Eigentlich hiess der Mann Albert Léopold Clément Marie Meinrad, Prinz von Belgien (1875-1934). Doch weder unter seinem Kurznamen König Albert I. noch unter seinem vollen Namen scheint der Monarch heute in der Schweiz noch ein Begriff zu sein.
Das ist ebenso schade wie falsch, denn der belgische Blaublütler hinterliess gerade in der Schweiz spannende Geschichten. Als Albert 26-jährig und frisch mit der bayrischen Prinzessin Elisabeth verheiratet war, hörte er einen Vortrag von Ernest Solvay, dem Stifter der Solvayhütte am Hörnligrat des Matterhorn – die Leidenschaft des jungen Royals für das Bergsteigen war entfacht! Schon zuvor war er jeweils im Sommer in der familieneigenen Villa Haslihorn in Horw (LU) zu Gast gewesen, wo er die Schweizer Bergwelt jenseits des Vierwaldstättersees bewundert hatte.
Von da an zog es den adeligen Belgier immer wieder in die Alpen: im Sommer für den Bergsport und im Winter zum Skifahren in die Schweizer Berge. Die Bergwanderungen wurden stets anspruchsvoller, sodass sich der Alpenbewunderer zum fähigen Alpinisten und Kletterer entwickelte. Er absolvierte eine Vielzahl schwieriger Bergtouren in den Berner, Walliser und den Bündner Alpen sowie im Mont Blanc-Gebiet und in den Dolomiten. Im Wallis bekam er aufgrund seiner häufigen Bergtouren den Übernamen «Albert le montagnard» oder «Le Roi alpin».
1907 setzte er sogar zu einer Erstbesteigung im Oberengadin an. Dazu hatte er den Nordostgrat des Piz Caral auserkoren. Der 3421 Meter hohe Berg liegt an der Flanke des Piz Cambrena im Bernina-Gebiet. Albert war in Begleitung seiner Frau Elisabeth, die mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. verwandt war, und der Bergführer Martin Schocher aus Pontresina und Benedikt Supersaxo aus Saas Fee. Weil Bergführer Schocher als «König der Bernina» und Bergführer Supersaxo gar als «Le roi de la montagne» galt, war mit dem künftigen König Albert und der künftigen Königin Elisabeth ein wahrhaft royales Quartett unterwegs!
Damit der belgische König kein Aufsehen erregte, reiste er unter dem Pseudonym «de Rethy». Am 1. Juli 1907 gelang der illustren Seilschaft die Erstbesteigung, und Albert schrieb sich damit in die Annalen des Schweizer Bergsports ein. Auch der Nordgrat des Hübschhorns im Simplongebiet wird «belgischer Grat» genannt, in Erinnerung an die Erstbegehung durch Albert, ebenfalls in Begleitung von Supersaxo.
In den Alpen erlebte der König eine komplett andere Welt als am belgischen Hof. «Die Berge», wurde er zitiert, «sind noch urwüchsiger als das Meer; sie haben ihre ganze Kraft bewahrt; sie sind schwerer zu erobern als das Meer.» Das Berner Oberländer Tagblatt mutmasste: «Für ihn sind diese in der freien Natur verbrachten Tage eine grosse Erholung und er geniesst sie auch mit vollen Zügen. Sein vornehmes, aber liebenswürdiges und echt demokratisches Wesen versteht es, die Herzen aller im Sturm zu erobern, so dass er überall äusserst populär ist und hochgeschätzt wird.»
So meinte ein Oberländer Bauer: «Wär’s ein Hiesiger, so würdet mer ihn i Nationalrat schicke!» Darauf konnte der Monarch verzichten, der nicht nur König von Belgien war, sondern während des Ersten Weltkriegs auch Oberbefehlshaber der Armee. Seine Volksnähe machte ihn ungeheuer beliebt.
Das zeigte sich auch auf seinen Reisen in die Schweiz: König Albert I. von Belgien reiste im Eisenbahnabteil dritter Klasse an, nahm sein Motorrad, um damit zu den Bergsteigerorten zu brettern, den Rucksack auf dem Rücken und einen kleinen Koffer auf dem Gepäckträger. Unterwegs beharrte er darauf, seinen Rucksack selber zu tragen, und er teilte mit unbekannten Menschen Suppe und Strohlager in den Berghütten, beschränkte sich dort auf den üblichen Milchkaffee mit Brotbrocken. Häufig blieb er dabei unerkannt. Einmal meinte ein Berggänger zu ihm, wie sehr er dem König von Belgien gleiche. Darauf Albert: «Das stimmt, und Sie glauben nicht, wie unangenehm das ist.»
Gemäss dem renommierten Bergsteiger Oswald Oelz war Albert «unter den Königen sicherlich einer der kühnsten und erfolgreichsten Bergsteiger». Doch das Ganze nahm ein höchst tragisches Ende. Es war am 17. Februar 1934, als der damals 58-jährige König Albert sein Schloss Laeken bei Brüssel verliess, um allein in den 80 Meter hohen Felstürmen Rochers du Vieux Bon Dieu in Marche-les-Dames bei Namur in Belgien zu klettern. Doch er kehrte nicht wie gewohnt zurück. Der eiligst zusammengestellte Suchtrupp fand nachts um zwei Uhr den leblosen Körper des Königs, der abgestürzt und an einer schweren Kopfverletzung verstorben war.
Hinterher kamen Gerüchte auf, es könnte ein Attentat gewesen sein oder ein Suizid; ein amtlicher Bericht nährte die Zweifel, weil er die Position der Leiche erwähnte, die für einen Absturz untypisch sei... Zudem lag ein einzelner Stein voller Blut zwei bis drei Meter von der Leiche entfernt. Erst 70 Jahre später untersuchten Forensiker den Todesfall nochmals: Sie kamen dank modernen Analysemethoden zum Schluss, dass der König verunfallt war. Er wollte sich an einem Felsvorsprung hochziehen, als dieser abbrach, und Albert stürzte 18 Meter in die Tiefe und schlug mit seinem Kopf gegen einen Stein.
Alberts Sohn Leopold und seine Schwiegertochter Astrid erhielten die Todesnachricht, als sie gerade in Adelboden Skiurlaub machten. Das Drama für das belgische Königshaus nahm seinen Fortgang, als im darauffolgenden Jahr die frisch gekrönte Königin Astrid bei einem Autounfall in Küssnacht am Rigi um ihr Leben kam.
In der Folge bemühte sich Walter Amstutz, ehemaliger Kurdirektor von St. Moritz und mehrere Male Seilgenosse des Königs, um ein bleibendes Andenken an den royalen Bergsteiger. Er gründete 1993 mit anderen in Gedenken an König Albert eine «Stiftung zur Auszeichnung aussergewöhnlicher Leistungen im Alpinismus» mit Sitz in Zürich, die «The King Albert I Memorial Foundation». Alle zwei Jahre vergibt sie ihre Preise, sodass Alberts Wirken in der Welt des Alpinismus nicht vergessen geht.
Herzlichen Dank für die mega-interessanten Beiträge ❤️❤️❤️
Letzten Herbst war ich in Belgien und hab im Weltkriegsmuseum von Bastogne auch seine andere Seite als Anführer Belgiens im ersten Weltkrieg kennengelernt. Eine wirklich interessante und beeindruckende Persönlichkeit.