Dumm gelaufen: Die Rechnung ist für David Cameron nicht aufgegangen.
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Der feine Pinkel hat sich verzockt
Der britische Premierminister David Cameron hat mit
dem Brexit die Quittung erhalten für sein verantwortungsloses Taktieren.
David Cameron ist, was die Briten verächtlich einen «toff» nennen, ein feiner Pinkel. Diesen Titel verleihen vor allem die Arbeiter im Norden den Mitgliedern der Aristokratie im Süden und meinen damit Männer, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und von Kindermädchen erzogen wurden, die in exklusiven Privatschulen wie Eton die mittlere Reife und an Universitäten wie Oxford oder Cambridge ihren akademischen Grad erhalten haben.
David Cameron mit seiner Nemesis Boris Johnson.
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Die Arbeiter der Midlands und des Nordens sind es auch, die Cameron seine wohl schmerzlichste Niederlage beigefügt haben. In Städten wie Birmingham oder Sunderland, Leeds oder Sheffield war die Zustimmung zum Brexit am höchsten, die Finanzmetropole London hingegen hat ihn abgelehnt.
Die Tories sind im Norden unbeliebt
Die Ohrfeige der Working Class hat sich Cameron mehr als verdient. Er hat die Politik seiner Labour-Vorgänger Tony Blair und Gordon Brown wieder rückgängig gemacht. Diese hatten grosse Teile der Verwaltung in den Norden verlegt, um so den Verlust der Arbeitsplätze in der Industrie wenigstens teilweise zu kompensieren.
Generell sind die Konservativen, die Tories, im englischen Norden unbeliebt. Heute erinnert man sich noch daran, wie Maggie Thatcher die Gewerkschaften demoliert und gedemütigt hat.
So reagiert die britische Presse auf den Brexit
Die «Sun» machte vor dem Referendum Front gegen die EU – und titelt nun hämisch: «See EU later».
Das Cover des «Daily Mirror»: «We're out» (Wir sind raus). Dazu zeigt das Blatt ein Gesicht, das den britischen Union Jack aufgeschminkt hat.
«Daily Mail»: Genauso wie der «Daily Mirror» titelt auch dieses Blatt. Man beachte den Untertitel links: «Nach 43 Jahren befreit sich Grossbritannien von den Fesseln der EU».
Die «Times» zeigt sich nüchtern – und einen jubelnden Nigel Farage.
Der «Daily Star» spricht auf seinem Online-Auftritt gar von einem «Independence Day» und zeigt dazu ein Raumschiff – ähnlich wie in Roland Emmerichs Science-Fiction-Film.
Auch der «Independent» macht mit Farage auf. Sein Zitat: «Wir haben gewonnen, ohne einen Schuss abzufeuern.»
David Camerons Rücktritt steht beim «Guardian» ganz oben auf der Agenda: Der sei «eine europäische Tragödie». Die Analyse des liberalen Medienhauses trägt den Titel: «Wie konnte es soweit kommen, dass Grossbritannien für den Austritt aus der EU stimmt?»
Geblufft und verloren
David Cameron hat sich zudem auf ein politisches Pokerspiel eingelassen – und wurde für seinen Bluff bestraft. Das ging wie folgt: Im Vorfeld der Wahlen hatte er versprochen, sollte er gewinnen, dann würde er ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft durchführen. Er dachte dabei nicht im Traum daran, dass es je so weit kommen würde, denn er ging davon aus, dass er nur mit einem Partner weiterregieren, und dass dieser Partner seine Zustimmung zu diesem Referendum verweigern würde. Cameron ging es einzig darum, die EU-kritischen Hinterbänkler in seiner eigenen Partei ruhig zu stellen.
Zur allgemeinen Überraschung siegten die Tories bei den Wahlen deutlich. Cameron konnte ohne fremde Unterstützung an der Downing Street 10 bleiben. Jetzt aber musste er sein Referendums-Versprechen einlösen. Eiligst reiste er nach Brüssel, um einen neuen Deal mit der EU auszuhandeln. Viel mehr als ein paar symbolische Zugeständnisse und gute Wünsche schauten dabei nicht heraus.
