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«Social Distancing» in Japan: Der Flughafen Haneda in Tokio am 19. März.
«Social Distancing» in Japan: Der Flughafen Haneda in Tokio am 19. März.
Bild: EPA

Warum versagt der Westen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie?

22.03.2020, 20:27
Marko Kovic

Die Coronavirus-Pandemie hat die Welt überrascht. Das Coronavirus und die durch dieses verursachte Krankheit Covid-19 traten erstmals im Dezember 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan auf, um sich nur wenige Monate später weltweit auszubreiten. Die Regierungen der Welt tun ihr Bestes, um die Pandemie einzudämmen und zu bekämpfen. Wenn wir alle gemeinsam diszipliniert die empfohlenen Verhaltensregeln wie «Social Distancing» sowie häufiges und gründliches Händewaschen befolgen, können wir dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus und der Krankheit zu verlangsamen.

Bild: zVg
Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Denkatelier.

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Video: other_external/bag

Ist damit die Geschichte der Coronavirus-Pandemie bereits fertig erzählt? Nicht ganz. Ein Blick auf die Entwicklung des Ausbruchs zeigt nämlich, dass Länder in Europa und Nordamerika im Vergleich zu Ländern in Ostasien offenbar deutlich mehr Mühe bekunden, die Pandemie einzudämmen. Der bisherige Verlauf der bestätigten Fälle pro 100’000 Einwohner sieht für einige europäische und nordamerikanische Länder wie folgt aus (Daten der Johns Hopkins University):

Diagramm: Marko Kovic
Diagramm: Marko Kovic

Der Unterschied ist erstaunlich: Die ostasiatischen Länder schaffen es bisher deutlich besser, die sogenannte Kurve an Infektionen flach zu halten, obschon der Ausbruch bereits im Januar stattfand. Sogar Südkorea, das ostasiatische Land mit dem relativ gesehen schlimmsten Ausbruch, hat die Neuinfektionen in den Griff bekommen.

In den westlichen Ländern ist das Bild umgekehrt: Es passierte bis zur zweiten Februarhälfte wenig (das Virus musste erst ankommen), dann aber schiessen die Infektionen in die Höhe. In Nordamerika und dem Vereinigten Königreich ist die Welle erst am Heranrollen, aber auch in diesen Ländern ist ein starker Anstieg zu erwarten.

Warum breitet sich die Pandemie in westlichen Ländern explosionsartig aus, während ostasiatische Länder die Kurve flach halten und die Ausbreitung verlangsamen? Es gibt unterschiedliche mögliche Antworten.

These 1: Krisenmanagement geht ohne Demokratie besser

Die bisher erfolgreiche Eindämmung der Pandemie in China und in Singapur drängt die Frage auf, ob das Krisenmanagement in undemokratischen Ländern womöglich besser funktioniert als in demokratischen. Während China zentralisiert und entschlossen durchgreifen kann, hatten wir in der Schweiz monatelang die übliche verwirrende und teilweise widersprüchliche Kakophonie von Gemeinden, Kantonen und Bund, die nicht unbedingt Klarheit und Sicherheit ausstrahlte.

Doch die These, dass Demokratie dem Krisenmanagement nicht zum Nutzen gereicht, ist wacklig. Einerseits zeigen die Daten, dass auch demokratische Länder in Ostasien wie Taiwan, Japan, Südkorea und Hongkong (das formal zu China gehört) sehr erfolgreich im Kampf gegen die Pandemie sein können.

Lockdown in China: Strassenszene in Peking.
Lockdown in China: Strassenszene in Peking.
Bild: EPA

Andererseits ist es sehr wahrscheinlich genau Chinas antidemokratische Gesinnung, welche es verunmöglicht hat, die Ausbreitung des Coronavirus im Keim zu ersticken, bevor sie überhaupt erst zu einer Pandemie wurde. China hat zu Beginn wichtige Informationen zurückgehalten, keine Massnahmen ergriffen, reagierte auf die ersten Fälle zögerlich und war gegenüber der internationalen Gesundheits-Gemeinschaft intransparent. Insgesamt dürfte Autokratie also kein Faktor sein, der den Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie vereinfacht.

