DeepSeek ist ein chinesisches KI-Start-up, das 2023 von Liang Wenfeng, respektive seinem Hedgefonds High-Flyer, gegründet wurde. Was die Welt verblüfft: Das neuste KI-Modell von DeepSeek kann mit Google und OpenAI mithalten, wurde aber anscheinend mit weit weniger Rechenleistung trainiert, was es viel günstiger macht.
Für die User unterscheidet sich die KI von vielen bisherigen Chat-Bots dadurch, dass sie ihre «Gedankengänge» artikuliert, bevor sie eine abschliessende Antwort liefert.
Ein weiterer Unterschied: DeepSeek setzt anders als viele Rivalen auf eine freie Lizenz und ist als erschwingliche Open-Source-Lösung erhältlich. Dies ermöglicht anderen Entwicklern die Nutzung und Modifizierung des KI-Sprachmodells – auch für kommerzielle Zwecke. Davon profitieren Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die so sensible Daten lokal, sprich nicht in der Cloud, verarbeiten können.
DeepSeek kann aktuell im Web oder als App für Android und iPhone kostenlos genutzt werden, während Google, Microsoft und Co. für ihre besten KI-Modelle teure Abos voraussetzen.
Der chinesische KI-Assistent erobert daher weltweit die App-Stores. Mit ein Grund für den Erfolg dürfte sein, dass die KI auch gut mit nicht westlichen Sprachen umgehen kann.
Auch in den USA eroberte DeepSeek bereits Platz 1 der App-Download-Charts – vor ChatGPT. In der Schweiz lag DeepSeek am Montag auf Rang 3.
Joe Biden versuchte, China von westlichen Hochleistungschips abzuschneiden und im KI-Rennen zurückzubinden. Nun zeigt sich, dass China trotzdem konkurrenzfähige KI-Modelle trainieren konnte.
Das KI-Modell von DeepSeek kann nicht nur mit ChatGPT und Google Gemini mithalten, es soll auch in seiner Entwicklung deutlich günstiger sein. Es wird daher als ernste Bedrohung für die Vorherrschaft der USA im KI-Bereich betrachtet und nährt Zweifel an den Milliardeninvestitionen des Silicon Valley.
Die Aktionäre westlicher Tech-Konzerne fragen sich, ob die exorbitanten Investitionen in die KI-Infrastruktur gerechtfertigt sind, wenn ein chinesisches KI-Start-up anscheinend mit einem Bruchteil der Rechenkapazität und Kosten ähnliche Resultate liefert und ChatGPT und Co. den Rang ablaufen könnte.
An den Börsen ist die Nervosität greifbar. Die Aktienkurse von KI-Unternehmen wie Microsoft und Meta oder des Chip-Entwicklers Nvidia, der bislang am meisten vom KI-Boom profitierte, stehen stark unter Druck. Die Anleger haben nicht so rasch mit einer chinesischen «Billig-KI» gerechnet, die das Geschäftsmodell westlicher Tech-Konzerne potenziell gefährdet. Die neue KI-App könnte die User dazu verleiten, ihr laufendes KI-Abo zu stornieren.
DeepSeek sei für die USA «der Sputnik-Moment» des KI-Zeitalters, sagte Risikoinvestor Marc Andreessen. Es sei ein ähnlicher Weckruf wie der Sputnikschock 1957, als es den Russen gelang, den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu bringen.
Das anscheinend höchst effiziente KI-Modell aus China führt den USA vor Augen, dass ihr Vorsprung im KI-Rennen alles andere als in Stein gemeisselt ist.
Die KI-Modelle von DeepSeek schneiden laut Entwicklerfirma in zahlreichen Benchmarks nahezu gleich gut und teils gar besser ab als die bislang besten westlichen Sprachmodelle. Die Ergebnisse müssen aber mit Vorsicht interpretiert werden, da sie bisher nicht unabhängig verifiziert worden sind. Allerdings deuten auch Alltagstests an, dass DeepSeek mit ChatGPT mithalten kann.
Besonders stark zeigt sich die chinesische KI in den Bereichen Mathematik, Physik und Programmieraufgaben. Die KI nutzt hierfür einen als «simuliertes Denken» bezeichneten Ansatz. Das heisst: Ähnlich wie OpenAIs neues KI-Modell ChatGPT o1, das für komplexe und wissenschaftliche Aufgaben optimiert wurde, antwortet die chinesische KI in Schleifen, überdenkt also die eigene Antwort. Dieser Prozess benötigt mehr Zeit als bei herkömmlichen Sprachmodellen, führt aber insbesondere bei Aufgaben aus den Naturwissenschaften zu besseren Resultaten.
Bei einer unserer Anfragen erklärte DeepSeek, dass seine Datenbank mit Informationen bis Dezember 2023 trainiert worden sei. Es habe aber «keine Möglichkeit, live zu recherchieren». Für aktuelle Themen ist das Modell also bislang nicht geeignet. Auf die Frage, welche E-Autos 2024 in der Schweiz am meisten gekauft wurden, gab DeepSeek denn auch eine falsche Antwort. Erst auf Nachfrage sagte die KI, dass sie die Zahlen aufgrund früherer Jahre «simuliert» habe und es sich um «keine echten Daten» handle.
Für aktuelle Themen stellt DeepSeek daher eine Web-Suche zur Verfügung. Bei der Frage nach den meistverkauften E-Autos lieferte die KI auch mit der Web-Suche eine falsche Antwort.
DeepSeek verweigert Antworten auf politische Fragen, die China betreffen: etwa zu Staatspräsident Xi Jinping oder dem Tian'anmen-Massaker. Die KI unterliegt der staatlichen chinesischen Zensur.
Auf politische Fragen, beispielsweise, ob China Taiwan annektieren wolle, antwortet DeepSeek mit dem immer gleichen Satz: «Tut mir leid, ich bin mir noch nicht sicher, wie ich diese Art von Fragen angehen soll. Lass uns stattdessen über Mathematik, Codierung und Logikprobleme chatten.» Die Frage, ob die USA Grönland annektieren wollen, beantwortet DeepSeek hingegen bereitwillig und schreibt: «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die USA zwar strategische Interessen an Grönland haben, aber nicht aktiv versuchen, es zu annektieren.» Vergleichbare Antworten geben auch ChatGPT und Google Gemini.
Laut dem Techportal ArsTechnica lassen sich die politischen Zensur-Filter komplett umgehen, wenn man statt der Cloudversion eine lokal gehostete Instanz des KI-Modells betreibt – «was dank des Open-Source-Lizenzmodells möglich sei», wie Telepolis schreibt.
Fairerweise sei gesagt, dass auch westliche Konzerne, die in China aktiv sind, der staatlichen Zensur unterliegen. Ausserdem zeigte unser Test, dass DeepSeek bei der Frage nach Schwächen der chinesischen Wirtschaft negative Aspekte nicht verschwieg und folgende Probleme nannte: «Immobilienkrise, demografischer Niedergang (Überalterung), Handelskrieg mit dem Westen, technologische Abhängigkeit (Chip-Importe).»
Zuletzt sei gesagt: Wie jedes KI-Modell kann auch DeepSeek mit entsprechenden Eingaben ausgetrickst werden. Es konnte etwa dazu gebracht werden, ein detailliertes Rezept für Methamphetamin darzustellen. Diese Rauschdroge ist in vielen Ländern verboten.