Am Schluss war Cameron nur noch peinlich
Nun aber sass Cameron definitiv in der Patsche. Er musste einen Deal verteidigen, der nichts wert war und sich für eine EU einsetzen, die er früher bekämpft und lächerlich gemacht hatte. Kein Mensch nahm ihm dies ab. Der Premierminister wirkte im Abstimmungskampf verloren, ja lächerlich.
Nach dem Ja zum Brexit war der Rücktritt unvermeidbar. Cameron kann sich höchstens damit trösten, dass sein wahrscheinlicher Nachfolger Boris Johnson ebenfalls ein «toff» ist, allerdings einer, der auch volkstümlich kann.
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Wie britische Promis zum Brexit stehen
Brexit or nor: Wo stehen die britischen Promis? Viele haben inzwischen in der Frage «Should we stay or should we go?» Stellung bezogen, wie auch die Schauspielerin Keira Knightley. Sie ist dem #remain-Lager zuzurechnen. Jon Furniss Photography/Invision/AP/Invision / Jon Furniss Photography
James-Bond-Darsteller Daniel Craig bezog mit einem T-Shirt bereits Stellung: «Kein Mann ist eine Insel, kein Land steht für sich allein» und «Stimmt für 'Bleiben' am 23. Juni» stand darauf. Das Bild dazu wurde auf der Instagram-Seite des Künstlers Wolfgang Tillmans veröffentlicht, Premierminister David Cameron teilte es bei Twitter mit seinen etwa 1,5 Millionen Followern. AP/United Nations / Mark Garten
"Die EU-Mitgliedschaft bedeutet unbegrenzte Einwanderung", behauptet Schauspielerin Liz Hurley. Sie wirbt via Twitter und Instagram für den Brexit. Joel Ryan/Invision/AP/Invision / Joel Ryan
Unter den Anhängern der #remain-Kampagne ist etwa Oscar-Preisträgerin Helen Mirren. «Ich stimme dafür zu bleiben», sagte die 70-jährige Britin wenige Tage vor dem historischen Referendum am 23. Juni. Die Frage auf den Stimmzetteln lautet übrigens: «Sollte das Vereinigte Königreich ein Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen?» EPA/EPA / ABIR SULTAN
Genauso wie Moderator John Oliver: In der letzten «Last Week Tonight»-Folge vor der Brexit-Abstimmung witzelte er: «Stellen wir uns die EU wie den Körper von Gérard Depardieu vor. Ein unförmiges Gebilde, das Quelle grosser Verwirrung ist. Aber diesen europäischen Körper zu verlassen, würde eine enorme Destabilisierung bedeuten. Deswegen wäre zu erwarten, dass die Brexit-Befürworter wirklich gute Argumente dafür haben. Leider sind die meisten davon kompletter Scheiss.» Greg Allen/Invision/AP/Invision / Greg Allen
Doch es gibt sie natürlich auch unter den Prominenten, die «BeLeavers»: Beispielsweise Wikileaks-Gründer Julian Assange. Er befürworte den Brexit, sagte Assange in einem Interview mit ITV. Warum? Die Regierung von David Cameron habe sich bei unangenehmen politischen Manövern zu häufig hinter der EU versteckt. X03508 / PETER NICHOLLS
Astrophysiker Stephen Hawking etwa warnte seine Landsleute: «Die Zeiten sind vorbei, in denen wir noch alleine gegen die Welt bestehen konnten», sagte Hawking dem britischen Fernsehsender ITV. «Wir müssen Teil einer größeren Gruppe von Nationen sein.» Für Wissenschaftler wie ihn sei der Austausch innerhalb der EU wichtig, ebenso die Forschungsförderung, sagte er. Grossbritannien ist nach Deutschland der zweitgrößte Empfänger von Geldern aus der EU-Forschungsförderung. X90066 / LUCAS JACKSON
