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Analyse

Putin und Xi: Der Blinde und der Lahme

Die beiden angeschlagenen Präsidenten treffen sich in den nächsten Tagen, um sich gegenseitig Mut zu machen.
14.09.2022, 14:4315.09.2022, 06:52

Das Verhältnis zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping ist eine Männerfreundschaft der übelsten Art. Der russische und der chinesische Präsident übertreffen sich gegenseitig in Sachen Machismo und Verachtung für den Westen. Sie spotten über Menschenrechte, schütten kübelweise Häme über Schwule und Transsexuelle und prophezeien den baldigen Untergang der Supermacht USA.

Wenn sich Putin und Xi in den nächsten Tagen in Samarkand (Usbekistan) treffen, dürfte jedoch ihr übliches Pfauengehabe leicht gedämpft ausfallen, denn beide stecken bis zum Hals im Schlamassel.

Ukrainische Soldaten feiern die Befreiung von Isjum.
Ukrainische Soldaten feiern die Befreiung von Isjum.Bild: keystone

Putin wollte den Überfall auf die Ukraine als eine Art TV-Krieg gestalten, als etwas, «das die Russen am Bildschirm verfolgen, während Tschetschenen und Dagestaner kämpfen», wie es David Ignatius in der «Washington Post» ausdrückt. Ausdrücklich verbot der Kreml daher sogar den Gebrauch des Begriffes «Krieg» und spricht bis heute von einer «militärischen Spezialoperation».

Nun, diese Spezialoperation verläuft derzeit nicht wirklich nach Plan. In der Gegend um Charkiw sind die russischen Soldaten wie Hühner auf der Flucht. Sie lassen die Waffen liegen, vertauschen ihre Uniformen mit zivilen Kleidern und stehlen notfalls gar Velos, um sich vom Acker zu machen.

Schon der missglückte Versuch, Kiew zu erobern, hat die Schwäche der russischen Armee schonungslos aufgedeckt. Jetzt machen sich Putin und seine Generäle endgültig lächerlich.

Der russische Präsident hat wegen der Niederlage seiner Truppen im Donbass nur noch schlechte Optionen: Er kann in die Offensive gehen. Dazu müsste er allerdings die Generalmobilisierung ausrufen und das Schmierentheater einer «Spezialoperation» endgültig beenden. Das ist jedoch politisch riskant. Putin hat die Russen mit seiner Propaganda eingelullt und entpolitisiert. In Moskau und St. Petersburg kümmern sich die Menschen um ihr Privatleben, der Krieg lässt sie kalt. Mit einer Generalmobilisierung würde sich dies schlagartig ändern.

Mit seinen angeschlagenen, schlecht ausgebildeten und demoralisierten Soldaten weitermachen wie bisher, ist ebenfalls keine gute Idee. Daher besteht die Gefahr, dass die Russen ihre Angriffe auf zivile Objekte verstärken werden, in der Hoffnung, die Ukrainer im kommenden Winter zu demoralisieren und zur Aufgabe zu zwingen. Indem er den Gashahn zudreht, will Putin auch die Europäer zermürben und erreichen, dass sie ihre Unterstützung für die Ukraine einstellen und die Sanktionen gegen Russland aufheben.

Ein ukrainischer Soldat sitzt auf einem zerstörten russischen Panzer.
Ein ukrainischer Soldat sitzt auf einem zerstörten russischen Panzer.Bild: keystone

Im schlimmsten Fall könnte Putin auch Atom- oder Chemiewaffen einsetzen. Die meisten Militärexperten halten dies jedoch nach wie vor für unwahrscheinlich.

Putin und seine Spindoktoren waren bisher Meister ihres Faches. Jetzt beginnen sie zu patzen. Während im Donbass die Soldaten Hals über Kopf die Flucht ergriffen, feierten die Menschen in Moskau das 875-jährige Bestehen der Stadt. Der Präsident weihte dabei das grösste Riesenrad der Welt ein. Das kam im Rest des Landes gar nicht gut an. Zum ersten Mal wurde so etwas wie Kritik an Putin laut – und auch Spott: Das Riesenrad musste kurz nach Inbetriebnahme wegen technischer Probleme wieder abgestellt werden.

Präsident Xi Jinping hat derweil in Peking ebenfalls schon bessere Tage gesehen. Nachdem er lange für seine effiziente Covid-Politik gefeiert wurde, muss er sich heute vorwerfen lassen, mit seinem hartnäckigen Festhalten an seiner Null-Toleranz-Politik die Menschen zu verärgern und der Wirtschaft massiv zu schaden.

Der Unmut der Chinesen wächst. Unter dem Vorwand, die Korruption zu bekämpfen, geht die Führung der kommunistischen Partei immer härter gegen ihre Kritiker vor. «Da die Korruption in China endemisch ist, kann Xi diese Kampagne für eine Säuberung missbrauchen», stellt dazu Cai Xia in «Foreign Affairs» fest. Er war einst Professor an der Zentralen Parteihochschule der Kommunistischen Partei Chinas.

