DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Todesfälle durch Ersticken und Todesfälle durch Terror in Deutschland im Vergleich. Warum fürchten wir uns vor der weit unwahrscheinlicheren Todesursache trotzdem viel mehr?
Todesfälle durch Ersticken und Todesfälle durch Terror in Deutschland im Vergleich. Warum fürchten wir uns vor der weit unwahrscheinlicheren Todesursache trotzdem viel mehr?screenshot: youtube/tagesschau

Beim Essen zu ersticken ist deutlich wahrscheinlicher, als bei einem Terror-Anschlag zu sterben

Terror und Amokläufe sind in den Medien allgegenwärtig. Die Terrorangst wächst. In den Kommentarspalten fragen sich die watson-User zurecht, ob die Gewalt zugenommen hat oder ob die Medien einfach mehr darüber berichten. Ein Erklärungsversuch.
27.07.2016, 14:0527.07.2016, 14:38

Entgegen anderslautenden Darstellungen ist der Terror in Europa kein neues Phänomen. Wir hatten ihn vergessen und verdrängt – und wir werden ihn wieder vergessen.

In den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Davon sind wir heute weit entfernt.YouTube/tagesschau
Die Wahrscheinlichkeit in Europa Opfer eines Terroranschlags zu werden, liegt bei 0,002 Prozent. In der Schweiz ist das Risiko noch geringer.

Befragungen zeigen immer wieder, dass die statistisch gesehen minimale Gefahr Opfer eines Anschlages zu werden, massiv überschätzt wird. Dafür gibt es eine plausible Theorie: Da Terroranschläge und Amokläufe die Menschen massiv mehr interessieren als «gewöhnliche» Unfälle oder Naturkatastrophen, informieren Medien ausgiebig über Attentate. Dies gilt um so mehr, wenn sie wie in Nizza und München in unserer Nähe stattfinden.

Spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder der Germanwings-Absturz bleiben zudem länger in Erinnerung, was uns das Risiko für Attentate oder einen Flugzeugabsturz überschätzen lässt. Umgekehrt unterschätzen wir die Gefahr, im Strassenverkehr, bei einem Berufsunfall oder durch einen Wespenstich zu sterben, da über unspektakuläre Ereignisse weniger informiert wird. Oder hast du gewusst, dass in China allein in diesem Monat über 300 Menschen bei Überschwemmungen gestorben sind – mehr als hundert davon am letzten Wochenende

Woher kommt die neue Angst vor dem Terror?

Ein watson-User stellt die Frage, die wir uns insgeheim in den letzten Tagen wohl alle gefragt haben:

Eine mögliche Antwort liefert ein anderer watson-User:

Soziale Medien wie Twitter und Facebook sowie Smartphones mit News-Apps bringen Terror und Amokläufe innert Sekunden ins Bewusstsein von Millionen Menschen. Medien haben die Pflicht zu informieren – auch über Unangenehmes. Sie spielen damit aber auch den Terroristen und Populisten in die Hände, die Angst und Hass verbreiten wollen.

Was Terroristen und Populisten gemeinsam haben

Animiertes GIFGIF abspielen
Unreflektierte News über Terror schüren Ängste. Medienberichte hingegen, die<a href="http://www.watson.ch/!982459207" target="_blank"> die Geschehnisse (geschichtlich und gesellschaftlich) einordnen</a>, können dem entgegenwirken.
Unreflektierte News über Terror schüren Ängste. Medienberichte hingegen, die die Geschehnisse (geschichtlich und gesellschaftlich) einordnen, können dem entgegenwirken.

Dazu kommt, dass Medien über Ereignisse, die wie in Nizza und München quasi vor der Haustüre stattfinden, weit ausführlicher berichten als über Ereignisse in Syrien, Afghanistan oder im Irak, wo Terroranschläge an der Tagesordnung sind. Nizza und München, aber auch der Mord an 19 Menschen in einem Behindertenheim in Japan, haben daher fast alle von uns mitbekommen. Diesen drei Bluttaten ist gemein, dass es sich um Ereignisse in wohlhabenden Ländern handelt, in denen man weniger mit Anschlägen rechnet, als in Konfliktregionen. Doch hast du gewusst, dass in Kabul fast gleichzeitig über 80 Menschen durch Selbstmordattentäter ihr Leben verloren haben? Oder dass es gestern in Mogadischu mehrere Tote bei einem Anschlag am Flughafen gab? Diesen beiden Attentaten ist gemein, dass es sich um Ereignisse in armen Ländern handelt, die zudem als klassische Krisenherde gelten.

