Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Gesamte Serie: Das neue Maschinen-Zeitalter

Eine phantastische Reise hat begonnen

Künstliche Intelligenz, Big Data, Nanotechnologie: Lesen Sie hier, warum die Technik gerade jetzt so rasante Fortschritte macht, wie sie unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft verändern wird und was für Alternativen wir haben werden. 

22.04.14, 14:30 07.07.14, 15:07

Vorwort zur Serie

Intelligente Roboter, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität, das waren lange Dinge, die von gebildeten Menschen eher belächelt wurden. Männer, die Mühe mit Frauen und dem Erwachsenwerden hatten, befassten sich damit. Nun ist plötzlich alles anders geworden. Ein neues Maschinen-Zeitalter ist angebrochen, das auch die Ökonomen und Philosophen fasziniert und das in Sachbüchern und im Feuilleton intensiv diskutiert wird. Aus dem Bereich der Informationstechnologie werden fast täglich revolutionäre Durchbrüche gemeldet, ebenso von den Neurowissenschaften oder der Nanotechnologie. 

«Die Welt der Zukunft wird die Welt des Geistes sein.»  

Michio Kaku

Und es sind nicht mehr übereifrige Teenager, die von neuen Formen der Intelligenz und Lichtreisen durchs All träumen, es sind renommierte Akademiker, die sich damit befassen, ob unsere Träume gefilmt und fremde Erfahrungen in unser Hirn implantiert werden können. So schreibt Michio Kaku, Physikprofessor an der New Yorker City University und gefeierter Sachbuchautor, in seinem jüngsten Buch «The Future of the Mind»:

Michio Kakus jüngstes Buch The Future of the Mind.

«Die aktuelle Forschung befindet sich an der Schwelle zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns den Atem rauben werden. Eines Tages werden wir wie selbstverständlich die Gegenstände um uns herum mit unseren Gedanken steuern, wir werden Erinnerungen herunterladen, psychische Krankheiten heilen, unsere Intelligenzquotienten steigern, unser Gehirn Neuron für Neuron verstehen, Backup-Kopien unseres Gehirns erstellen und telepathisch miteinander kommunizieren. Die Welt der Zukunft wird die Welt des Geistes sein.» 

1. Warum wir bald Träume rund um die Welt mailen können

Autos, die von Software gesteuert werden, Echtzeit-Übersetzungen von Computern, die tatsächlich echt wirken, Dronen, Robotersoldaten – vieles, das noch vor kurzem ins Reich der Science-Fiction gehörte, ist heute Realität. Und dabei stehen wir offenbar erst am Anfang einer sich rasant beschleunigenden Entwicklung: IT-Milliardäre wollen mit privaten Raketen das All erobern und neuen Lebensraum für die Menschen der Zukunft schaffen. Die Geheimnisse des menschlichen Gehirns sollen bald entschlüsselt, unheilbare Krankheiten geheilt, dank Gentech für genügend Nahrung für noch viel mehr Menschen gesorgt und der Tod besiegt werden. Der Toyota-Werbeslogan ist Wirklichkeit geworden: Nichts ist unmöglich. 



Die neue Techno-Euphorie ist kein Naturereignis, das unverhofft über die Menschen hereingebrochen ist. Die Ursache liegt in einem Gesetz, das Gordon Moore schon 1965 entdeckt hat. Moore ist ein IT-Pionier und Co-Gründer des Chip-Herstellers Intel. In einem legendären Artikel in der Fachzeitschrift «electronics» wies er folgende Gesetzmässigkeit nach: Die Anzahl der Transistoren, die man auf einem Chip unterbringen kann, verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre. 

Die Anzahl der Transistoren, die man auf einem Chip unterbringen kann, verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre. 

Gesetzmässigkeit nach Gordon Moore (1965)

Moore ging ursprünglich davon aus, dass diese Entwicklung noch etwa zehn Jahre so weiter gehen würde. Inzwischen ist ein halbes Jahrhundert daraus geworden, und nach wie vor ist kein Ende abzusehen. Sein Gesetz ist daher längst mehr als eine Fussnote in der Wissenschaftsgeschichte. Es könnte zu einem der bedeutendsten Phänomene der menschlichen Geschichte werden. Warum das so ist, erläutert folgende Anekdote: 

Sissa inb Dahir lebte angeblich im 3. oder 4. Jh. n. Chr. in Indien und gilt als Erfinder des Schachspiels bzw. der indischen Urform Tschaturanga. Die Weizenkornlegende versinnbildlicht die Vielfalt des Schachspiels; seine Unerschöpflichkeit der Möglichkeiten.  Bild: Wikicommons

The Second Machine Age von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee.

Ein chinesischer Kaiser wollte den Erfinder des Schachspiels belohnen und fragte ihn, was er denn gerne hätte. Er wolle bloss ein wenig Reis, entgegnete der Erfinder, nämlich ein Korn auf dem ersten Feld, das Doppelte auf dem zweiten, wieder das Doppelte auf dem dritten usw. Ein paar Reissäcke kann ich locker entbehren, dachte sich der Kaiser und willigte freudig ein. Er hatte keine Ahnung von Mathematik und kannte daher die Tücken der exponentiellen Entwicklung nicht. Auf tiefem Niveau zeigt die Verdoppelung tatsächlich lange kaum Wirkung. Dann aber setzt sie mit umso grösserer Wucht ein. In der zweiten Hälfte des Schachbrettes erreicht die Menge der Reiskörner eine kritische Masse. Jede Verdoppelung kostet nun den Kaiser ein Vermögen. (Für alle, die es genau wissen wollen: Beim Feld 64 sind es exakt 18'446'744'073'709'551'616 Reiskörner.) 