Wollen sich gegenseitig aufrichten: Wladimir Putin und Xi Jinping.
Wollen sich gegenseitig aufrichten: Wladimir Putin und Xi Jinping.Bild: keystone

Das Corona-Virus ist nur eines der vielen Probleme, mit denen sich Peking derzeit herumschlagen muss. Die schwere Immobilienkrise ist offenbar noch längst nicht überwunden. Indem er gegen die erfolgreichen Unternehmer vorgeht, sägt Xi an dem Ast, auf dem er und die Chinesen sitzen. «Die Einführung der Marktreformen war der einst grösste Erfolg der Partei», stellt Cai Xia fest. «Als Xi an die Macht kam, begann er jedoch, den Privatsektor als Bedrohung zu betrachten, und förderte wieder die Planwirtschaft der Mao-Ära.»

Nicht nur Europa hat einen Rekord-Hitzesommer hinter sich. In China waren Hitze und Dürre noch weit verheerender. Sie dauerte mehr als 70 Tage und betraf mehr als 900 Millionen Menschen. In der Provinz Sichuan beispielsweise waren die Stauseen so ausgetrocknet, dass die Stromgewinnung aus Wasserkraft weitgehend zum Erliegen kam und man deshalb wieder vermehrt auf Kohle ausweichen musste – für das bereits massiv angeschlagene Ökosystem Chinas ein weiterer Rückschlag.

Auch aussenpolitisch läuft es derzeit suboptimal. Die Ereignisse in Sri Lanka werfen ein sehr schlechtes Licht auf das ehrgeizige «Belt and Road»-Programm, mit dem Xi vor allem in den Schwellenländern punkten will. Der von der UNO nun doch noch veröffentlichte Menschenrechtsbericht zeigt derweil einmal mehr auf, wie brutal die Chinesen gegen die Uiguren in der Provinz Xinjiang vorgehen.

In Kasachstan eingetroffen: Xi Jinping.
In Kasachstan eingetroffen: Xi Jinping.Bild: keystone

Xi wird höchstwahrscheinlich vom kommenden Parteitag eine weitere fünfjährige Amtszeit zugesprochen erhalten. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nicht so sicher im Sattel sitzt, wie dies den Anschein macht. Hören wir nochmals Cai Xia: «Mao und Deng haben sich ihre Autorität mit Leistung verdient – Mao, indem er China von den Nationalisten befreit, und Deng, indem er einen Wirtschaftsboom entfesselt hat. Xi kann bisher keinen vergleichbaren Erfolg vorweisen. Deshalb hat er einen viel kleineren Spielraum, um Fehler zu begehen.»

Der Supermacho Putin ist auch der heimliche Held der neuen Rechten. Ob Donald Trump, Marine Le Pen, Matteo Salvini, Tucker Carlson oder seine Schweizer Kopie Roger Köppel, sie alle gehören zu seinen Bewunderern.

Der heldenhafte Kampf der Ukrainer führt endlich auch dazu, dass die Luft aus dem unseligen Putin-Ballon gelassen wird. «Indem sie die dreiste Invasion des Diktators gestoppt haben, sind sie auch das Symbol der Werte geworden, die uns im Westen wichtig sind», stellt David Ignatius fest. «Wir können uns nur vor ihrem Heroismus verneigen und auf weitere Siege sowie – wenn der Zeitpunkt gekommen ist – auf ein ehrenhaftes Ende dieses schrecklichen Krieges hoffen.»

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Welcome to China – das denkt das Internet über China

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123 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Schlaf
14.09.2022 15:00registriert Oktober 2019
Das Riesenrad (das grösste der Welt),dass gleich nach Inbetriebnahme wegen technischer Mängel wieder ausser Betrieb genommen wurde, steht stellvertretend für die russische Armee und ihren lächerlichen Anführer.

Gross aber nix dahinter.
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JBV
14.09.2022 15:32registriert September 2021
Ob Putin, Xi, Trump oder alle anderen Gestalten dieser Art, sie alle eint, dass ihnen für die Zukunft nichts anderes als der Blick in eine frei gewählte, verklärte Vergangenheit einfällt.

Xi möchte China an den, vor 200 Jahren verlorenen, Platz Nr. 1 der Staaten zurückführen.

Putin möchte Russland zu imperialer Grösse des Zarenreiches führen.

Trump ("Make America Great Again") möchte die USA wieder zu irgendeiner alten Grösse bringen.

Derartige "Zukunftsvisionen" führen unweigerlich zu neuen Interessenkonflikten und Kriegen.
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Resche G
14.09.2022 15:21registriert Februar 2016
Mal schauen... auf den Westen und vor allem die EU kommen auch interessante Zeiten zu. Viele Globale Probleme wie Rezession, Inflation, Klimawandel und dazu zunehmend nationalistisch / populistische Wähler/innen.

Noch ein Trump revival in 2 Jahren und das Chaos ist perfekt.
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