Schweiz

«Ich habe einfach Lust, etwas anderes zu machen»

14.06.17, 17:24 15.06.17, 10:59

Damit hat niemand gerechnet. Nationalratspräsident Jürg Stahl (SVP/ZH) unterbrach am Mittwoch plötzlich die Rats-Sitzung und kündigte für alle überraschend den Rücktritt von Bundesrat Didier Burkhalter an:

Hier verkündet Jürg Stahl Burkhalters Rücktritt

29s

Didier Burkhalter legt sein Amt als Bundesrat nieder

Die Politik habe in den letzten Jahren viel Raum in seinem Leben eingenommen, sagte der zurücktretende Bundesrat Didier Burkhalter am Mittwoch vor den Bundeshausmedien. Das Bedürfnis, etwas Neues zu machen, sei plötzlich gekommen. Burkhalter sprach von einer «Welle».

«Ich habe einfach Lust, etwas anderes zu machen»

Den Entscheid habe er am letzten Sonntag gefällt. «Ich habe einfach Lust, etwas anderes zu machen.» Burkhalter war zuletzt wegen der stockenden Verhandlungen über das institutionelle Rahmenabkommen unter starken Druck geraten.

Nach seinen Angaben gibt es keinen Zusammenhang. Europa sei kein einfaches Dossier, aber es gehe dabei nicht um ihn, sagte Burkhalter. Es sei der Bundesrat, der die Europapolitik der Schweiz festlege. Dieser müsse «in aller Freiheit» entscheiden können.

Bild: KEYSTONE

Burkhalter war stets ein Verfechter der Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen und des Rahmenabkommens gewesen. Innenpolitisch galt dieser Weg seit jeher als chancenlos. Zuletzt bröckelte auch der politische Rückhaltung, sogar in der eigenen Partei. Burkhalter fand sich zunehmend isoliert.

«Spiel ist offen»

Den stärksten Hinweis, dass der Entscheid doch einen Zusammenhang mit der Europapolitik haben könnte, lieferte Burkhalter selber: Er habe seinen Rücktritt nicht nach der Bundesratssitzung vom Freitag angekündigt, weil er den Entscheid nicht mit der Diskussion im Bundesrat über die Europapolitik verknüpfen wollte, sagte er.

So könne er Druck wegnehmen. Das Dossier Europa werde sich aber kaum in die Richtung entwickeln, die er sich wünsche, ergänzte Burkhalter. Ein Wechsel im Bundesrat werde aber möglicherweise ganz neue Dynamik bringen. «Das Spiel ist offen.»

Für den Bundesrat und die schweizerischen Institutionen war Burkhalter des Lobes voll. Diese forderten einem ständig grosse Bescheidenheit ab. Dennoch habe er sein ganzes Herz in die Politik gelegt. In den letzten Jahren hätte seine besondere Leidenschaft den internationalen Beziehungen und der Diplomatie gegolten.

Die offiziellen Bundesratsfotos

«Es ist magisch, aber jetzt ist es bald fertig», sagte Burkhalter. Zu bereuen habe er nichts. Auch negative Erlebnisse mochte der abtretende Aussenminister keine nennen. Kritik sei gut, sagte er mehrmals. «Ich habe auch die schwierigsten Diskussionen gern gehabt.»

Gegen den Parteiwillen

Burkhalter tritt per 31. Oktober 2017 von seinem Amt als Bundesrat zurück, wie der 57-Jährige am Mittwoch überraschend bekanntgab. Burkhalter ist seit 2009 Mitglied des Bundesrats. Zunächst war er Vorsteher des Innendepartements, bevor er 2012 das Aussendepartement übernahm. 2014 war der Neuenburger FDP-Politiker Bundespräsident.

In seinem Rücktrittsschreiben zeigte sich Burkhalter überzeugt, dass zu den Erfolgsgeheimnissen der Schweiz das Regierungsgremium gehört, das sich immer wieder erneuern müsse. Es sei ein Privileg, Teil davon zu sein, schrieb Burkhalter. Er drückte ferner dem Parlament seine Dankbarkeit für das Vertrauen aus.

