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Tod im Himalaya: Bergsteiger ignorieren am K2 sterbenden Helfer

«Er ist dort elendig verreckt»: Bergsteiger ignorieren am K2 sterbenden Helfer

Am K2 ist ein pakistanischer Helfer vor rund zwei Wochen ums Leben gekommen. Offenbar wurde ihm von anderen Bergsteigern Hilfe verwehrt.
10.08.2023, 06:3710.08.2023, 16:44
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Ein Artikel von
t-online

Der K2 im Karakorum-Gebirge ist der zweithöchste Berg der Welt und wie auch der Mount Everest bei Bergsteigern ganz oben auf der Liste der zu erklimmenden Gipfel. Immer wieder gibt es auch Rekordversuche, wie im Juli, als Kristin Harila die schnellste Besteigung aller Achttausender am K2 beendete.

Drama am K2: Bergsteiger ignorieren sterbenden Helfer
Mohammed Hassan (gelbschwarzer Anzug) starb am K2.Bild: twitter/EverestToday

Doch jetzt wurde offenbar, wie rücksichtslos einige Bergsteiger sind. Aufnahmen eines österreichischen Alpinisten, die jetzt veröffentlicht wurde, zeigen, wie ein pakistanischer Helfer offenbar in grosser Höhe trotz sichtlicher Probleme zum Sterben zurückgelassen wurde.

Die österreichische Zeitung «Der Standard» berichtete, dass ein Kameramann bei der Sichtung seiner Aufnahmen eine schreckliche Entdeckung machte: Auf ihnen ist zu sehen, wie Bergsteiger über den Körper von Mohammed Hassan steigen, einem offenbar unerfahrenen Helfer.

Zunächst war zu sehen, wie ein Mann den Oberkörper des Helfers massiert, der zuvor abgestürzt war und an einem Seil gehangen hatte. Drei Stunden soll laut der Webseite Explorersweb, die sich auf den Kameramann Philip Flaemig bezieht, der Überlebenskampf gedauert haben. Flaemig hatte Aufnahmen mit seiner Drohne gemacht.

Auch der österreichische Bergsteiger Wilhelm Steindl war an diesen Tagen am K2, kehrte nach eigenen Angaben aber wieder um, weil die Verhältnisse zu gefährlich gewesen seien. Im «Der Standard» prangerte er das Verhalten der anderen Gipfelstürmer an: «Aus der Erzählung von drei unterschiedlichen Augenzeugen kann ich berichten, dass dieser Mann noch gelebt hat, während etwa 50 Leute an ihm vorbei gestiegen sind.»

Man habe einfach ein neues Seil installiert. Augenzeugen hätten berichtet, dass Mohammed Hassan wohl noch nach den Füssen der vorbeigehenden Bergsteiger griff, um Hilfe zu bekommen. Steindl sagt der österreichischen Zeitung schockiert:

«Er ist dort elendig verreckt. Es hätte nur drei, vier Leute gebraucht, ihn runterzubringen.»

Bergsteigerin: «Es hat überhaupt keine Rettungskette gegeben»

Kritik kommt auch von der ehemaligen Judoka Sabrina Filzmoser, die zum Zeitpunkt des Unglücks ebenfalls auf dem K2 war. Sie war per Rad von Islamabad unterwegs und wollte den Gipfel ohne Sauerstoff bezwingen. Dem «Standard» sagte sie über das Verhalten gegenüber dem offensichtlich hilflosen Pakistani: «Ich vermute, er ist gestorben, weil sein Sauerstoffgerät beschädigt war. Hätte ihm jemand seinen Sauerstoff geben können, hätte er auch gerettet werden können. Aber es hat überhaupt keine Rettungskette gegeben.»

Sie selbst sei in einem Camp weiter unten am Berg geblieben, da die Bedingungen zu schlecht gewesen seien. Zwei Lawinen seien abgegangen. Schon bald seien die ersten Bergsteiger wieder zurückgekommen. Viele hätten berichtet, dass es keine Rettungsversuche für den Pakistani gegeben habe.

«Die sind wie eine Schafherde. Jeder denkt, dass es so ist, wenn andere sagen, der sei nicht zu retten gewesen. Es würde auch keiner auf die Idee kommen, ihm die eigene Sauerstoffflasche zu geben. Die kommen selbst nur ein paar Minuten ohne Sauerstoff aus», sagte sie. Ihren eigenen Helfern seien sogar im Camp die Sauerstoffflaschen gestohlen worden.

Rekordversuch im Camp gefeiert

Eine andere Bergsteigerin, Lakpa Sherpa, sagte gegenüber Explorersweb, dass nepalesische Sherpas dem Helfer gesagt hätten, er solle umkehren, weil er nicht ausreichend ausgerüstet gewesen sei, aber er habe nicht auf sie gehört. Es sei ausserdem sehr schwierig, jemanden am «Flaschenhals», wie die Unfallstelle genannt wird, zu retten.

In Pakistan wurde der Tod von Muhammad Hassan nach Angaben der lokalen Zeitung «The Nation» offiziell bestätigt. Er sei von einer Lawine getroffen worden, hiess es.

Pakistan will den Fall untersuchen. Rahat Karim Baig, Mitglied einer Untersuchungskommission, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag: «Die wichtigste Aussage wäre die des anderen Höhenträgers, der mit dem toten Träger das Seil befestigte und ihn fallen sah.»

Nach Angaben von Explorersweb war er ein Träger, der für die Firma Lela Peak Expedition arbeitete. Zu seinen Aufgaben gehörte, die Seile an der Aufstiegsroute zu reparieren und zu befestigen.

Während der leblose Körper des Helfers am Berg zurückgelassen wurde, feierte nach Augenzeugenberichten die Crew von Kristin Harila ausgiebig den erfolgreichen Rekord im Basiscamp.

(t-online, wan)

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113 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Juney
10.08.2023 07:32registriert April 2022
Natürlich, man hat so viel Geld bezahlt um auf den Gipfel zu kommen. Da kann man ja nicht einfach umkehren um jemanden das Leben zu retten. Wenn man hoch hinaus will muss man schon Prioritäten setzen… 🙄 Ironie off…
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Ichsagstrotzdem
10.08.2023 07:40registriert Juni 2016
Mittlerweile stehen die Touristen massenhaft Schlange, um auf die Gipfel der höchsten Berge zu kommen. Kann mir doch keiner sagen, dass bei so vielen Menschen vor Ort, keine Rettung möglich sein soll. Es ist einfach purer Egoismus und komplette Ignoranz gegenüber den Helfern, die zu solchen tragischen Situationen führen.
Aber um als Tourist auf die höchsten Gipfel der Erde klettern zu können, benötigt es viel Geld. Das können sich nur Menschen leisten, die entsprechende Vermögen haben . Diese Vermögen haben sie nicht erwirtschaftet, indem sie Bedürftige Menschen unterstützt haben.
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lumpensammlerin
10.08.2023 06:59registriert Mai 2019
Zum Glück sind an "normalen" Bergen nicht nur Egoisten unterwegs, bei denen nur die Besteigung zählt. Ab 7000m zählt wohl nur noch der eigene Erfolg.

Aber es sind wohl auch andere Verhältnisse, die wir "normalen" Wanderer gar nicht kennen und einschätzen können.
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