These 2: Geografie spielt eine Rolle

Japan, Singapur und Taiwan sind Inselstaaten; Südkorea ist eine Halbinsel. Das könnte rein geografisch ein Vorteil im Kampf gegen die Pandemie sein, weil der Fluss an Menschen besser überwacht und, wenn nötig, abgeklemmt werden kann. Binnenstaaten wie die Schweiz hingegen haben den Nachteil, mit relativ vielen Ländern relativ viele Grenzübergänge auf dem Landweg zu haben, was die Kontrolle der Personenströme deutlich erschwert.

Polizeikontrolle im Tessin. Die Schweiz hat eine lange gemeinsame Grenze mit Italien.
Polizeikontrolle im Tessin. Die Schweiz hat eine lange gemeinsame Grenze mit Italien.
Bild: EPA

Im Prinzip ist also recht klar, warum Geografie eine Rolle spielen kann: Je schwieriger es ist, in ein Land zu gelangen, desto schwieriger ist es eben auch für infizierte Personen, in ein Land zu gelangen. In der Realität dürfte die Rolle geografischer Gegebenheiten aber durch den modernen Flugverkehr relativiert sein.

China befördert jährlich über 600 Millionen Passagiere; Japan über 120 Millionen; Südkorea knapp 90 Millionen; Singapur über 40 Millionen. Die Coronavirus-Pandemie hat sich weltweit in erster Linie wegen des regen internationalen Flugverkehrs ausgebreitet und nicht wegen Grenzübergängen auf der Strasse oder Schiene.

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These 3: Die ostasiatischen Gesundheitssysteme sind besser

Der Umstand, dass ostasiatische Länder die Coronavirus-Pandemie relativ gut im Griff haben, könnte darauf hindeuten, dass diese Länder allgemein über bessere Gesundheitssysteme verfügen. Diese These macht an sich durchaus Sinn: Je effektiver und effizienter ein Gesundheitssystem, desto besser sollte es universal für Herausforderungen und Krisen wie die Coronavirus-Pandemie gewappnet sein.

In einer grossangelegten, internationalen Studie von 2018 zeigt sich denn auch, dass die Gesundheitssysteme in Japan, Singapur und Südkorea bei Zugang und Qualität der Versorgung mit jeweils 94, 91 und 90 von 100 Punkten zur Weltspitze gehören. Doch Taiwan erreicht nur 85 Punkte, und China ist sogar relativ weit abgeschlagen mit nur 78 Punkten. Gleichzeitig bewegen sich in dieser Studie auch westliche Länder an der Weltspitze. Die Schweiz erreicht ganze 96 Punkte, Italien 95, Deutschland und Frankreich je 92.

Krankenhaus in Brescia, Italien. Das italienische Gesundheitssystem gilt als sehr gut.
Krankenhaus in Brescia, Italien. Das italienische Gesundheitssystem gilt als sehr gut.
Bild: EPA

Natürlich ist eine einzige Studie, so umfassend sie auch sein mag, nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es um Gesundheitsversorgung geht. Aber grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass es keine Kluft zwischen der Qualität der Gesundheitsversorgung in ostasiatischen und in westlichen Ländern gibt.

Die Gesundheitsversorgung ist in Ostasien nicht kategorisch besser und teilweise sogar tendenziell schlechter als in westlichen Ländern. An der These, dass bessere Gesundheitssysteme erklären, warum ostasiatische Länder die Pandemie besser im Griff haben, dürfte also nicht viel dran sein.

These 4: In Ostasien sind Menschen für Infektionskrankheiten sensibilisiert

Das Bild der ostasiatischen Person mit einer Gesichtsmaske gehört für uns im Westen mehr oder weniger zum Repertoire der Stereotype, wenn es um Asien geht. Doch an diesem Stereotyp ist tatsächlich etwas dran: Im Westen trägt kaum jemand öffentlich Gesichtsmasken während der Grippesaison, aber in Ostasien ist diese Form des Ansteckungsschutzes weit verbreitet; nicht zuletzt, weil die Gesichtsmaske zu einem kulturellen Symbol für Solidarität mit Mitmenschen wurde.

Masken tragen als Akt der Solidarität: Chinesische Touristen in Sri Lanka.
Masken tragen als Akt der Solidarität: Chinesische Touristen in Sri Lanka.
Bild: EPA

Es scheint entsprechend nicht weit hergeholt, dass die kulturelle Prägung im Umgang mit Infektionskrankheiten einen Einfluss auf den Verlauf der Coronavirus-Pandemie haben könnte. In Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie können ostasiatische Länder dieses kulturelle Kapital der in der Bevölkerung verankerten Verhaltensroutinen, Einstellungen und Normen mobilisieren.

