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Fertig Wildwuchs: Die Covid-Testzentren in Bern werden ab Freitag reguliert.
Fertig Wildwuchs: Die Covid-Testzentren in Bern werden ab Freitag reguliert. Bild: watson

Dubiose Corona-Testzelte: Formulare mit hochsensiblen Daten landen in WhatsApp-Gruppen

Seit der Zertifikatspflicht sind Schnelltest-Zelte wie Pilze aus dem Boden geschossen. Nicht alle arbeiten seriös. Eine ehemalige Mitarbeiterin schildert unhaltbare Zustände. Der Eidgenössische Datenschützer ist alarmiert.
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15.10.2021, 14:4216.10.2021, 07:13

Seit der Ausweitung der Zertifikatspflicht kommt es zu einem Ansturm auf Covid-Testcenter. Ob an der Langstrasse, auf dem Berner Bahnhofplatz oder vor dem Hockeystadion: Landauf, landab ist ein Wildwuchs von Corona-Testzentren entstanden, die Tests zu Tiefstpreisen anbieten.

Diese wirken nicht selten alles andere als seriös. Wichtige Informationen für die Kundinnen und Kunden sind an Partyzelten teils mit Handschrift auf einen «Fresszettel» geschrieben. Das Personal im Strassen-Look wirkt ungeübt. Kein Wunder, denn die Anstellten haben meist keinen medizinischen Hintergrund und arbeiten auf Abruf.

Testformulare im WhatsApp-Chat

Wer einen Corona-Test macht, muss hochsensible Daten inklusive ID, Krankenkassen-Karte und Handynummer preisgeben. Was die Leute nicht wissen: Ihre Angaben landen in WhatsApp-Chats mit dutzenden Mitgliedern. Dies zumindest in Berner Testzelten der Dr. Stoffel Apotheken, wie der nachfolgende Screenshot inklusive Firmenlogo zeigt. Die Stoffel-Apotheken betreiben zusammen mit Subunternehmen zahlreiche Testzentren in verschiedenen Kantonen und bieten Tests für 35 Franken an.

Formulare mit hochsensiblen Daten landen in Gruppenchats von Testzentren der Stoffel Apotheken.
Formulare mit hochsensiblen Daten landen in Gruppenchats von Testzentren der Stoffel Apotheken. Bild: zvg

Die Prozesse sind handgestrickt, wie auch ein Augenschein vor Ort zeigt. Die Angestellten in den Zelten fotografieren die ausgefüllten Formulare (mit ID, Krankenkasse, Handynummer) mit dem privaten Handy. Das Bild wird danach in eine WhatsApp-Gruppe weitergeschickt. Darauf stellt ein Team in einem anderen Zelt mit Laptops die Zertifikate aus. «In den Chats sind jeweils 20 bis 30 Personen drin. Diese könnten mit den Daten theoretisch machen, was sie wollten. Beispielsweise Ungeimpfte denunzieren oder die Daten an eine Versicherung verkaufen», sagt eine ehemalige Mitarbeiterin zu watson, die bis vor wenigen Tagen für die Firma arbeitete und anonym bleiben will. Zudem bleiben die teils hunderten Fotos auf den Mobiltelefonen der Testerinnen und Tester gespeichert. Und landen damit auch in den Cloud-Diensten der Internet-Giganten.

Auf Anfrage von watson schreibt Philippe Stoffel, Chef der Stoffel Apotheken: «Diese Vorgehensweise ist mir zum aktuellen Zeitpunkt nicht bekannt». Man werde diese Behauptung mit den Standortverantwortlichen überprüfen und allenfalls entsprechende Massnahmen zur «Behebung möglicher Prozessfehler» unverzüglich vornehmen.

Datenschützer ist besorgt

Der Eidgenössischer Datenschutzbeauftragte EDÖB zeigt sich besorgt. «Grundsätzlich problematisch ist die Nutzung von WhatsApp sowie der Umstand, dass eine unbestimmte Zahl von Personen via Chatgruppe Zugriff auf besonders schützenswerte Personendaten hat», sagt Kommunikationschef Hugo Wyler zu watson. Demzufolge gebe es keine Kontrolle, was mit den Daten passiere. Zudem fehle es an der Transparenz: Die Kunden müssten darauf hingewiesen werden, dass ihre Daten per WhatsApp verarbeitet würden und einer Weitergabe zustimmen. Dies ist laut der Mitarbeiterin nicht der Fall.