Überträgt man diese Schachparabel in die digitale Welt, dann kommt Folgendes heraus: Dank dem Moore’schen Gesetz ist auch die IT in der zweiten Hälfte des Schachbrettes angelangt. Jede Verdoppelung der Anzahl Transistoren auf einem Chip hat nun gewaltige Wirkung. Der sogenannte Tipping Point ist erreicht. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zeigen in ihrem Kultbuch «The Second Machine Age» die Folgen auf: «Die akkumulierten Verdoppelungen infolge des Moore’schen Gesetzes und den Verdoppelungen, die noch folgen werden, wird uns eine Welt bescheren, in der in wenigen Jahren Supercomputer in Spielzeuge eingebaut werden, in der immer billigere Sensoren günstige Lösungen für Probleme ermöglichen, die bisher unlösbar schienen, und in der Science-Fiction Realität werden wird.» 

Das mag sich zunächst wie der feuchte Traum eines Techno-Freaks anhören. Die Entwicklung des Smartphones deutet an, dass man sie ernst nehmen sollte. Das iPhone kam 2007 auf den Markt. Als Mensch wäre es also gerade mal reif für die Schule geworden. Bereits heute kann man sich die Welt ohne dieses Gadget gar nicht mehr vorstellen. Ob SBB-Billett oder Kinoticket, ob Diätberater oder GPS – ohne entsprechende Apps werden wir bald nicht mehr in der Lage sein, unseren Alltag zu bestreiten. 

Mehr noch: Das Smartphone bestimmt zunehmend auch unser Verhalten. Mit ihm können Unmengen von Daten gesammelt und in Echtzeit ausgewertet werden. Im Zeitalter von Big Data ist es so mit dem Smartphone möglich geworden, sogenannte Netzwerkeffekte minutiös zu erfassen und blitzschnell zu analysieren. 

Gif: Giphy

Was dies konkret bedeutet, zeigt die von zwei Amerikanern entwickelte Software «Waze». Es handelt sich dabei um ein interaktives GPS. Waze verbindet über die Smartphones die Autofahrer in einem bestimmten Raum. Damit wird es möglich, alle Verkehrsbewegungen in diesem Raum in Echtzeit zu erfassen, auszuwerten und Umfahrungsmöglichkeiten anzubieten. Das interaktive GPS kann so den Autofahrern nicht nur die beste Route, sondern die beste Route zu einem bestimmten Zeitpunkt vermitteln.

Das interaktive GPS« Waze». Bild: electronicproducts.com

Wenn wir schon beim Auto sind: Dank Big Data ist es möglich, einen Autositz so zu konstruieren, dass er den einzelnen Fahrer identifizieren kann. Das Auto muss damit nicht einmal mehr abgeschlossen werden. Wenn der falsche Lenker Platz genommen hat, springt der Motor ganz einfach nicht an. Selbst wenn der richtige Lenker Platz genommen hat, kann der Motor streiken. Der Lenker muss nämlich in fahrtüchtiger Verfassung sein, weil der Autositz auch aufgrund der Körperhaltung erkennen kann, ob er übermüdet oder betrunken ist. 

Gif: Giphy

Netzwerkeffekte beschränken sich nicht auf das Auto. Es ist kein Zufall, dass die SBB sich entschlossen hat, ihre Bahnhöfe mit WLAN auszurüsten. So wird es künftig möglich sein, die Passagierströme punktgenau zu erfassen und das Angebot entsprechend darauf auszurichten. 

Ebenso wird das Auswerten von Netzwerkeffekten bald unser Gesundheitssystem verändern. Grippeepidemien werden künftig nicht mehr von Ärzten und Gesundheitsbehörden frühzeitig erkannt, sondern von Suchalgorithmen. Google kann aufgrund der Suchanfragen in einem bestimmten Raum erkennen, ob sich eine Grippeepidemie anbahnt. Wie bei «Waze» müssen dazu unter diesen Anfragen die vielfältigsten Korrelationen hergestellt und ausgewertet werden. 

Nach dem gleichen Prinzip kann etwa das Online-Warenhaus Amazon die Wünsche seiner Kunden sehr präzis erkennen und dementsprechende Kauftipps vermitteln.

Schliesslich hat die Romantik bei der Partnersuche ausgedient. Wer seinen Traumprinzen oder seine Wunschfrau sucht, verlässt sich nicht mehr auf Schmetterlinge im Bauch, sondern auf die Algorithmen und die Datenbank einer Online-Partnervermittlung.

Social Physics von Alex Pentland.

Die meisten Menschen können derzeit das Wort Algorithmus noch nicht einmal fehlerfrei buchstabieren. Ihr Alltag wird aber immer mehr davon bestimmt. Was noch auf uns zukommen wird, erklärt Alex Pentland, Forscher am MIT Media Lab, in seinem Buch «Social Physics». Er schreibt: «In wenigen Jahren werden wir eine Datenfülle über das gesamte menschliche Verhalten haben – auf einer kontinuierlichen Basis. Diese Daten existieren bereits in Smartphone-Netzwerken, Kreditkarten-Datenbanken und sonst wo, sind aber nur technischen Gurus zugänglich. Sie werden jedoch immer häufiger der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung gestellt. Wenn wir einmal eine präzisere Visualisierung der Muster des menschlichen Verhaltens erstellt haben, dann können wir hoffen, die moderne Welt viel besser zu verstehen und zu managen.»

