Hat der ICE-Beamte wirklich aus Notwehr gehandelt? Das zeigen die Videos
Am 7. Januar hat ein maskierter Agent der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE in einem Wohnquartier der Grossstadt Minneapolis eine Frau in ihrem Auto erschossen. In diesem Artikel fassen wir dir das Wichtigste rund um den tödlichen Vorfall zusammen.
Der Vorfall
ICE führt in Minneapolis und St. Paul seit mehreren Tagen eine grossangelegte Operation durch, an der nach Angaben des Heimatschutzministeriums mehr als 2000 Bundesbeamte beteiligt sind. Es sollen dabei Ermittlungen im Zusammenhang mit dem mutmasslichen Sozialbetrug der somalischen Community angestellt werden, der die US-Medien schon seit Monaten beschäftigt.
Am Mittwochmorgen (Ortszeit) führte ICE im Rahmen dieser Operation einen Einsatz in Minneapolis durch. Dabei konfrontierten ICE-Beamte in der Portland Avenue einen bordeauxfarbenen Sedan und wiesen die darin sitzende Frau an, auszusteigen.
Als diese dem Befehl nicht Folge leistete und stattdessen losfuhr, eröffnete einer der maskierten Agenten das Feuer und schoss mindestens zweimal mit seiner Dienstwaffe. Er traf die Frau dabei im Gesicht. Das Auto fuhr einige Meter weit, bevor es in ein anderes, am Strassenrand geparktes Fahrzeug und eine Strassenlaterne krachte und zum Stehen kam.
ACHTUNG: Auf diesem Bild sind der Tatort und Blut zu sehen.
Schon bevor die tödlichen Schüsse fielen, befanden sich etliche Menschen aus der Nachbarschaft auf der Strasse. Dementsprechend gibt es viele Augenzeuginnen und Augenzeugen – und auch mehrere Videos aus verschiedenen Perspektiven.
Beim Opfer handelt es sich Medienberichten zufolge um eine US-Bürgerin mit dem Namen Renee Nicole Good. Die 37-Jährige soll Dichterin gewesen sein – und die Mutter dreier Kinder. In ihrem Auto wurden Kinderspielsachen und Plüschtiere gefunden.
Good wurde später im Spital für tot erklärt. Die Lokalzeitung Star Tribune machte ihre Mutter ausfindig. Sie sagte zum Tod ihrer Tochter:
Renee sei einer der freundlichsten Menschen, die sie je gekannt habe, sagte sie weiter. Sie sei äusserst mitfühlend gewesen und habe sich ihr ganzes Leben lang um andere Menschen gekümmert. «Sie war liebevoll, vergebungsbereit und warmherzig. Sie war ein wunderbarer Mensch.»
Offenbar soll am Tatort auch die Ehefrau des Opfers anwesend gewesen sein. In einem Video ist zu hören, wie ein Augenzeuge sich mit einer verzweifelt klingenden, weinenden Frau unterhält:
Einem unmittelbar nach der Schussabgabe am Tatort anwesenden zivilen Arzt wurde der Zutritt von den bewaffneten ICE-Agenten verweigert:
Das sagt die Bundesregierung
Kristi Noem nahm am Mittwochnachmittag Stellung zum Vorfall. Sie ist ein Mitglied der Trump-Regierung und als Ministerin für Innere Sicherheit verantwortlich für die ICE-Behörde. Sie schilderte das Geschehen wie folgt:
Auch der US-Präsident Donald Trump hat seinen Standpunkt zu der Angelegenheit bereits kundgetan. Auf seiner eigenen Social-Media-Plattform Truth Social setzte er folgenden Post ab:
Auch er vertritt die offizielle Haltung von ICE und seiner Ministerin Kristi Noem, wonach es sich beim Opfer und den anwesenden Augenzeuginnen und -zeugen um Agitatoren gehandelt haben müsse, welche die Agenten behinderten und sich diesen widersetzten.
