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Scott Smith, der Geschäftsführer von Hockey Canada, muss sich erneut vor der Regierung verantworten.
Scott Smith, der Geschäftsführer von Hockey Canada, muss sich erneut vor der Regierung verantworten.Bild: IMAGO / ZUMA Press

Nationalspieler, Alkohol, Vergewaltigungen: Hockey Canada versinkt im Missbrauchs-Sumpf

Missbrauch, Sonderkassen, Abfindungen: Der nationale Eishockeyverband Kanadas hat ein strukturelles Problem. Nun verliert er Sponsoren, Ansehen und Glaubwürdigkeit. Eine Zusammenfassung.
25.07.2022, 15:1427.07.2022, 06:08
Triggerwarnung
Die folgende Geschichte befasst sich mit sexuellen Übergriffen und Missbrauch und könnte für einige Leserinnen und Leser erschütternd sein.​

Worum geht es?

Es ging ursprünglich um einen Fall von sexuellem Missbrauch aus dem Sommer von 2018. Acht Spieler der kanadischen Nachwuchsliga CHL (wo Spieler im Normalfall zwischen 17 und 20 Jahre alt sind) sollen eine betrunkene Frau mehrfach sexuell misshandelt haben. Einige der mutmasslichen Täter sollen auch Teil der U20-Nationalmannschaft gewesen sein, die im Januar 2018 Gold an der U20-Weltmeisterschaft gewonnen hatte.

Das Opfer, das anonym bleiben möchte, hat im April dieses Jahres eine Klage gegen die acht Spieler, den kanadischen Hockeyverband und die CHL eingereicht. Die Parteien einigten sich aussergerichtlich. Hockey Canada zahlte der Frau eine Abfindung in Millionenhöhe.

Einige Spieler des kanadischen U20-Weltmeisterteams von 2018 stehen unter Verdacht.
Einige Spieler des kanadischen U20-Weltmeisterteams von 2018 stehen unter Verdacht.IMAGO / Bildbyran

Seither hat der Fall grosse Wellen geschlagen. Der Boss des kanadischen Verbands musste vor der Regierung in Ottawa zur Befragung antraben. Diverse Sponsoren kündigten an, die Partnerschaft mit Hockey Canada zu beenden, sofern der Verband nicht beginne, die kulturellen Probleme im Eishockey zu bekämpfen.

In der Folge ist noch ein älterer Fall aufgetaucht. Auch 2003 soll es rund um die U20-Nationalmannschaft Kanadas ebenfalls zu sexuellem Missbrauch gekommen sein. Die Polizei von Halifax teilte mit, nach einem entsprechenden Hinweis Ende letzter Woche Ermittlungen aufgenommen zu haben.

Wie lauten die konkreten Vorwürfe beim Fall von 2018?

An einer Gala des kanadischen Hockeyverbands am 19. Juni 2018, bei der auch die Mitglieder der weltmeisterlichen U20-Nationalmannschaft geehrt worden sind, hat die damals 20-jährige Frau einen Hockeyspieler kennengelernt. Mit ihm und einigen seiner Kollegen feierte sie einen Abend lang, ehe sie mit einem von ihnen in ein Hotelzimmer verschwand und dort einvernehmlichen Geschlechtsverkehr hatte.

Die Frau war dabei gemäss eigenen Aussagen stark betrunken. Danach sollen sieben weitere junge Eishockeyspieler das Zimmer betreten haben. Der erste Beschuldigte soll diese ohne das Einverständnis der Frau eingeladen haben. In der Folge sei sie stundenlangem sexuellem Missbrauch ausgesetzt gewesen und zu Oral- und Vaginalverkehr gezwungen worden. Die Spieler hätten sie unter Druck gesetzt, als sie versuchte, das Zimmer zu verlassen. Und am Ende hätten sie die Frau gezwungen zu duschen, und dann eine Videoaufnahme zu machen, in der sie aussagt, sie sei nüchtern gewesen und habe für die sexuellen Handlungen eingewilligt.

Was ist seither im Fall von 2018 passiert?

Im April 2022 reichte das mutmassliche Opfer beim Ontario Superior Court in London eine Klage gegen die acht Spieler, den kanadischen Eishockeyverband und die CHL ein. Nur etwas mehr als einen Monat später einigten sich die Parteien aussergerichtlich. Der Verband zahlte eine Abfindung in Millionenhöhe.

Das Interesse der Öffentlichkeit war geweckt. Die kanadische Regierung lud die Verantwortlichen des Verbands zu einer Befragung ein. Dabei ging es auch darum, ob Hockey Canada staatliche Gelder zur Zahlung der Abfindung verwendet hatte, was die Verantwortlichen verneinten.

Im Laufe der Befragung und den Wochen darauf kamen weitere Details und Versäumnisse von Verbandsseite ans Licht. Etwa, dass die Teilnahme der Spieler an der internen Untersuchung zum Fall freiwillig gewesen war. Oder dass der Verband einen Fonds betreibt, der eigens dazu gedacht ist, unversicherte Vorfälle, wie etwa Schmerzensgeldzahlungen nach sexuellem Missbrauch, zu decken. Finanziert wird der Fonds mit Lizenzgebühren von Spielerinnen und Spielern aus dem ganzen Land.