«In wenigen Jahren werden wir eine Datenfülle über das gesamte menschliche Verhalten haben.»

Alex Pentland

Nicht nur in den Sozialwissenschaften sind dank Big Data Quantensprünge zu erwarten. Auf beiden Seiten des Atlantiks sind gross angelegte Forschungsprogramme zur Analyse des Gehirns lanciert worden. Neben dem Weltall ist das menschliche Gehirn das vielleicht grösste Rätsel, das es zu entziffern gilt. 

Das wird sich bald ändern. «Eines Tages könnten die Wissenschaftler in der Lage sein ein ‹Internet des Geistes› zu konstruieren», spekuliert Michio Kaku in seinem Buch «The Future of the Mind». Kaku versteht darunter ein Netzwerk von Gehirnen, in dem «Gedanken und Emotionen elektronisch um die Welt geschickt werden». Sollte dies gelingen, sind der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. So könnten selbst Träume gefilmt und via Internet rund um die Welt «brain-mailed» werden. 

Wer sind wir überhaupt, wenn unser Bewusstsein auf einen Computer geladen werden kann?

Die Wissenschaftler wollen bereits in zehn Jahren in der Lage sein, den bisher leistungsfähigsten Computer der Welt zu kopieren, das menschliche Gehirn. Sollte sich diese Hoffnung erfüllen, werden ein paar knifflige philosophische Fragen zu lösen sein. Etwa: Wer sind wir überhaupt, wenn unser Bewusstsein auf einen Computer geladen werden kann? Werden wir unsterblich? Oder werden wir von viel intelligenteren Maschinen abgelöst?

Bis es so weit ist, können wir uns glücklicherweise noch ein paar praktischen Fragen zuwenden, die sich schon in der Gegenwart stellen. So zum Beispiel die nach den wirtschaftlichen Auswirkungen des neuen Maschinen-Zeitalters.

2. Der Vormarsch der Bullshit-Jobs

Tylor Cowens neues Buch Average is Over.

Eines der am heftigsten diskutierten Sachbücher des vergangenen Herbstes hat der amerikanische Ökonom Tylor Cowen geschrieben. Es trägt den Titel «Das Mittelmass ist vorbei» («The Average is Over»). Sein Inhalt lässt sich wie folgt zusammenfassen: 

«Wir werden viele Yoga-Lehrer mit Doktortiteln haben.»

Tylor Cowen

Der Quantensprung in der IT wird zu einer neuen Elite in der Arbeitswelt führen. Nur wer in der Lage ist, mit intelligenten Maschinen zusammenzuarbeiten, wird künftig noch einen anständigen Arbeitsplatz haben. Höchstens 20 Prozent werden diese Hürde schaffen. Alle anderen werden ein Problem haben. Sie müssen sich mit relativ schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungsbereich zufrieden geben und die Drecksarbeiten für die neue Elite verrichten. Sie werden also Chauffeur, Bodyguard, Butler, Baby- oder Hundenanny etc. Auch diese Jobs werden umkämpft sein und selbst ein Universitätsabschluss ist keine Garantie für eine anständige Arbeit. «Wir werden viele Yoga-Lehrer mit Doktortiteln haben», spottet Cowen. 

Cowen prophezeit für die meisten Erwerbstätigen eine düstere Zukunft. Sie werden sich künftig in einem prekären Arbeitsmarkt von Aushilfsjob zu Teilzeitprojekt hangeln – oder ganz ausscheiden. «In erschreckendem Ausmass werden erwachsene Männer den Arbeitsmarkt verlassen – oder werden hinauskatapultiert», stellt er fest. «Die grössten Rückgänge bei der Teilnahme im Erwerbsleben kann man bei jungen Männern beobachten, nicht bei Rentnern.» Brutal und vereinfacht ausgedrückt sagt Cowen Folgendes: Junge Menschen stehen vor der Wahl. Entweder sind sie fähig, mit smarten Maschinen Arbeiten mit hoher Wertschöpfung zu verrichten, oder sie sind dazu verdammt, ihr Leben mit Videospielen und schlecht bezahlten Dienstleistungsjobs oder einer schäbigen Staatsrente zu verbringen. 

«Die grössten Rückgänge bei der Teilnahme im Erwerbsleben kann man bei jungen Männern beobachten, nicht bei Rentnern.»

Tylor Cowen

Cowens Prognose wird vor allem im konservativen Lager der Sozialwissenschaften weitgehend geteilt. Auch die Politik beginnt sich darauf einzustellen. So war die Unterscheidung zwischen «Makers» und «Takers», sprich: Unternehmer und Sozialhilfeempfänger, ein wichtiges Thema im US-Wahlkampf 2012. Auch der deutsche Soziologe und Trendforscher Norbert Bolz spricht davon, dass der grösste Teil der Erwerbstätigen dank immer intelligenter werdenden Maschinen schlicht überflüssig wird und die Wirtschaft nur noch auf eine Designer-Elite angewiesen sein wird. 

