Jetzt entdecken auch die Demokraten Jesus
MAGA-Vertreter und Evangelikale haben eine symbiotische Beziehung zueinander. Unter dem Slogan «Make America Pray Again» verstehen sie, dass sich die USA in einen nationalistischen christlichen Gottesstaat verwandeln sollen. Deshalb hat Verteidigungsminister Pete Hegseth kürzlich den Prediger Doug Wilson eingeladen, im Pentagon einen Gottesdienst abzuhalten. Dieser vertritt Ansichten wie: Frauen sollen wieder ihren Männern untertan sein und ihr Stimmrecht wieder verlieren.
Dass Donald Trump nicht wirklich eine Ausgeburt christlicher Tugenden ist, stört die Evangelikalen dabei nicht. Sie halten es mit dem Grundsatz, wonach die Wege des Herrn unergründlich seien. «Gott kann machen, was er will – und wir sollten endlich erkannt haben, dass er gelegentlich mit dem unwahrscheinlichsten Material gloriose Dinge bewerkstelligen will», führt der Prediger Wilson denn auch vor den Soldaten aus.
Evangelikale und MAGA haben jedoch kein Monopol auf das Christentum. Es gibt auch eine liberale, ja gar eine progressive Variante davon, beispielsweise bei James Talarico, einem aufstrebenden jungen Politiker aus dem Bundesstaat Texas.
Der 36-jährige Talarico ist in den vergangenen Tagen zu einer nationalen Figur geworden. Als Demokrat will er einen der beiden Senatssitze in Texas erobern und hat dabei gute Chancen. Gemäss Umfragen hat er in den Vorwahlen die Nase vorn. Deshalb hat ihn Stephen Colbert in seine Late Night Show eingeladen, durfte das Interview allerdings nicht ausstrahlen. Auf YouTube wurde es hingegen aufgeschaltet, mit grossem Erfolg. Inzwischen haben es mehr als sechs Millionen Zuschauer gesehen.
Talarico ist eine Art christlicher Robin Hood. In der «Ezra Klein Show», einem Podcast der «New York Times», äusserte er Sätze wie: «Wirtschaftliche Gerechtigkeit wird in der Bibel 3000 Mal erwähnt. Es handelt sich um einen tragenden Pfeiler unserer Tradition, doch die christlichen Nationalisten erwähnen dies mit keinem Wort.»
Der ehemalige Sonntagsschullehrer fordert auch, dass man nicht die zehn Gebote, sondern Sätze wie «Das Geld ist die Wurzel allen Übels» an die Schulwände hängen sollte. Für die New Yorker Börse fände er den Spruch passend: «Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein reicher Mann in den Himmel.»
In Jesus sieht Talarico einen barfüssigen Revolutionär. Er war «stark, hart, konfrontativ und wurde aggressiv, wenn Menschen verletzt wurden», erklärte er Ezra Klein und fügte hinzu, dass solches Verhalten gelegentlich auch in der amerikanischen Gesellschaft der Gegenwart angebracht sei.
Die gemässigte Variante eines christlichen Demokraten ist Andy Beshear. Ihm gelang das Kunststück, in Kentucky, einem Bundesstaat, den Trump dreimal haushoch für sich entschieden hat, zweimal als Gouverneur gewählt zu werden. Deshalb wird er jetzt gar als möglicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten gehandelt.
Beshear pflegt nicht nur regelmässig aus der Bibel zu zitieren, sondern im kommenden Herbst wird auch ein Buch von ihm erscheinen, in dem er seine Verbindung von Glauben und Politik ausführlich darstellt. Sein Verlag teilt bereits mit: «Beshear wird erklären, was ihm der Glaube bedeutet, wie dieser Glaube seine Familie und sein öffentliches Leben verändert hat – und es wird eine Entgegnung darauf sein, wie Donald Trump und andere den Glauben in Geiselhaft genommen, besudelt, missbraucht und korrumpiert haben.»
