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Wettrüsten zwischen USA und China: War das ein neuer Sputnik-Moment?

China beherrscht offenbar die neue Technologie der Hyperschallwaffen. Und der Westen hat Angst, ja Panik, militärisch abgehängt zu werden. Von einem Sputnik-Moment ist die Rede. Zu Recht?
29.10.2021, 20:17
Bastian Brauns, Washington / t-online
Ein Artikel von
t-online

Er wisse nicht, ob das nun schon ein «Sputnik-Moment» sei, sagte US-General Mark Milley, als er Mitte dieser Woche auf chinesische Hyperschallwaffensysteme zu sprechen kam. «Aber», schob er hinterher, «ich denke, sehr nah dran».

Der General scheint damit die nächste Stufe im Wettkampf zwischen den USA und China gezündet zu haben. All das sei «sehr besorgniserregend», sagte er. Wenn der höchstrangige Offizier der US-Armee und Militärberater des amerikanischen Präsidenten ein Fernseh-Interview gibt, muss man davon ausgehen, dass er seine Worte bewusst wählt. Besonders dann, wenn er über Massenvernichtungswaffen und über den erklärten Hauptgegner China spricht.

General Mark Milley, der höchstrangige Offizier der US-Armee.
General Mark Milley, der höchstrangige Offizier der US-Armee.Bild: keystone

Egal ob «schon» oder nur «nah dran», das Schlagwort «Sputnik-Moment» beherrscht seither die Schlagzeilen. Nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt.

Die Angst der Amerikaner, von China militärisch abgehängt zu werden, ist gross. So hat China bereits jetzt eine grössere Marineflotte als die USA. Nun, befürchten viele, könnte Peking auch bei den neu entwickelten Hyperschallwaffen einen Vorsprung erlangen. Dabei ist zurzeit noch umstritten, ob diese wirklich eine so entscheidende Wendung hinsichtlich globaler Bedrohungsszenarien darstellen werden.

Der Sputnik-Moment aus dem Jahr 1957, im deutschen Sprachraum bekannt als Sputnik-Schock, bezeichnet eigentlich den Schrecken des Westens angesichts des ersten von der Sowjetunion erfolgreich ins All geschossenen Satelliten mit diesem Namen. Der Erzfeind im Kalten Krieg hatte damit die Nase im Technologie-Rennen vorn. Die Angst rührte weniger von dem Satelliten selbst als von der nun offensichtlichen Möglichkeit, eine Trägerrakete auch mit Nuklearsprengköpfen bestücken zu können. Sputnik war letztlich die Geburtsstunde des US-Raumfahrtprogramms Nasa .

Steht der Westen nun tatsächlich vor einem vergleichbaren historischen Moment? Sind Hyperschallraketen wirklich so viel bedrohlicher? Und fallen die USA und ihre Verbündeten tatsächlich zurück?

Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was unterscheidet Hyperschallwaffen von herkömmlichen?

Zwar gibt es zwei verschiedene Hyperschallwaffensysteme: Zum einen Trägerraketen, von denen aus Raketen abgeschossen werden können, zum anderen Marschflugkörper, die ihr Ziel selbst erreichen. Einfach gesagt können Hyperschallraketen im Vergleich zu herkömmlichen Raketen deutlich schneller fliegen, mit mehr als der fünffachen Schallgeschwindigkeit (Mach 5). Viel entscheidender ist aber, dass ihre Flugbahn keine berechenbare Parabel beschreibt, was insbesondere für Verteidigungssysteme eine wichtige Rolle spielt. Sie fliegen viel tiefer, sind wendiger und können quasi noch kurz vor ihrem Ziel in eine andere Richtung manövriert werden.

Ist diese Technologie so viel gefährlicher?

Verteidigungsexperten argumentieren unter anderem, dass durch Hyperschallraketen die sogenannte «Zweitschlagfähigkeit» beeinträchtigt werden könnte. Diese bedeutet: Würde ein Land ein anderes mit Atomwaffen angreifen, könnte das Zielland seine «Vergeltungswaffen» umgehend aktivieren und ebenfalls abfeuern. Im Grunde sichert das darauf beruhende Abschreckungsszenario den Nicht-Einsatz von Atomwaffen. Denn der Angreifer müsste mit der eigenen Vernichtung rechnen.

Hyperschallraketen könnten aber wegen ihrer besonderen Eigenschaften von bisherigen Verteidigungssystemen zu spät entdeckt werden. Je nach Angriffsintensität könnte es für einen Vergeltungsschlag dann schlicht zu spät sein. Dennoch gilt es als unwahrscheinlich, dass ein Angriff mit Hyperschallraketen in der Lage wäre, jegliches Waffensystem, insbesondere in den USA, auszuschalten. Ein Angriff, zumindest gegen die USA, würde also nur schwer verkraftbare eigene Verluste nach sich ziehen.

Die deutlich kürzere Zeit für eine mögliche Reaktion könnte aber auch zu ungewollten Überreaktionen führen. Etwa wenn sich durch die nicht vorhersehbare Flugbahn unbeteiligte Länder bedroht fühlten. Oder wenn eine Nuklearbewaffnung gar nicht klar ersichtlich wäre und trotzdem zum nuklearen Zweitschlag ausgeholt würde, der dann ein ebenso verhängnisvoller nuklearer Erstschlag wäre.

Es herrscht also durchaus Uneinigkeit hinsichtlich der drohenden Gefahren, die ausgerechnet einen Sputnik-Vergleich rechtfertigen würden. Ein Bericht von «Foreign Policy» zitierte 2019 etwa den Nuklearexperten Pavel Podvig vom United Nations Institute for Disarmament Research: «Grundsätzlich denke ich, dass sie [Hyperschallwaffen] hinsichtlich des strategischen Gleichgewichts und der militärischen Fähigkeiten nicht viel verändern.» Der Grund: Schon jetzt könnten China oder Russland einen Abwehrschirm der USA durchbrechen, wenn sie nur ausreichend viele herkömmliche Raketen abfeuern würden.

