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«Vote Leave» – Boris Johnson an einer Veranstaltung von Brexit-Befürwortern. Bild: ED SYKES/REUTERS

Boris Johnson: Der Politclown, der bald neuer Premierminister ist

Vor 15 Jahren traute man dem übergewichtigen Journalisten und Historiker nicht einmal die Wahl ins britische Unterhaus zu. Nach dem Brexit ist Boris Johnson die neue Gallionsfigur der Konservativen – eine Gallionsfigur mit Grimasse und zerzauster Frisur, die ihr Fahrrad wohl bald an der Downing Street 10 parkiert.

Publiziert: 24.06.16, 09:43 Aktualisiert: 24.06.16, 15:44

Von Boris Johnson sagt man, sein frühester Wunsch sei es gewesen, König der Welt zu werden. Die Welt muss zwar noch warten und auch König wird der Blondschopf mit den aristokratischen Wurzeln wohl nicht werden. Dafür aber Premierminister von Grossbritannien. Sein Einzug in die Downing Street 10 ist eine Formalität. David Cameron hat seinen Rücktritt verkündet. Die Niederlage bei der wichtigsten Abstimmung in der Geschichte des Vereinigten Königreichs bedeutet das Waterloo für den Premierminister. Sein Thronfolger steht bereit.

Für Boris Johnson ist es ist die Stunde seines grössten Triumphs. Vom milden EU-Skeptiker – Johnson hatte seine journalistischen Sporen als Korrespondent in Brüssel abverdient – ist er innerhalb weniger Monate zur Führungsfigur der «Leave»-Kampagne aufgestiegen. Mit markigen Worten – eine Spezialität des charmanten und flamboyanten Tory-Politikers – und einer teilweise gehässigen Kampagne, die sich vor allem gegen Migranten richtete, beschwor Johnson den Austritt aus der Europäischen Union und spaltete nebenbei auch noch das Lager der Konservativen. 

David Cameron an der Downing Street 10. Ein Bild, das wohl bald der Vergangenheit angehört.
Bild: STEFAN WERMUTH/REUTERS

Hätte man vor 15 Jahren prophezeit, Johnson werde dereinst als Premierminister die Geschicke des Landes leiten, man hätte im Königreich herzhafte Lacher geerntet. «Die Wahl von Boris Johnson [als Kandidat fürs Unterhaus 2001] bestätigt die zunehmende Schwäche der Tories für Celebrity-Kandidaten anstelle der öden Anforderungen der Politik», schrieb Polit-Kolumnist Max Hastings 2001 im «Evening Standard». 

Die exzentrische Persönlichkeit schien Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, in die Wiege gelegt. Al, wie er in der Familie genannt wird, kommt 1964 in New York auf die Welt. Sein Stammbaum ist ein Potpourri aus verschiedensten Nationalitäten, Religionen und Ethnien. Auf der Seite des des Vaters: Tscherkessische, französische, deutsche, Schweizer und türkische Wurzeln. Auf der Seite der Mutter: Englische, russische und jüdische Wurzeln. Johnson beschrieb sich selber einmal als «Ein-Mann-Schmelztiegel».

Von der «upper-middle-class» in Manhattan stieg Johnson bald einmal in die britische «upper-class» auf und nahm dabei die typischen Stufen: Ausbildung in Eton, der Kaderschmiede der britischen Elite, dann Studium in Oxford. In Oxford war er Teil des konservativen Establishments, das im 21. Jahrhundert die britische Politik dominieren sollte. David Cameron, William Hauge, Michael Gove: Mit allen schmiedete der begeisterte Lateiner Johnson Allianzen. 

