Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Von Mimose zu Mimose: Ein offener Brief

Bild: shutterstock

Alles, was ich hören wollte, als ich verzweifelt war.



Liebe Mimose,

Ich hoffe, du liest das.   

Du und ich, wir kennen uns nicht. Das ist auch nicht wichtig.

Heute tut dir alles weh, es ist alles zu viel, du willst endlich Ruhe haben. Ich kenne diese Momente wahnsinnig gut und ich möchte dir nun das schreiben, was ich gerne gelesen hätte in Augenblicken, wenn ich weder ein noch aus wusste und dachte, ich sei völlig allein.  

Die Menschen sagen: «Scheissegal, was die anderen denken!», «Mach einfach nur dein eigenes Ding!», «Sollen sie doch sagen, was sie wollen, das kann dir doch egal sein!»  

Ich dachte das nie. Es war mir nie egal, was sie denken, was sie sagen, wie sie mich und das, was ich tue, wahrnehmen. Man kann das nicht einfach abstellen. Ich nahm’s persönlich, ich nehm’s auch heute noch persönlich. Manchmal heule ich. Man sagte mir immer wieder, das sei schlecht. Eine Mimose sei ich. Eine «Pussy».

Im Gegenteil: Ich glaube, dass es mich dahin gebracht hat, wo ich heute bin. Und ich mag diesen Ort.  

(Ausserdem, mal unter uns: Wenn es eine Stelle an unserem Körper gibt, die Iron Man-mässige Wunder vollbringen kann, dann ist das ja wohl unsere «Pussy», also sucht euch mal einen anderen Ausdruck, wenn ihr jemanden als Schwächling bezeichnen wollt, aber nicht einen Körperteil, der etwas von der Grösse einer Melone aus einem Loch zu quetschen vermag, das so gross ist wie ein Erdnüssli. «Du Blinddarm» wäre nur einer von vielen Vorschlägen.)  

So.  

Verletzlich zu sein, sucht man sich nicht aus. Und es ist nicht en vogue. Wenn man sich ob der Grobheit anderer erschrickt, ist man Teil der «Empörungskultur».  

Und so sagten sie mir: «Lass dir eine dickere Haut wachsen». Ich bin sicher, das haben sie dir auch gesagt. Und du hast es versucht, aber es ging nicht, und die Worte trafen noch immer genauso spitz und stählern wie vorher – nur hattest du nun zusätzlich noch ein schlechtes Gewissen, weil alle anderen sich abgrenzen konnten, aber du nicht.  

Glaub mir, das ist Blödsinn: Ich kann es heute noch nicht. Ich kenne nur ganz wenige Menschen, denen tatsächlich alle anderen komplett egal sind, und die sind allesamt sehr sehr einsam. Alle andern, die das behaupten, können sich auch nicht komplett abgrenzen – nur geben sie’s nicht zu und so entsteht dieser toxische Teflon-Wahn, in dem alle tun, als würde die Welt und das, was von ihr auf sie zu- und zurückkommt, wie Öl an ihnen abperlen (liebe Teflon-Menschen: Nicht in den Spiegel zu schauen, macht einen nicht automatisch schön). Als wäre das normal. Und diejenigen, die nicht so sind, werden als schwach und feige bezeichnet.  

Ich sage: Wenn man ein offenes Herz haben will – und ich bin der Überzeugung, dass dies für ein erfülltes Leben unabdingbar ist –, muss man die Welt zumindest ein Stück weit hereinlassen und statistisch gesehen kommt da halt immer auch ein wenig Ungutes mit. Wer teflonartig einen auf «Alle/alles scheissegal» macht, lässt nichts und niemanden an sich ran und kann ergo auch nicht verletzt werden...  

... und das ist feige.  

Ich sage dir: Lass dir keine dickere Haut wachsen. Das Verletzliche gehört zu dir. Pass deinen Charakter nicht der fehlenden Kontrolle und dem Mangel an Empathie einiger Schreihälse an. Sei selektiv, überleg dir, über wen diese Angriffe mehr aussagen, über den Absender oder über dich – und zieh die richtigen Konsequenzen. Nicht ausblenden, sondern differenzieren.

Schau: Du kämpfst gerade an unterschiedlichsten Fronten und ich kann dir die Verzweiflung nicht abnehmen, auch wenn ich das unglaublich gerne würde. Dich nun aber auch noch zu verstellen und dich abgestumpfter zu geben als du es eigentlich bist, wäre ein weiterer Kampf – und zwar gegen die Person, die eigentlich deine wichtigste Alliierte sein muss: Dich selbst.  

Ich würde dir raten: Nimm diese Person bei der Hand. Diese sanfte, verletzliche, unendlich menschliche Person, die heult und Dinge persönlich nimmt, der Angriffe und Beleidigungen etwas anhaben, die sich verkriecht und Angst hat. Finde den Ort, wo es ihr am meisten weh tut – und hab sie dort am meisten lieb.  

Und noch was: Du bist nicht liebenswert, obwohl dich die Welt und die Menschen und was sie zu dir sagen, bewegen, sondern weil sie es tun.  

Es wird besser. Ich schwör.

Vill Liebi, 
eine andere Mimose, aus Überzeugung

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

yonni meyer

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Bund erlaubt Öffnung von Kantinen am Mittag

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Yonnihof

Von Schlafschafen und Aluhüten: Der Tanz mit den Extremen

Wenn man nur noch Extremmeinungen hört, fehlt die Stimme der Mitte.

Einen Text in die Richtung dessen, was ich hier nun zu schreiben versuche, schlug ich schon einmal zu Faden. Damals war Corona noch ausschliesslich ein Bier. Der Grund für jene Kolumne war die Debatte über Extrempole der Modeindustrie. Ein Kleiderhersteller hatte gerade eine Plus Size-Linie herausgegeben und Models für deren Präsentation ausgewählt, die stark übergewichtig waren – und selbstverständlich zerfleischten sich die Leute in den Kommentaren darüber, was gesund und was …

Artikel lesen
Link zum Artikel