Schönere Worte findet der «Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch. Die Insel sei nicht nur stärker in Europa, sie bleibe auch einfallsreicher, wenn der Brexit abgewendet werde, heisst es in einem Brief von mehr als 300 Prominenten, den er auch unterschrieb. Chris Pizzello/Invision/AP/Invision / Chris Pizzello
In dem Papier heisst es weiter: «Unser weltweiter kreativer Erfolg würde erheblich geschwächt, wenn wir weglaufen.» Dem schloss sich auch Modeschöpferin Vivienne Westwood an. AP/ANSA / Flavio Lo Scalzo
Auch Danny Boyle unterzeichnete den Brief: Er ist der Regisseur von Filmen wie «Trainspotting» oder «The Beach». 2009 bekam er für «Slumdog Millionaire» einen Oscar. X02954 / NEIL HALL
Schauspieler Sir Michael Caine argumentiert, die EU habe sich zu sehr von den Bürgern entfernt. «Wir sollten rausgehen. Du kannst dein Leben nicht von Tausenden Beamten diktieren lassen», sagte der Unterstützer der «Vote Leave»-Kampagne. Casey Curry/Invision/AP/Invision / Casey Curry
David Beckham teilte ebenfalls über seine Social-Media-Kanäle mit, auf welcher Seite er steht: «Wir leben in einer dynamischen und verbundenen Welt, in der wir gemeinsam als Volk stark sind», schrieb der 41-Jährige auf seiner Facebook-Seite. Seine Frau soll das allerdings anders sehen. Oder doch nicht? Die Brexit-Befürworter hätten 20 Jahre alte Zitate von ihr benutzt ... EPA/EPA / HANNAH MCKAY
... und versucht, sie für ihre Kampagne einzusetzen, schrieb Victoria Beckham in einem wütenden Instagram-Post. Damals hatte sie sich EU-kritisch geäussert – aber nicht im Zusammenhang mit der aktuellen Brexit-Kampagne. «Ich glaube an mein Land, ich glaube an eine Zukunft für meine Kinder, in der wir zusammen stärker sind», schrieb sie nun. «Ich unterstütze die #remain-Kampagne.» AP/FR170537 AP / John Minchillo
Ex-Kicker Sol Campbell nennt sportliche Gründe für den Brexit: «Wir haben in der Premier League Teams voller mittelmässiger ausländischer Spieler, insbesondere aus Europa, die die jungen britischen Talente verdrängen. Wenn wir mehr englische Stars sehen wollen, müssen wir die Kontrolle zurückgewinnen und für den EU-Austritt stimmen.» X01095 / Phil Noble
Auch Schauspielerin Helena Bonham Carter schloss sich dem Aufruf zum Verbleib in der EU an. Doch trotzdem scheint der Ausgang bis kurz vorher noch völlig offen: Im Schnitt der letzten sechs Umfragen lagen «Leave» und «Remain» bei je 50 Prozent. Joel Ryan/Invision/AP/Invision / Joel Ryan
Bob Geldof und sein Team der EU-Befürworter machten für den EU-Verbleib Alarm auf der Themse: Sie stellten sich in Booten dem Brexit-Lager um Ukip-Anführer Nigel Farage entgegen. Evan Agostini/Invision/AP/Invision / Evan Agostini
Geht es noch deutlicher? Oh ja. Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling twitterte: «Ich kenne mich nicht mit vielen Dingen aus. Aber ich weiss, wie man ein Monster erschafft.» Ihr Voldemort-Brexit-Vergleich zielt jedoch nicht auf die künftige Situation des Landes ohne EU-Anschluss ab. Die Debatte darum im Vorfeld sei eine der bittersten und unversöhnlichsten gewesen, die Grossbritannien je gesehen habe, erklärte sie in einem Essay. Monster verstünden es eben, die Ängste der Menschen gegen sie zu verwenden. DAN HALLMAN/INVISION/AP/Invision / Dan Hallman