Wie britische Promis zum Brexit stehen

Brexit or nor: Wo stehen die britischen Promis? Viele haben inzwischen in der Frage «Should we stay or should we go?» Stellung bezogen, wie auch die Schauspielerin Keira Knightley. Sie ist dem #remain-Lager zuzurechnen. Jon Furniss Photography/Invision/AP/Invision / Jon Furniss Photography
James-Bond-Darsteller Daniel Craig bezog mit einem T-Shirt bereits Stellung: «Kein Mann ist eine Insel, kein Land steht für sich allein» und «Stimmt für 'Bleiben' am 23. Juni» stand darauf. Das Bild dazu wurde auf der Instagram-Seite des Künstlers Wolfgang Tillmans veröffentlicht, Premierminister David Cameron teilte es bei Twitter mit seinen etwa 1,5 Millionen Followern. AP/United Nations / Mark Garten
"Die EU-Mitgliedschaft bedeutet unbegrenzte Einwanderung", behauptet Schauspielerin Liz Hurley. Sie wirbt via Twitter und Instagram für den Brexit. Joel Ryan/Invision/AP/Invision / Joel Ryan
Unter den Anhängern der #remain-Kampagne ist etwa Oscar-Preisträgerin Helen Mirren. «Ich stimme dafür zu bleiben», sagte die 70-jährige Britin wenige Tage vor dem historischen Referendum am 23. Juni. Die Frage auf den Stimmzetteln lautet übrigens: «Sollte das Vereinigte Königreich ein Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen?» EPA/EPA / ABIR SULTAN
Genauso wie Moderator John Oliver: In der letzten «Last Week Tonight»-Folge vor der Brexit-Abstimmung witzelte er: «Stellen wir uns die EU wie den Körper von Gérard Depardieu vor. Ein unförmiges Gebilde, das Quelle grosser Verwirrung ist. Aber diesen europäischen Körper zu verlassen, würde eine enorme Destabilisierung bedeuten. Deswegen wäre zu erwarten, dass die Brexit-Befürworter wirklich gute Argumente dafür haben. Leider sind die meisten davon kompletter Scheiss.» Greg Allen/Invision/AP/Invision / Greg Allen
Doch es gibt sie natürlich auch unter den Prominenten, die «BeLeavers»: Beispielsweise Wikileaks-Gründer Julian Assange. Er befürworte den Brexit, sagte Assange in einem Interview mit ITV. Warum? Die Regierung von David Cameron habe sich bei unangenehmen politischen Manövern zu häufig hinter der EU versteckt. X03508 / PETER NICHOLLS
Astrophysiker Stephen Hawking etwa warnte seine Landsleute: «Die Zeiten sind vorbei, in denen wir noch alleine gegen die Welt bestehen konnten», sagte Hawking dem britischen Fernsehsender ITV. «Wir müssen Teil einer größeren Gruppe von Nationen sein.» Für Wissenschaftler wie ihn sei der Austausch innerhalb der EU wichtig, ebenso die Forschungsförderung, sagte er. Grossbritannien ist nach Deutschland der zweitgrößte Empfänger von Geldern aus der EU-Forschungsförderung. X90066 / LUCAS JACKSON
Schönere Worte findet der «Sherlock-Darsteller Benedict Cumberbatch. Die Insel sei nicht nur stärker in Europa, sie bleibe auch einfallsreicher, wenn der Brexit abgewendet werde, heisst es in einem Brief von mehr als 300 Prominenten, den er auch unterschrieb. Chris Pizzello/Invision/AP/Invision / Chris Pizzello
In dem Papier heisst es weiter: «Unser weltweiter kreativer Erfolg würde erheblich geschwächt, wenn wir weglaufen.» Dem schloss sich auch Modeschöpferin Vivienne Westwood an. AP/ANSA / Flavio Lo Scalzo
Auch Danny Boyle unterzeichnete den Brief: Er ist der Regisseur von Filmen wie «Trainspotting» oder «The Beach». 2009 bekam er für «Slumdog Millionaire» einen Oscar. X02954 / NEIL HALL
Schauspieler Sir Michael Caine argumentiert, die EU habe sich zu sehr von den Bürgern entfernt. «Wir sollten rausgehen. Du kannst dein Leben nicht von Tausenden Beamten diktieren lassen», sagte der Unterstützer der «Vote Leave»-Kampagne. Casey Curry/Invision/AP/Invision / Casey Curry
David Beckham teilte ebenfalls über seine Social-Media-Kanäle mit, auf welcher Seite er steht: «Wir leben in einer dynamischen und verbundenen Welt, in der wir gemeinsam als Volk stark sind», schrieb der 41-Jährige auf seiner Facebook-Seite. Seine Frau soll das allerdings anders sehen. Oder doch nicht? Die Brexit-Befürworter hätten 20 Jahre alte Zitate von ihr benutzt ... EPA/EPA / HANNAH MCKAY
... und versucht, sie für ihre Kampagne einzusetzen, schrieb Victoria Beckham in einem wütenden Instagram-Post. Damals hatte sie sich EU-kritisch geäussert – aber nicht im Zusammenhang mit der aktuellen Brexit-Kampagne. «Ich glaube an mein Land, ich glaube an eine Zukunft für meine Kinder, in der wir zusammen stärker sind», schrieb sie nun. «Ich unterstütze die #remain-Kampagne.» AP/FR170537 AP / John Minchillo
Ex-Kicker Sol Campbell nennt sportliche Gründe für den Brexit: «Wir haben in der Premier League Teams voller mittelmässiger ausländischer Spieler, insbesondere aus Europa, die die jungen britischen Talente verdrängen. Wenn wir mehr englische Stars sehen wollen, müssen wir die Kontrolle zurückgewinnen und für den EU-Austritt stimmen.» X01095 / Phil Noble
Auch Schauspielerin Helena Bonham Carter schloss sich dem Aufruf zum Verbleib in der EU an. Doch trotzdem scheint der Ausgang bis kurz vorher noch völlig offen: Im Schnitt der letzten sechs Umfragen lagen «Leave» und «Remain» bei je 50 Prozent. Joel Ryan/Invision/AP/Invision / Joel Ryan
Bob Geldof und sein Team der EU-Befürworter machten für den EU-Verbleib Alarm auf der Themse: Sie stellten sich in Booten dem Brexit-Lager um Ukip-Anführer Nigel Farage entgegen. Evan Agostini/Invision/AP/Invision / Evan Agostini
Geht es noch deutlicher? Oh ja. Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling twitterte: «Ich kenne mich nicht mit vielen Dingen aus. Aber ich weiss, wie man ein Monster erschafft.» Ihr Voldemort-Brexit-Vergleich zielt jedoch nicht auf die künftige Situation des Landes ohne EU-Anschluss ab. Die Debatte darum im Vorfeld sei eine der bittersten und unversöhnlichsten gewesen, die Grossbritannien je gesehen habe, erklärte sie in einem Essay. Monster verstünden es eben, die Ängste der Menschen gegen sie zu verwenden. DAN HALLMAN/INVISION/AP/Invision / Dan Hallman

