Wie dieser Dozent rechtsextreme Störer bei seinem Vortrag blamierte
Dies ist die Geschichte einer Inszenierung. Einer absurden Inszenierung. Es ist die Geschichte einer Blamage. Und die Geschichte einer smarten Reaktion.
Sie beginnt mit Eric Wallis.
Wallis ist Kampagnenmanager und Experte für politisches Framing. Er hielt am 17. November an der Uni Greifswald einen Vortrag zum Thema «Gehirne waschen – Framing gegen Fremdenfeinde».
Wer Wallis bei diesem Thema also herausfordern will, sollte das gut bedenken.
Oder es so machen wie Vertreter der Identitären Bewegung. Und sich dabei gründlichst blamieren.
Was war passiert?
Während Wallis seinen Vortrag hielt, unterbrach ihn plötzlich ein Mann, der in der ersten Reihe sass. Er sprach von «Opfern von Terror und Multikulti». Wallis bot ihm eine Diskussion zu dem Thema an.
Und dann wurde es absurd.
Mehrere Identitäre liefen in den Hörsaal und entrollten ein Banner mit dem Spruch «Man wird doch wohl noch seine Meinung sagen dürfen.» Der Ursprungs-Störer wurde von als «Gedankenpolizei» verkleideten Identitären abgeführt. Dabei hatte Wallis explizit ein Diskussionsangebot ausgesprochen.
Aber es wurde noch absurder.
Denn auch den anderen Identitären bot Wallis umgehend eine Diskussion an, er lud sie ein, Platz zu nehmen und bat die anderen Anwesenden Ruhe zu bewahren.
Hier sieht man die Szene:
Denn wie gesagt: Wallis kennt sich mit rechtem Framing aus. Der Dozent wusste also, was die Identitären planten: sich als Opfer stilisieren. Sie wollten wohl provozieren, ausgebuht und rausgeschmissen zu werden. Um dann, denn die Aktion wurde von den Identitären auch gefilmt, in Videoschnipseln zeigen zu können, wie ihre Meinung unterdrückt werde.
Das durchschaute Wallis umgehend, wie er watson sagte:
«In meinen Vorträgen geht es genau darum, mittels kommunikativer Methoden die neurechten Framings erkennen und kontern zu können. Ich habe der IB einfach nicht gegönnt als Opfer von dannen zu ziehen, um dann vor ihrer Zielgruppe als Sieger dazustehen.»
Sein Angebot, mit den Identitären zu diskutieren, zeigte daher auch umgehend Wirkung: Die Rechtsextremen verliessen gesammelt den Saal.
Noch nicht absurd genug? Es geht weiter!
Die Identitäre Bewegung ist als rechtsextreme Bewegung bekannt, sie richtet sich gegen den sogenannten «Multikulti-Wahn» und «unkontrollierte Massenzuwanderung». Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Und sie inszenieren Aktionen, mit denen öffentlichkeitswirksam auf ihre Anliegen hingewiesen werden soll. Wie die Aktion in Greifswald.
Doch als der erhoffte Rauswurf ausblieb, mussten schnell andere Bilder her. Und da die nicht durch Provokation geliefert werden konnten, wurde künstlich nachgeholfen, wie folgender Post zeigt:
Diese Bilder wurden wohl ausserhalb des Hörsaals aufgenommen. Sie sollen zeigen, wie Vertreter der «IB» von Ordnern der Uni «abgeführt» werden.
Das Problem ist nur:
- Die Uni hat keine Ordner.
- Die Uni hat erst recht keine Ordner, die die Aufschrift «linker Terror» auf ihren Leibchen tragen.
- Ein Vertreter der «IB» hatte sich offenbar als «Ordner» verkleidet und sich damit sozusagen selbst rausgeschmissen.
Eine rundum misslungene Aktion. Der Versuch der «IB», sich als Opfer fehlender Meinungsfreiheit zu inszenieren, ging gründlich daneben.
Aufklärungsunterricht live und in Farbe. Ein anschaulicheres Praxisbeispiel für rechtes Framing hätte es kaum geben können.
