Bild: instagram
«Antifaschistische Neurose»: Radikalismus-Experte zum Fall Quentin
Nach den neonazistischen Graffiti, die diese Woche an der Fassade des Espace autogéré (eine autonome Räumlichkeit) in Lausanne zur Unterstützung von Quentin D. erschienen – dem jungen Rechtsextremisten, der am Donnerstag, dem 12. Februar, in Lyon von Antifaschisten getötet worden sein soll –, haben zwei linksextreme Gruppen aus Genf den «11 von Lyon» in Instagram-Posts ihre Unterstützung bekundet. Sie zeigen ein vor einer mit Graffiti übersäten Wand aufgehängtes Transparent, auf dem «Free all antifas» («Befreit alle Antifas») zu lesen ist.
Die Zahl 11 steht für die Anzahl der Personen, die im Rahmen der Ermittlungen wegen vorsätzlicher Tötung von Quentin, der am Boden liegend gelyncht wurde, festgenommen und teilweise in Untersuchungshaft gebracht wurden. Zu den inhaftierten Verdächtigen gehört Jacques-Elie Favrot, der parlamentarische Assistent des Abgeordneten Raphaël Arnault der Partei La France insoumise (LFI).
Arnault gründete 2018 das Kollektiv Jeune Garde antifasciste (Antifaschistische Jugendgarde), das 2025 wegen Gewalttaten aufgelöst wurde und dessen Verbindungen zu Jean-Luc Mélenchons LFI-Partei nachgewiesen sind. Favrot gehörte ebenso wie andere Verdächtige im Mordfall Quentin D. zur Jeune Garde.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
2017 und 2022 ins Leben gerufen
Die beiden Gruppen hinter dem Schweizer Transparent sind Secours rouge Genève (Rote Hilfe Genf) und Ligne rouge. Erstere soll 2017 gegründet worden sein, die zweite 2022.
Das Foto des Transparents wurde von der rechtsextremen französischen Website Boulevard Voltaire, die in den sozialen Netzwerken präsent ist, veröffentlicht. In den Instagram-Posts der beiden Genfer Kollektive ist ein Text zu lesen, der keinerlei Mitgefühl für das Opfer zeigt. Hier ein Auszug:
Der ganze Text auf Französisch:
Laufende Ermittlungen
Die Ereignisse vom 12. Februar in Lyon müssen noch durch die Ermittlungen genau geklärt werden. Quentin war mit anderen jungen Leuten gekommen, um die Sicherheit der «identitären Feministinnen» des rechtsextremen Kollektivs Némésis zu gewährleisten, die gegen eine Konferenz der Europaabgeordneten und LFI-Angehörigen Rima Hassan in den Räumlichkeiten des Instituts Sciences Po Lyon protestierten. Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Quentin an der Auseinandersetzung zwischen Antifaschisten und identitären Nationalisten beteiligt war, die zu den tödlichen Schlägen führte. Der Getötete, der laut Angaben seines Vaters 64 Kilogramm wog und von zierlicher Statur gewesen sein soll, hatte grundsätzlich nicht die körperliche Verfassung für eine «Schlägerei».
In ihrem Text zitieren Secours rouge Genève und Ligne rouge die deutsche Marxistin Clara Zetkin, die 1933 im Exil in Moskau starb und «den bürgerlichen demokratischen Pazifismus (...), der Gewalt ablehnt», scharf kritisierte. Im Gegenteil rechtfertigen die beiden antifaschistischen Gruppen aus Genf unter bestimmten Umständen den Einsatz von Gewalt.
Ein junger Unterstützer berichtet
Wir haben mit einem jungen Westschweizer telefoniert, der den Unterstützungs-Post für die «11 von Lyon» gelikt hat. Er erklärt:
Unser Gesprächspartner fügt hinzu:
«Antifaschistische Neurose»
Hier finden wir eine Argumentation, die den Tod einer als faschistisch gekennzeichneten Person rechtfertigt. Jean-Yves Camus, Spezialist für Radikalismus, entschlüsselt für watson das, was er als «antifaschistische Neurose» bezeichnet.
Der Experte ergänzt:
Ein Marsch unter strenger Überwachung
Ein Gedenkmarsch für Quentin D., der für diesen Samstag in Lyon geplant ist und vom Vater des Opfers genehmigt wurde, wurde von der Präfektur der Rhône im Rahmen eines «hochrangigen» Sicherheitsdispositivs genehmigt, wie die staatlichen Behörden am Freitag mitteilten. Es wird mit dem Aufmarsch rechtsextremer Gruppen gerechnet. Die Zeitung «Le Figaro» schreibt:
