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Bernard Tomic, Nick Kyrgios, Lleyton Hewitt und Alex De Minaur stehen im Zentrum des Trauerspiels. bild: Keystone/az

Kokain, Krach, Betrug – wie sich die stolze Tennisnation Australien selbst zerfleischt

Das Anshehen der Tennisnation Australien wird regelmässig von Skandalen erschüttert. Wie es dazu kam und warum nun alle Hoffnungen auf den Schultern eines 19-Jährigen liegen.

Publiziert: 17.01.19, 09:54
Simon Häring / Aargauer Zeitung

Wenn Bernard Tomic (26) sich vor ein Mikrofon setzt, droht immer die nächste hässliche Geschichte, die nächste Eskalation, ein weiterer Tiefschlag für das australische Tennis. Am Montag scheiterte der einst Hochgelobte in der Startrunde. Doch für Gesprächsstoff sorgte er dennoch, indem er Davis-Cup-Captain Lleyton Hewitt, einst die jüngste Nummer 1 der Welt, frontal angreift: «Niemand kann ihn mehr leiden. Er hat das System zerstört.»

Die Anschuldigungen von Tomic:

Tomic behauptete, auch Nick Kyrgios und Thanasi Kokkinakis würden unter Hewitt nicht mehr spielen wollen, und forderte diesen dazu auf, den Hut zu nehmen. «Vor zwei Jahren habe ich gesagt: Wenn er noch einmal versucht, mit mir zu reden, haue ich ihm eine rein.» Ihn irritiert, dass der 2016 zurückgetretene Hewitt noch regelmässig im Doppel spielt.

Die Reaktion von Lleyton Hewitt. Video: streamable

«Is there an echo in here?»

Das sagt Nick Kyrgios zur Affäre – nicht viel übrigens.

Tomic war einmal die Nummer 17 der Welt, doch ernst nimmt ihn längst keiner mehr. Einmal antwortete er auf die Frage, was er nach einer Niederlage mache: «Meine Millionen zählen.» Australiens Verband zählt zu den mächtigsten und reichsten der Welt.

Wie in Frankreich oder Grossbritannien wachsen die Talente mit dem goldenen Löffel im Mund auf. Es macht genügsam. Tomic sagte einmal: «Wer würde es nicht lieben, nur 50 Prozent leisten zu müssen und trotzdem Millionen von Dollar damit zu verdienen?» Tomic, der 2018 einen viel beachteten Auftritt im australischen Dschungelcamp hatte, steht beispielhaft für den Fluch, der über dem australischen Tennis liegt.

Das «blaue Auge des Tennis»

Nick Kyrgios hat Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic besiegt, kokettiert aber regelmässig damit, das Tennis nicht zu lieben. John McEnroe bezeichnete ihn einmal als «blaues Auge des Tennis». Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass er einst Stan Wawrinka auf dem Platz beleidigte, indem er sagte, Landsmann Thanasi Kokkinakis habe eine Affäre mit Wawrinkas Freundin Donna Vekic.

Kyrgios zu Wawrinka: «Mein Kumpel hat deine Freundin geb****!» Video: streamable

Abgesehen von einem Disput mit Lleyton Hewitt wegen einer Nichtberücksichtigung im Davis Cup ist der Leumund des besagten Kokkinakis einwandfrei. Er, der im letzten Jahr Roger Federer besiegte, ist nur darum nicht besser klassiert, weil er oft verletzt war. Gleichwohl entzündeten sich auch an ihm Diskussionen, weil drei schlechter klassierte Australier eine Wildcard erhalten hatten. Hewitt soll seinen Einfluss geltend gemacht und Kokkinakis verhindert haben. Mit seiner Verletzungshistorie droht ihm das Schicksal anderer Australier.

Kokkinakis erhielt keine Wildcard fürs Australian Open – wegen Hewitt? Bild: EPA/AAP

Das Haar schütter, die Nase verbrannt, die Wangen aufgedunsen. Das Leben hat im Gesicht von Todd Reid tiefe Spuren hinterlassen. Das Video vom 13. Oktober 2018 geistert noch immer durch die Weiten des Internets. Dabei war Reid zehn Tage später tot. Er wurde nur 34, die Todesursache ist bis heute ungeklärt.

