International

Überflutete Strassen in Karachi, Pakistan. Bild: AP/AP

Während die Welt nach Texas schaut, erlebt Südasien eine katastrophale Monsunzeit 

01.09.17, 09:45 01.09.17, 15:17

Die jährlichen Regenfälle in Südasien bringen diesmal Leid in einem Ausmass, das es hier lange nicht mehr gab. Hunderte Menschen sind in der Monsunzeit gestorben. Während die Welt nach Texas schaut, verlieren die schutzlosesten Bewohner einer armen Region alles.

Was einmal eine Strasse war, ist nun ein Fluss. Aus dem Wasser ragen Hausdächer hervor. Ein Boot mit einer obdachlos gewordenen Familie an Bord gleitet vorbei. Diese Szene könnte sich in Houston abspielen.

Die Dächer sind aber aus Stroh, das Boot ein Kanu und kein Motorboot - dies ist Südasien. Mehr als 1700 Menschen sind hier in diesem Sommer bei Überschwemmungen ums Leben gekommen.

Es gibt zwar jedes Jahr eine Monsunzeit, diesmal ist sie aber besonders verheerend. Und diese Ecke der Welt ist viel schlechter gerüstet als die USA, die Folgen zu bewältigen.

Abgeschnitten und ohne Hilfe

«Wir wurden mitten in der Nacht wach, als ein Fluss in der Nähe überflutete», erzählt der Bauer Lekhnarth Khatri vom Geschehen Mitte August in dem nepalesischen Dorf Jhapa an der indischen Grenze. Die meisten Bewohner hätten sich in einer hochgelegenen Schule in Sicherheit gebracht.

Es habe zwei Tage gedauert, bis Helfer Reis und Kochutensilien brachten. «Mehr als 200 Kinder, Frauen und alte Leute hatten zwei Tage lang nichts zu essen.»

Von der Regierung sei nichts gekommen, erzählt Khatri. «Wir haben unsere gesamte Reisernte verloren, und wir wissen nicht, wie wir ohne Hilfe über die Runden kommen sollen.» Mit den entstandenen Schäden müssten sie allein zurechtkommen. «Unser Haus ist unbewohnbar geworden, überall ist Schlamm», sagt der 32-Jährige. Auch Kleidung und Bettwäsche sei nun unbrauchbar.

Houston versinkt nach dem Hurrikan Harvey in den Fluten

Vor allem sei das Dorf immer noch grösstenteils von der Aussenwelt isoliert. «Unsere Kinder können nicht zur Schule gehen, weil die Fluten die Strassen weggeschwemmt haben.»

Kein Notfallplan

Teile Südasiens erleben nach Einschätzung des Roten Kreuzes die schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten. Das wiegt umso schwerer, bedenkt man, dass es in der Region jedes Jahr in der Monsunzeit von Juni bis September Hochwasser und Erdrutsche mit hunderten Toten gibt.

Mehr als 41 Millionen Menschen in Indien, Nepal und Bangladesch seien derzeit betroffen, teilt die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften mit. Einige Dörfer seien noch komplett von der Aussenwelt abgeschnitten.

Die Behörden hätten keinen Notfallplan gehabt, meint der nepalesische Wasserwirtschaft-Experte Madhukar Upadhya in Kathmandu. «Das Ausmass mag diesmal anders sein, aber das ist ein jährlich wiederkehrendes Ereignis», sagt er.

Es fehle auch an Mitteln - etwa Boote, um Gestrandete zu retten. «Die Katastrophe hat die schutzlosesten Menschen getroffen. Die Folgen werden Krankheit, Armut und Nahrungsknappheit sein. Und es wird bald wieder aus den Nachrichten verschwinden, und dann sind wir wieder am Anfang.»

Flüsse waren nicht ausgebaggert

In Bangladesch wurden nach offiziellen Angaben seit der zweiten Augustwoche rund 700'000 Häuser beschädigt und gut ein Zehntel davon komplett zerstört - ebenso mehr als 800'000 Hektar Anbaufläche.

Die Flüsse hätten die aus dem Himalaya herabfliessenden Wassermassen unter anderem deswegen nicht halten können, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten versandet und nicht ausgebaggert worden seien, sagt Abu Moniruzzaman Khan vom UNO-Entwicklungsfonds in Bangladesch. So schlimme Überschwemmungen habe das Land seit 1988 nicht mehr erlebt, als mehr als 1600 Menschen starben.

Mitte August standen je ein Drittel von Nepal und Bangladesch unter Wasser. Mittlerweile sind die Pegel dort gesunken. Allmählich erreichen Hilfsgüter die Dörfer, und die Regierungen kündigen auch finanzielle Hilfe an. Trotzdem haben viele Menschen all ihr Hab und Gut sowie ihre Existenzgrundlage verloren. Und nun müssen sie sich wegen der möglichen Ausbreitung von Krankheiten Sorgen machen.