Die kanadische Regierung kündigte an, keine staatlichen Unterstützungsgelder (bislang 7,8 Millionen Dollar jährlich) mehr an Hockey Canada zu zahlen. Namhafte Sponsoren wie Scotiabank, Canadian Tire und Tim Hortons pausierten die Zusammenarbeit mit dem Verband. Sowohl der Verband als auch die Polizei von London, Ontario, kündigten in der Folge an, den Fall von 2018 neu aufzurollen.

Wie lauten die konkreten Vorwürfe beim Fall von 2003?

2003 fand die U20-Weltmeisterschaft in Halifax, Kanada, statt. Nun soll ein Video aufgetaucht sein, das rund sechs Spieler der damaligen U20-Nationalmannschaft Kanadas beim sexuellen Missbrauch einer regungslosen Frau zeigt. Drei verschiedene Quellen bestätigten gegenüber Investigativ-Journalist Rick Westhead, dass dieses Video existiere und der Missbrauch so stattgefunden habe.

Die Polizei von Halifax teilte mit, dass eine Untersuchung gegen die Mannschaft von 2003 gestartet wurde. Man nehme diesen Vorfall sehr ernst und werde eine gründliche Untersuchung durchführen, hiess es von Seiten der Polizei.

Was passiert jetzt mit Hockey Canada?

Die zwei jüngsten Fälle rund um die kanadischen U20-Nationalteams von 2018 und 2003 sind zwei von vielen ähnlichen Fällen, die im nordamerikanischen Eishockey in den letzten Jahren bekannt wurden. Aktuell laufen auch Gerichtsverfahren wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs gegen den früheren Vancouver-Canucks-Stürmer Jake Virtanen.

Mit Nicolas Daigle und Massimo Siciliano stehen zudem zwei weitere kanadische Nachwuchsspieler wegen sexueller Nötigung einer Frau in einem Hotelzimmer vor Gericht.

Der Image-Schaden des kanadischen Hockey-Verbands ist riesig. Während der ersten Befragung vor dem kanadischen Parlament in Ottawa wurde bekannt, dass Hockey Canada jährlich mit mehreren Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs konfrontiert wird. Es hagelt Kritik dazu, wie der Verband bislang mit solchen Vorfällen umgegangen ist. Der konservative Parlamentarier John Nater verlangt vom Verband, öffentlich zu machen, wie viele solcher Anschuldigungen in der Vergangenheit aufgetaucht seien und wie viele Schmerzensgeldzahlungen Hockey Canada getätigt habe.

Es sei äusserst beunruhigend, dass der Verband es offenbar als wichtiger empfinde, einen Fonds aufzubauen, um Schmerzensgelder zu zahlen, als die kulturellen Probleme innerhalb des Sports anzugehen, sagte Parlamentarier Chris Bittle.

Am Dienstag und Mittwoch berät der Ausschuss für das kanadische Kulturerbe im Parlament von Ottawa erneut über die Rolle des Verbands im Fall von 2018. Auch die Verantwortlichen von Hockey Canada wurden abermals zu einer Befragung vorgeladen.

Premierminister Justin Trudeau sagte unlängst: «Es ist aktuell sehr schwierig für Kanadierinnen und Kanadier, Vertrauen in irgendjemanden bei Hockey Canada zu haben.» Und es müsse noch viel mehr passieren, damit der Verband das Vertrauen der Eltern des Landes wieder zurückgewinne.

Gewisse Stimmen in Kanada gehen gar so weit zu fordern, dass der Verband komplett aufgelöst und neu organisiert werden soll. So oder so werden die kommenden Tage prägend für den grössten nationalen Hockey-Verband der Welt.