Die beiden Oxford-Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben gar berechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass Ihr Job in den nächsten 20 Jahren von einem Roboter erledigt wird. Als Physiotherapeut sind Sie demnach auf der sicheren Seite. Bei ihm liegt die Wahrscheinlichkeit, durch eine Maschine ersetzt zu werden, bei 0,3 Prozent. Als Pilot hingegen müssen sie sich schon ernsthafte Sorgen machen. Dort liegt die Wahrscheinlichkeit bereits bei 55 Prozent. Als Buchhalter schauen Sie sich am besten schon jetzt nach einem neuen Job um. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 94 Prozent.

UNSPECIFIED - JANUARY 01:  The First Plane Invented By Wilbur And Orville Wright, Flying  (Photo by Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images)

Das erste Flugzeug der Gebrüder Wright, 1900. Bild: Gamma-Keystone

Wie sicher ist Ihr Job? 

Die beiden Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben ausgerechnet, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass einzelne Berufe von der Computerisierung verdrängt werden. Die Resultate finden Sie in der Grafik.  

Lange verbreitete der Begriff «Outsourcing» unter den gut bezahlten Erwerbstätigen in den Industrieländern Angst und Schrecken. Darunter versteht man das Auslagern von arbeitsintensiven Jobs in Billiglohnländer. Im Zeitalter der digitalen Revolution ist Outsourcing eine Option, die an Bedeutung verlieren wird. Nicht mehr Chinesen, sondern Maschinen erledigen die Arbeit. Gleichzeitig wird die Arbeit durch die um sich greifende Gratiskultur entwertet. Wir bewegen uns daher auf paradoxe Verhältnisse zu: Dank einer immer leistungsfähigeren Wirtschaft können wir immer mehr Güter und Dienstleistungen in hoher Qualität zu immer günstigeren Preisen kaufen. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Doch immer weniger Menschen werden Zugang zu diesem Überfluss haben, weil sie keine anständige Arbeit mehr erhalten.

Gif: Giphy

David Graebers The Democracy Project.

Gif: Giphy

In ihrem Buch «The Second Machine Age» befassen sich die beiden MIT-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee (siehe 1. Kapitel) ebenfalls mit diesem Paradox. Sie kommen zu folgendem Schluss: «So wie der technische Fortschritt Ungleichheit erzeugen kann, kann er auch Arbeitslosigkeit herbeiführen. Theoretisch kann dies sehr viele Menschen betreffen, selbst die Mehrheit der Bevölkerung, und das kann selbst dann eintreffen, wenn der gesamtwirtschaftliche Kuchen grösser wird.»

«Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll.»

David Graeber

Der Ethnologe David Graeber ist als Vordenker der Occupy-Bewegung und als Sozialwissenschaftler mit seinem Buch «Schulden» international bekannt geworden. Auch er hat sich mit dem Überfluss-Paradox befasst und ist dabei auf die «Bullshit-Jobs» gestossen. Darunter versteht er Arbeiten, die mehrheitlich der Überwachung und Kontrolle von anderen Erwerbstätigen dienen und nicht der Mehrung des Wohlstandes. «Einige Ökonomen schätzen, dass rund ein Viertel aller amerikanischen Erwerbstätigen mit Überwachungsarbeiten beschäftigt ist – Eigentum bewachen, Arbeitnehmer kontrollieren oder sonst dafür sorgen, dass ihre Mitbürger keinen Unsinn anstellen», schreibt Graeber in seinem neuen Buch «The Democracy Project». «Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll.»

In einem Artikel des Onlinemagazins «Strike» hat Graeber diesen Gedanken noch weiter ausgeführt. Ausgehend von der Tatsache, dass immer mehr produktive Jobs von Maschinen ausgeführt werden, kommt er zum Schluss: «Die so gewonnene Zeit wird nicht zu einer Reduktion der Arbeitszeit benützt oder dazu, dass die Menschen ihre eigenen Projekte, Visionen und Ideen verwirklichen können. Stattdessen sehen wir, wie der Dienstleistungssektor aufgebläht wird, sei es in der Verwaltung oder in der Schaffung von neuen Bereichen im Finanzwesen, Telemarketing oder der historisch einmaligen Ausdehnung von Unternehmensrecht, Gesundheitsadministration, Personalwesen und Public Relations. Das sind Tätigkeiten, die ich als ‹Bullshit-Jobs› bezeichne.»

March 1940:  English economist John Maynard Keynes (1883-1946), created 1st Baron Keynes, the 'unofficial economic adviser to Great Britain', in his study at Bloomsbury, London.  He has formulated a plan to finance the war and to avoid its most disastrous economic consequences. Original Publication: Picture Post - 361 - Mr Keynes Has A Plan - pub. 1940  (Photo by Tim Gidal/Picture Post/Getty Images)

März 1940: Der englische Ökonom Keynes, der «inoffizielle Wirtschaftsberater Grossbritanniens», plant eine Kriegsfinanzierung, die ruinösen wirtschaftlichen Konsequenzen ausweichen soll.  Bild: Picture Post

Das Überfluss-Paradox hat bereits den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts beschäftigt, John Maynard Keynes. Schon in den 1930er Jahren kam er in seiner Schrift «Die ökonomischen Möglichkeiten für unsere Enkel» zum Schluss, dass der technische Fortschritt dazu führen wird, dass künftige Generationen höchstens 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten, um ein «gutes Leben» zu führen. Keynes lag grundsätzlich richtig. Trotz den gewaltigen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg würden heute in den entwickelten Ländern eine Arbeitszeit von rund 25 Stunden pro Woche ausreichen, um den bestehenden Wohlstand zu sichern. Voraussetzung dafür ist, dass die Arbeit gleichmässig auf alle Erwerbstätigen verteilt wird. 

