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Yonnihof

Spiel mir das Lied vom Kotz – Erkenntnisse einer Schwangeren

Bild: shutterstock

Von Nahbetrachtungen öffentlicher Toiletten, meiner emotionalen Bindung zu Brot und was Männer in einer Schwangerschaft verloren haben.



Disclaimer

Falls der Titel nicht Warnung genug war, möchte ich darauf hinweisen, dass es im folgenden Text um meine Schwangerschaft geht. Obacht: Kann Spuren von Hormonen, Käseschmiere und Baby-Mama-Drama enthalten. Wegklicken ist bei Desinteresse mehr als erlaubt. So long und vill Liebi.

PS: Falls Ihr Euch grade fragt, ob das jetzt «noch so ein nerviger Mama-Blog» sei, kann ich Euch versichern: Nein, ich kann auch Katzen. Ich bin eine Frau gegen 40, was habt Ihr erwartet?

In ein paar Tagen bin ich im fünften Monat meiner Schwangerschaft. Ich habe einerseits das Gefühl, als hätte ich circa Mitte der 90er den positiven Test in der Hand gehalten; andererseits scheint der Oktober – und damit der Geburtstermin meines Sohnes – noch in ewig weiter Ferne. Trotzdem möchte ich hier einmal die ersten paar Monate meiner «Kugelzeit» (die langsam, aber sicher auch deutlich als solche erkennbar ist) Revue passieren lassen.

Anfangs meinte ich ja, ich sei eine der Verschonten. «Was haben die denn alle?!», dachte ich in den ersten paar Wochen. Was «Übelkeit»? Was «emotionale Achterbahn»? Was «Erschöpfung»? Beruhiged oi mal!

HAHAHA! Vorhang auf für: die 8. Schwangerschaftswoche.

Wie so ein Schosshund mit Anger-Management-Problemen und Napoleon-Komplex, der still und leise hinter einer Hausecke wartet und einen dann aus dem Nichts anfällt und einem den Knöchel zerchaflet, kam sie daher. BIGGIDI-BOOM-BÄNG, Bitch!

Angefangen hat es mit der Kotzerei. Erst einmal, dann zweimal, dann drei-, viermal. Am Tag, wohlgemerkt. Hurra. Das wäre das eine, wenn es denn zuhause passierte, und es wäre auch dann nicht sonderlich lässig. Was noch viel weniger Spass macht, ist, wenn das Rückwärtsessen gezwungenermassen auf einem öffentlichen Abort stattfinden muss. Man geht, während sich die Farbe merkbar aus dem Gesicht verabschiedet, zu einem Angestellten des Supermarkts, in dem man sich gerade befindet, und fragt nach der Kundentoilette, folgt dann den Google-Maps-artigen Instruktionen einmal quer durch den Laden, spürt bei der Fischabteilung schon die ersten Bröckchen die Speiseröhre hochwandern und schafft es noch ganz knapp, seinen Mageninhalt sicher in einer der Schüsseln zu deponieren.

Danach stellt sich erst einmal Erleichterung ein – primär darüber, dass man nicht projektilartig über die Gemüseabteilung gereihert hat. Man atmet durch und öffnet die Augen, wird sich aber gleich darauf gewahr, wo man ist: mit dem Kopf in der Schüssel eines öffentlichen Klos. Und was hat das zur Folge? Genau, es wird einem schlecht. Und da schliesst er sich, der ewige «Kreis des Übergebens». Hakuna Potato.

Ich sage Euch, wenn der Nugget erst mal da ist, muss er gleich mal drei Stunden ins Zimmer.

Dann sind da die Emotionen. Man muss wissen, ich bin eh schon relativ nah am Wasser gebaut. Man kann sagen, alles, was auf der Emo-Skala trauriger ist als eine Drei, bringt mich zum Weinen – dasselbe gilt für alles, was schöner ist als eine Sieben. Nun wird das Ganze durch meine Schwangerschaft um ein Vielfaches verschlimmert. Man kann sagen: Alles, was mich im Moment NICHT zum Heulen bringt, ist Brot. Wenn’s ein Brötli ist, ist’s bereits wieder ein Baby und ein Baby stellt die Zerbrechlichkeit allen Seins dar und ich kann doch kein Babybrötli essen, wie barbarisch, ABER ICH HAN SO HUNGER, ICH STIRB JETZ DÄNN GRAD!

Das mit dem Essen ist gleich noch ein weiterer Punkt. Ich bin erstaunlicherweise zwei Kilo leichter als zu Beginn meiner Schwangerschaft, aber ich denke, das ist nicht meiner kontrollierten Ernährung, sondern meinem ausgeprägten Flair fürs Retour-Essen geschuldet. Ich pflege im Moment eine wahre Liebesbeziehung zu gewissen Lebensmitteln – natürlich vor allem zu solchen, die ich nicht mehr essen darf, was circa 97% von allem ist.

WILL SUSCHT STIRBSCH! DRÜMAL!