Die kommenden Zwischenwahlen werden historisch sein. Es geht um nicht weniger als die Zukunft der amerikanischen Demokratie und des Rechtsstaates. Das wissen auch Trump und die Republikaner, und sie wissen auch, dass – Stand heute – die Demokraten bei einer fairen Wahl nicht nur das Abgeordnetenhaus gewinnen werden, sondern gar Chancen haben, auch eine Mehrheit im Senat zu erlangen.
Sie wissen auch, dass Trump in diesem Fall zu einer lahmen Ente degradiert, ja gar ein drittes Mal impeacht werden würde. Deshalb unternehmen sie alles, um eine faire Wahl zu verhindern. Im Abgeordnetenhaus haben die Republikaner ein Gesetz durchgeboxt, das verlangt, dass jede und jeder, der seine Stimme abgeben will, beweisen muss, eine amerikanische Bürgerin oder ein amerikanischer Bürger zu sein. Als Beweis gilt ein Pass oder ein Geburtsschein.
Nur die Hälfte besitzt einen Pass
Was für uns banal erscheinen mag, gilt für die USA nicht. Nur etwa die Hälfte aller Amerikanerinnen und Amerikaner besitzt einen Pass und längst nicht alle – vor allem Frauen, die den Namen ihres Mannes angenommen haben – besitzen Zugang zu ihren Geburtsscheinen. Experten sehen in diesem Gesetz daher den Versuch, primär die Stimmen von Schwarzen zu unterdrücken.
Das Gesetz ist auch völlig unnötig. Wahlbetrug ist in den USA äusserst selten. Das zeigt selbst die Datenbasis der konservativen Denkfabrik Heritage Foundation. «Sie enthält gerade mal 99 Fälle von Wahlbetrug seit 1982. Zum Vergleich: Mehr als 150 Millionen Stimmen wurden allein 2024 in die Urnen eingelegt», stellt David Graham im «Atlantic» fest.
Trotzdem hat Donald Trump in einem Interview bereits gefordert, dass die Wahlen national kontrolliert werden müssen, zumindest in den sogenannten Swing States. Das widerspricht klar der Verfassung, in der glasklar steht, dass die Durchführung der Wahlen Sache der einzelnen Bundesstaaten ist.
Kristi Noem, die Vorsteherin des Heimatschutzdepartements, hat Trumps Ball sofort aufgenommen, und erklärt, sie werde dafür sorgen, dass seine Forderung in die Tat umgesetzt werde. Dabei hat Noem – sie ist nicht die hellste Kerze auf der Trump-Torte – unabsichtlich erklärt, worum es wirklich geht: «Wir wollen proaktiv dafür sorgen, dass am Wahltag die richtigen Leute die richtigen Führer für dieses Land wählen.»
Proaktiv handelt auch Tulsi Gabbard. Die Chefin aller Geheimdienste war vor ein paar Wochen persönlich anwesend, als das FBI die Wahlunterlagen in Fulton County, einem Vorort von Atlanta im Bundesstaat Georgia, beschlagnahmte. Einen ersichtlichen Grund für diese Aktion gibt es nicht. Offenbar kann sich Trump immer noch nicht damit abfinden, dass er 2020 diesen Bundesstaat an Joe Biden verloren hat und dass sich selbst die republikanischen Vertreter geweigert haben, ihm die 11'780 Stimmen zu besorgen, die er für einen Sieg benötigt hätte.
Die FBI-Aktion kann daher nur damit gedeutet werden, dass die vorwiegend schwarzen Wählerinnen und Wähler in diesem Wahlkreis davon abgehalten werden sollen, bei den Zwischenwahlen ihre Stimme abzugeben, und dass bei einem allfälligen Sieg eines Demokraten oder einer Demokratin die Wahlmaschinen beschlagnahmt werden können.
Dagegen regt sich bereits heftiger Widerstand. Robb Pitt, Vorsteher der Wahlkommission in Fulton County, erklärt gegenüber der «New York Times»: «Wir werden alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen, aufbieten, um gegen die zu kämpfen, die uns unser Wahlrecht wegnehmen wollen. In diesem Kampf steht unsere Verfassung auf dem Spiel.»
