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Marcelo Bielsa präsentiert seine Analyse über den letzten Gegner Derby County. bild: screenshot bbc

Entwaffnende Offenheit – so wehrt sich Leeds-Trainer gegen Spionage-Vorwürfe

In der vergangenen Woche war ein Spion von Leeds-Trainer Marcelo Bielsa im Training von Derby County aufgeflogen. Doch statt sich zu entschuldigen, zeigt der argentinische Kulttrainer in einem 70-minütigen Vortrag, wie intensiv er ein Spiel vorbereitet.

Publiziert: 17.01.19, 12:09 Aktualisiert: 17.01.19, 13:21

Die Vorgeschichte

Marcelo Bielsa ist für seine eigenwilligen Methoden bekannt. Der 63-jährige Argentinier wird deshalb oft nur «El Loco» («Der Verrückte») genannt. Der Kult-Trainer lässt extrem hart trainieren, setzt grosse Stücke auf Ordnung und Disziplin und gilt als Taktik-Guru und Vordenker des modernen Fussballs. Im Sommer liess der Coach des englischen Zweitligisten Leeds United seine Spieler vor dem Stadion drei Stunden lang Müll aufsammeln, um ihnen vor Augen zu führen, wie hart die Fans arbeiten, die Spiel für Spiel ins Stadion kommen.

Als Leeds-Besitzer Andrea Radrizzani im Juni erstmals Kontakt zu Bielsa aufnehmen wollte, war dieser zunächst nicht zu erreichen. Am nächsten Morgen rief der Argentinier zurück – in der Nacht hatte er sich bereits sieben Spiele der «Whites» angeschaut. Bei seiner Vorstellung in Leeds wenige Wochen später gab er an, dass er alle 51 Partien aus der Vorsaison analysiert habe. 

Leeds-Trainer Marcelo Bielsa macht keine Kompromisse. bild: bbc

Bielsa überlässt nichts dem Zufall. Doch vor dem Championship-Topspiel gegen Derby County am letzen Freitagabend übertrieb es der Leeds-Trainer etwas mit seiner Akribie, als er einen Mitarbeiter seines Klubs als «Spion» zum Abschlusstraining der «Rams» schickte. In den Regularien der FA steht zwar nirgends geschrieben, dass dies verboten ist. Dennoch sorgte der Fall für viel Aufregung.

Fehlendes Fingerspitzengefühl? So jubelte Leeds' Mateusz Klich beim 2:0 gegen Derby. bild: screenshot sky

Denn Bielsas «Spion», der mit einem Feldstecher ausgerüstet war und sich ziemlich auffällig verhalten haben soll, wurde erwischt und vom Trainingsgelände verwiesen. Die FA kündigte eine Untersuchung an und Derby-Trainer Frank Lampard – eigentlich ein grosser Bewunderer Bielsas – klagte öffentlich an: 

«Für mich ist das nicht richtig, das ist unethisch. Bevor ich jemanden losschicke, auf Händen und Knien zu einem Trainingsgelände zu kriechen und zu versuchen, mit einer Kneifzange in privates Gelände einzudringen, um einen Blick zu ergattern, würde ich eher als Trainer aufhören, weil ich den Gegner respektiere.»

Frank Lampard

Leeds-Besitzer Radrizzani sah sich sogar gezwungen, Derby Countys Präsident Mel Morris öffentlich um Entschuldigung zu bitten und Bielsa an die Klub-Statuten zu erinnern. Bielsa nahm die Schuld sofort auf sich. «Ich habe Leeds United nicht um Erlaubnis gebeten, einen Mitarbeiter nach Derby zu schicken, also ist es allein meine Verantwortung», sagte er nach dem 2:0-Sieg seiner Mannschaft und erklärte:

«Frank sagte mir, dass ich die Fairplay-Regeln nicht respektiert habe. Ich vertrete einen anderen Standpunkt. Ich nutze diese Methode schon seit der WM-Qualifikation mit Argentinien. Aber es spielt keine Rolle, ob es legal oder illegal ist, richtig oder falsch. Für mich reicht es, dass Frank und Derby County das Gefühl haben, es war falsch. Ich habe mich schlecht verhalten.»

Marcelo Bielsa

Die Pressekonferenz

Für gestern berief Leeds United dann kurzerhand eine «Emergency Press Conference» mit Trainer Bielsa ein. Sofort wurde spekuliert, dass der Argentinier wohl seinen Rücktritt bekannt geben müsse, doch es kam alles ganz anders …

So begann Bielsa seine Pressekonferenz. Video: streamable

In einem 70-minütigen, ziemlich skurrilen Vortrag zeigte Bielsa völlig offen auf, wie er die Gegner seiner Mannschaft beobachtet und analysiert. «Ich kann Ihnen sagen, dass wir all unsere Gegner beobachten und uns ihre Trainingseinheiten angesehen haben, bevor wir gegen sie gespielt haben», begann Bielsa ruhig, bevor es aus ihm rausplatzte:

«Nirgendwo steht, dass man das Trainingsgelände seiner Gegner nicht betreten und sich dort umsehen darf. Ich habe nicht geschummelt. Wir können darüber diskutieren, ob es gut ist oder nicht, aber ich habe nichts Illegales getan.»