Die Schweiz sei ein Wunder, entstanden aus einem gemeinsamen Willen und geprägt von einer Kultur des Dialogs und der Öffnung. Er wünsche seinem Land, dass es den Sinn für diese fundamentalen Werte durch alle Hochs und Tiefs hindurch behalte, schrieb Burkhalter weiter. Zum Schluss drückte er der Bevölkerung seine besten Wünsche aus. (meg/sda)

Das könnte dich auch interessieren:

Klopp lässt seinen Penalty-Frust an den Reportern aus

Vom Meister ausgezeichnet – Die besten Parker-Weine fürs Fest

O du schreckliche! Das Bullshitbingo für das Weihnachtsessen mit deiner Familie

Darum lehnt der Bundesrat «No Billag» ab – die 5 wichtigsten Argumente im Überblick

8 Katzen, die sich den Sommer mit sehnlichst zurückwünschen

Israelischer Professor zum Trump-Entscheid: «Jerusalem war nie das Hindernis für Frieden»

«So etwas macht man nicht» – FDP-Boss Gössi kritisiert Geheimtreffen vor Juncker-Besuch

«Bilder von unten» – 12 Leute erzählen, was sie auf Tinder und Co. nicht sehen wollen

Bitte, Nintendo, diese 15 Games gehören auf einen Game Boy Classic Mini!

Warum nach einem Amoklauf in den USA noch viel mehr Menschen starben

Jahre des Zorns – was der Palästinenser-Aufstand bedeutet

Diese Obdachlosen haben vielleicht ihr Zuhause verloren – nicht aber ihren Humor

Trump macht Jerusalem zur Israel-Hauptstadt – die Nahost-Eskalation in 9 Punkten erklärt

Dieser Schweizer Soldat musste gerade durch die Französisch-Hölle – aber sowas von

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
3
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 15.06.2017 09:30
    Highlight Er wird schon ein paar tolle VR-Mandate an Land ziehen und dann mit dem Ruhestandsgehalt eine schönes Leben führen...

    Vielen Dank für die tollen Sachen die Sie geleistet haben. Kann mich jetzt spontan an nichts erinnern, aber vermutlich war da auch nichts..... Blass, unscheinbar und ohne Charisma.... Ein Luftballon...
    3 3 Melden
  • rodolofo 15.06.2017 07:41
    Highlight Burkhalter bleibt mir als dunkelhäutigster Bundesrat, den die Schweiz je hatte, in Erinnerung.
    Möglicherweise war sein braun gebranntes Aussehen auch ein Grund dafür, dass es mit der SVP nicht klappte...
    Wie auch immer, ich wünsche Didier Burkhalter weiterhin mehr Sonne statt Süneli in seinem Leben!
    Solche weltoffenen, braven Schaffer wie ihn kann die Schweiz auch mehr brauchen!
    Leider wuchern in Bern invasive SVP-Sonnenblumen...
    2 6 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.06.2017 09:29
      Highlight Ja genau...
      1 3 Melden

Ritalin wird zu häufig verschrieben: Nationalrat will Ursachen von ADHS genauer klären

Der Bundesrat soll die Ursachen, die sich hinter der Diagnose ADHS verbergen, systematisch prüfen müssen. Der Nationalrat hat am Montag einen entsprechenden Vorstoss von Verena Herzog (SVP/TG) angenommen.

Mit 90 zu 81 Stimmen bei 4 Enthaltungen stimmte die grosse Kammer der Motion zu. Über diese muss nun der Ständerat befinden. Stimmt auch er Ja, muss der Bundesrat die gemäss dem Vorstoss «viel zu hohe Verschreibungspraxis» von Ritalin in der Deutsch- und Westschweiz reduzieren.

Sie wolle Ritalin …

Artikel lesen