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Zebu-Rinder auf der Cristalino-Farm.

Zebu-Rinder auf der Cristalino-Farm. Bild: zvg

Wie ein «Kuhschweizer» für VW im Regenwald Brasiliens den «Ochsen der Zukunft» züchtete

In den 1970er-Jahren lancierte der Volkswagen-Konzern unter der Leitung eines Schweizers ein riesiges Landwirtschaftsprojekt, das zu Schuldknechtschaft und massiver Abholzung des Regenwalds führte.

Antoine Acker / Universität Zürich



1970: «Unentwickelte» tropische Zonen sind die vielversprechendsten Reserven von natürlichen Ressourcen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen empfiehlt ihre Erschliessung, um die boomende Nachfrage des Marktes zu stillen und um die weltweite Armut zu bekämpfen. In den Entwicklungsländern steigt der Konsum von Fast Food stetig an und McDonald’s beginnt, sein Fleisch aus den Regenwäldern von Costa Rica zu beziehen.

Der Amazonas ist als grösster Regenwald der Welt das neue Grenzland des Kapitalismus. Die brasilianische Militärdiktatur lanciert den Bau der Transamazônica, einer 5000 km langen Strasse, die der Wirtschaft den Zugang zum bis dato so wenig genutzten Dschungel ermöglichen soll. Grosszügige finanzielle Anreize locken hunderte von brasilianischen und multinationalen Unternehmen in die Region. Sie sehen Spekulationsmöglichkeiten und fette Profite mit dem Export von Mineralen, Holz und vor allem Fleisch. Schweizer Unternehmen wie Nestlé gehören zu den grossen Namen dieser Welle von Landkäufen, doch es gibt auch noch weitere Verbindungen in die Schweiz.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Auf der Suche nach Reichtum im Regenwald» erschien am 31. Mai 2019.
blog.nationalmuseum.ch/2019/05/auf-der-suche-nach-reichtum-im-regenwald

Es ist die Zeit der «grünen Revolution», eines massiven Wissenstransfers aus dem Westen mit dem Ziel, die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern mit der Einführung von Pestiziden, genmanipulierten Pflanzen und mechanisierter Monokultur zu modernisieren. Dieser Prozess wird von den Akteuren oft als humanitärer Akt präsentiert, als erster Schritt für die «Dritte Welt» auf dem Weg zum Wohlstandsniveau von Nordamerika und Europa. Dank dem internationalen Ruf der alpinen Landwirtschaft etabliert sich die Schweiz als die Ausbildnerin der weltweit besten Agronomen. Die ETH ist eine der besten Hochschulen in diesem Sektor.

Lage der Rinderfarm Companhia Vale do Rio Cristalino in Brasilien.

Lage der Rinderfarm Companhia Vale do Rio Cristalino in Brasilien. Karte: Wikimedia

Kein Wunder also, dass der Bündner Friedrich Georg Brügger, der 1964 einen Abschluss der ETH erworben hatte, von der multinationalen Unternehmung Volkswagen ausgewählt wird, das Vorzeigeprojekt der brasilianischen Regierung im Amazonas zu überwachen. Es handelt sich um die Companhia Vale do Rio Cristalino, eine 140'000 Hektar grosse Pionier-Rinderfarm, gegründet 1973 im Südosten des Regenwaldes, finanziert durch Volkswagen.

Mit modernster Agrartechnik soll das Beste aus der tropischen Natur herausgeholt werden. Die brasilianischen Gesetze verpflichten die deutsche Unternehmung VW dazu, Teile des Gewinns in Brasilien zu investieren. Cristalino ist somit nicht nur eine gute Vermögensanlage, sondern auch eine Chance, sich als mutiger und wohlwollender Investor zu präsentieren, der ein Zivilisationsprojekt im Dschungel durchführt. Brügger steht dabei für die Garantie von Schweizer Qualität und Kompetenz, oder wie er öfters scherzt: «Die Deutschen nennen uns ja ohnehin Kuhschweizer. Also musste einer her, um die Farm zu leiten».