Nach dem Krieg nahm die Produktivität der Wirtschaft rasch zu. Parallel dazu sanken die Arbeitszeiten. Obwohl die Produktivität dank dem technischen Fortschritt weiter zunahm, kam die Verkürzung der Arbeitszeit in den 1970er Jahren ins Stocken. In den meisten Industrieländern hat sich die 40-Stunden-Woche etabliert. Robert Skydelsky, Ökonomieprofessor und Autor einer legendären Keynes-Biographie, stellt in seinem zusammen mit seinem Sohn verfassten Buch «Wie viel ist genug» fest: «Das zentrale Rätsel bleibt: In der reichen Welt geht es uns materiell heute fünf Mal besser als in den 1930er Jahren. Aber unsere durchschnittliche Arbeitszeit ist seither bloss um einen Fünftel gefallen.» 

Auch Skydelsky weist auf das sich abzeichnende Paradox der globalisierten Wirtschaft hin. «Der Kapitalismus hat einen unvergleichlichen Fortschritt bei der Schaffung von Wohlstand erzielt», stellt er fest. «Aber er hat uns auch unfähig gemacht, diesen Wohlstand zivilisiert zu benützen.» Die Wirtschaft kann dieses Paradox nicht auflösen. Deshalb befasst sich der dritte Teil der Serie mit den Auswirkungen des technischen Fortschritts auf die Gesellschaft. 

«Der Kapitalismus hat einen unvergleichlichen Fortschritt bei der Schaffung von Wohlstand erzielt. Aber er hat uns auch unfähig gemacht, diesen Wohlstand zivilisiert zu benützen.»

Robert Skydelsky

3. Das gute Leben in der virtuellen Realität 

Eric Schmidt, Ex-CEO von Google, hat zusammen mit Jared Cohen, dem Entwicklungschef des IT-Konzerns, das Buch «Die Vernetzung der Welt» verfasst. Die beiden schildern darin, wie der technische Fortschritt die Gesellschaft verändern wird. Die zentrale Aussage kann man wie folgt zusammenfassen: Menschen werden künftig in zwei Welten leben – einer realen und einer virtuellen.

Die Vernetzung der Welt von Eric Schmidt und Jared Cohen.

Menschen werden künftig in zwei Welten leben – einer realen und einer virtuellen.

Die meisten von uns werden dabei folgenden Handel akzeptieren: Wir verzichten in der realen Welt auf unsere Privatsphäre und akzeptieren, dass wir von einer superreichen Elite regiert werden. Dafür werden wir in der virtuellen Welt belohnt. Das gute Leben führen wir als Avatar im Cyberspace. 

Gemäss Schmidt/Cohen könnte das wie folgt aussehen: «Sind Sie gelangweilt und wollen einen einstündigen Urlaub einschieben? Warum schalten Sie nicht einfach Ihr Hologerät ein und besuchen den Karneval in Rio? Sie sind gestresst? Verbringen Sie doch ein wenig Zeit an einem Strand auf den Malediven! Sie haben Angst, dass Ihre Kinder zu verwöhnten Gören werden? Schicken Sie sie doch zu einem Spaziergang durch die Slums von Mumbai! Sie sind enttäuscht von den Übertragungen der Olympischen Spiele? Kaufen Sie sich zu einem vernünftigen Preis ein holographisches Ticket und lassen Sie die Bodenturnerinnen live in Ihrem Wohnzimmer antreten.»

Gif: Giphy

Die Vision von Schmidt/Cohen ist nicht neu. Der Traum von einem besseren Leben in einer virtuellen Realität wird seit den 1980er Jahren geträumt. Wie das papierlose Büro drohte dieses Zukunftsszenario zu einem Treppenwitz der Techno-Geschichte zu verkommen. Dank dem Moore’schen Gesetz, der Verdoppelung der Anzahl Transistoren auf einem Computerchip innert zwei Jahren, ist es wieder brandaktuell geworden. 

watson testet Oculus Rift

Video: YouTube/watson

«Stellt euch vor, ein Sportereignis direkt vom Spielfeld aus zu erleben.»

Mark Zuckerberg

Dave Eggers The Circle.

An der Computerspiele-Messe in San Francisco vom vergangenen März waren weder Sony noch Microsoft die Stars, sondern ein kleiner Start-up namens Oculus VR. Palmer Luckey, ein 21-jähriger Hochschulaussteiger hat eine Brille entwickelt, die es erlaubt, sich im eigenen Wohnzimmer in der virtuellen Welt zu bewegen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat sofort zugeschlagen und das Unternehmen für rund zwei Milliarden Dollar gekauft. 

Seine Begründung ist deckungsgleich mit der Zukunftsvision von Schmidt/Cohen: «Stellt euch vor, ein Sportereignis direkt vom Spielfeld aus zu erleben, in einem Hörsaal zu sitzen mit Studenten und Dozenten aus der ganzen Welt oder einen Arzt von Angesicht zu Angesicht zu konsultieren, einfach indem man sich die Brille aufsetzt.»