2002 gewann Reid in Wimbledon das Turnier der Junioren. 2004 spielte er in Melbourne in der 3. Runde gegen den späteren Sieger: Roger Federer. Er schaffte es bis auf Rang 105 der Weltrangliste. Doch das Pfeiffersche Drüsenfieber beendete seinen Aufstieg. 2005 trat Reid zurück.

Sieben Australier gewannen seit 2007 ein Junioren-Grand-Slam-Turnier, keiner von ihnen reüssierte danach auch bei den Profis. Omar Jasika (21) gewann 2014 die US Open. Vor einem Jahr wurde er positiv auf Kokain getestet und für zwei Jahre gesperrt. Seither ist er untergetaucht. Oliver Anderson (21) triumphierte 2016 in Melbourne. Im gleichen Jahr gab er zu, dass er sich von der Wettmafia hatte kaufen lassen. Er wurde gesperrt.

Oliver Anderson wurde nicht der erhoffte Posterboy für das australische Tennis. Bild: AP/AP

Zwar dürfte Anderson längst wieder Turniere bestreiten, doch auch von ihm fehlt jede Spur. Gleich zwei Junioren-Grand-Slam-Turniere gewann Luke Saville. Er schaffte es nie in die Top 100, ist heute 25-jährig, wird auf Position 365 geführt und sorgte letztmals für Schlagzeilen, weil er seiner Freundin Daria Gavrilova einen Heiratsantrag gemacht hatte.

De Minaur soll es richten

Kurz vor seinem Tod wurde Todd Reid zum Zustand des australischen Tennis befragt. Er zeigte sich besorgt darüber, dass Spieler wie Tomic und Kyrgios ihr Talent wegwerfen würden, doch er hatte auch Hoffnung. «Sie sind immer noch jung.» Hoffnung, auf den ersten australischen Sieg in Melbourne seit Mark Edmondson 1976.

Seit gestern ruhen diese ausschliesslich auf den schmalen Schultern des 19-jährigen Alex De Minaur (ATP 29). Der Sohn einer Spanierin und eines Uruguayers gewann jüngst in Sydney sein erstes Turnier, nimmt zwar Boxunterricht, wirkt aber noch jünger, als er ist. Er hat weder auffällige Tattoos noch eine extravagante Frisur, noch ist er ein Lautsprecher.

Das Teufelchen ist der grosse Hoffnungsträger:

Einige halten ihn für bieder, doch er verkörpert das, was australische Spieler früher ausgezeichnet hatte – auffällig auf dem Platz, unauffällig daneben. Am Mittwoch setzte er sich in fünf Sätzen gegen den Schweizer Henri Laaksonen durch. De Minaur, so sieht es das Drehbuch vor, soll in diesem Trauerspiel die Ausnahme werden, welche die Regel bestätigt. Die Regel, dass Australiens Talente irgendwann scheitern.

Tennisspieler mit mindestens zwei Grand-Slam-Titeln (seit 1968)