Schuld am Ganzen ist Trump zufolge die «radikale Linke», die ICE und andere Strafvollzieher täglich bedrohe und angreife.
Der Agent hätte in Notwehr gehandelt und es sei anhand der Videos, die er vom Vorfall gesehen habe, schwierig zu glauben, dass er noch am Leben sei, so der US-Präsident.
Ein anderes Video lässt jedoch Zweifel an dieser Aussage und auch an der vermeintlichen Hospitalisierung des betroffenen ICE-Agenten aufkommen. Es zeigt, wie er kurz nach der Schussabgabe den Tatort offenbar völlig unversehrt verlässt:
Das sagen die lokalen Regierungen
Ebenfalls am Mittwochnachmittag haben der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, und der Gouverneur des Bundesstaates Minnesota, Tim Walz, Stellung genommen. Beide gehören der demokratischen Partei an.
Frey hat deutliche Worte an ICE gerichtet:
Auch Tim Walz hat Kritik an Trump und seinen Methoden geäussert. Wie auch Bürgermeister Frey lehnt er ausserdem die offizielle Darstellung von ICE und Kristi Noem ab:
Auf der Plattform X teilte Walz ausserdem mit, die Darstellung von Homeland Security, Kristi Noems Ministerium, sei «Propaganda».
Die Proteste
Als Reaktion auf die Schiesserei versammelten sich Demonstrierende in der Nähe des Tatorts. Einige warfen Schneebälle auf ICE-Beamte, andere schwenkten Flaggen mit der Aufschrift «FTP», einer Abkürzung für «Fuck the Police». Auch eine auf dem Kopf stehende amerikanische Flagge wurde verbrannt.
Online geteilte Videos zeigten, wie ICE- und andere Bundesbeamte darauf reagierten, indem sie Demonstrierende mit Tränengas und Pfefferspray besprühten. In einem Fall wurde einem Demonstranten aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen.
#BREAKING I.C.E. deploys tear gas and pepper spray after and I.C.E involved shooting in Minneapolis, Minnesota. Protesters were seen throwing snowballs and blocking I.C.E agents vehicles. pic.twitter.com/58JiKMQmLb
— Fast News Network (@fastnewsnet) January 7, 2026
Auch in New York City und anderen Städten kam es zu Demonstrationen und Gedenkversammlungen.
Wie es nun weitergeht
Was die US-amerikanische Justiz nun beschäftigen dürfte, ist die Frage, ob es sich bei der Tat des ICE-Agenten – wie von der Regierung dargestellt – wirklich um Notwehr handelte.
Viele Polizeibehörden in den USA führten schon vor Jahrzehnten Regeln ein, die das Risiko mindern sollen, dass Unbeteiligte getroffen werden oder Fahrer die Kontrolle über ihren Wagen verlieren, nachdem auf sie geschossen wurde, berichtet der Tages-Anzeiger.
Auf Bundesebene gilt in den USA, dass Schusswaffen nicht allein dazu eingesetzt werden dürfen, ein fahrendes Fahrzeug zu stoppen. Tödliche Gewalt sei nur in bestimmten Ausnahmefällen zulässig, zum Beispiel wenn jemand im Fahrzeug eine andere Person mit tödlicher Gewalt bedrohe oder das Fahrzeug selbst so eingesetzt werde, dass eine unmittelbare Gefahr bestehe und es keine andere angemessene Option gebe, etwa durch Ausweichen. Das schreibt das US-Justizministerium in einem Handbuch. Diese Ausgangslage versuchen Kristi Noem und Homeland Security im vorliegenden Fall geltend zu machen.
Einsatzkräfte sollten deeskalieren
Geoffrey Alpert, Kriminologie-Professor an der University of South Carolina, forderte die Behörden jedoch auf, auch ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen:
Eigentlich würden Polizeibeamte geschult, in solchen Situationen zu deeskalieren.
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