Israel ist zunehmend isoliert: Selbst die Amerikaner wenden sich ab
Militärisch hat Israel einiges erreicht. Der Erzfeind Iran und seine Ableger Hamas und Hisbollah sind stark geschwächt. Das kleine Land zwischen Mittelmeer und Jordan hat sich als militärische Supermacht im Nahen Osten etabliert. Zuletzt aber wurde sich Israel der Grenzen dieser Macht und seiner Abhängigkeit von den USA bewusst.
Der von US-Präsident Donald Trump vereinbarte zweiwöchige Waffenstillstand mit dem Iran erwischte die Israelis auf dem falschen Fuss. Sie mussten zwangsläufig mitziehen. Die massiven Luftangriffe im Libanon am 8. April mit fast 200 Todesopfern wirkten wie eine üble Frustreaktion. Doch auch auf diesem Kriegsschauplatz grätschte Trump hinein.
Er habe Israel weitere Bombardierungen VERBOTEN, teilte der Präsident am letzten Freitag auf Truth Social mit. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sei «fassungslos und alarmiert» gewesen, als er davon erfahren habe, schrieb das Newsportal Axios. Doch auch in diesem Fall musste er nachgeben und eine zehntägige Waffenruhe akzeptieren.
Israelis wollen Krieg fortsetzen
Für Beobachter ist klar, dass Netanjahu und seine rechte Regierung den Krieg an beiden Fronten fortsetzen wollten. Dies entspricht dem Willen der israelischen Bevölkerung. In einer Umfrage von letzter Woche sprachen sich 65 Prozent gegen die Feuerpause mit Iran aus. Und 61 Prozent fanden, sie sollte nicht auf den Libanon ausgeweitet werden.
Allerdings fanden nur 40 Prozent, dass Israel die Angriffe im Iran trotz der US-Waffenruhe hätte fortsetzen sollen. Es ist den Israelis bewusst, dass sie gegen den Willen Washingtons kaum etwas unternehmen können. Die Umfrage zeigt aber auch, wie sehr der jüdische Staat seit dem Hamas-Terror am 7. Oktober 2023 in einer Kriegslogik feststeckt.
Goodwill hat sich verflüchtigt
Der mit fast 1200 Todesopfern grösste Massenmord an Juden seit dem Nazi-Holocaust hat das Land traumatisiert und zur Überzeugung geführt, dass nur ein massives militärisches Vorgehen gegen seine Todfeinde langfristige Sicherheit garantiert. Die Folgen für das Image Israels allerdings sind gravierend: Der Goodwill nach dem 7. Oktober hat sich nicht nur verflüchtigt.
Der Krieg in Gaza und das Elend der Zivilbevölkerung haben dazu geführt, dass Israels Ansehen auf einem Tiefpunkt angelangt ist, und das nicht nur am linken und rechten Rand. Selbst in den USA, dem mit Abstand wichtigsten Verbündeten, ist das lange positive Image des jüdischen Staats, der sich in einem feindlichen Umfeld behaupten muss, angeschlagen.
Mehr Sympathie für Palästinenser
Das zeigen zwei Umfragen renommierter Institute. In der aktuellen Ausgabe der seit 2001 erhobenen Langzeitstudie von Gallup haben erstmals mehr Amerikaner Mitgefühl für die Palästinenser (41 Prozent) geäussert als für Israel (36 Prozent). Für die Trendwende sind besonders die parteiungebundenen Wählerinnen und Wähler verantwortlich.
Die Umfrage wurde am 27. Februar veröffentlicht, einen Tag vor Beginn der Angriffe auf den Iran. Eine Erhebung des Forschungsinstituts Pew von Ende März zeigt ein noch desolateres Bild: 60 Prozent der Befragten beurteilen Israel eher bis sehr negativ und nur 37 Prozent positiv. Besonders alarmierend: 57 Prozent der jüngeren Republikaner äusserten sich ablehnend.
