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«Hier überleben nur die wildesten aller Menschen» – Berner Fotograf in Venezuela

Bild: EPA/EFE
Leere Supermärkte, die höchste Mordrate der Welt und gewaltsame Proteste: Venezuela steht kurz vor dem Kollaps. Ronald Pizzoferrato, der in Bern lebende Fotograf und gebürtige Venezolaner, spricht von der «schlimmsten Krise seit 50 Jahren» – und hat sie mit der Kamera dokumentiert. 
05.02.2018, 17:1606.02.2018, 10:03

Sein Name ist Ronald Pizzoferrato. Geboren wurde er 1988 in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas. 2013 verliess Pizzoferrato sein Heimatland und zog nach Bern, wo für ihn ein neuer Lebensabschnitt begann. Vier Jahre später kehrte der Reportage- und Dokumentationsfotograf nach Venezuela zurück, bewaffnet mit seiner Kamera. Seine Bilder zeugen von einem Venezuela, in dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. 

«In Caracas bleibt keine Zeit für eine Pause. In dieser Stadt überleben nur die wildesten aller Menschen.»
Ronald Pizzoferrato

So beschreibt Pizzoferrato seine Stadt. In den Medien häufen sich die Schlagzeilen. In der Tat: In der ehemaligen spanischen Kolonie liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Venezuela steht kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Der Internationale Währungsfonds schätzt die Inflation für 2018 auf 2000 Prozent – eine der höchsten Raten weltweit. Die einzige wirkliche Einnahmequelle ist das Öl, doch die Preise dafür sind im Keller. Um ein Essen in einem Restaurant bezahlen zu können, braucht man einen Rucksack voll mit Geld.

Fünf Stunden Anstehen für Grundnahrungsmittel wie Milch, Zucker oder Mehl: Die Hyperinflation hat direkten Einfluss auf die Bevölkerung. Das Geld ist knapp und in den Supermärkten sind die Regale leergeräumt. bild: ronald pizzoferrato

Hinzu kommt die immer autoritärer werdende Regierung. 2013 übernahm Nicolás Maduro, nach dem Tod von Hugo Chávez, das Präsidialamt. Vier Jahre später, im Mai 2017, berief Maduro eine verfassungsgebende Versammlung ein, die das Parlament entmachtete. Landesweit protestierten daraufhin Maduros Kritiker. Sie werfen ihm vor, die Wahl sei manipuliert worden und er wolle eine Diktatur errichten. 

Seither gehen die Menschen jeden einzelnen Tag auf die Strasse. Sie demonstrieren in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei, um eine bessere Zukunft ihres Landes. 

«Hier hoffen alle Menschen auf ein besseres Leben und haben einen Traum, für den sie kämpfen.»
Ronald Pizzoferrato
Viele Venezolaner trauern Hugo Chávez und seinen Idealen nach. Der sozialistische Politiker verstarb 2013.  bild: ronald pizzoferrato

«Caracas durchlebt die schlimmste Zeit seit 50 Jahren», sagt Pizzoferrato. Und dennoch blickt der 30-Jährige auf seinen Streifzügen mit der Kamera immer wieder in hoffnungsvolle Gesichter. «Hier hoffen alle Menschen auf ein besseres Leben und haben einen Traum, für den sie kämpfen.»

Kinder in Pinto Salinas spielen Basketball. Der Ort ist bekannt für die vielen Basketballspiele. Der Sport bewahrt viele Jungen vor der Kriminalität. Bild: ronald pizzoferrato
Ein Mann versucht sich mit dem Verkauf von Kleidern für einen katholischen Feiertag über Wasser zu halten. 
Ein Mann versucht sich mit dem Verkauf von Kleidern für einen katholischen Feiertag über Wasser zu halten. bild: ronald pizzoferrato

Obwohl Venezuela grössere Ölreserven hat als Saudi-Arabien, schafft es Präsident Maduro nicht, das Land aus der Krise zu führen. Er ist dementsprechend unpopulär, lediglich 20 Prozent der Bevölkerung würden ihn wieder wählen. 

Dennoch steht seiner Wiederwahl kaum etwas im Weg. Die zerstrittene und geschwächte Opposition hat kaum Möglichkeiten, Maduro etwas entgegenzusetzen. Denn der Oberste Gerichtshof sowie die verfassungsgebende Versammlung sind lediglich ein verlängerter Arm der chavistischen Regierung. 

Seit Monaten setzt der Präsident darum alle Hebel in Bewegung, um seine Macht zu konsolidieren. Den Wahlgang, der eigentlich erst Ende dieses Jahres stattfinden sollte, will Maduro vorziehen – um sich das höchste Amt des Landes zu sichern, bevor die Opposition wieder zu Kräften kommt. 