Ein computergestütztes System, das sich am brasilianischen Hauptsitz von VW in der Nähe von Sao Paolo befindet, überwacht Weiden und Herden. Wissenschaftler der ETH, der Tierärztlichen Hochschule Hannover und der Universität von Georgia in den USA beobachten das Projekt. Die Wissenschaftler züchten Rinder, die gegen die tropischen Krankheiten resistent sind, aber doch ihren Artgenossen in gemässigten Zonen ähnlich sind, um so der Nachfrage der westlichen Konsumenten zu entsprechen. Das oberste Ziel ist es, den «Ochsen der Zukunft» zu erschaffen: eine Zucht, welche die «Vorteile des zähen Zebus mit der Produktivität der europäischen Sorten verbindet», wie es in einer offiziellen Broschüre von 1983 heisst.

Landeanflug zur Cristalino-Farm, aufgenommen 2017.

Landeanflug zur Cristalino-Farm, aufgenommen 2017. Bild: Stefanie Dodt

Der «Ochse der Zukunft» blieb ein Wunschtraum der Verantwortlichen des Cristalino-Projekts. Es wurde von der Monster-Inflation beendet, die Brasilien Mitte der 1980er-Jahre heimsuchte. Die hohen technischen Investitionskosten verhinderten den Verkauf des Fleisches zu erschwinglichen Preisen. Das Resultat widersprach am Ende der Behauptung der VW-Werbeabteilung, dass das Projekt ein Ausdruck der Pflicht der reichen Länder sei, die hungrigen «Drittweltländer» mit Hilfe der wohlwollenden Taten von multinationalen Unternehmen zu ernähren.

Das Projekt hinterliess tiefe Spuren am Regenwald und seiner Bevölkerung. Es verursachte Brandrodungen von einem noch nie gesehenen Ausmass und beschäftigte kriminelle lokale Subunternehmen. Um die Rodungen und Abzäunungen durchzuführen, rekrutierten diese Zwangsarbeiter aus der ärmsten Landbevölkerung. Aussagen dieser Arbeiter deuten auf ein System der Schuldknechtschaft, oft auch Leibeigenschaft genannt: Ein System, in dem ein Individuum durch Schulden an einen Arbeitgeber gebunden und unter Androhung von Strafe gezwungen wird, für diesen Arbeitgeber weiter zu arbeiten.

Eingang der Farm, 2017.

Eingang der Farm, 2017. Bild: Stefanie Dodt

Auf den Aufschrei, den diese Missbräuche auslösten, reagierte Friedrich Georg Brügger auf verheerende Art und Weise. 1977 erlebte eine britische Journalistin, die Cristalino zuvor besucht hatte, eine von Brüggers Stimmungsschwankungen, als sie ihn zögerlich auf das Thema Umweltschutz ansprach. Brügger schlug auf den Tisch und sagte: «Sprechen Sie mit mir nicht über Ökologie!». Umweltschutz, so Brügger weiter, sei «eine neumodische Beschäftigung, erst vor kurzem erfunden von arbeitslosen Intellektuellen, die nichts Neues zu sagen haben».

Wenn er Gäste der Ranch beeindrucken wollte, bot er ihnen Objekte an, die aus bedrohten Holzsorten bestanden, deren Abholzung und Handel verboten war. Noch schockierender war seine Reaktion auf Anschuldigungen der Zwangsarbeit, die gegen Cristalino erhoben wurden. Gemäss Brügger waren die Arbeiter des Amazonas «Nomaden», von Natur aus faul und unwillig, regelmässiger Beschäftigung nachzugehen und effizient zu arbeiten. Anstatt Geld zu verdienen, so Brügger, würden die Arbeiter ihre Schulden vermehren, weil sie «über ihren Verhältnissen leben» und «Unmengen von Reis essen, anstatt zu arbeiten». Das erkläre und rechtfertige am Ende ihre Situation als Lohnsklaven.

Brüggers Ausführungen decken die der «VW-Ranch» zugrundeliegende Logik auf: ein ausgeklügeltes System, das schliesslich die ausbeuterischen Vorgehensweisen aus dem Kolonialismus wiederholt und den Norden zu Lasten des Südens bereichert.

