Ganz so geheim, wie «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel es darstellte, war Viktor Orbáns Reise nach Kiew dann doch wieder nicht. Der britische «Guardian» hatte schon in der Nacht auf Dienstag gemeldet, dass sich der ungarische Ministerpräsident in Kiew mit Präsident Selenskyj treffen würde.
Dennoch war es für Köppel, der gerne mit Kreml-Propaganda hausiert, ein journalistischer Coup, Orbán auf der Reise von Brüssel nach Kiew zu begleiten.
Mit der sogenannten Geheimmission für den Frieden wollte der Putin-Freund Orbán Kiew überzeugen, dass nur ein Waffenstillstand ernsthafte Friedensgespräche mit Moskau ermöglichen könne.
Köppel, der die ungarische Position in einem längeren Video wiedergab, meinte, es werde für die Ukraine nach einem allfälligen Wahlsieg von Donald Trump in den USA keine so guten Kompromissmöglichkeiten mehr geben, wie dies mit Orbáns Hilfe jetzt vielleicht noch erreichbar sei.
Geflissentlich verschwiegen wurde dabei, was Putin noch kurz vor dem sonderbaren Ukraine-Gipfel auf dem Bürgenstock gesagt hatte: Als Vorbedingung für Friedensgespräche forderte Putin die Einverleibung von vier ukrainischen Provinzen in die Russische Föderation und den Verzicht der Ukraine auf einen NATO-Beitritt.
Der Clou dabei war, dass Putins Truppen grösste Mühe bekunden, diese vier Provinzen überhaupt erst zu erobern. Nach fast zweieinhalb Jahren Krieg haben sie es noch nicht einmal geschafft, den Ukrainern eine einzige Provinzhauptstadt zu entreissen.
Dessen ungeachtet stellte Köppel die Lage aufgrund seiner ungarischen Quellen ganz anders dar. So hätten die Ukrainer enorme Verluste zu beklagen, und die Bevölkerung in Kiew sei kriegsmüde. Es gebe keine Chance, gegen Russland zu gewinnen.
Ähnlich wie russische Medien verstieg sich der «Weltwoche»-Chef zur Behauptung, dass die USA in der Ukraine Krieg gegen Russland führten. Washington hetze mit seinen Waffenlieferungen die Ukrainer gegen die Russen auf – als ob es nicht die Ukrainer selbst wären, die sich gegen die russische Invasion zur Wehr setzen wollen.
Wahrheitswidrig behauptete Köppel weiter, es seien sogar NATO-Einheiten in der Ukraine aktiv. Vielleicht kann man all diesen Unfug verzeihen, denn die nächste aktive Front ist von Kiew mehr als 400 Kilometer entfernt. Die beiden Kreml-Sympathisanten können also gar nicht wissen, wie es dort aussieht.
Wenn Köppel von Kriegsmüdigkeit in Kiew spricht, hat er aber durchaus recht. Es stimmt auch, dass der Strom selbst im Stadtzentrum stundenlang ausfällt. Typisch für den Verdreher von Fakten ist dann aber die Aussage, dass niemand wisse, warum die Elektrizität wegbleibe. Das ist natürlich Schwachsinn. Alle Ukrainer wissen, dass Russland Kraftwerke bombardiert und dass dies der Grund für die Stromausfälle ist.
Köppel schwadronierte auch von Russlands fast unermesslichen Reserven an Kriegsgerät, Munition und Menschen, vergass dabei aber zu erwähnen, dass Putin erst kürzlich nach Pjöngjang reiste. Dort musste er sich vom nordkoreanischen Diktator vorführen lassen, um an Raketen und Artilleriegranaten minderer Qualität zu kommen. Das hätte der Kreml-Herrscher wohl kaum getan, wenn seine Arsenale noch so gut gefüllt wären.
Doch was hat Orbáns Besuch nun wirklich gebracht? Nicht viel. Ein Waffenstillstand rückt nicht näher. Das bilaterale Verhältnis zwischen Kiew und Budapest ist allerdings nicht nur wegen Budapests Nähe zu Putin schlecht, sondern auch weil sich Orbán als Schutzpatron der ungarischen Minderheit in der ukrainischen Region Transkarpatien aufspielt. Hier könnte das Treffen tatsächlich zu einer Verbesserung der Beziehungen beitragen.
Köppel sprach in diesem Zusammenhang von der Diskriminierung der ungarischen Minderheit. Als er mit Orbán durch Transkarpatien fuhr, hätte er aber ungarische Flaggen vor manchen Häusern sehen können.
Zum Vergleich: Wer eine ukrainische Fahne in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine hisst, riskiert Verhaftung, Folter und vielleicht sogar den Tod in einem russischen Verlies.
(aargauerzeitung.ch)