Liegt China wirklich vor den USA?

Das chinesische Militär soll laut der britischen «Financial Times» (FT) im Laufe des vergangenen Sommers möglicherweise zwei Hyperschallwaffentests durchgeführt haben. Dabei soll eine Trägerrakete in den Orbit der Erde geschossen worden sein, die in der Lage wäre, einen Nuklearsprengkopf zu transportieren. Laut FT sollen die US-Geheimdienste von diesen Fähigkeiten der Chinesen überrascht gewesen sein, während China derlei Tests abgestritten und auf sein Raumfahrtprogramm verwiesen hat.

Ob China wirklich vor den USA liegt, lässt sich schwer beurteilen. Dass der US-General Mark Milley diese Berichte nun aber per Interview indirekt bestätigt und warnt, legt zumindest nahe, dass der US-Regierung das Thema sehr wichtig ist. Immerhin braucht es für die Entwicklung solcher Waffensysteme viel Geld. Den dafür notwendigen US-Kongress von einer gewissen Dringlichkeit überzeugen zu wollen, ist also durchaus auch ein Motiv.

In einem erst wenige Tage vor Mark Milleys Interview aktualisierten Bericht des US-Kongresses ist allerdings zu lesen, dass Hyperschallwaffensysteme der USA nicht dafür vorgesehen sein sollen, Nuklearsprengköpfe zu transportieren. Deshalb seien diese Systeme komplizierter zu entwickeln als jene von China, weil die US-Systeme viel präziser ihr Ziel erreichen müssten. Eine Atombombe wäre auch dann massenhaft tödlich, wenn sie ihr Ziel etwas verfehlen würde. Fakt ist aber, dass die USA längst eigene Systeme entwickeln. Sorge bereitet Experten vielmehr, dass die Geheimdienste nicht gut genug informiert zu sein scheinen, wie weit fortgeschritten China wirklich schon ist.

Warum gibt es diesen Wettlauf um Hyperschallwaffen?

Neben den USA und China ist auch Russland im Besitz von Hyperschallwaffentechnologie. Auch Indien, Japan, Frankreich und Deutschland haben bereits Tests hinter sich und entwickeln solche Systeme, wenngleich in geringerem Umfang und Fortschritt. Iran, Südkorea und Israel forschen ebenfalls. Die militärtechnologische Entwicklung schreitet wie in anderen Bereichen stetig voran. Keine Macht der Welt will einen strategischen Nachteil erleiden.

Die Dynamik beschleunigt haben könnten allerdings die USA. In dem Bericht des US-Kongresses ist zu lesen: «Experten argumentieren, dass der wichtigste Grund für die Priorisierung der Hyperschalltechnologieentwicklung [in China] die Notwendigkeit ist, spezifischen Sicherheitsbedrohungen durch immer ausgeklügeltere US-Militärtechnologie entgegenzuwirken.» Dazu zählen insbesondere die immer weiter entwickelten US-Raketenabwehrsysteme, die auch Russlands Interesse an Hyperschallwaffensystemen zumindest gesteigert haben dürfte.

Beginnt ein neuer Rüstungswettlauf?

Während die Vorgänger Barack Obama und Donald Trump in Sachen China zwar immer viele Ankündigungen machten, fällt auf, dass die Administration von Joe Biden auch deutliche Fakten schafft. Etwa mit dem erst kürzlich gegründeten neuen Aukus-Verteidigungsbündis im Pazifik. Hinsichtlich des umstrittenen Inselstaates Taiwan betonen Joe Biden und seine Regierung immer wieder, man werde diese Demokratie unterstützen. Waffenlieferungen, Militärübungen und Soldatenausbildung finden längst statt.

Der US-Präsident wird selbst bei seinen wichtigsten innenpolitischen Anliegen (Infrastrukturprogramm und Sozialprogramm) nicht müde zu betonen, dass es letztlich um nicht weniger gehe, als sich gegen China behaupten zu können. Zusammengenommen ist auch hinsichtlich der verteidigungspolitischen Programme kaum davon auszugehen, dass die USA ausgerechnet hier ins Hintertreffen geraten wollen. Der Pentagon-Sprecher John F. Kirby sagte auf Nachfragen der Reporter: «Unser eigenes Streben nach Hyperschallfähigkeiten ist real. Es ist greifbar und wir arbeiten mit Nachdruck daran, diese Fähigkeiten entwickeln zu können.»

Doch Mark Milleys drastisch geäusserte Sorge um einen chinesischen Sputnik-Moment hat auch eine innenpolitische Kehrseite. Im Lager der Republikaner ist Milley für viele ohnehin der Verräter, der Donald Trump und das Land hintergangen habe, weil er die Chinesen anrief, um diese hinsichtlich eines befürchteten Nuklearschlags zu beruhigen. Viele Republikaner schüren nun Milleys Befürchtungen weiter in Richtung Angstmacherei.

Der texanische Senator Ted Cruz etwa provozierte sogleich: «Schlaf ruhig weiter, Amerika. Kamala Harris und Joe Biden haben doch gerade ihre 'erstmalige nationale Gender-Strategie vorgestellt'». Er will es so darstellen, wie es auch Donald Trump immer wieder gerne kundtut: Joe Biden habe die Lage längst nicht mehr im Griff. Während China die USA demnächst mit Hyperschallraketen werde auslöschen können, kümmere sich der US-Präsident lieber um angebliche Schwächlingsthemen wie unnötige Gleichberechtigung.

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