Eine Frau wartet auf ihren Chauffeur. Für junge Menschen ist die Zukunft in Venezuela beinahe aussichtslos. 
Eine Frau wartet auf ihren Chauffeur. Für junge Menschen ist die Zukunft in Venezuela beinahe aussichtslos. bild: ronald pizzoferrato
Zwei junge Männer aus dem Slum Pinto Salinas zeigen ihre Waffen. Sie halten sich mit Diebstahl und dem Verkauf von Drogen über Wasser. 
Zwei junge Männer aus dem Slum Pinto Salinas zeigen ihre Waffen. Sie halten sich mit Diebstahl und dem Verkauf von Drogen über Wasser. bild: ronald pizzoferrato
Trotz der maroden Wirtschaft und dem autoritären Führungsstil findet Präsident Maduro auch viele Unterstützer.  
Trotz der maroden Wirtschaft und dem autoritären Führungsstil findet Präsident Maduro auch viele Unterstützer.  bild: ronald pizzoferrato
Auch Anhänger des kubanischen Revolutionärs Che Guevara sind inmitten der venezolanischen Demonstranten zu finden. 
Auch Anhänger des kubanischen Revolutionärs Che Guevara sind inmitten der venezolanischen Demonstranten zu finden. bild: ronald pizzoferrato

Internationale Organisationen, darunter die UNO, kritisieren die Geschehnisse in Venezuela aufs Schärfste. Laut der UNO gehen ein Grossteil der Todesopfer im Rahmen der Proteste auf das Konto von Sicherheitskräften und regierungsnahen Schlägertrupps. 

Auch die USA gehen radikal gegen den kriselnden Staat vor. So verkündete US-Aussenminister Rex Tillerson bei einem Besuch in Argentinien, dass man der Zerstörung Venezuelas nicht länger zusehen könne. Tillerson kündete weitere Sanktionen gegen Maduro und dessen sozialistische Regierung an. 

«Die Menschen müssen jeden Tag einen neuen Weg finden, mit der aktuellen Situation in ihrem Land umzugehen», sagt Pizzoferrato. Und dennoch, ab und zu schleicht sich ein kleiner Alltagsmoment ein. 
«Die Menschen müssen jeden Tag einen neuen Weg finden, mit der aktuellen Situation in ihrem Land umzugehen», sagt Pizzoferrato. Und dennoch, ab und zu schleicht sich ein kleiner Alltagsmoment ein. bild: ronald pizzoferrato
Ein gehbehinderter Mann spielt mit seinem Hund in den Strassen von Caracas. 
Ein gehbehinderter Mann spielt mit seinem Hund in den Strassen von Caracas. bild: ronald pizzoferrato
Der Torhüter vor seinem Goal. Sportliche Aktivitäten sind in den Ghettos von Venezuela eine wichtige Anlaufstelle, die Jugendliche vor dem Abdriften in die Kriminalität bewahrt. 
Der Torhüter vor seinem Goal. Sportliche Aktivitäten sind in den Ghettos von Venezuela eine wichtige Anlaufstelle, die Jugendliche vor dem Abdriften in die Kriminalität bewahrt. bild: ronald pizzoferrato

Wie lange sich Präsident Maduro noch an der Macht halten kann, ist unklar. Es dürfte jedoch nicht mehr lange gehen, bis das Land kollabiert. Wenn Maduro nicht freiwillig zurücktritt, besteht die Gefahr, dass das Land in eine bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung stürzt – mit weiteren Toten und Verletzten, ohne Sicht auf Besserung. 

Die «Tupamaro» sind eine Miliz und verfolgen das Ziel, das Erbe des verstorbenen sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez zu verteidigen und weiterzutragen. 
Die «Tupamaro» sind eine Miliz und verfolgen das Ziel, das Erbe des verstorbenen sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez zu verteidigen und weiterzutragen. bild: ronald pizzoferrato
«Never Lose Hope»: Ein Mann posiert mit nacktem Oberkörper für die Kamera. Wegen der Hyperinflation kann die venezolanische Regierung kaum noch Lebensmittel und Medikamente im Ausland einkaufen. Ein grosser Teil der Bevölkerung leidet Hunger.   
«Never Lose Hope»: Ein Mann posiert mit nacktem Oberkörper für die Kamera. Wegen der Hyperinflation kann die venezolanische Regierung kaum noch Lebensmittel und Medikamente im Ausland einkaufen. Ein grosser Teil der Bevölkerung leidet Hunger.   bild: ronald pizzoferrato

Venezuela: Mit Exkrementen gegen Ordnungskräfte

Video: srf
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