Die detaillierte Timeline im Fall von 2018

  • 19. Juni 2018: Nach einer vom kanadischen Hockeyverband organisierten Gala kommt es in einem Hotelzimmer zu einem Vorfall des sexuellen Missbrauchs an einer 20-jährigen Frau.
  • 20. Juni 2018: Um vier Uhr morgens entsteht im selben Hotelzimmer eine Videoaufnahme. Die Frau, die später zur Anklägerin wird, sagt darin: «Filmst du? Gut. Es war alles einvernehmlich. Ihr seid so paranoid. Ich habe es genossen, es war gut. Ich bin absolut nüchtern, weshalb es mir schwerfällt, mich nun filmen zu lassen.»
  • 20. Juni 2018: Später am Tag danach schreibt einer der beschuldigten Spieler der Frau: «Bist du zur Polizei gegangen?» Sie antwortet, dass ihre Mutter die Polizei informiert habe, und dass sie einverstanden gewesen sei, mit ihm zu schlafen, aber nicht mit allem, was danach passiert sei. Der Spieler schreibt zurück: «Ich verstehe, dass es dir peinlich ist, aber du musst deine Mutter stoppen. Das ist eine ernsthafte Sache und könnte ernsthafte Folgen haben – auch für dich. Kannst du bitte eine Lösung finden, damit das alles verschwindet, und die Polizei kontaktieren?»
  • 20. Juni 2018: Hockey Canada erfährt vom Vorfall und beauftragt externe Juristen mit einer Untersuchung. Noch weiss die Öffentlichkeit nichts vom Vorfall. Das Ergebnis der Untersuchung: Guidelines, wie der Alkoholkonsum an ähnlichen Gala-Events künftig besser kontrolliert werden kann.
  • 6. Februar 2019: Die Polizei von London, Ontario, beendet ihre Ermittlungen. Es werden keine Anklagen erhoben.
  • 20. April 2022: Die Frau reicht beim Ontario Superior Court in London eine Klage gegen die acht Spieler, den kanadischen Eishockeyverband und die CHL ein.
  • 25. Mai 2022: Hockey Canada informiert den kanadischen TV-Sender TSN, dass die Polizei damals über die Vorfälle informiert worden sei und dass der Verband Juristen engagiert habe, um das Geschehene zu untersuchen. Es ist das erste Mal, dass der Vorfall öffentlich wird.
  • 26. Mai 2022: Der kanadische Eishockeyverband, die CHL und die Frau einigen sich aussergerichtlich. Der Verband zahlt eine Abfindung in Millionenhöhe – erste Berichte, wonach die Summe 3,5 Millionen Dollar betragen habe, bleiben unbestätigt.
  • 7. Juni 2022: Die kanadische Regierung kündigt an, dass die Verantwortlichen des Eishockeyverbands für eine Befragung vor den Regierungsvertretern erscheinen müssen.
  • 14. Juni 2022: Hockey Canada sagt aus, dass für die Abfindungszahlung keine Regierungsgelder verwendet wurden. Der Verband sagt, bis heute nicht zu wissen, welche Spieler verdächtigt werden.
  • 20. Juni 2022: In der Befragung von der Regierung kommt heraus, dass die Teilnahme der Spieler an der internen Untersuchung des kanadischen Verbands freiwillig war.
  • 22. Juni 2022: Die kanadische Regierung kündigt an, sämtliche finanzielle Unterstützung für den Eishockeyverband bis auf Weiteres einzustellen. Hockey Canada erhielt von der Regierung rund 7,8 Millionen Dollar jährlich.
  • 26. Mai 2022: Die National Hockey League (NHL) kündigt eine eigene Untersuchung der Vorfälle an. Geleitet wird die Untersuchung von Jared Maples, einem ehemaligen Direktor einer Abteilung der US-Heimatschutzbehörde in New Jersey.
  • 28. Mai 2022: Scotiabank, Canadian Tire, Tim Hortons und andere wichtige Sponsoren kündigen an, ihre Zusammenarbeit mit Hockey Canada vorübergehend auszusetzen und neu zu evaluieren, bis die «strukturellen Probleme im Eishockey» angegangen werden.
  • 30. Juni 2022: Als erster Spieler des Weltmeisterteams von 2018 teilt Victor Mete mit, während der fraglichen Gala nicht vor Ort, sondern im Ausland gewesen zu sein
  • 14. Juli 2022: Der kanadische Verband kündigt an, die Untersuchung der Vorfälle von 2018 neu zu lancieren. Auch die Klägerin soll Teil dieser Untersuchung sein.
  • 19. Juli 2022: Es wird bekannt, dass der kanadische Eishockeyverband einen Sonderfonds unterhält, der eigens dazu gedacht ist, unversicherte Vorfälle, wie etwa Schmerzensgeldzahlungen nach sexuellem Missbrauch, zu decken. Finanziert wird der Fonds mit Lizenzgebühren von Spielerinnen und Spielern aus dem ganzen Land. Das sei, damit keine Steuer- oder Sponsorengelder für solche Zahlungen verwendet werden. Der Verband teilt einen Tag später mit, dass der Fonds künftig nicht mehr für solche Situationen eingesetzt wird.
  • 19. Juli 2022: Diverse weitere Spieler, die für die Tat in Frage gekommen wären, veröffentlichen Statements, wonach sie nicht beteiligt oder gar nicht vor Ort gewesen seien. Darunter Cale Makar, Jordan Kyrou, Taylor Raddysh, Robert Thomas, Sam Steel, Jake Bean, Kale Clague und Carter Hart.
  • 22. Juli 2022: Die Polizei von London, Ontario, teilt mit, dass sie den Fall neu aufrollt und ein zweites Mal untersucht.
  • 23. und 24. Juli 2022: Verbands-Geschäftsführer Scott Smith und der ehemalige Präsident Tom Renney werden abermals vor der kanadischen Regierung aussagen müssen.
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56 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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wannaFly
25.07.2022 15:34registriert Februar 2020
Ein Fond für Schmerzensgelder nach sexuellem Missbrauch ... WTF!!? 🤢
1277
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Zum Kommentar
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RiotGurl
25.07.2022 15:29registriert März 2014
Ach du scheisse... die Frauen tun mir leid, jedoch mutig von der betroffenen Frau aus dem Jahr 2018 sie anzuzeigen!
863
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El_Chorche
25.07.2022 15:38registriert März 2021
Wir sollten aufhören, Profisportler als Vorbilder für unsere Kinder darzustellen.
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