All dies erinnert an den Roman «Schöne Neue Welt». Aldous Huxley wollte damit die konsequente Weiterentwicklung der amerikanischen Konsumgesellschaft aufzeigen. Das war in den 1930er Jahren. Inzwischen hat diese Entwicklung Huxley überholt. Dave Eggers hat mit «The Circle» eine Art Fortsetzung von «Schöne Neue Welt» geschrieben. Im Mittelpunkt steht dabei ein Unternehmen, das sehr stark an Google erinnert und die Frage, ob der Mensch nicht gänzlich auf seine Privatsphäre verzichten muss. Auch Hollywood scheint von dieser Thematik geradezu besessen zu sein. Davon zeugen Action-Filme wie «Elysium» oder die Trilogie der «Hunger Games», aber auch der gehobene Studiofilm «Her». 

This image released by Lionsgate shows Josh Hutcherson as Peeta Mellark, from left, Elizabeth Banks as Effie Trinket and Jennifer Lawrence as Katniss Everdeen in a scene from

Hunger Games: «Catching Fire». Bild: AP Lionsgate

Nicht nur die Scheinwelt von Hollywood, auch die reale Welt nähert sich Huxleys Vision an. Wir sind tatsächlich auf dem Weg in eine schöne neue Welt, eine Welt, in der eine kleine Elite an den Schalthebeln einer globalisierten Wirtschaft sitzt und den Bezug zu den anderen Menschen verloren hat. 

Pinky und Brain. Gif: Giphy

Die neuen Superreichen leben in einer eigenen Welt, werden von einem hochprofessionellen Stab umsorgt und treffen sich mit ihresgleichen an Anlässen wie dem WEF in Davos, dem Filmfestival in Cannes oder dem Tennisturnier Wimbledon. Wie schon die alten Aristokraten kümmern sich auch die neuen Geldadligen nicht um Landesgrenzen. «Ob die Superreichen ihren Wohnsitz in New York, Hong Kong, Moskau oder Mumbai haben, spielt keine Rolle, sie bilden eine Nation für sich selbst», schreibt Chrystia Freeland in ihrem Buch «Plutocrats».

Christa Freelands Plutocrats.

Ganz anders sieht die Lage für den Mittelstand aus. Der US-Ökonom Taylor Cowen prophezeit folgende Entwicklung: Das Einkommen der meisten Erwerbstätigen wird weiter schrumpfen. Deshalb werden die Menschen dorthin wandern, wo sie sich noch einen bescheidenen Lebensstandard leisten können. 

Typisch für diese Entwicklung ist der US-Bundesstaat Texas. Dort sind die Steuern tief und das Leben billig. Dafür sind auch die Strassen voller Schlaglöcher, die Schulen und Spitäler lausig. Trotzdem wächst die Bevölkerung in Houston und Dallas rasant. «Texas hat einen beträchtlichen Überschuss an Zuwanderern», hält Cowen fest. «Das lässt darauf schliessen, dass die meisten Amerikaner lieber ein bisschen mehr Cash in der Tasche haben als einen besseren Service public.» 

Und was, wenn auch in Texas die besten Plätze vergeben sein werden? 
«Einmal mehr werden die weniger Begüterten aus den schönen Wohngegenden verdrängt werden», sagt Cowen. Allmählich werden die Vereinigten Staaten so zu einem Drittweltland. «Wahrscheinlich werden Zonen entstehen, die Mexiko oder Brasilien gleichen, allerdings mit mehr technischen Spielzeugen und mit mehr Sicherheit», mutmasst Cowen.

«Einmal mehr werden die weniger Begüterten aus den schönen Wohngegenden verdrängt werden.»

Tylor Cowen

Texas. Bild: Shutterstock

Wird sich der Mittelstand widerstandslos dieser Entwicklung fügen?
Ja, glaubt Cowen, denn die Menschen werden nicht nur ärmer, sie werden auch älter und damit konservativer. 

«Die Menschen werden nicht nur ärmer, sie werden auch älter und damit konservativer.»

Tylor Cowen

Aufruhr wie in den 60er-Jahren hält er für unwahrscheinlich. Stattdessen würden sich die Menschen vermehrt wieder auf lokale Gemeinschaften zurückziehen und auf diesem Weg versuchen, sich vor wirtschaftlicher Unsicherheit zu schützen. «Wir werden zusehen, wie die Einkommen vieler Arbeitnehmer weiter sinken werden und eine neue Unterschicht entsteht», sagt Cowen. «Wir können diesen Prozess schlicht nicht stoppen. Und trotzdem wird es eine seltsam friedliche Zeit werden, mit einer älter werdenden Bevölkerung und viel billigem Vergnügen.» 

Das Leben als Unterschichts-Fernsehen in einer virtuellen Realität? Ist dies tatsächlich die einzige Option, die den Menschen im 21. Jahrhundert bleibt? 
«Wenn wir verhindern wollen, dass die neuen Maschinen keine Frankenstein-Monster werden, dann wartet eine grosse Herausforderung auf uns», warnt Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times». Es gibt jedoch Alternativen. Das zeigt das Beispiel des Solarchemikers Hermann Fischer. 

«Wenn wir verhindern wollen, dass die neuen Maschinen keine Frankenstein-Monster werden, dann wartet eine grosse Herausforderung auf uns.»

Martin Wolf

Hermann Fischer ist beides, ein leidenschaftlicher Chemiker und ein erfolgreicher Unternehmer. In Braunschweig betreibt er ein mittelständisches Unternehmen. Es stellt Naturfarben her, aber auch Putzmittel, Klebstoffe und Lacke, alles auf biologischer Basis. Fischer hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. 1992 hat ihn das Wirtschaftsmagazin «Capital» zum Ökomanager des Jahres gewählt.

