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Die chinesische Version von TikTok heisst Douyin. Hinter beiden Apps steckt eine Technologie, um die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lang an den Bildschirm zu binden.
Die chinesische Version von TikTok heisst Douyin. Hinter beiden Apps steckt eine Technologie, um die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lang an den Bildschirm zu binden. Bild: keystone

Geleaktes TikTok-Dokument erklärt, wie der geheime Algorithmus funktioniert

07.12.2021, 15:3707.12.2021, 16:18

Was ist passiert?

Die «New York Times» hat am vergangenen Sonntag mit einer sensationell klingenden Story für Aufsehen gesorgt. Der Titel lautet: «Wie TikTok deine Gedanken liest».

Dem US-Journalisten Ben Smith wurde ein firmeninternes Dokument namens «TikTok Algo 101» zugespielt, das vom Ingenieurteam von TikTok in Peking erstellt wurde.

Dieses Dokument dreht sich um eine Schlüsselfunktion, die das Kurzvideo-Portal vor allem bei jungen Menschen extrem populär gemacht hat: den Empfehlungsalgorithmus.

Am Montag hat auch «Der Spiegel» über die geleakten Informationen, die sich eigentlich an TikTok-Angestellte richten, berichtet. Titel der Story: «Die Abhängigkeitsmaschine».

Was sind die wichtigsten Enthüllungen?

Die «New York Times» konstatiert:

«Der Algorithmus versucht, die Leute süchtig zu machen, anstatt ihnen das zu geben, was sie wirklich wollen.»
quelle: nytimes.com

Aus den Unterlagen werde deutlich, dass TikToks Algorithmus konsequent für eine möglichst lange Nutzungsdauer der App sorgen soll, konstatieren die «Spiegel»-Journalisten. Nirgendwo sei von einer Begrenzung oder von Massnahmen zur Eindämmung der Bildschirmzeit die Rede.

Das «oberste Ziel» des TikTok-Algorithmus sei es laut den geleakten, englischsprachigen Unterlagen, dass immer mehr Menschen die App täglich nutzen.

«Kritiker würden dazu sagen, dass TikTok seiner Nutzerschaft bewusst möglichst viel Lebenszeit stehlen will (...).»
quelle: spiegel.de

All das passe nicht recht zu TikToks Versprechen, das Wohlbefinden der mehrheitlich jungen Userinnen und User im Blick zu haben, kommentiert «Der Spiegel». Das gesamte Empfehlungssystem scheine vielmehr dem Unternehmen zu dienen, das die vielen vor dem Bildschirm verbrachten Stunden an seine Werbekunden vermarkten könne.

Transparenzbox
watson berichtet nicht nur journalistisch über TikTok, sondern ist auch mit eigenen Kanälen auf der Kurzvideo-Plattform vertreten. Über den deutschsprachigen Kanal @watson_news (mit mehr als 48'000 Followern) und den französischen Kanal @watson_actu (über 54'000 Follower) werden regelmässig selbstproduzierte Videos verbreitet.

Wie funktioniert der «geheime» Algorithmus?

Der «Tages-Anzeiger» fasst die Funktionsweise des Empfehlungsalgorithmus wie folgt zusammen:

«Der Algorithmus ist ausgezeichnet darin, die kleinen Signale der Nutzerinnen und Nutzer zu deuten: Wie lange sie ein Video schauen, wo sie kommentieren, ein Like setzen oder mittels Wischgeste vorzeitig zum nächsten Video wechseln. Keine oder bloss eine untergeordnete Rolle spielen gemäss diesem Dokument die Interessen der Freunde und Bekannten; die App setzt auf die Analyse der Nutzer-Interaktion.»
quelle: tages-anzeiger.ch

TikTok sei offenbar geschickt darin, die User-Interaktionen zu bewerten. Wenn man mehrere Videos eines bestimmten TikTok-Stars anschaue, ergebe das eine höhere Bewertung für das entsprechende Interessengebiet, als dies für die Summe der Einzelvideos der Fall wäre. Damit trage der Algorithmus dem Umstand Rechnung, «dass sich der Zuschauer durch sein gezieltes Interesse in ein Thema einfuchst».

Abgesehen von den personalisierten Empfehlungen hat der Algorithmus gemäss den Medienberichten eine zweite Stärke: Er soll gut darin sein, der Langeweile vorzubeugen. Und zwar durch inhaltliche Streuung bei den Kurzvideos.

Wie schlimm ist das?

Grundsätzlich gilt in Erinnerung zu rufen, dass die Kurzvideo-Plattform vor allem bei jungen bis sehr jungen Nutzerinnen und Nutzern beliebt ist. Und gerade bei Minderjährigen, deren Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, kann ein übermässiger Social-Media-Konsum negative Folgen haben, wie diverse Studien gezeigt haben.

Die «New York Times» zitiert den unabhängigen Experten Guillaume Chaslot, Gründer von Algo Transparency:

«Ich denke, es ist eine verrückte Idee, den Algorithmus von TikTok das Leben unserer Kinder steuern zu lassen.»
quelle: nytimes.com

In den USA, wo mehr Frauen als Männer die TikTok-App verwenden, ist laut «Spiegel» ein Viertel aller User im Teenageralter. Weltweit habe die App mehr als eine Milliarde mindestens monatlich aktive Nutzerinnen und Nutzer.

Die Enthüllungen kommen aus Sicht des chinesischen Mutterkonzerns hinter TikTok zu einem unglücklichen Zeitpunkt, hält die «New York Times» fest. Das US-Handelsministerium lasse einen Bericht darüber erstellen, ob TikTok ein Sicherheitsrisiko für die Vereinigten Staaten von Amerika darstellt.

Abschliessend hält der «Tages-Anzeiger» fest, dass die Kritik an den Algorithmen nicht nur unbegründet sei, sondern falsch, da sie von den Verantwortlichkeiten ablenke.

«Wenn wir einem Algorithmus die übersinnliche Fähigkeit zuschreiben, uns besser zu kennen als wir selbst, dann lässt das ausser Acht, dass ein solcher Vorschlagsmechanismus mit einer klaren Absicht entwickelt worden ist und dass er dem Interesse der Plattform und nicht der Nutzerinnen und Nutzer dient.»
quelle: tages-anzeiger.ch

Quellen

(dsc)

Ehemalige Facebook-Mitarbeiterin enthüllt Geheimnisse

Video: watson/een
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