Kia EV4 im Test: So schlägt sich der elektrische Golf-Gegner im Alltag
Kia wildert in der Golf-Klasse: Während der K4 die Rolle des kompakten Verbrenners einnimmt, wird sein Bruder EV4 den Elektro-Markt übernehmen. In zwei Versionen fährt er vor, einmal als Limousine und in der hierzulande deutlich gefragteren und in der Slowakei produzierten Schrägheckversion. Sie steht flach auf der Strasse, mit klar gezeichnetem Heck, schmalen Scheinwerfern und kantiger Front.
«Opposites United» nennt Kia seine Designsprache – Kontraste, die wiedererkennbar sein sollen, ohne zu provozieren. Die elektrisch ausklappenden Türgriffe sind zwar schick, klassische Bügel hätten es aber auch getan, zeigt sich im Alltagstest.
Gutes Platzangebot mit kleinen Einschränkungen
Mit 4,43 Metern Länge gehört der EV4 zum klassischen Kompaktsegment (sein Bruder K4 ist nur einen Zentimeter länger) – bietet innen dank 2,82 Meter Radstand aber spürbar mehr Raum als viele Konkurrenten. Vorne ist das Raumgefühl luftig, hinten sorgt die erhöhte Bodenstruktur zwar für eingeschränkten Fuss-, aber ordentlichen Knieraum. Auf ganz langen Strecken dürfte es für Passagiere mit langen Beinen aufgrund der hochstehenden Knie etwas unbequem werden. Zumindest gibt es auch hinten eine Sitzheizung. Eine Kleinigkeit stört: die durchgehende Fussmatte im Fond, die beim Herausnehmen gern mal Krümel im Innenraum verteilt.
Einen Frunk unter der Haube (steht für front trunk, Front-Kofferraum) gibt es nicht, stattdessen doppelten Ladeboden im Kofferraum, der je nach Konfiguration 435 bis 1415 Liter fasst. Typisch für die Klasse klappen die Sitze im Verhältnis 40:60, eine Fernentriegelung aus dem Ladeabteil gibt es nicht.
Einfach zurechtfinden im Kia
Das Cockpit ist klar gegliedert – und überfordert nicht mit unnötigen digitalen Spielereien. Zwei 12,3-Zoll-Displays, dazu ein kleiner Klimabildschirm, der die wichtigsten Funktionen bündelt, aber aus Fahrerperspektive gern vom Lenkrad verdeckt wird. Dazu haptische Tasten für Navi, Medien und Co. – genau da, wo man sie erwartet.
Die Sprachbedienung mit KI-Unterstützung funktioniert solide, das Smartphone koppelt sich problemlos via Android Auto oder Apple CarPlay. Gut gelöst: Der nervige Geschwindigkeitspieper lässt sich per langem Druck auf den Walzenknopf am Lenkrad deaktivieren. Und wenn man die Menüführung einmal kennt, ist sie weitgehend logisch und alltagstauglich.
So fährt er
Mit einem Gewicht von über 1,8 Tonnen liegt der EV4 satt auf der Strasse, die Federung ist überwiegend komfortabel abgestimmt. Auf rauem Belag oder bei Querfugen wird es hinten leicht hölzern – aber nicht störend. Für die Kompaktklasse ist der Komfortlevel insgesamt hoch.
Die Lenkung ist leichtgängig und passt zum Charakter – im Sportmodus wird sie direkter, ohne sportlich-zackig zu sein. Besonders überzeugend: das niedrige Geräuschniveau, selbst bei hohem Tempo auf der Autobahn. Mit 204 PS ist der EV4 vollkommen ausreichend motorisiert, ohne die Insassen beim Beschleunigen effekthascherisch in die Sitze zu pressen. Auch gut: Das «i-Pedal»-System, das den EV4 beim Loslassen des Fahrpedals bis zum Stillstand verzögert, ohne dass die Bremse nötig ist. Im Stop-and-Go schwimmt der Kompakte damit selbstständig entspannt mit.
Typisch modernes Auto: Die Sicht nach hinten ist vor allem durch die breite D-Säule eingeschränkt, Parkpiepser und Kamera sind sinnvolle Helfer.
Reichweite und Effizienz
Die getestete Version mit 81,4-kWh-Batterie verspricht bis zu 625 Kilometer WLTP-Reichweite – mit 17-Zoll-Felgen und frühsommerlichen Temperaturen. Bei 5 Grad Aussentemperatur und Tempo 130 auf der Autobahn, waren immer noch rund 360 Kilometer drin. Ein guter Wert im Winterbetrieb, aber natürlich ein deutlicher Unterschied zu den Messwerten. Der Autobahnverbrauch lag bei ca. 22 bis 23 kWh/100 km, in der Stadt bei guten 17–18 kWh/100 km bei 2 Grad Aussentemperatur. Kia gibt einen Verbrauch von 14,4 kWh an – bei entsprechenden Aussentemperaturen ist dies vermutlich möglich.