Wie nach Tsunami

Die überwiegende Mehrzahl der Opfer hat Indien zu beklagen. Mehr als 1300 Todesfälle zählt das Land seit Beginn der Monsunzeit - mit 514 die meisten im Bundesstaat Bihar.

Getroffen hat es dort einige der ärmsten Menschen Indiens, wie Hanna Butler vom Roten Kreuz berichtet, die vor wenigen Tagen in dortigen Dörfern Hilfsgüter verteilt hat. «Die Leute hatten von vornherein nicht viel, aber wenn eine Flut alles wegnimmt, was man hat, ist es niederschmetternd.»

Butler ist mittlerweile im Bundesstaat Manipur, an der Grenze zu Myanmar. «Es sieht aus, als sei hier ein Tsunami durchgefegt», erzählt sie.

Bis zu 20'000 der etwa 2.7 Millionen Einwohner seien obdachlos geworden. Viele müssten damit rechnen, auf absehbare Zeit in Zelten zu leben. Die Menschen hier seien Monsunregen zwar gewohnt. «Die Heftigkeit dieses Jahr hat sie aber überrascht.» (sda/dpa)

So heftig war der Monsun in Südasien seit Jahren nicht mehr

42s

So heftig war der Monsun in Südasien seit Jahren nicht mehr

Video: srf/SDA SRF

Das könnte dich auch interessieren:

Swisscom und UPC sperren hunderte Webseiten: Jetzt kannst du sehen welche

Kinder? Nöö! Warum sich immer mehr junge Frauen unterbinden lassen wollen

Zweistöckige Autobahn, Flüster-Asphalt und Tempo 85 – wilde Ideen in der Verkehrs-«Arena»

Die «Streit-Frage», die unsere Meisterschaft entscheiden kann

Was du dir am Wochenende so alles vornimmst – und was du tatsächlich tust

Warum mein Freund R. erst glücklich wird, wenn er Tinder endlich gelöscht hat

Callcenter-Mitarbeiter erleidet Hörschaden – pfiff Aargauer Senior zu laut ins Telefon?

Schiesserei nahe Drehort von «House of Cards» fordert drei Tote ++ Täter verhaftet

Schwangere Soldaten-Witwe bricht nach Trump-Anruf zusammen – das Drama in vier Akten

«In diesem Sinne Allahu Akbar!» – Polizei ist obskurem Postkarten-Verteiler auf der Spur

Der jüngste Goalie der CL-Geschichte weint nach Patzer – doch dann wird es herzerwärmend

Zwei Drittel sind genervt von ihren Nachbarn – rate mal, was am meisten stört

«Steckt euch eure Schokolade sonst wo hin» – so schreiben die Nordiren über Gegner Schweiz

Sterbender Schimpanse umarmt zum letzten Mal seinen Freund und sorgt für Hühnerhaut-Moment

SCL Tigers überraschen Zug +++ Bern gewinnt

Bevor geboxt wird, küsst die Herausforderin die verdutzte Weltmeisterin

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
16Alle Kommentare anzeigen
16
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • John Smith (2) 01.09.2017 17:25
    Highlight Während die Welt nach Texas schaut … «Die Welt»? Vermutlich ist sich Watson der Ironie dieses Titels nicht bewusst.
    5 0 Melden
  • Tomtom64 01.09.2017 13:36
    Highlight Ich habe auch erst vorgestern über die Flutkatastrophe der Grenzregion von Nordindien, Nepal und Bangladesh gelesen. Mindestens 1200 Tote, 40 Millionen Direktbetroffene, riesige Überschweemungen, drohende Hungersnöte und Seuchen. Hier aber dreht sich die Berichtseerstattung praktisch nur um Texas ....