Dass die moderne Chemie fast ausschliesslich von Erdöl und Erdgas abhängig ist, will Fischer nicht in den Kopf. Das hat einzig wirtschaftliche Gründe. Erdöl lässt sich leicht cracken, will heissen, in seine Einzelteile zerlegen. Es ist damit der billigste Lieferant von Basisteilchen, aus denen Medikamente, Farbstoffe und Kunstharze, aber auch Kunststoffe, Waschmittel und Kunstfasern hergestellt werden können. 

Fischer möchte dies ändern, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens ist Petrochemie sehr giftig. Chemieunfälle können katastrophale Folgen haben, wie die Beispiele Seveso, Bhopal und Schweizerhalle gezeigt haben. 

1. November 1986: Zeitungsverkauf in Basel nach der Brandkatastrophe im Sandoz-Werk in Schweizerhalle.  Bild: KEYSTONE

Zweitens sind die Erdölvorkommen endlich, und drittens fühlt sich der Wissenschaftler Fischer in seinem Stolz verletzt. «Die Bausteine der Petrochemie sind überaus banal», sagt er. «Eiweissstoffe, Harze und Wachs sind viel komplexere Stoffe als Ethan und Benzol.» Basisstoffe wie Öle und Harze lassen sich auch aus Pflanzen gewinnen. «Für praktisch jedes aus Erdöl hergestellte Produkt der Alltagschemie gibt es einen Ersatz auf erneuerbarer Grundlage – vieles davon schon heute in breiter Anwendung», stellt Fischer fest. 

Grundsätzlich ist es möglich, chemische Fabriken – ähnlich wie die Kraftwerke zur Stromproduktion – nachhaltig zu gestalten und die Chemie vom Erdöl zu entwöhnen. Fischer spricht in Anlehnung an die Sonnenenergie von einer Solarchemie. Diese Umstellung erfordert jedoch eine neue Wirtschaftsordnung. Genau wie man ein bestehendes Atomkraftwerk nicht auf Sonnenenergie umrüsten kann, lässt sich die bestehende Petrochemie nicht auf eine Solarchemie umpolen. Es braucht dazu einen Paradigmenwechsel der gesamten Wirtschaftsordnung, einen Wechsel von gross zu klein und von global zu lokal.

Middletown, Pennsylvania. Bild: Getty Images North America

Die Petrochemie ist gross und international. Sie ist Bestandteil einer Wirtschaftsordnung mit einer hoch komplexen Supply Chain, die den gesamten Globus umspannt. Die Solarchemie ist klein und lokal. Weil sie mit ungiftigen Ausgangsstoffen arbeitet, muss sie nicht auf der grünen Wiese angesiedelt und möglichst von Menschen abgeschottet werden. Solarunternehmen sind KMU, die sich problemlos in Dörfer und Städten integrieren lassen, ähnlich wie Supermärkte und Handwerksbetriebe. Petrochemie ist zentralisiert, Solarchemie dezentralisiert. Sie setzt nicht auf Skalenökonomie und Massenproduktion, sondern auf kleine Mengen.

«Wir nutzen heute nur einen Bruchteil der weltweiten Landfläche als Ackerfläche.»

Hermann Fischer

Aber würde eine solche Solarchemie nicht Ackerland verbrauchen, das für die Nahrungsmittelproduktion dringend gebraucht wird? 
«Wir nutzen heute nur einen Bruchteil der weltweiten Landfläche als Ackerfläche», stellt Fischer klar. «Allein die sogenannten ‹degradierten Flächen›, die derzeit als nicht hochwertig genug angesehen werden, machen mehr als das Doppelte der heutigen Ackerflächen aus. Nutzpflanzen zur Herstellung solarer Grundstoffe sind jedoch meist anspruchslose Pflanzen, die – wie z.B. die Färbepflanze Reseda – auch auf degradierten Flächen sehr gut gedeihen.» 

Kurganinsk in Krasnodar, Russland. Bild: Bloomberg

Buchtipp

Philipp Löpfe und Werner Vontobel: «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt – Eine Abrechnung»

Inhaltsangabe: Finanzkrise, Wachstumskrise, Eurokrise, Staatskrise? Der Krisen ist kein Ende und das weltweit. Und doch propagieren viele Politiker und Ökonomen unverdrossen das Modell einer globalisierten Wirtschaft, obgleich dieses System so deutlich wie nie zuvor mehr Verlierer als Gewinner produziert. Dieses Buch ist die kritische Abrechnung zweier renommierter Journalisten und Ökonomen mit einem Wirtschaftssystem, das das wichtigste Kapital der Menschheit beschädigt: nämlich die Fähigkeit, die Gesellschaft so zu organisieren, dass möglichst viele gut in ihr leben können.

Das Buch ist erhältlich bei books.ch.

Schön, mag man einwenden, aber sind die Solarchemiker den viel mächtigeren und auf bedingungslose Effizienz getrimmten Grossunternehmen nicht hoffnungslos unterlegen? 
Nein, sagt Fischer und begründet dies wie folgt: «Die bei Grosstechnologien heute noch gegebenen Skaleneffekte (höhere Produktivität in grösseren Anlagen) verlieren künftig an Bedeutung. Inzwischen stehen neue Technologien wie beispielsweise die chemische Produktion in Mikroreaktoren zur Verfügung, die grosse Produktionseinheiten zunehmend obsolet machen. In solchen Mikroreaktoren werden die einzelnen Komponenten des herzustellenden Produkts nicht mehr absatzweise zusammengefügt, gemischt und gegebenenfalls zur Reaktion gebracht, sondern als fortlaufender Strom von Grundstoffen, die auf sehr kleinem Raum zusammentreffen, dort in kürzester Zeit intensiv gemischt und den Mikroreaktor dann gemeinsam als homogener Strom des fertigen Produktes verlassen.»