Ich habe jedoch eine glutenfreie Variante entwickelt, Nutella-Brötli zu essen! Ehrlich wahr! Weisch wie? EINFACH DAS BRÖTLI WEGLASSEN! Löffel, Nutella-Glas, nommnommnomm. Jegliche ethischen Bedenken bezüglich Palmöl, die ich vor der Schwangerschaft hatte? Haben Schwangerschaftsurlaub. Meine Essensgelüste sind komplett ausser Kontrolle, sage ich Euch.

Und hier kommt Freund ins Spiel. Nachfolgend eine Unterhaltung zwischen uns, die sich so oder ähnlich um Ostern herum abgespielt hat:

Er: Hüt tuen ich gross für dich choche.

Ich: JEEEEEH! Chasch mi eifach überrasche, ich bin völlig offe.

Er: Okay. Dänn machi en feine Fisch.

Ich: Hm ... Fisch ... Okay. Er: Demfall lieber nöd. Lamm? Ich: Okay, usser wänns böckelet.

Er: Rind? Ich: Dänn mueses eifach dure sii – und bevori dures Rind isse, issi lieber Poulet.

Er: Ooookay. Demfall Poulet?

Ich: Wie wärs mit Piccata Milanese?

Er: Die chame mit Schwinigem oder mit Chalb mache.

Ich: Das isch mer gliich, ich bin mega flexibel.

Er: ÄHÄ. Und Tomaterisotto dezue?

Ich: Ich han nöd gern Tomate.

Er: Du häsch erst grad Tomate-Mozzarella-Salat gässe.

Ich: Das isch öpis anders.

Er: Ahja, inwiefern?

Ich: Will ich Luscht druf gha han.

Er: Oooookay, also Randerisotto?

Ich: WÄH! Rande schmöckt wie im Elifantehuus im Zoo.

Er: OKAY. Eifach normale Risotto?

Ich: Isch das nöd chli langwiilig? Spargelrisotto?

Er: OKAY, SPARGELRISOTTO.

Ich: JEEEEEEH! Ich freu mi mega. Dini Überraschigsmenüs sind eifach di beschte!

Nicht nur ändern sich meine Food-Cravings nahezu stündlich, kürzlich heulte ich, weil ich fand, Freund fände unsere Katze nicht angemessen herzig (kein Witz).

Der wunderbare Mann trägt das alles mit Fassung. Räumt morgens leere Nutellagläser aus dem Bett, in dem er mal wieder nicht schlafen durfte, weil er schnarcht und ich sonst zu wenig Erholung bekomme, während ich in Sternformation und mit Sabber im Mundwinkel vor mich hin penne. Er putzt jeden Tag das Katzenkistchen, das zu machen meine Aufgabe wäre, was ich jedoch seit dem Schwangerschaftstest nicht mehr darf – welcher wohlgemerkt fünf Tage nach dem Eintreffen des Büsels positiv war. Wenn ich ihn nerve, was ich in den letzten vier Monaten sehr regelmässig tue, regt er sich erst auf, schaut dann irgendwann mit Liebe auf meinen wachsenden Bauch und sagt: «Ich. Han. Verständnis. Ich. Han. Verständnis.»

Man sagt ja immer, die Männer sollten sich während der Schwangerschaft intensiv um ihre Frauen bemühen, weil es für sie eine enorm schwierige und anstrengende Zeit ist. Das stimmt zwar, meiner Meinung nach verdienen Männer aber während des Brütens eine Gratis-Psychotherapie.

Und dann ist da ja noch die Geschichte mit dem Vaterschaftsurlaub. Wusstet Ihr, dass viele Kantone ihren Angestellten gerade mal zwei Tage Vaterschaftsurlaub geben? ZÄ-WEI! Ausser Obwalden. Da ist’s grad mal einer (Stand April 2018). Gut, ist ja auch ein Halbkanton. Wie stellen die sich das denn vor? Grade Erstgeburten dauern gerne mal länger als 24 Stunden. Muss man sich entscheiden, bei welchem Teil der Niederkunft man dabei sein will? Entweder schickt man die Liebste mit dem ÖV voraus und kommt später dazu oder man verabschiedet sich irgendwann? Er (ein Cape überziehend): «Liebste, ich muss gehen, die Gemeindeverwaltung Sarnen braucht mich ... Adieu.»

Ich als Schwangere werde von rundherum sehr gehätschelt und gebätschelt, was guttut, denn schwanger sein ist tatsächlich kein Spaziergang (gottlob, ich komme im Moment schon ausser Atem, wenn ich meine Turnschuhe nur anschaue). Es ist eine Zeit voller kleiner Wunder, voller Glücksmomente, aber auch voller Ängste und Zweifel und Unsicherheiten. Und die habe nicht nur ich, die hat auch Freund. Und trotzdem lässt er sie mich sehr selten spüren, ich weiss zu fast jedem Zeitpunkt, dass ich und der Nugget das Allerwichtigste in seinem Leben sind, eine Babuschka seiner Liebe, sozusagen.

Fazit: Ich finde, Freund hätte eine PDA verdient – von jetzt bis zur Geburt.

Yonni Meyer

Yonni Meyer (37) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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