Insgesamt hätten seine Mitarbeiter alle 51 Spiele von Derby County der letzten Saison angeschaut. Jede Analyse brauche vier Stunden, die Auswertung des ganzen Materials also oft mehr als 200 Stunden. Seinen Spielern zeigt Bielsa schliesslich eine achtminütige Zusammenfassung.

Vor dem Spiel gegen Derby zeigte er beispielsweise die gängigen Angriffsmuster des Gegners auf, wie oft die «Rams» in welchen Formationen aufliefen, welche Spieler sich wann in welche Zonen bewegen und was Derby-Regisseur Harry Wilson macht, wenn er vor einem Eckball beide Hände in die Höhe hebt. Ziemlich ärgerlich für Derby: Jetzt weiss jeder, wie die «Rams» spielen ...

So spielt Derby-Regisseur Harry Wilson. bild: screenshot twitter

Rhetorisch fragte Bielsa schliesslich in die Runde: «Warum wir das machen ? Weil wir glauben, dass es professionelles Verhalten ist. Wir tun alles, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Wir fühlen uns schuldig, wenn wir nicht genug arbeiten, wenn uns Informationen über die Mannschaften fehlen, auf die wir treffen. Das nimmt uns auch die Angst und die Aufregung», erklärte «El Loco» und zeigte anhand einer Powerpoint-Präsentation eine gigantische Ansammlung von Daten zu jedem Spieler der zweiten englischen Liga: «Ich kann kein Englisch, aber ich kann über die 24 Mannschaften der Championship sprechen.»

Bielsa verriet während seines langen Referats nicht ohne Stolz, dass er 2015 nach dem verlorenen Cupfinal mit Athletic Bilbao dem damaligen Barça-Trainer Pep Guardiola seine Analyse über die «Blaugrana» zeigte und dieser ihm darauf sagte: «Wow, du weisst mehr über Barcelona als ich.»

Bielsa erzählt die Geschichte mit Guardiola. Video: streamable

Am Ende seiner Präsentation erklärte Bielsa auch noch den Grund für seine langen Ausführungen. «Ich wollte Ihnen damit zeigen, dass wir nicht darauf angewiesen sind, die Trainingseinheiten unserer Gegner zu beobachten. Ich habe bereits alle notwendigen Informationen, bevor ich das tue.»

» Hier gibt's die Abschrift der kompletten Pressekonferenz von Bielsa (englisch).

Eines scheint sicher: Bielsas Analysen erfüllen ihren Zweck. Leeds United liegt nach fast zwei Dritteln der Saison an der Spitze der zweiten englischen Liga und träumt 15 Jahre nach dem Abstieg aus der Premier League von der Rückkehr ins Oberhaus

Die Tabellenspitze der Championship:

Nach 27 von 46 Runden bild: screenshot weltfussball

Leeds ist auch dabei! Diese Klubs wurden in England schon Meister

Manchester United ist mit 20 Titeln englischer Rekordmeister, zuletzt holte man den Pokal 2013. AP / JON SUPER
FC Liverpool: 19 Titel, zuletzt 2020. keystone / Paul Ellis/NMC/Pool
FC Arsenal: 13 Titel, zuletzt 2004. LUSTIG PHOTOGRAPHY 02085294967 / LUSTIG PHOTOGRAPHY 02085294967
FC Everton: neun Titel, zuletzt 1987.
Aston Villa: sieben Titel, zuletzt 1981.
Manchester City: sechs Titel, zuletzt 2019. Getty Images Europe / Shaun Botterill
FC Chelsea: sechs Titel, zuletzt 2017. EPA/EPA / ANDY RAIN
AFC Sunderland: sechs Titel, zuletzt 1936.
Sheffield Wednesday: vier Titel, zuletzt 1930.
Newcastle United: vier Titel, zuletzt 1927. www.thesun.co.uk
Blackburn Rovers: drei Titel, zuletzt 1995.
Leeds United: drei Titel, zuletzt 1992.
Huddersfield Town: drei Titel, zuletzt 1926.
Wolverhampton Wanderers: drei Titel, zuletzt 1959.
Teams mit zwei Titeln: Derby County (zuletzt 1975, Bild), Tottenham Hotspur (zuletzt 1961), FC Burnley (zuletzt 1960), FC Portsmouth (zuletzt 1950) und Preston North End (zuletzt 1890).
Teams mit einem Titel: Leicester City (2016, Bild), Nottingham Forest (1978), Ipswich Town (1962), West Bromwich Albion (1920) und Sheffield United (1898). EPA/EPA / PETER POWELL

12.02.2011: Wayne Rooneys perfekter Fallrückzieher gegen ManCity lässt sogar Sir Alex schwärmen

25.01.1995: King Cantona flippt aus – er setzt zum legendärsten Kick der Fussball-Geschichte an

26.12.1963: 10 Spiele, 66 Tore – ein Hattrick in dreieinhalb Minuten krönt die unfassbare Torflut am Boxing Day

22.12.2007: Arsenal-Bad-Boy Nicklas Bendtner schiesst 1,8 Sekunden nach seiner Einwechslung das schnellste Joker-Tor aller Zeiten

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