«Solarchemie ist eine Mischung aus Hi-Tech und Tradition im Sinne der bewährten Prinzipien.»

Hermann Fischer

Solarchemie im Sinne von Fischer ist nicht ein naives Zurück zur Natur, es ist keine Kräuterapotheke. «Solarchemie ist eine Mischung aus Hi-Tech und Tradition im Sinne der bewährten Prinzipien», sagt Fischer. «Sie ist ein der Zukunft zugewandtes, fröhliches Konzept, in dem für Nostalgie wenig Platz ist, wohl aber für Genuss, Sicherheit, Verlässlichkeit und Zukunftsfähigkeit.» 

Das Beispiel der Solarchemie zeigt, dass der technische Fortschritt nicht zu einem neuen, globalen Techno-Feudalismus führen muss, in der eine schmale Elite in Saus und Braus lebt und ein verarmter Mittelstand mit virtuellen Spielen ruhig gestellt wird und verblödet. 

Gif: Giphy

3D-Printer, Solarchemie etc. schaffen die Voraussetzungen für eine andere Gesellschaft, in der ein wohlhabender und selbstbewusster Mittelstand ein erfülltes Leben führt und dabei nachhaltig in vorwiegend lokalen und regionalen Kreisläufen wirtschaftet. 

«In den Jahrhunderten nach Smith haben wir stets nur die Marktmechanismen betont und die Bedeutung des Drucks der Gemeinschaft vergessen.» 

Alex Pentland

Genau diese Vision hat die Vordenker der Aufklärung und die Väter der Marktwirtschaft geleitet. Adam Smith hat seine Theorie der unsichtbaren Hand im Edinburgh des 18. Jahrhunderts entwickelt. Damals war die Wirtschaft regional geprägt, die Menschen kannten sich gegenseitig und sie waren nicht abhängig von einer globalen Supply Chain, die rund um die Uhr von Algorithmen gesteuert wird. «Adam Smith ist davon ausgegangen, dass die Härten der unsichtbaren Hand durch den Gemeinschaftsdruck der Peers gemildert wird», stellt daher Alex Pentland in seinem Buch «Social Physics» fest. «In den Jahrhunderten nach ihm haben wir stets nur die Marktmechanismen betont und die Bedeutung des Drucks der Gemeinschaft vergessen.» 

Engraving of Scottish political philosopher and economist Adam Smith (1723-1790) made by a contemporary artist of his time.  (Photo by Time Life Pictures/Mansell/Time Life Pictures/Getty Images)

Der schottische Moralphilosoph, Aufklärer und Begründer der klassischen Nationalökonomie Adam Smith (1723-1790).  Bild: Time & Life Pictures

Es geht darum, den Segen des technischen Fortschrittes mit einem neuen Gemeinschaftssinn zu verbinden. Dann wird es möglich sein, ein gutes Leben in der realen Welt zu führen. «Der Aufstieg der intelligenten Maschinen macht es möglich, dass viele Menschen ein solches Leben führen können, ohne dass andere ausgebeutet werden», stellt Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times» fest. «Der heute herrschende Puritanismus findet diese Vorstellung zwar abscheulich. Nun denn, lasst die Menschen sich halt fleissig vergnügen. Was sonst soll Sinn und Zweck des gewaltigen Wohlstands sein, den wir geschaffen haben?» 

«Nun denn, lasst die Menschen sich halt fleissig vergnügen. Was sonst soll Sinn und Zweck des gewaltigen Wohlstands sein, den wir geschaffen haben?»

Martin Wolf

(Gestaltung: Anna Rothenfluh)

 

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Surfdaddy 26.04.2014 05:57
    Highlight Bringt doch noch etwas zu Industrie 4.0


    3 0 Melden
  • larix 23.04.2014 07:14
    Highlight Mehr solche Beiträge!
    9 0 Melden
  • Moritz Zumbühl 22.04.2014 19:57
    Highlight Mit solch guten Texten macht ihr meinen Stammtisch/Nerdadvanced/SchlaueralsdieAnderen Vorteil zu nichte - find ich super! :)
    10 0 Melden
  • Moritz Gerber (1) 22.04.2014 16:10
    Highlight sehr lesenswert - thnx
    8 0 Melden

Österreicher machen aus Plastikabfall wieder Öl – es gibt im Moment nur ein Problem

Ein österreichischer Energiekonzern hat ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Plastikabfällen Rohöl gewonnen werden kann. Pro Stunde können mit diesem Prozess in der eigenen Raffiniere bei Wien aus rund 100 Kilogramm Verpackungsmüll 100 Liter Rohöl gewonnen werden.

Dabei werden gebrauchte Plastikverpackungen und -folien aus dickwandigem Material – etwa Polyethylen oder Polypropylen – durch Hitze- und Druckeinwirkung zu synthetischem Rohöl umgewandelt.

Das Unternehmen OMV nutzt dazu seine eigene …

Artikel lesen