Vom Ku Klux Klan bis zu Alt-right – Rechtsextreme in den USA
Versprengte US-Neonazis (in Idaho, Oktober 2000): In den Vereinigten Staaten formierten sich über Jahrzehnte immer neue Gruppierungen von Rechtsradikalen - hier ein Überblick. AP/New York Ctiy Hall / Uncredited
Die National Socialist Movement (NSM) hat ihre Wurzeln in Rockwells American Nazi Party und ist heute eine der grössten Neonazi-Vereinigungen in den USA. Sieben Jahre nach George Lincoln Rockwells Tod gründeten die ANP-Mitglieder Robert Brannen und Cliff Herrington 1974 die Vereinigung, die zunächst «National Socialist American Workers Freedom Movement» hiess. EPA/EPA / ERIK S. LESSER
Den neuen Namen gab ihr 1994 Jeffrey Schoep (vorne im Bild), als er im Alter von 21 Jahren zum Leiter aufstieg. Das «Viking Youth Corps» spezialisierte sich auf die Rekrutierung von Teenagern. Die NSM nutzte das Vakuum nach dem Tod der Neonazi-Grössen William Pierce (2002; Leiter der National Alliance) und Richard Butler (2004; Leiter der Aryan Nations). Sie betreibt mit NSM88 Records ihr eigenes Musiklabel sowie das bei Neonazis beliebte Netzwerk «New Saxon». EPA / ERIK S. LESSER
Ihre Ideologie entspricht weitgehend der von Rockwells ANP: Die Gruppe verehrt Adolf Hitler als «Visionär» und fordert die Deportation aller Nichtweissen aus den USA - nur heterosexuelle Weisse hätten das Recht auf die Staatsbürgerschaft der USA. Anführer Schoep formuliert das so: «Die Verfassung wurde allein von weissen Männern geschrieben. Also gilt sie auch nur für Weisse.» X03638 / JOHNNY MILANO
Aryan Nations vertritt ebenfalls die Ideologie einer Überlegenheit der «weissen Rasse». Gegründet wurde die Organisation von Richard Butler (Mitte), der von radikalen Ansichten der Anti-Regierungs-Miliz «Posse Comitatus» und zudem von Wesley Swift beeinflusst wurde. Dieser Pastor, Anhänger der Christian Identity-Bewegung, predigte die Ansicht, Weisse seien die wahren Israeliten, Juden hingegen das Ergebnis der sexuellen Vereinigung von Eva und Satan. AP/New York Ctiy Hall / Uncredited
Nach mehreren anderen Organisationen von Swift und Butler entstand in den Siebzigerjahren Aryan Nations mit einem breiten Spektrum rassistischer und antisemitischer Ideen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren lud die Organisation regelmässig zu «Weltkongressen», an denen Neonazis, Skinheads, Ku-Klux-Klan-Mitglieder und weisse Nationalisten teilnahmen.
EPA / JIM LO SCALZO
Die Klage einer antirassistischen Bürgerrechtsbewegung schadete den Finanzen der Aryan Nations, der Tod von Butler 2004 schwächte sie weiter. Sie zerbrach in zwei konkurrierende Gruppen: eine in Pennsylvania, eine in Georgia. Beide stimmen in ihren antisemitischen Ansichten überein, können sich aber nicht einigen, ob Neonazis sich in ihrem Hass auf Juden mit muslimischen Terroristen verbrüdern sollten. EPA / JIM LO SCALZO
Die National Alliance war jahrzehntelang eine der am besten organisierten und gefährlichsten Neonazi-Gruppen in den USA. Ihre Mitglieder fordern die Ausrottung der Juden sowie anderer «Rassen» mit dem Ziel eines rein weissen Heimatlandes. Der 1967 gegründete Vorläufer National Youth Alliance zerfiel schnell, die Kontrolle über die grösste Splittergruppe übernahm William Pierce (Foto), zuvor in Rockwells Nazi Party aktiv. Sein Roman «The Turner Diaries», bei Neonazis beliebt, inspirierte ... (Bild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:William_Luther_Pierce.jpg">WikiCommons/Robert Hartnell</a>) (Bild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:William_Luther_Pierce.jpg">WikiCommons/Robert Hartnell</a>)
... Timothy McVeigh 1995 (in orange) zum Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City, bei dem 168 Menschen starben. Fast 30 Jahre lang dominierte die NA die amerikanische Neonazi-Szene. In den Neunzigerjahren knüpfte Pierce erfolgreich Kontakte zu europäischen Neonazi-Gruppen und gründete 1999 zudem das Plattenlabel «Resistance Records» für Nazi-Musik. 2002 starb Pierce, nach etlichen Streitigkeiten verlor die Organisation einen Grossteil der Mitglieder und wurde 2013 offiziell aufgelöst. X90054 / JIM BOURG
Die NSDAP/AO (das Kürzel AO steht für Aufbau- und Auslandsorganisation) wurde 1972 vom Neonazi Gary Rex Lauck gegründet. Sie setzt sich für die Wiederzulassung der NSDAP und die Wiedereinführung des Nationalsozialismus in Deutschland ein. Lauck (Foto), als Kind einer deutsch-amerikanischen Familie in Milwaukee geboren, ist seit seinem 11. Lebensjahr Hitler-Fan und änderte als 19-Jähriger seinen Vornamen von Gary in Gerhard. (Bild via The Southern Poverty Law Center)
1978 schoss Lauck nach einem politischen Streit auf seinen Bruder und verwundete ihn. Wegen seiner Herkunft wird er auch «Farm Belt Führer» genannt, tritt mit Hitler-Bärtchen und Hitler-Gruss auf und eignete sich sogar einen falschen deutschen Akzent an. Mit der NSDAP/AO verbreitete Lauck zunächst illegale Neonazi-Propaganda in 30 Ländern und kooperierte mit schwedischen und norwegischen Neonazi-Gruppen; daraus entstand der «Nordic National Socialist Bloc». Nach der deutschen Wiedervereinigung half er ...
den Neonazis Michael Kühnen, Gottfried Küssel und Christian Worch, die "Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front" in Ostdeutschland zu etablieren.