Geladen wird mit bis zu 128 kW – von 10 auf 80 Prozent vergehen laut Kia 31 Minuten, was sich im Test bestätigt. Per App oder Navigation lässt sich der Akku für eine möglichst geringe Ladezeit vorkonditionieren, also vorheizen. Das erwies sich bei den winterlichen Autobahnfahrten als sehr nützlich. Auch das Vortemperieren des Innenraums ist möglich, was vor allem im Winter praktisch ist, wenn das Auto an der Wallbox hängt und man in ein warmes Auto steigen will. Das senkt auch den Stromverbrauch während der Fahrt.
Technik & Ausstattung
Der Testwagen in der Linie Earth war gut ausgestattet: Wärmepumpe (optional im Winterpaket), Harman/Kardon-Soundsystem, Parkpaket mit Rundumsichtkamera, Technologiepaket mit adaptiven LED-Scheinwerfern, In-Car-Payment für Ladevorgänge (Auto einstecken, nach dem Laden herausziehen, die Abrechnung geschieht automatisch), Streamingdienste, Softwareupdates via drahtlosem Internet «over the air». Dazu kommt ein umfassendes Paket an Fahrerassistenzsystemen, zum Beispiel ein Autobahnassistent mit Abstandsregeltempomat und Spurwechselhelfer, Frontkollisionswarner mit Kreuzungsfunktion, Totwinkelkamera, Querverkehrwarner, Parkassistent, Notbremssystem. Technisch ist der EV4 damit auf der Höhe.
Technische Daten Kia EV4 Earth (81,4 kWh)
- Leistung 150 kW (204 PS)
- Antrieb Frontantrieb
- Batterie 81,4 kWh
- WLTP-Reichweite bis 625 km
- Ladezeit (10 – 80 %) ca. 31 Minuten (DC 128 kW)
- 0–100 km/h 7,7 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit 170 km/h
- Verbrauch (Test, Winter) 17 – 23 kWh/100 km
- Länge/Breite/Höhe 4,43 m / 1,86 m / 1,485 m
- Kofferraum 435 – 1'415 Liter
- Anhängelast 1'000 kg (gebremst)
- Wendekreis 10,86 m
Leistung 150 kW (204 PS) Antrieb Frontantrieb Batterie 81,4 kWh WLTP-Reichweite bis 625 km Ladezeit (10–80 %) ca. 31 Minuten (DC 128 kW) 0–100 km/h 7,7 Sekunden Höchstgeschwindigkeit 170 km/h Verbrauch (Test, Winter) 17–23 kWh/100 km Länge/Breite/Höhe 4,43 m / 1,86 m / 1,485 m Kofferraum 435–1'415 Liter Anhängelast 1'000 kg (gebremst) Wendekreis 10,86 m
Das kostet er
In der Grundversion «Lite» mit kleinem Akku (58,3 kWh, 204 PS, bis 440 km Reichweite) ist der EV4 ab 34'450 Franken zu haben. Der EV4 Earth mit 81,4 kWh kostet ab 43'450 Franken, der Testwagenpreis mit Extras kommt auf fast 54'000 Franken. Kein Billigheimer also, angesichts der Ausstattung aber absolut fair. Zudem sprechen sieben Jahre Hersteller- sowie acht Jahre Batteriegarantie (bzw. bis 160'000 km) für den Kia.
Fazit
Kia bringt mit dem EV4 ein E-Auto, das sich nicht anbiedert – aber auch nicht abschreckt. Modern, leise, durchdacht: Wer zum ersten Mal elektrisch unterwegs ist, fühlt sich hier nicht überfordert, sondern abgeholt. Der EV4 ist kein Showstar, eher ein guter Kumpel, der funktioniert, ohne dauernd Fragen aufzuwerfen.
- Kias Elektro-Kleintransporter will den Transportermarkt aufmischen
- Werden Benzin-Autos wirklich verschwinden? Diese Grafiken zeigen es auf einen Blick
- E-Auto, Wasserstoff-SUV und Verbrenner: Diese neuen Modelle wirbeln den Markt auf
- Hyundai überrascht mit neuem E-Auto: Dieser Look ist zu 90 Prozent serienreif

