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hacker hacking szenen

Denn sie wissen nicht, was sie tun: Viele Erwachsene kommunizieren online nicht gerade feinfühlig.  Bild: Shutterstock

Expertin zu Cybermobbing

«Man kann sich auch strafbar machen, ohne aktiv zu sein»

Wer jemanden übers Internet belästigt, bedroht oder verleumdet, kann strafrechtlich verfolgt werden. Was das bedeutet und was jeder tun kann, dass es nicht soweit kommt, erzählt die Medienexpertin Eveline Hipeli im Gespräch.



Facebook-User wollen eine Kuhglocken-Gegnerin auf dem Scheiterhaufen sehen, Twitter-Userin Zora Debrunner muss wegen Mobbing ihr liebstes Hobby aufgeben. Wo leben wir eigentlich?
Eveline Hipeli
: Die Sozialen Medien geben dem klassischen Mobbing eine neue Dimension. Weil alles an der Öffentlichkeit stattfindet, nehmen Konflikte oft ungeahnte Ausmasse an. Das sieht man am Fall Zora Debrunner sehr gut: Ein Streit zwischen zwei Personen wird plötzlich zum Thema für Hunderte von Twitterern. Interessant ist es zu sehen, dass es unter dem Hashtag #WeWantZoraBack auch eine Gegenbewegung gab. 

Diese hat sich aber wiederum auf den mutmasslichen Mobber eingeschossen, ihn beschimpft und private Details über ihn veröffentlicht. 
Ja, so etwas kann eine unheilvolle Dynamik auslösen. Die Leute wollen helfen, wählen dafür aber die falsche Strategie. Das bringt nichts und am Schluss stehen beide Seiten als Verlierer da. Zora Debrunner steht ja nicht hinter der Gegenbewegung und ist offenbar selber überrascht, was die Geschichte ausgelöst hat. Mir tut es persönlich sehr Leid, dass Zora ihr liebstes Hobby aufgeben musste, aber solche Fälle können uns auch wachrütteln. 

«Cybermobbing ist nicht nur ein Jugendphänomen.»

Inwiefern? 
Um zu zeigen, dass Cybermobbing nicht nur ein Jugendphänomen ist, sondern auch in der Erwachsenenwelt verbreitet ist. Ansonsten waren es ja eher die in den USA verbreiteten «Rachepornos», die zum Cybermobbing unter Erwachsenen gezählt wurden. Leicht geht vergessen, dass auch Erwachsene lernen müssen, verantwortungsvoll mit Sozialen Medien umzugehen. Nicht nur die Jugendlichen. 

Eveline Hipeli

Zur Person

Dr. phil. Eveline Hipeli (34) ist Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Pädagogischen Hochschule Zürich und beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Cybermobbing, Mediensozialisation, sowie Medien und Gewalt. 

Man kann zwar Personen bei Social Media melden, aber das scheint nur bedingt zu funktionieren. Müsste man Facebook & Co. stärker in die Pflicht nehmen? 
Nein, das kann nicht die alleinige Lösung sein. Zwar gibt es bei Facebook Ansätze, die User vor sich selbst zu schützen: Es wird etwa mit einem Feature experimentiert, das betrunken geschriebene Einträge erkennen und nachfragen soll, ob man das wirklich veröffentlichen will. 

Hört sich praktisch an.
Dabei darf aber nicht vergessen werden: Die Verantwortung immer bei dem, der einen Eintrag veröffentlicht. Facebook und Twitter können nicht ständig alles überprüfen, was gepostet wird. 

Zora Debrunner ist schliesslich zur Polizei gegangen. 
Viele Leute wissen noch immer nicht, dass man das überhaupt kann. Es gibt zwar zum Cybermobbing keinen Gesetzesartikel, doch belästigende, demütigende und drohende Handlungen können strafrechtlich erfasst werden. Mit bestehenden Gesetzesartikeln gegen Beschimpfung, Drohung und Verleumdung zum Beispiel. 

«Oft haben User nicht einmal böse Absichten. Doch weil sie die Reaktion des Gegenübers nicht sehen, spüren sie nicht, was sie bei der Person auslösen.»

Wann soll ein Opfer die Polizei einschalten? 
Ich empfehle Betroffenen, zuerst mit dem Täter zu sprechen und ihn zu bitten, verletzende Aussagen und Bilder zu löschen. Viele Leute wissen nicht, wie verletzend ihre Handlungen sein können. Oft haben sie nicht einmal böse Absichten, doch weil sie die Reaktion des Gegenübers nicht sehen, spüren sie nicht, was sie bei der Person auslösen. Da fehlen gewisse Kompetenzen bei der Online-Kommunikation. 

Und wenn die Belästigungen nicht aufhören?
Wenn der Leidensdruck zu gross wird, sollte man nicht mehr lange zögern und sich Hilfe holen und die Polizei einschalten. 

Das ist für ein Opfer nicht immer einfach. Wie etwa bei dem Ice-Tea-Video-Fall
Richtig. Das Mädchen, das sich bei sexuellen Handlungen mit einer Eistee-Flasche filmte, machte sich selbst wegen Kinderpornographie strafbar, als sie das Video an ihren Freund schickte –  er natürlich auch, als er es weiterverbreitete. Die Richter zeigten sich jedoch milde, weil sie der Meinung waren, das Mädchen habe genug gelitten. 

Das ist aber nicht die ganze Geschichte.
Richtig. Dieser Fall zeigt auf, wie verzwickt sich eine solche Geschichte entwickeln kann. Der Ex-Freund, der das Video veröffentlichte, löschte es ziemlich schnell wieder. Doch da war es schon im Umlauf. Was dazu führte, dass auch einige sogenannte Bystanders belangt wurden, die das Video auf ihrem Handy hatten. Auch so macht man sich strafbar. 

«Drittpersonen können dazu beitragen, einen Konflikt im Internet zu schlichten, bevor er eskaliert.»

Leute, die zuschauen und nicht direkt involviert sind spielen also auch eine Rolle?
Absolut. Man kann sich, wie gesagt, auch strafbar machen, ohne wirklich aktiv zu sein. Drittpersonen können aber auch eine andere Rolle spielen: Sie können dazu beitragen, einen Konflikt im Internet zu schlichten, bevor er eskaliert. Oder das Opfer unterstützen, wie das unter dem Hashtag #WeWantZoraBack geschehen ist. Da ist eine neue Art von Zivilcourage gefragt. 

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