Auf einer seiner Reisen wurde Lauck 1995 in Dänemark verhaftet und nach Deutschland überstellt, wo man ihn wegen Verbreitung von Neonazi-Propaganda per Haftbefehl suchte. Nach einer vierjährigen Haftstrafe kehrte er in die USA zurück. Weil durch das Internet der Bedarf an Laucks gedruckter Propaganda rapide sank, vertreibt er jetzt Nazi-Devotionalien via Web und bietet zudem Hosting an: Europäische Neonazis mit Angst vor Strafverfolgung können bei seinem Unternehmen ihre Homepages in den USA registrieren. Getty Images Europe / Sean Gallup
... den Neonazis Michael Kühnen, Gottfried Küssel und Christian Worch (Foto), die «Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front» in Ostdeutschland zu etablieren. Auf einer seiner Reisen wurde Lauck 1995 in Dänemark verhaftet und nach Deutschland überstellt, wo man ihn wegen Verbreitung von Neonazi-Propaganda per Haftbefehl suchte. Nach einer vierjährigen Haftstrafe kehrte er in die USA zurück. Weil durch das Internet der Bedarf an Laucks gedruckter Propaganda rapide sank, vertreibt er jetzt Nazi-Devotionalien via Web und bietet zudem Hosting an: Europäische Neonazis mit Angst vor Strafverfolgung können bei seinem Unternehmen ihre Homepages in den USA registrieren. AP / ECKEHARD SCHULZ
Der Ku Klux Klan hat eine lange Tradition des Rassenhasses und wurde Heiligabend 1865, kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, gegründet. Die Organisation spezialisierte sich auf alle Spielarten des Terrors gegen Afroamerikaner, in weissen Kostümen und Kapuzen sowie mit brennenden Kreuzen als mystische Symbole. Vorzugsweise nachts ... AP NY / DAEMMRICH
... gingen die Mitglieder auf Tour und liessen von Lynchmorden über Vergewaltigungen bis zum Teeren und Federn ihrer Opfer kein Gewaltverbrechen aus. Immer mal wieder löste der KKK sich auf oder wurde aufgelöst und gründete sich danach einfach neu. In den Zwanzigerjahren protestierte der Klan auch gegen die Einwanderung von Katholiken und Juden, verlor dann allmählich an Macht und Schrecken, erstarkte aber ... X03638 / © Johnny Milano / Reuters
... in den Sechzigern erneut, als Antwort auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Der KKK attackierte, mordete und bombte, mit zahlreichen Todesopfern. Doch seitdem schwächten zahlreiche interne Konflikte den Geheimbund. Die Splittergruppen des KKK kommen heute zusammen USA-weit auf geschätzt 5000 bis 8000 Mitglieder. EPA / ERIK S. LESSER
In der Bewegung Alternative Right, kurz Alt Right, sammeln sich derzeit Ultrarechte der USA: weisse Nationalisten, Rassisten und Antisemiten, Neonazis, frühere KKK-Führer. Richard Bertrand Spencer (Foto), Leiter des rechtskonservativen Think Tanks «National Policy Institute», gebrauchte den Begriff 2008, um die Anhänger stark rechtskonservativer Ideale zu beschreiben, vor allem ... The Washington Post / Linda Davidson
... der Idee einer weissen Identität. Zwei Jahre später ging Spencer mit dem «Alternative Right Blog» online, um die Ideologie der Alternativen Rechten weiter zu formen. Vertreten sind sehr verschiedene Strömungen. Dazu zählen etwa auch «Archefuturisten», die eine Rückkehr zu traditionellen Werten mit den modernen Errungenschaften der Gesellschaft und Technologie verbinden wollen. Oder «Rasse-Realisten», die ihre Theorien ... X03167 / SPENCER SELVIDGE
... mit pseudowissenschaftlichen Argumenten unterlegen. Ihnen allen ist der Bruch mit dem etablierten Konservatismus gemeinsam. Amerikas Alternative Rechte protestiert, ähnlich wie identitäre Bewegungen in Europa, gegen Einwanderung, Multikulturalismus und Feminismus. Sie sieht die weisse Rasse als überlegen an und behauptet, die Mainstream-Medien würden von Juden kontrolliert. Wichtigstes Sprachrohr der Bewegung ist das Onlineportal Breitbart News, dessen Chef Stephen Bannon vom designierten US-Präsidenten Donald Trump zum ranghöchsten politischen Berater ernannt wurde. AP NY / MATT HOUSTON
Rechtsextreme in Chemnitz bedrohen Journalisten
Video: watson/felix huesmann, lia haubner, marius notter
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