Aufbruch in eine ungewisse Zukunft: Auswanderer besteigen einen Dampfer (um 1880).

Arm, kulturfremd, schlecht qualifiziert: Als wir Schweizer noch selber Wirtschaftsflüchtlinge waren

Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit: Wirtschaftliche Not trieb im 19. Jahrhundert zehntausende Schweizer ins Ausland. Sie waren unsere Wirtschaftsflüchtlinge. Andere wurden zur Emigration gezwungen.

Publiziert: 16.09.16, 14:32

daniel huber

Der Abschied war vermutlich für alle endgültig: 305 Auswanderer mussten am Dienstag, dem 27. Februar 1855 auf dem Rössliplatz im aargauischen Niederwil – heute Rothrist – ihren Angehörigen und Freunden Lebewohl sagen. Dann bestiegen sie die Pferdefuhrwerke, die sie nach Basel brachten. Dort ging es weiter nach Le Havre an der französischen Kanalküste und von dort mit dem Dreimaster «Globe» nach New Orleans in der Neuen Welt. 

Das Werk des Malermeisters Walter Lehmann aus dem Jahr 1959 zeigt den Verlad der Auswanderer beim Restaurant Rössli in Rothrist.  Bild: ZVg

Die Emigranten, sage und schreibe 13 Prozent der Rothrister Bevölkerung, gingen nicht freiwillig. Sie verliessen ihr Heimatland, weil wirtschaftliche Nöte und die Behörden sie dazu drängten. Das starke Bevölkerungswachstum – Rothrist wuchs von 1803 bis 1850 um 83 Prozent – fiel mit der Textilkrise zusammen, die zahllose kleinbäuerliche Heimarbeiter brotlos machte. Diese Verlierer der Industrialisierung wurden armengenössig, was die verschuldete Gemeinde finanziell schliesslich nicht mehr verkraften konnte. 

Le Havre um 1850. Bild: www.hugv-denzlingen.de/hugv_auswanderung.html

Dazu kam noch der Hunger. Die Kartoffelfäule, die ab 1845 in Irland eine Million Menschen in den Hungertod und zwei Millionen in die Emigration trieb, wütete auch hierzulande. Die Hungersnot war zwar nicht so schlimm wie jene von 1817, die auf das «Jahr ohne Sommer» (1816) folgte, als der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen war. Doch auch jetzt litten viele kleine Leute unter Hunger und Mangelernährung. 

Die frühen Auswanderer waren Reisläufer

Auswanderung war kein neues Phänomen in der Schweiz. Von der zweiten Hälfte des 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Wanderungsbilanz wahrscheinlich immer negativ – es wanderten mehr Leute aus als ins Land kamen. Lange Zeit war dies allerdings vornehmlich auf den Aderlass des Reislaufens zurückzuführen: Von 1400 bis zur Gründung des Bundesstaats 1848 gingen schätzungsweise eine Million Schweizer Männer als Söldner in ausländische Dienste. Viele von ihnen kehrten nie zurück. 

Neben dieser militärischen Emigration kam es auch zu Auswanderungswellen, in denen Schweizer Bauern und Handwerker vom Krieg verwüstete europäische Landschaften neu besiedelten. Nach dem Dreissigjährigen Krieg wanderten so zwischen 1660 und 1740 im Elsass und in der Freigrafschaft Burgund schätzungsweise 15'000 bis 20'000 Personen aus der Schweiz ein. 

Der Exodus nimmt zu

Die Auswanderung nach Übersee kam dagegen nur langsam auf Touren. Erst die allgemeine Verarmung im Gefolge der Napoleonischen Kriege und die Hungerjahre nach dem Ausbruch des Tambora liessen 1816-1817 den Strom der Auswanderer anschwellen. Hauptsächliches Ziel dieser ersten Welle war Lateinamerika, besonders für Romands. 

Von Massenauswanderung konnte allerdings erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wirklich die Rede sein, als auch die 305 Auswanderer aus Rothrist sich auf den Weg machten. Von 1851 bis 1860 erreichte der Exodus einen ersten Höhepunkt: In diesen zehn Jahren wanderten rund 50'000 Personen nach Übersee aus. 

Massenauswanderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Emigranten nach Übersee aus der Schweiz, 1816-1953. Grafik:  Rey, U. (2003). «Demografische Strukturveränderungen und binnenwanderung in der Schweiz 1850-1950».

Nach einem leichten Rückgang in den 1860er und 1870er Jahren, in denen je 35'000 Menschen das Land Richtung Übersee verliessen, waren es im Jahrzehnt von 1881 bis 1890 über 90'000. Danach pendelte sich die Zahl der Auswanderer pro Jahrzehnt auf zwischen 40'000 und 50'000 ein, bevor sie in den 1930er Jahren auf wenige tausend sank. 

Billiges Land für Farmer im amerikanischen Mittelwesten. Bild: Americaslibrary

Das bedeutendste Ziel der Emigranten waren nun die USA, das sprichwörtliche Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein gemässigtes Klima, riesige unerschlossene Ländereien und eine boomende Wirtschaft lockten dort die Einwanderer. Mehrere Goldräusche von 1848 bis 1896 zogen zusätzlich Abenteurer an. Nur der Sezessionskrieg führte zu einem vorübergehenden Rückgang der Immigration. Zudem warben zahlreiche Agenten um Amerikagänger – freilich waren es nicht selten dubiose Gestalten, die sich an den Auswanderern skrupellos bereicherten. 