Ein VW-Käfer steht beim Eintreiben der Rinder bereit.

Ein VW-Käfer steht beim Eintreiben der Rinder bereit. Bild: zvg

Vor 1960 hatten die Bewohner des Amazonas noch nie eine Kuh gesehen. Die einzige Rinderrasse in der Region waren die Wasserbüffel auf der Marajó-Insel im Amazonasdelta. Heute hält Brasilien 20 Prozent des weltweiten Fleischexports und die Rinderhaltung ist der primäre Grund für die Abholzung im Amazonas. Internationale Organisationen empfehlen nicht mehr die Entwicklung von Rinderfarmen in den Tropen, sondern sehen darin eines der Hauptprobleme im Kampf gegen den Klimawandel. Wie viele Hochschulen, unterstützt die ETH heute nachhaltige Landwirtschaftsansätze und ihre Forschungsprogramme zur globalen Ernährung konzentrieren sich auf geringe ökologische Auswirkungen und fairen Handel.

Doch in Brasilien argumentiert die lokale und internationale Agrarindustrie nicht mehr mit humanitären Vorwänden, um auf Kosten der Umwelt Gewinne zu erzielen. Investoren lobbyieren ganz offen für ein Ende der Umweltschutzmassnahmen und Programme der Regierung gegen Zwangsarbeit. Den Anfang genommen hat dies mit dem Cristalino-Projekt unter der Leitung eines an der ETH ausgebildeten Agronomen, der gerne darüber lachte, dass er Kuhschweizer genannt wurde.

TV-Tipp

Reportage im «Weltspiegel» der ARD auf daserste.de

Friedrich Georg Brügger im Interview mit der ARD

Friedrich Georg Brügger im Interview mit der ARD. Bild: daserste.de

Reichtum

Fünfte Schweizerische Geschichtstage
5.-7.6.2019
Die Geschichtstage werden von der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte organisiert. An Panels, Referaten und Vorträgen beleuchten Geschichtsforschende das Thema «Reichtum» aus verschiedenen Perspektiven.
www.geschichtstage.ch

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

1,35 Millionen Hektar abgeholzt

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    Alle Leser-Kommentare
  • Der Kritiker 10.06.2019 12:45
    Highlight Highlight Ich kenne einen Agronomen, der etwa Ende der 60er in Brasilien war. Er ging nach Brasilien, um etwas für die Entwicklungshilfe beizutragen. Dabei landete er auf einer Farm von Schweizern und hatte so auch Kontakt zu weiteren Schweizern. So kam es, dass er sich im Schweizer Club in São Paulo mit andern ausgewanderten Schweizern traf. Die Besuche in diesem Verein hörten ziemlich schnell wieder auf, nachdem er bemerkte, welch faschistoides Pack sich unter diesen Emigranten tummelte. Brasilianer waren für diese Mehrbesseren
    affenähnliche Geschöpfe, moderne Sklaverei war kein Problem.
  • Jo Blocher 10.06.2019 12:14
    Highlight Highlight Brügger wäre ein richtiger Vorzeige SVPler😂😂😂
  • dä dingsbums 10.06.2019 11:06
    Highlight Highlight "ökologie ist eine neumodische Beschäftigung, erst vor kurzem erfunden von arbeitslosen Intellektuellen, die nichts Neues zu sagen haben

    So was in der Art gibt es neuerdings auch in der Weltwoche zu lesen. Fast 50 Jahre später.

    🤔
  • NocheineMeinung 10.06.2019 09:27
    Highlight Highlight Der Neoliberalismus bringt nur Wohlstand für die Reichen und Mächtigen, die anderen verarmen. Ändern wird sich kaum etwas, solange so viele damit liebäugeln, doch noch zu den Reichen und Mächtigen zu gehören.
  • philosophund 09.06.2019 22:50
    Highlight Highlight Umweltschutz als „eine neumodische Beschäftigung, erst vor kurzem erfunden von arbeitslosen Intellektuellen, die nichts Neues zu sagen haben“ zu taxieren höre wir doch auch heute noch aus den Reihen der SVP.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

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