Firmen müssten zudem solche Datensammlungen dem EDÖB melden, ausser sie verfügten über einen unabhängigen Datenschutzverantwortlichen, so Wyler weiter. Dies trifft bei der besagten Apotheke laut Datareg nicht zu.

Die Stoffel-Apotheken geraten nicht zum ersten Mal wegen des Testregimes in die Schlagzeilen. Mehrere Mitarbeiter der Partnerfirma Youngcom sagten zu 20 Minuten, dass mehrfach nicht entsprechend ausgebildete Personen die Corona-Tests vorgenommen hätten.

Andere Kantone machen Testzentren dicht

Obschon der Bund die Tests nicht mehr bezahlt, bleiben die Corona-Schnelltests ein grosses Geschäft – denn die Nachfrage bleibt wegen der Zertifikatspflicht gross. Es lockt weiter das schnelle Geld. «Im Moment entstehen sehr viele Testzentren, weil man damit Geld verdienen kann», sagte die Zürcher Kantonsärztin Christiane Meier zu SRF. Für solche Testzentren gebe es zwar Vorgaben, aber: «Meist entstehen sie sehr spontan. Wir schauen, dass wir von allen Bescheid wissen, aber das ist eine grosse Herausforderung», sagt Meier. Auf Anfrage von watson teilt die Zürcher Gesundheitsdirektion mit, dass inzwischen ein Testzentrum geschlossen worden ist. Im Kanton St.Gallen sind es laut Angaben des Gesundheitsdepartements deren vier. Welche Firmen davon betroffen sind, darf das Amt nicht sagen.

Seit Anfang Oktober ist es nicht mehr Sache des Bundes, diese Testzentren zu überprüfen, vielmehr sind nun die Kantone dafür zuständig.

Kantone ziehen Schraube an

Als Reaktion auf den Wildwuchs führt der Kanton Bern neue Auflagen und eine Meldepflicht für Testzentren per 18. Oktober ein. Bis jetzt habe man noch keine Testzentren schliessen können, da es zuvor keine verschriftlichten Vorgaben und Standards gegeben habe, sagt eine Sprecherin der Berner Gesundheitsdirektion. Man wolle bei den Testzentren mit den neuen Vorgaben «die Spreu vom Weizen» trennen.

Bern will Nasal-Tests verbieten
Umstritten ist nicht nur das Testregime, sondern auch Tests an sich. Sogenannte Nasal-Tests werden weniger weit in die Nase eingeführt. Sind dadurch angenehmer, aber laut Studien ungenauer. Der Kanton Bern will diese Tests nun verbieten lassen. Wenn das BAG nächste Woche kein Verbot erlasse, werde man dies auf kantonaler Ebene tun, erklärte die Berner Gesundheitsdirektion dem der Zeitung «Der Bund.»

Oder anders gesagt: Der Kanton hofft, dass zweifelhafte Anbieter wegen der Regeln von selbst den Betrieb einstellen. So oder so herrscht unter den Testzentren ein enormer Preisdruck, den auch die Angestellten zu spüren bekommen. «Der Druck auf die Mitarbeitenden ist teilweise enorm. Alles ist darauf ausgelegt, möglichst viel Geld zu machen. Und die Warteschlange möglichst rasch abzuarbeiten, damit keine Kunden davonlaufen», so die ehemalige Angestellte weiter zu watson. Dies habe auch dazu geführt, dass Zertifikate bereits ausgestellt worden seien, bevor das negative Testresultat überhaupt vorgelegen sei. Sei jemand im Nachhinein positiv getestet worden, habe man telefonisch die Person alarmieren und das Zertifikat annullieren müssen. «Dies hat nicht immer geklappt», so die Mitarbeiterin weiter.

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