Bessere Berufschancen

Auch die Überfahrt war gefährlich: Viele Passagiere starben an Krankheiten oder fanden bei Schiffsunglücken den Tod. Allerdings verminderten sich die Risiken der Transatlantiküberfahrt laufend durch den technischen Fortschritt – so lösten ab 1850 Dampfer zunehmend die Segelschiffe ab. Nun wagten auch vermehrt ganze Familien die Emigration nach Übersee. 

Trotz aller Mühsal und Gefahr nutzten immer mehr Menschen die Chancen, die ihnen die Emigration bot. In der zweiten Jahrhunderthälfte entstand eine neue Wanderungsform, die nicht mehr vornehmlich durch die Flucht vor grimmiger Not gekennzeichnet war. Nun entschlossen sich auch Leute zur Auswanderung, die bessere Berufschancen und sozialen Aufstieg suchten – mit einem Wort: Wirtschaftsflüchtlinge. 

Auswanderer im Zwischendeck. Die Verhältnisse auf den Schiffen waren äusserst beengt. Männer, Frauen und Kinder verbrachten hier sechs oder mehr Wochen mit wenig Tageslicht und Luft und oft ohne sanitäre Einrichtungen. Bild: PD

Der alte Kontinent lud so einen Teil seines Bevölkerungsüberschusses in der Neuen Welt ab. Zwischen 1820 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 dürften rund 60 Millionen Menschen den Atlantik Richtung Amerika überquert haben. Bei weitem nicht alle von ihnen fanden den erhofften Wohlstand; so mancher mittellose Auswanderer strandete bereits im Zielhafen. Sicher aber ist, dass diese massive Abwanderung für die Herkunftsgebiete in Europa – in der Schweiz waren dies ab 1850 namentlich die Kantone Graubünden, Tessin, Aargau, Schaffhausen und Wallis – eine merkliche Entlastung darstellten. 

Der Hafen von New Orleans im 19. Jahrhundert. Bild: New Orleans Public Library

Amtlich verordnete Abschiebung

Kein Wunder, dass die Behörden in manchen Gemeinden dem Auswanderungswunsch nach Kräften nachhalfen. Die Grenzen zwischen staatlich unterstützter Auswanderung und Abschiebung waren fliessend; besonders arbeitsunfähige oder kriminelle Bürger wurden gern mittels Landesverweis zur Emigration gezwungen. Nicht wenige dieser unerwünschten Arbeitsunfähigen, Kranken oder Alten kamen bereits während der Überfahrt ums Leben. 

Die Auswanderer aus Rothrist überlebten die beschwerliche Reise, doch am Ziel stiessen sie auf Ablehnung: Als sie am 1. Mai 1855 nach 46 Tagen Überfahrt in New Orleans ankamen, wurden sie nicht an Land gelassen. Zu gross war die Angst vor Schikanen durch fremdenfeindliche Einheimische. Nur dank einem ortskundigen Helfer, der ein Dampfboot charterte und die Einwanderer damit direkt vom Segelschiff abholte, gelangten die Rothrister auf dem Mississippi nach St.Louis. In heutigen Begriffen, könnte man sagen, war es ein «Schlepper», der sie ins Land ihrer Zukunft brachte. 

Schweizer Auswanderer 1925 in Bremen vor der Überfahrt nach New York. User Ruedi Rohr schickte dieses Familienfoto mit seinem Uronkel Mathieu Jehle (hinterste Reihe, 2.v.r.).   Bild: Ruedi Rohr

User-Input: Wie Käser Jehle aus Leibstadt in Connecticut viel Geld verdiente, das er in Frankreich wieder verlor

Ruedi Rohr: «Mein Onkel, Mathieu Jehle aus Leibstadt, hatte Käser gelernt. Er fuhr mit der ‹Bremen› nach New York und von dort nach Connecticut, wo er – mit überall geliehenem Geld – bei den Bauern Milch aufkaufte und zu ‹käsen› begann. Mit Vorliebe Emmentaler und irgend etwas, was er cool ‹Swiss cheese› nannte. Er muss viel Geld verdient haben, kam 1939 – noch vor dem Krieg – zurück und kaufte in Frankreich, bei Vesoul, eine Käserei, die er nach Schweizer Ideen umbaute, von den Bauern die Milch aufkaufte. Mit dem Geld, das er in den USA verdient hatte, kaufte er in Frankreich Gold, als es nach Krieg aussah. Als dann die Nazis Frankreich angriffen, vergrub er das Gold hinter seinem Haus – als er es Ende des Krieges ausgraben wollte, war es weg. Jemand musste ihm beim Vergraben zugeschaut haben... Shit happens!» 

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  • Str ant (Darkling) 18.09.2016 12:05
    Highlight Der gleiche/ähnliche Artikel wurde doch schon mal dieses Jahr veröffentlicht!
    Vergangenheit und Gegenwart miteinander vergleichen ist Öpfel mit Birre verglieche
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