Netanjahus dubiose Rolle
Verantwortlich dafür dürften nicht nur die gestiegenen Benzinpreise sein, sondern auch Berichte, wonach Donald Trump von Benjamin Netanjahu in den Iran-Krieg hineingezogen wurde (der Regierungschef kommt in der Umfrage noch schlechter weg als der Staat). Sie werden nicht nur von zunehmend antisemitischen Hardlinern wie Tucker Carlson propagiert.
Eine Recherche der «New York Times» stützt die Vermutung, dass Trump von Netanjahu mit der zweifelhaften Aussicht auf einen Volksaufstand im Iran zum Angriff verleitet wurde – trotz Warnungen seiner Mitarbeiter. Das hat Folgen im US-Kongress: Letzte Woche unterstützten 40 demokratische Senatoren ein Verbot von Waffenexporten nach Israel.
Demokraten gehen auf Distanz
Damit nicht genug: Selbst die Finanzierung von Defensivwaffen, etwa für das Abwehrsystem Iron Dome, ist bei den Demokraten im US-Parlament nicht mehr unbestritten. So etwas wäre «noch vor vier Jahren als komplett durchgeknallt betrachtet worden», meinte der demokratische Abgeordnete Maxwell Frost aus Florida gegenüber Axios.
Der linke Abgeordnete Ro Khanna aus Kalifornien meinte, er habe noch kein Thema erlebt, bei dem sich die öffentliche Meinung so schnell gewandelt habe wie beim Verhältnis der USA zu Israel. Ein weiteres Indiz dafür ist die Wahl des Israel-Kritikers Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York, wo mehr Juden leben als in jeder Stadt ausser Tel Aviv.
Ärger auch mit Deutschland
Den Israel-Freunden in den USA schwant Übles, und das nicht nur, falls eine Demokratin oder ein Demokrat 2029 ins Weisse Haus einziehen sollte. «Der jüdische Staat riskiert, seinen grössten Alliierten und besten Freund zu verlieren», warnte der Nahost-Experte Daniel J. Samet von der konservativen Denkfabrik American Enterprise Institute.
Und auch mit dem anderen wichtigen Verbündeten ist das Verhältnis nicht mehr ungetrübt. Deutschland empfindet aufgrund seiner historischen Schuld eine besondere Verantwortung für Israel. Doch als Bundeskanzler Friedrich Merz die Ausfuhr von Waffen stoppte, die im Gaza-Krieg verwendet werden könnten, war die Entrüstung überschaubar.
Israel «zerstört sich selbst»
Zuletzt wurden die Beziehungen durch die Todesstrafe nur für Palästinenser und Übergriffe rechtsradikaler Siedler im Westjordanland belastet. Merz warnte Netanjahu vor einer faktischen Teilannexion und wurde in Israel heftig kritisiert. Damit drohe «eine Entfremdung vom stärksten europäischen Alliierten», meinte Mairav Zonszein, eine Israel-Expertin der International Crisis Group.
Es sind ungemütliche Perspektiven für Israel. Benjamin Netanjahu hat die Gefahr erkannt. In einem Interview mit dem «Economist» kündigte der Regierungschef an, die Finanz- und Militärhilfe der USA von derzeit 3,8 Milliarden US-Dollar pro Jahr in den nächsten zehn Jahren «auf null» reduzieren zu wollen. Er scheint der Abhängigkeit nicht mehr zu vertrauen.
Israel verteidige nicht nur sich selbst, «sondern die westliche Zivilisation», betonte Netanjahu. Bei den potenziellen Empfängern aber kommt die Botschaft nicht an. Vielmehr ist Israel zunehmend isoliert. Der Schriftsteller Dror Mishani, der zum geschrumpften Friedenslager in Israel gehört, kam im Interview mit dem «Tagesanzeiger» zu einem ziemlich düsteren Befund:
