik also nicht in den Pflanzen und Lebewesen ab? Nein? Keinerlei Wechselwirkung mit der Umwelt? Wieso glaube ich das nur nicht.
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w'ever
14.11.2019 22:03registriert Februar 2016
gummiabrieb gibt es auch bei den velopneus und schuhen.
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