    Selbst dieser Artikel wird noch mit Harvey-Bildern garniert.
    34 1 Melden
  • De Shipi 01.09.2017 13:18
    Highlight Die Schweiz behauptet neutral zu sein, aber kaum passiert was in Amerika, wie es in vielen vielen Ländern auf der Welt viel schlimmer passiert, gleich täglich berichten wie schlimm die es dort haben und Stars spenden auch reichlich. Aber die Länder, die es wirklich nötig hätten, denen muss ein kleiner Spalt als Info reichen. Die in Houston haben alle Geld und mehr als genug Hilfe. Hier in Pakistan hatten sie vorher nichts, jetzt sind viele dazu tot....einfach mal nachdenken...!
    63 11 Melden
    • Butter 01.09.2017 15:02
      Highlight Dahinter steckt die menschliche Psychologie. Je ähnlicher uns Menschen sind, desto mehr Empathie empfinden wir für sie. Amerikaner sind uns ähnlicher, als Asiaten. Daher schauen wir z.B. auch oftmals lieber Filme aus Europa und Amerika, als asiatische oder afrikanische Filme. Zudem haben wir uns an die Armut und dem Elend in den armen Weltgegenden gewohnt. Ich sage nicht, dass das gut ist, sondern versuche es zu erklären.
      17 4 Melden
    • UnbequemeFakten 01.09.2017 18:33
      Highlight Die Schweiz ist neutral. Private Medien in der Schweiz müssen aber deswegen nicht neutral sein.
      1 1 Melden
  • Thinktank 01.09.2017 11:53
    Highlight Das Hauptproblem auf unserer Erde will niemand angehen, die Bevölkerungsexplosion. Wieso sonst bauen die Menschen an schwachsinnigen Orten ihre Städte, wo die Berge runterfallen, Vulkane ausbrechen oder Überschwemmungen stattfinden oder in Wüsten, wo sie sich nicht ernähren können.
    20 51 Melden
  • Gelöschter Benutzer 01.09.2017 11:02
    Highlight Tja, Fails von Melania und Trump verkaufen sich halt besser als ein paar Tote in Asien.

    Aber neeein - die Medien in Westeuropa sind nicht gleichgeschaltet und von Reuters und Co. abhängig.
    34 11 Melden
  • Schnuderbueb 01.09.2017 10:55
    Highlight Warum? Weil die Kanadier halt wie auch die Inder und der Rest der Welt nicht so viel Wert sind für die Medien wie die Amis. Es heisst ja nicht umsonst AMERICA FIRST.
    23 6 Melden
    • UnbequemeFakten 01.09.2017 18:27
      Highlight Da seit ihr alle mitschuldig. Je mehr ihr auf News einer bestimmten Thematik klickt, desto mehr werden die Medien versuchen euch weiteres davon zu berichten.
      3 0 Melden
  • retofit 01.09.2017 10:08
    Highlight Warum höre ich seit 1,5 Monaten in den Schweizer Medien nichts mehr von den absolut verheerenden Waldbränden um Vancouver, Kanada? Ein Freund kämpft da wie 'zig Tausende andere Menschen seit Wochen ums nackte Ueberleben, es soll sich um die grössten Waldbrände ever in Kanada handeln, umgerechnet 1/3 der Schweizer Fläche soll schon verbrannt sein...aber hier, nichts zu finden darüber. Stattdessen wird das neuste Iphone gepusht uswusw. Glückliche Schweiz (erInnen).
    100 5 Melden
    • Posersalami 01.09.2017 11:04
      Highlight Man hört hier auch fast nichts davon, dass in Myanmar grad wiedermal Buddhisten (die Mönche zuvorderst) bei der muslimischen Minderheit im Westen des Landes randalieren. In den letzten 7 Tagen haben Vertreter der Religion des Friedens schon 400 Muslime massakriert und über 1 mio vertrieben.. http://www.luzernerzeitung.ch/nachrichten/international/kaempfe-in-myanmar-halten-an;art46446,1094331
      32 10 Melden
    • Bijouxly 01.09.2017 11:29
      Highlight Lieber jeden Tag gefühlte 10 Artikel über Trump und Melania in Stilettos und mit Cap... Janndie Prioritätensetzung echt auch überhaupt nicht nachvollziehen. Finde es lächerlich und traurig zugleich.
      43 2 Melden
    • Radiochopf 01.09.2017 12:57
      Highlight Weil es in den Medien nur noch Trump, Trump die cash cow ist und es schon vor Trump America First galt und wie du siehst immernoch... da sterben 1000e Menschen in Asien aber hier wird über die Stilletos von melania oder what a crowd berichtet.. nur das gibt Leser, Klicks und Geld.. traurig aber wahr...
      23 2 Melden
    • Signor_Rossi 01.09.2017 13:21
      Highlight Dan müssten die "Journalisten " auch einmal recherchieren, ist halt einfacher Agentur Meldung zu kopieren oder auf Twitter , Instagram usw. Posts basierend "Artikel" zu schreiben
      30 3 Melden

Opferzahl steigt: Mehr als 200 Tote bei Selbstmordanschlag in Mogadischu

Einen Tag nach dem verheerenden Selbstmordanschlag in der somalischen Hauptstadt steigen die Opferzahlen immer weiter. Medien berichten von weit über 200 Toten, nachdem ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen am Samstag in der Innenstadt explodiert war.

Angaben über die Zahl der Opfer gingen teils weit auseinander: Die Nachrichtenagentur AFP berichtete am Sonntag unter Berufung auf Polizeiangaben auf mindestens 137 Tote und rund 300 Verletzte. Die Nachrichtenagentur dpa schrieb von mehr als 231 …

Artikel lesen