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Eines von zehn unschuldigen Opfern, die am 29. August ums Leben kamen.
Eines von zehn unschuldigen Opfern, die am 29. August ums Leben kamen.Bild: keystone

Die letzte Rakete der USA in Afghanistan traf die Falschen

13.09.2021, 19:53

Am 26. August brach am Flughafen in Kabul die Hölle aus. Attentäter der Terrororganisation «IS-Khorasan» töteten 13 US-Soldaten und 170 weitere Personen. Auch in den Tagen danach war die Gefahr für weitere Terror-Anschläge gross. Am 29. August schien es zunächst, als habe die USA mit einem Drohnen-Angriff ein weiteres Attentat gerade noch verhindern können.

US-Generalstabschef Mark Milley sprach von einem «gerechten Schlag» gegen «IS-Khorasan»-Mitglieder, welche explosives Material mit sich geführt hätten.

Doch die Version des US-Militärs erhielt schnell erste Risse. Bereits am Tag nach der Attacke konnten Journalisten in Kabul mit Hinterbliebenen der Opfer sprechen. Dabei wurde klar, dass die USA mit einer Drohne, welche mit einer «Hellfire-Rakete» ausgestatet war, mehrere Zivilisten tötete. Das Pentagon bestätigte in der Folge, dass der Drohnen-Angriff untersucht werde. Seither äusserte sich das US-Militär nicht mehr dazu.

Eine Hellfire-Rakete zerstörte am 29. August dieses Auto in Kabul.
Eine Hellfire-Rakete zerstörte am 29. August dieses Auto in Kabul.Bild: keystone

Die Washington Post und die New York Times sind dem Pentagon nun zuvorgekommen und haben mit sorgfältigen Recherchen aufzeigen können, dass beim letzten Drohnenangriff der USA in Afghanistan wohl das falsche Ziel getroffen wurde.

Das sind die Opfer

Beim Fahrer des getroffenen Fahrzeuges handelte es sich um Zemari Ahmadi, der für die kalifornische Organisation «Nutrition and Education International» gearbeitet hatte. Der Drohnenangriff tötete nicht nur ihn, sondern auch weitere Familienmitglieder des 43-Jährigen. Nach Angaben der «New York Times» wurden drei Erwachsene und sieben Kinder getötet. Matthieu Aikins, ein Journalist der «New York Times», veröffentlichte auf Twitter Details über die Opfer:

Das wurde bei den Recherchen enthüllt

Mittels zahlreicher Videoaufnahmen und Gesprächen konnte die «New York Times» den letzten Tag von Ahmadi rekonstruieren. Was das US-Militär als «verdächtig» einstufte, war in Tat und Wahrheit ein normaler Arbeitstag des 43-Jährigen.

Demnach fuhr Ahmadi Kollegen an diverse Orte in Kabul und lud sie dort ab. In seinem Büro füllte Ahmadi zudem Wasser in Kanister, welche er nach Hause nehmen wollte, da dort die Wasserversorgung zusammengebrochen war. Das US-Militär vermutete fälschlicherweise, dass in den Kanistern Sprengstoff war.

«Wir haben nichts mit Terrorismus oder dem IS zu tun. Wir lieben Amerika. Wir wollen dorthin gehen», sagte der Chef von Ahmadi gegenüber der Zeitung. Tatsächlich hatte Ahmadi als Mitarbeiter einer US-Organisation einen Antrag auf Aufnahme in den USA gestellt.

Doch daraus wurde bekanntlich nichts. Als er mit seinem Wagen in den Hof seines Hauses fuhr, wurde er von den Kindern begrüsst, welche in sein Auto stiegen oder mit ihm mit rannten. In diesem Moment tauchte die amerikansiche «Reaper-Drohne» auf und beendete mit einer «Hellfire-Rakete» das Leben von Ahmadi und neun weiteren Personen.

Die «Washington Post» kam in ihrer Recherche zum Schluss, dass der Einschlag der «Hellfire-Rakete» wohl keinen weiteren Sprengstoff explodieren liess. Das US-Militär behauptete, die grosse Explosion habe davon gezeugt, dass im Auto von Ahmadi Sprengstoff geladen gewesen sei.

Mehrere Experten sagten jedoch gegenüber der «Washington Post», dass die Explosion, welche auf Videos zu sehen ist, konsistent mit dem Einschlag einer «Hellfire-Rakete» sei. Möglich sei höchstens, dass auch noch der Tank von Ahmadis Auto eine kleinere, zweite Erschütterung ausgelöst habe.

Beim letzten Luftschlag des 20-jährigen Krieges in Afghanistan haben die USA wohl die Falschen getroffen. Bis jetzt hat das Pentagon noch keine Stellung zu den Recherchen der beiden Zeitungen genommen. Das erste Mal ist es indes nicht, dass bei einem Drohnenangriff der USA zahlreiche Zivilisten ums Leben kamen. Im Jahr 2008 wurden in Afghanistan 47 Personen getötet, als sie an eine Hochzeit reisten. Unter den Opfern befanden sich 39 Frauen und Kinder. (cma)

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Video: watson/Aya Baalbaki
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