Obwohl in Kabul über acht Mal mehr Menschenleben als in München ausradiert worden sind, wurde der Live-Ticker auf watson zu München weit über 100 (!) Mal öfter angeklickt, als mehrere Artikel zu Kabul zusammen. Selbst ein Push-Alarm zum blutigsten Anschlag in Afghanistan seit zehn Jahren konnte daran nichts ändern. Ob Kabul, Mogadischu oder Bagdad, das Interesse der Leser tendiert gegen Null, weil der Terror zum Alltag gehört.

Dieser Zusammenhang zwischen dem Wohlstand eines Landes und der Häufigkeit der Terrorberichterstattung bzw. dem Interesse der Leser lässt sich auch grafisch darstellen:

Das Bruttosozialprodukt eines Landes korreliert mit der Terror-Berichterstattung

Die Grafik zeigt: Je reicher das vom Anschlag betroffene Land ist, desto eher berichtet die «New York Times» über einen Terroranschlag. Dieser Zusammenhang gilt mit höchster Wahrscheinlichkeit für die Medien im Allgemeinen. Die Folge: Wir überschätzen die Terrorgefahr bei uns und unterschätzen die Terrorgefahr andernorts.&nbsp;
Die Grafik zeigt: Je reicher das vom Anschlag betroffene Land ist, desto eher berichtet die «New York Times» über einen Terroranschlag. Dieser Zusammenhang gilt mit höchster Wahrscheinlichkeit für die Medien im Allgemeinen. Die Folge: Wir überschätzen die Terrorgefahr bei uns und unterschätzen die Terrorgefahr andernorts. grafik: fivethirtyeight

Das könnte dich auch interessieren

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

(oli)

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

57 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Gaspadin
27.07.2016 14:42registriert Juni 2016
Es ist schnurzpiepegal, wie wahrscheinlich eine bestimmte Todesart ist im Vergleich zu einer anderen. Derartige Vergleiche sind ohnehin absurd, weil sie sinnleere Zahlenhuberei sind.

Worauf es ankommt, ist der Wille Terrorakte zu verhindern, bzw. die Todesfälle durch Essen, Verkehrsunfälle, Arbeitsunfälle, Krankheiten u.v.m.
Gäbe es diesen Willen nicht, hätte man nie mit der Produktion von Antibiotika begonnen, nie die Gurttragpflicht eingeführt, nie eine Lebensmittelverordnung geschrieben.
Es ist absurd, etwas nicht zu fürchten und nicht beseitigen zu wollen, nur weil es schlimmeres gibt
7716
Melden
Zum Kommentar
avatar
Angelo C.
27.07.2016 15:32registriert Oktober 2014
Sorry, aber wenn wir etwas nicht brauchen, dann diese dümmlichen Beruhigungspillen, die am eigentlichen Problem einfältig vorbeizielen.

Zwar stimmt der rein mathematisch-statistische Vergleich in etwa, doch hilft oder half er den vielen bisher in Europa auf tragische Weise ums Leben gekommenen, oder gar Jenen die künftg noch bestialisch ermordet werden 🙄 ?!

Auch der einfach gestrickte Spruch, dass sowas (wie früher) "wieder vorbeigehen wird" halte ich für ebenso wenig tröstlich wie ergiebig - eine Nullnummer...

Kann immerhin lange Jahre dauern, bis "es" vorbeigegangen ist - also bitte 🙃!
7319
Melden
Zum Kommentar
avatar
lilie ❤ Bambusbjörn
27.07.2016 15:30registriert Juli 2016
Teil 3:

Und noch etwas muss man bedenken: Bei einem Terroranschlag kommen zwar "nur" vielleicht ein Duzend um, jedoch werden oft mehrere Dutend verletzt und etliche erleiden als Augenzeugen einen Schock. Denn das mutwillige Töten eines Mitmenschen ist weitaus schrecklicher als z.B. an einem Bröckchen zu ersticken, dass ja keine böse Absicht hat.

Somit sind weitere Faktoren: Mutwilligkeit und die "Streuwirkung" eines Terroranschlags, die weitaus mehr Menschen in Mitleidenschaft zieht als ein "Erstickungsunfall".
566
Melden
Zum Kommentar
57
Russland meldet: «Anzeichen schwarzer Magie» bei ukrainischem Militär entdeckt

Die staatliche russische Nachrichtenagentur «Ria Novosti» hat am Mittwoch mit einem «Korrespondentenbericht» für Aufsehen gesorgt – und das auch international, wenn auch nicht so, wie es sich die Verantwortlichen wohl vorgestellt haben. Die aus dem Russischen übersetzte Schlagzeile lautet:

Zur Story