Roger Federer (2003 bis 2018): 20 Grand-Slam-Titel (6-mal Australian Open, 1-mal French Open, 8-mal Wimbledon, 5-mal US Open). EPA/EPA / NIC BOTHMA
Rafael Nadal (2005 bis 2020): 20 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 13-mal French Open, 2-mal Wimbledon, 4-mal US Open). AP/AP / Thibault Camus
Novak Djokovic (2008 bis 2021): 20 Grand-Slam-Titel (9-mal Australian Open, 6-mal Wimbledon, 3-mal US Open, 2-mal French Open). EPA / NIC BOTHMA
Pete Sampras (1990 bis 2002): 14 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 7-mal Wimbledon, 5-mal US Open). AP / AMY SANCETTA
Björn Borg (1974 bis 1981): 11 Grand-Slam-Titel (6-mal French Open, 5-mal Wimbledon). EPA / JACOB FORSELL
Rod Laver (1968 bis 1969): 5 von insgesamt 11 Grand-Slam-Titeln (1-mal Australian Open, 1-mal French Open, 2-mal Wimbledon, 1-mal US Open). EPA DPA / STR
Andre Agassi (1992 bis 2003): 8 Grand-Slam-Titel (4-mal Australian Open, 1-mal French Open, 1-mal Wimbledon, 2-mal US Open). AP / TONY FEDER
Ivan Lendl (1984 bis 1990): 8 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 3-mal French Open, 3-mal US Open). French Select / Bertrand Rindoff Petroff
Jimmy Connors (1974 bis 1983): 8 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 2-mal Wimbledon, 5-mal US Open). Hulton Archive / Hulton Archive
Ken Rosewall (1968 bis 1972): 4 von insgesamt 8 Grand-Slam-Titeln (2-mal Australian Open, 1-mal French Open, 1-mal US Open). ullstein bild / ullstein bild
John McEnroe (1979 bis 1984): 7 Grand-Slam-Titel (3-mal Wimbledon, 4-mal US Open). Getty Images Europe / Getty Images
Mats Wilander (1982 bis 1988): 7 Grand-Slam-Titel (3-mal Australian Open, 3-mal French Open, 1-mal US Open).
John Newcombe (1968 bis 1975): 5 von insgesamt 7 Grand-Slam-Titeln (2-mal Australian Open, 2-mal Wimbledon, 1-mal US Open). Hulton Archive / Frank Tewkesbury
Boris Becker (1985 bis 1996): 6 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 3-mal Wimbledon, 1-mal US Open). Getty Images Europe / Steve Powell
Stefan Edberg (1985 bis 1992): 6 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 2-mal Wimbledon, 2-mal US Open). Getty Images Europe / Dan Smith
Jim Courier (1991 bis 1993): 4 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 2-mal French Open). Getty Images AsiaPac / Tony Feder
Guillermo Vilas (1977 bis 1979): 4 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open, 1-mal French Open, 1-mal US Open). Getty Images Europe / Steve Powell
Stan Wawrinka (2014 bis 2016): 3 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 1-mal French Open, 1-mal US Open). X00211 / JEAN-PAUL PELISSIER
Andy Murray (2012 bis 2016): 3 Grand-Slam-Titel (2-mal Wimbledon, 1-mal US Open). Getty Images North America / Chris Trotman
Gustavo Kuerten (1997 bis 2001): 3 Grand-Slam-Titel (3-mal French Open). Bongarts / Martin Rose
Arthur Ashe (1968 bis 1975): 3 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 1-mal Wimbledon, 1-mal US Open). AP / RA
Jan Kodes (1970 bis 1973): 3 Grand-Slam-Titel (2-mal French Open, 1-mal Wimbledon). Hulton Archive / Central Press
Marat Safin (2000 bis 2005): 2 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 1-mal US Open). Getty Images AsiaPac / Clive Brunskill
Lleyton Hewitt (2001 bis 2002): 2 Grand-Slam-Titel (1-mal Wimbledon, 1-mal US Open). AP / TED S.WARREN
Jewgeni Kafelnikow (1996 bis 1999): 2 Grand-Slam-Titel (1-mal Australian Open, 1-mal French Open). AP / REMY DE LA MAUVINIERE
Patrick Rafter (1997 bis 1998): 2 Grand-Slam-Titel (2-mal US Open). Bongarts / Bongarts
Sergi Bruguera (1993 bis 1994): 2 Grand-Slam-Titel (2-mal French Open). Getty Images Europe / Gary M. Prior
Johan Kriek (1981 bis 1982): 2 Grand-Slam-Titel (2-mal Australian Open). New York Daily News / New York Daily News
Ilie Nastase (1972 bis 1973): 2 Grand-Slam-Titel (1-mal French Open, 1-mal US Open). Hulton Archive / Peter Cade
Stan Smith (1971 bis 1972): 2 Grand-Slam-Titel (1-mal Wimbledon, 1-mal US Open). Gamma-Keystone / Keystone-France

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