In der Kultur westlicher Länder ist die Sensibilisierung für Infektionskrankheiten hingegen eher tief, und entsprechend schwierig fällt es der Bevölkerung, ihr Verhalten und ihren Tagesablauf zu verändern. Wir sind es uns schlicht nicht gewohnt, mit Infektionskrankheiten umzugehen und haben nun entsprechend Mühe, unser Verhalten anzupassen. Davon zeugen nicht zuletzt Leute, die auch inmitten der Pandemie irrationalerweise nicht auf Party und Ausgang verzichten wollen.

Wie Taiwan auf das Coronavirus reagierte:

These 5: Die ostasiatischen Länder haben sich vorbereitet

Wenn wir den Umgang westlicher Regierungen mit der Coronavirus-Pandemie nachzeichnen, zeigt sich im Grunde ein ähnliches Bild: Bis die ersten bestätigten Fälle auftreten, wird nichts unternommen; nachdem die Infektionen rasant zunehmen, werden erste sanfte Empfehlungen abgegeben; nachdem die Infektionen ungebremst in die Höhe schiessen, werden konkretere Massnahmen wie Einreisekontrollen und ein «Lockdown» eingeführt. Das Ganze ist vor allem reaktiv und wirkt planlos.

Im Gegensatz dazu haben ostasiatische Länder schneller und proaktiver gehandelt und Strategien genutzt, die sie bereits Jahre vorher erarbeitet hatten. In erster Linie haben die ostasiatischen Länder sofort strikte Einreisekontrollen eingeführt, diagnostische Tests entwickelt und ein zuvor erarbeitetes System zur Identifikation und Isolierung infizierter Menschen aktiviert und umgesetzt. Zudem haben die ostasiatischen Länder anders als die westlichen Länder «Social-Distancing»-Massnahmen nicht erst dann obligatorisch eingeführt, als es bereits zu spät war.

Warum waren die ostasiatischen Länder im Gegensatz zu westlichen Ländern verhältnismässig gut vorbereitet? Sie haben, anders als wir im Westen, die Lehren aus der SARS-Epidemie 2002/2003, der Schweinegrippe-Pandemie 2009 und der MERS-Epidemie 2015 gezogen. Rein statistisch war eine neue Epidemie oder Pandemie garantiert, und ebenso garantiert war, dass die Menschheit nicht immer Glück haben wird wie in den vergangenen Fällen.

Anti-SARS-Plakat in Schanghai im Dezember 2003.
Anti-SARS-Plakat in Schanghai im Dezember 2003.
Bild: AP

Die ostasiatischen Länder haben die Risiken neuartiger Infektionskrankheiten, welche zu Epidemien und Pandemien werden können, also nicht nur in der Theorie erkannt, sondern in den letzten rund 15 Jahren ganz praktisch und konkret in den Aufbau von Strategien, Systemen und Kapazitäten investiert, mit denen das Schlimmste abgewendet werden soll. Westliche Länder hingegen wurden von der Coronavirus-Pandemie kalt erwischt und reagieren nun ad hoc und ohne klaren Plan, um zu retten, was zu retten ist.

Es ist natürlich nicht so, dass westliche Regierungen und Verwaltungen sich der Gefahr von Epidemien und Pandemien nicht bewusst wären. Aber umfassende bürokratische Trockenübungen wie zum Beispiel der «Influenza-Pandemieplan Schweiz» bringen offensichtlich nichts, wenn im Ernstfall das Chaos regiert.

Theoretische Lagebeurteilungen und Arbeitspapiere und Evaluationen sind schön und gut, aber die ostasiatischen Länder demonstrieren, dass frühzeitig eben auch Nägel mit Köpfen gemacht werden müssen, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Risikomanagement bedeutet, nicht nur zu wissen, dass es Risiken gibt, sondern darüber hinaus auch aktiv etwas zu unternehmen, um die Risiken zu senken.

Die frühzeitige Vorbereitung in Ostasien und die mangelnde Vorbereitung im Westen zeigt uns also etwas, was wir eigentlich schon längst wissen müssten: Mit dem Zusammennähen des Fallschirms können wir nicht erst dann beginnen, wenn wir schon aus dem Flugzeug gesprungen sind.

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