Was ihn schon früh von den teilweise steifen und zurückhaltenden Kameraden unterschied, war sein Unwille, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wenn es darum ging, in Fettnäpfchen zu treten, war Johnson immer an vorderster Front. Nach der Universität schulte er diese Fähigkeiten zuerst bei der altehrwürdigen «Times» dann beim «Daily Telegraph», den Leibblättern der Konservativen Leserschaft des Königreichs. 

Als Brüssel-Korrespondent des Telegraphs stieg Johnson zur wichtigsten euroskeptischen Stimme in der britischen Medienlandschaft auf. Die konservative Premierministerin Margaret Thatcher, die «eiserne Lady», bezeichnete Johnson einmal als ihren Lieblingsjournalisten. 

1993 äusserte er erstmals politische Ambitionen, als er sich überlegte, für einen Sitz im Europäischen Parlament zu kandidieren. 2001 dann war es soweit: Als Chefredaktor des konservativen «Spectators» schaffte er die Wahl ins britische Unterhaus. 2008 folgte die Krönung: Bei der Wahl zum Bürgermeister Londons besiegte er den favorisierten Labour-Amtsinhaber Ken Livingstone. 2012, bei der Wiederwahl, wehrte er noch einmal einen Angriff Livingstones ab. Von seiner Amtszeit bleibt vor allem ein Bild in Erinnerung: Boris Johnson, der «wohl bekannteste Velofahrer Grossbritanniens», der auf dem Fahrrad durch die Strassen Londons kurvt.

«Der wohl bekannteste Velofahrer Grossbritanniens.»
Bild: WILL OLIVER/EPA/KEYSTONE

In der Partei rückte er schon 2003 zur Führungsriege auf. Seine Popularität und seine politischen Überzeugen – ein «Mix aus ökonomischem und sozialem Liberalismus» (Guardian) – prädestinierten ihn in den Augen vieler Tories zur neuen Leitfigur der Partei. Kritiker dagegen warfen und werfen ihm einen Hang zum Opportunismus vor. 

Die Skandale und Skandälchen, ein ständiger Begleiter seiner Karriere als Journalist, Historiker und Politiker scheinen an dem als «Politclown» verschrienen Johnson abzuperlen. Die Leute mögen ihn, er ist unkorrekt, witzig, hat Charisma – ein Mann des Volks, trotz seiner Nähe zum Establishment. Ob rassistische Kommentare, homophobe Äusserungen, die Feststellung, dass ein Jahresgehalt von 250'000 Pfund ein «Chicken Feed», ein Hungerlohn, sei – die Wähler scheinen es ihm nicht übel zu nehmen. «I'm voting for Boris because he is a laugh», lautete ein geflügeltes Wort im Lager seiner politischen Gegner. Und zu lachen hat man mit Boris tatsächlich fast immer etwas: Sei es die Anekdote, dass er 1987 eine Stunde nach seiner Trauung den Ehering verlor, oder dass sich seine Vorgesetzten beim Männermagazin «GQ» über ihn aufregten, weil er als Auto-Journalist derart viele Parkknöllchen sammelte – «BoJo» enttäuscht kaum jemanden.  

Boris Johnson «Best Of»

YouTube/Wordsworth's Politics

Im Januar 2016 schwang sich Boris zum Sprachrohr der «Leave»-Bewegung auf. Grossbritannien müsse sich wieder auf seine Stärken besinnen, die Mängel der EU seien derart gravierend, dass sie irreparabel seien, die Demokratie könne nur gestärkt werden, indem man der «Ever-Closer-Union» den Rücken kehrt. Der Brexit, so Johnson, «bringe dem Land Hoffnung» – und einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bedenken der Unentschlossenen versuchte er mit patriotischen Worten zu zerstreuen und die mahnenden Stimmen im «Remain»-Lager kanzelte er als «Angst-Kampagne» ab.

Vor der Abstimmung erklärte Johnson in einem Exklusiv-Interview mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem «Telegraph», er sei bereit, seine Karriere für den Brexit zu opfern. Anstatt zu opfern, kann BoJo nun ernten.

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